Wir sind die Allianz der Freien Künste. Ein Gastbeitrag von Johannes Weiss, Musiker

Text · Datum 25.10.2017

Mein Beruf ist das Musikmachen – Barockmusik, um genau zu sein. Ich bin Künstler. Freiberuflich. Und das sehr gerne. Was mir und vielen Kolleginnen und Kollegen aber sauer aufstößt, ist nicht die Art der Beschäftigung, es sind die sozialen Umstände und die unangemessene öffentliche Förderung der Freien Künsten, meinem Tätigkeitsfeld.

Die Allianz der Freien Künste (AFK) ist ein offenes Bündnis von Bundesverbänden und Interessenvertretungen der privatrechtlich organisierten Kunst- und Kulturschaffenden in Deutschland. Der Allianz gehören aktuell der Bund der Szenografen, der Bundesverband Freie Darstellende Künste, der Bundesverband Tanz in Schulen, der Bundesverband Theater im öffentlichen Raum, die Deutsche Gesellschaft für Elektroakustische Musik, der Deutsche Komponistenverband, die Hans-Flesch-Gesellschaft, die Union Deutscher Jazzmusiker, der Verband der HöspielRegie, der Verband Deutscher Puppentheater, der Verband Freier Ensembles und Orchester in Deutschland sowie die Vereinigung Alte Musik an. Am 27. Juni 2017 wurde im Berliner Radialsystem V das Positionspapier der AFK, »Die Freien Künste – was zu tun ist!« vorgestellt.

Mein Weg in die künstlerische Selbständigkeit erscheint mir typisch, so oder ähnlich mag es vielen Kolleg*innen ergangen sein: Nach einer Findungsphase im Schulmusikstudium wuchs mein Interesse am Musikmachen selbst. Einige meiner Professoren, vor allem Lars Ulrik Mortensen, waren die Gärtner dieses Pflänzchens. Ich hing an ihren Lippen, wenn sie über Musik sprachen, mein Herz schlug höher, wenn sie Musik machten. Anfangs verfolgte ich das Ziel der künstlerischen Laufbahn eher locker, aber bald schon konnte ich mir nichts Anderes mehr vorstellen als Musik zu machen. Ausschließlich. Als Beruf. Ich stellte Weiche um Weiche, um dem Ziel näher zu kommen, wechselte zwei Mal die Hochschule, um weiterzukommen, zog schließlich nach Paris, als sich die Gelegenheit bot, dort einen Ausbildungsplatz zu bekommen.

Nach sechs Umzügen und zehn Jahren des Lernens, Ausprobierens, Wettbewerbegewinnens und Abschließens mehrerer Studiengänge war ich plötzlich angekommen. Seitdem bin ich ein freiberuflicher Musiker, ein sogenannter Solo-Selbständiger. Versichert über die Künstlersozialkasse, europaweit auf Achse, um Musik zu machen, nebenbei noch ein Lehrauftrag an ein oder zwei Hochschulen. Eine Folge selbstbestimmter Entscheidungen. Alles in allem ein Full-Time-Job. Und damit bin ich nicht alleine. Dem des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie zufolge sind es in Deutschland mindestens 500.000 Kreative, deren berufliche Tätigkeit sich so einordnen lässt. Jazzer, Bühnenbildnerinnen, Puppenspieler, Tänzer, Regisseurinnen – und eben auch die Sänger und Musikerinnen im Bereich der Alten Musik. Wir sind mehr als viele glauben.

