Das vorzeitige Ende des Sommermärchens habe ich in einem Münchener Biergarten bei insgesamt guter Stimmung erlebt. Spielerisch war das doch sehr ansehbar, jedenfalls keine Blamage gegen diese ewig effektiven Spanier. Auch was die Haltung betrifft musste man nicht hadern mit La Mannschaft, die mit ihren pinken Trikots sowieso schon herzig rüberkamen. Auch mit dieser neuen Mischung aus Leidenschaft, Demut und Realismus konnte man sich anfreunden, und da man dem Fußball ja immer den gesellschaftlichen Puls nehmen will, könnte man die stimmungsmäßige Mobilisierung im Schland ja als gutes Zeichen sehen. Mal wieder was zu wollen, bei gleichzeitig halbwegs gesunder Selbsteinschätzung. Und vielleicht hilft ja das Feedback ehrlicher Fassungslosigkeit der EM-Gäste angesichts der Schwächen der deutschen Orga- und Infrastruktur bei den fälligen Transformationen. Die Trauer im Biergarten, nach dem zweiten Spanientor so bitter kurz vor Schluss, sie war groß, aber nicht überwältigend. Schade drum, aber auch keine Katastrophe, wir kommen wieder. Nur meine Tochter (9) vergoss untröstliche Tränen.
Wenn Fußball Leitkultur ist, fragen wir von der Abteilung Kunst und Subkulturen natürlich nach der Bedeutung von Musik in all dem, und da fällt die Bilanz doch eher trist aus. Die Klassik hat hier naturgemäß wenig zu melden, abgesehen vom notorischen Missverständnis von Verdis Triumphmarsch (aus Aida, wo er ja eher eine Dekonstruktion von Triumphalismus ist, man kann es sogar hören). Und der Hinweis, dass das immer noch torhymnenhaft vernutzte Seven Nation Army der White Stripes ein verkapptes Bruckner-Motiv ist (5.) interessiert jenseits musikologischer Nerd-Zirkel eh keinen, Besserwisserei. Es gab auch keinen frischen Sommerhit, der mit dem gesellschaftlichen Sportereignis amalgamierte wie dazumal ‘54, ‘74, ‘90, 2006 der Sportfreunde Stiller. Es ist den Event-Hitfabrikanten diesmal wenig eingefallen, und wenn, dann Peter Schillings 1982er-Nummer Major Tom (Völlig losgelöst) noch einmal ins Schaufenster zu legen. Den heute 68-jährigen Schilling wird es freuen, und die Gesellschaft für Konsumforschung stellt fest: So ein Comeback nach 41 Jahren habe es noch gar nie gegeben. Zur historischen Verschlungenheit der Geschichte gehört noch, dass ja schon Schilling sich 1982 auf den großen David Bowie und seinen Major Tom-Mythos vom einsam im All vergessenen Astronauten bezog. Bowie war Pop/Art, Schilling Neue Deutsche Welle, und die Aktualisierung 2024 ist schnell erklärbar: Die Nummer funktioniert musikalisch, den Älteren ist es eine Erinnerung an bessere Zeiten oder doch die eigene Jugend, und die Idee der völligen Loslösung von der Erde und ihren Schwierigkeiten hat inzwischen durchaus etwas Verführerisches.
Die Geschichte ging nun 2024 insofern noch eins weiter, als ein bis dahin ganz unbekannter Saxofonist namens André Schnura mit einer Improvisation über Völlig losgelöst erst zum Tiktok- und Insta-Star wurde, vom Redaktionsnetzwerk Deutschland schnell zur »Kultfigur der Europameisterschaft 2024« erklärt und endlich auch vom trendigen öffentlich-rechtlichen Fernsehen eingeladen wurde. Musikalisch ist das eher keine große Sache, es rührt aber zu lesen, dass der reale Schnura kurz zuvor wegen tarifvertraglicher Transformationen seinen Job als Saxofonlehrer verloren hatte, ein Major Tom des deutschen Musikschulwesens. Da war sie, die Wirklichkeit. Die Erde hat uns wieder. ¶