Wenn ich mir die europäische Kulturlandschaft ansehe, wie unendlich vielfältiger sie sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts präsentiert, als es sich in den Nachkriegsjahren einer der Akteure hätte vorstellen können, so ist das nicht zuletzt ein Verdienst eben dieser »freien« Künstler*innen: Unabhängige Theatermacher wie etwa Regisseur Peter Stein, der mit seinem Bremer Theaterkollektiv 1970 an die (damalige) Schaubühne am Halleschen Ufer nach Berlin kam, konnten Formate entwickeln, die zu dieser Zeit jeden klassischen Theaterbetrieb gesprengt hätten. In der Folge wollten die großen Staatstheater dem nicht nachstehen und überschlugen sich damit, mit experimentellen Ansätzen Spielplan und überkommene Interpretationsauffassungen aufzubrechen. Der Bereich der Alten Musik hat Ausbildung, Repertoire und Spielweise nahezu sämtlicher klassischer Klangkörper nachhaltig verändert, mit einem auch vom Diskurs geprägten Ansatz der historischen Interpretationspraxis. Diese kleine Revolution konnte nur an den Rändern passieren, angeführt von freien Musiker*innen. Die großen Orchester, Chöre und Opernhäuser waren viel zu sehr eingezwängt in ihre standardisierte Ensemblegröße, ausgestattet mit standardisierten modernen Instrumenten und geleitet von Intendanten und Dirigenten-Stars, die sich mit einem recht schmalen Repertoire zufriedengaben. Der Aufbruch begann mit kleinen Formationen wie dem Alarius Ensemble der Geigerin Janine Rubinlicht oder Reinhard Goebel und Musica Antiqua Köln. Mit der Zeit konnten dann vermehrt auch größere Projekte auf historischem Instrumentarium umgesetzt werden, getragen von einem umwerfenden Erfolg beim Publikum: Die Barockoper war zurück auf der Bühne, William Christie mit Les Arts Florissants und auch René Jacobs setzten Maßstäbe. Spätestens ab 1982 mit Erscheinen der CD eroberten die Originalklangensembles die heimischen Plattensammlungen und veränderten Hör- und Spielgewohnheiten der gesamten Klassik-Szene.

Und auch hier: Die staatlichen Institutionen folgten. Die Spielweise der klassischen Orchester passte sich nachhaltig an neu gewonnene Interpretationskenntnisse an, sie erweiterten ihr Repertoire. Ich musste schmunzeln, als die Zeitschrift »Concerti« 2014 über eine Produktion von Rameaus Castor et Pollux an der Komischen Oper Berlin von einem »vergessenen Werk« schrieb. Ein Werk, das Harnoncourt bereits 1972 auf Schallplatte eingespielt hatte, das Christie 1991 in Aix-en-Provence fulminant auf die Bühne zauberte, gefolgt von einer Bestseller-Einspielung im Jahr 1993. Manche Dinge brauchen offensichtlich hierzulande länger, um im Mainstream anzukommen. Eine Erkenntnis bleibt: Die Freie Szene hält Kultur lebendig, sie sorgt für Innovationen und ist häufig sogar stilprägend für den gesamten künstlerischen Diskurs. Und: Sie verändert durch ihre spezifischen Anforderungen auch die typischen Arbeitsweisen von uns Künstlern:

Wir arbeiten projektbezogen, wir arbeiten selbstbestimmt und wir arbeiten kooperativ in künstlerischen Netzwerken. Diese andere Art der künstlerischen Selbstorganisation, die uns freie Dramaturginnen, Musiker, Bühnenbildnerinnen und Theatermacher eint, ist dabei nicht aus der Not geboren, dass uns keine unbefristete sozialversicherungspflichtige Vollzeitbeschäftigung zur Verfügung stünde. Wir arbeiten durchaus hauptberuflich in unserem Metier, die Kunst ist unser Arbeits- und Lebensmittelpunkt! Aber der Mix aus Projekten und Engagements, Teil-Anstellungen etwa im Bereich der Lehre und zugleich freiem künstlerischen Arbeiten ist eben typisch. Es ist eine selbstgewählte Arbeitsweise, die in hohem Maß der künstlerischen Praxis unserer jeweiligen kreativen Sparte entspricht. Die bestehenden Sozialsysteme sind auf diese selbstgewählten, flexiblen Arbeitsformen völlig unzureichend eingestellt. Darum geht es.

Die sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen werden weder dem bedeutenden gesellschaftlichen Beitrag noch der Arbeitspraxis der freiberuflichen Künstler*innen gerecht. Darum hat sich die Allianz der Freien Künste als Bündnis verschiedener Interessenvertretungen zusammengefunden. Wir wollen gemeinsame übergeordnete Forderungen aus den eigenen Reihen bündeln und sie in den kulturpolitischen Diskurs einbringen, um die Arbeits- und Lebensbedingungen in diesem kreativen Berufsfeld ebenso grundlegend wie nachhaltig zu verbessern.

Ich greife einige Beispiele heraus: Der erfreulicherweise eingeführte gesetzliche Mindestlohn greift im Bereich der Freien Künste nicht, weil unser Schaffen mit einem klassischen Nine-to-five-Job einfach nichts gemein hat. Die üblicherweise gezahlten Projekt-Gagen enthalten in den seltensten Fällen eine angemessene Berücksichtigung von Altersvorsorge oder Urlaubsrücklagen, wie sie bei Vollzeit-Arbeitsplätzen in der Regel eingerechnet sind. Dasselbe gilt für die künstlerische Vorbereitung, die für jedes Projekt notwendig ist und die Anschaffung der notwendigen hochwertigen und damit hochpreisigen Instrumente durch die Musiker*innen.

Trotz erfolgreicher und hochprofessioneller Arbeit bewegt sich daher eine Vielzahl der privatrechtlich organisierten Kreativen im unteren Einkommensbereich, obwohl ihr Auftraggeber häufig die öffentliche Hand selbst ist. Die Rede ist unter anderem von schlecht bezahlten Lehraufträgen an Hochschulen – etwa wenn eine deutsche Musikhochschule einem professionell auf universitärem Niveau Unterrichtenden 23,50 Euro die Stunde anbietet; von öffentlichen Theatern, die freie Bühnenbildner zum Dumpingpreis beschäftigen, weil »leider« am Ende vom Budget nach Abzug der tariflich gebundenen Gehälter nichts mehr für die »Freien« übrig bleibt, von öffentlich geförderten Chören, die ein Alte-Musik-Ensemble zum Mini-Tarif von 120 Euro pro Tag und Nase für ihr Chorkonzert engagieren. Die Tagessätze wurden von manchen seit 15 Jahren nicht angepasst. Und wir, die Künstlerinnen und Künstler, neigen offensichtlich dazu, so sehr im kreativen Hier und Heute zu leben, für die Kunst zu leben, dass wir darüber vergessen, dass einem Großteil von uns – auch wenn wir jetzt so halbwegs über die Runden kommen – später Altersarmut droht, denn anders kann man den Effekt unserer Grundsicherung im Alter nicht bezeichnen. Zum Vergleich: Selbst Grundschullehrer*innen, die mit am schlechtesten bezahlten Akademiker im öffentlichen Dienst, liegen – Urlaubsrücklagen und Altersvorsorge eingerechnet – bei einem umgerechneten Tagessatz von 200 Euro und mehr.

Die Entscheider in Politik und Kultur brauchen ein stärkeres Bewusstsein des künstlerischen Beitrags der Freien Szene in diesem Land. Obwohl die Freien Künste in erheblichen Maße zur kulturellen Grundversorgung beitragen, erhalten sie lediglich einen Bruchteil der öffentlichen Förderung. Wenn ein Bundesland oder eine Stadt aber ihr Theater von vornherein schon so knapp budgetiert, dass es selbst die Festangestellten kaum nach Tarif bezahlen kann, wie soll dann noch eine auskömmliche Gage für die freien Sänger-Solisten oder Bühnenbildner einer Opernproduktion übrig bleiben? Deutschland geht es wirtschaftlich besser als vor 20 Jahren. Es kann sich leisten, seine Künstler fair zu bezahlen. Es kann sich leisten, mehr Geld in die Töpfe für Freie Ensembles und Künstler zu geben. Diese Mittelvergabe muss transparent und fair gestaltet sein. Soziale Mindeststandards müssen mit den zugeteilten Mitteln verknüpft werden. Der Staat darf nicht als schlechtes Beispiel im Reigen des Gagen-Dumpings vorangehen, sondern muss die Entwicklung durchbrechen. Alles andere ist schlicht schäbig.

Jenseits dieser einkommensorientierten Grundforderungen gibt es aber auch eine Reihe von Aspekten, die selbst vielen Kolleg*innen kaum bewusst sind. Sie haben sich an ihr kompliziert zu organisierendes Leben gewöhnt und sich damit abgefunden. So ist die staatlich geförderte Kinderbetreuung beispielsweise für Musiker*innen alles andere als praxisnah gestaltet. Wir können uns unsere Arbeitszeiten in der Regel nicht aussuchen, wir passen – wie so häufig – nicht ins Raster. Weil wir aber bisher versäumt haben, geschlossen aufzutreten, wurden wir auf politischer Ebene nie als die große Gruppe von Akteuren wahrgenommen, die wir sind. Doch nur mit entsprechend starker gesellschaftlicher Präsenz lassen sich Änderungen einfordern. Auch deshalb haben wir uns zusammengetan.

Ähnlich liegt der Fall bei der regelmäßig aufblitzenden Kritik am Modell der Künstlersozialkasse, die uns ermöglicht, zum Arbeitnehmer-Tarif gesetzlich versichert zu sein. In jeder Legislaturperiode melden sich politische Stimmen, die die Existenz dieser Einrichtung in Frage stellen. Wir Kreative fallen dabei ebenso regelmäßig in Schockstarre. Sich die privaten Alternativen auszumalen ist der blanke Irrsinn angesichts unserer flexiblen Arbeitsweisen. Ganz im Gegenteil: Die KSK muss geschützt werden, die Mitgliedschaft für mehr künstlerische Sparten geöffnet werden als es bisher der Fall ist. Und sie muss sich entbürokratisieren, um unseren hybriden Erwerbsformen gerecht zu werden. Als ich die Mitgliedschaft nach zehn Jahren wegen einer künstlerischen Festanstellung für einige Monate unterbrechen musste, war der Wiedereintritt ein einziger Spießrutenlauf. Mein Fall wurde monatelang nicht bearbeitet, ich musste nachweisen, dass ich Künstler im Sinne der KSK bin, als ob ich nie Mitglied gewesen wäre. Während dieses halben Jahres konnte mir niemand sagen, ob ich nun weiterhin krankenversichert bin oder nicht. Meine Krankenkasse warf mich aus Kulanz nicht raus (»Ach die KSK. Ja das kennen wir! Wir gehen jetzt einfach mal davon aus, dass sie Sie am Ende doch wieder aufnehmen werden«), obwohl sie von der KSK monatelang keine Beiträge erhielt. Absurd.

Ich mochte es immer, »frei« zu arbeiten und ich genieße es noch immer. Es ist sicher nicht die Arbeitsform für jeden Künstler. So manch einer wird mit einer guten Orchesterstelle besser zurechtkommen. Aber es ist meine Art zu leben und auch die vieler meiner Freunde und Kollegen. Wie also den unguten Entwicklungen entgegnen? Ich teile den Schwarzen Peter an beide Seiten aus: Wir Künstler müssen nachdrücklicher einfordern, was uns zusteht. Wir müssen uns über unseren jeweiligen Wert, unsere Tages- und Projektgagen Gedanken machen, ihn zuallererst für uns formulieren lernen und dann laut aussprechen. Selbstbewusst. Im Austausch mit unseren Kollegen. In Euro. Wir Künstler hören es sehr ungern; aber unser Selbstwert hängt nicht zuletzt auch am Realwert, den man uns zubilligt.

Den Mandatsträgern rufe ich zu: Macht Euch bewusst, dass wir alle Teil des Kultur-Kontinents Europa sind, den wir entwickeln und fördern müssen. Eines Kontinents ohne große Bodenschätze, aber voller Innovation und Kreativität, auf wirtschaftlichem und auf künstlerischem Gebiet. Das eine ist ohne das andere nicht denkbar, das eine bedingt das andere, in Europa schon immer. Wirtschaftliche Stärke ohne kreative Kulturvielfalt ist hohl. Um die Kulturvielfalt aber in ihrer Qualität zu stärken, muss sich die öffentliche Hand besser und stärker engagieren. Kümmert Euch um uns! Und ihr freien Künstlerinnen und Künstler: Kümmert Euch um Euch! ¶