Eine Playlist von Countertenor Franz Vitzthum.

Text Franz Vitzthum · Titelbild © Björn Wamser · Datum 29.1.2020

»Erfolgreiche DJs gliedern ihre Playlists in drei Abschnitte: Warm-Up, Primetime und Cool-Down – das solltest du auch tun!«, lese ich im Netz. Hmmm, dies hier ist meine allererste Playlist. Ich bin kein DJ. Und auch nicht Deutschlandradio, muss also nichts von allgemeingültiger Relevanz listen, sondern darf in meinem Gedächtnis und Leben kruschen und kramen und muss mich nicht um irgendeine Reihenfolge scheren. Mein Feuer für die Musik, die mich in diesen Tagen berührt und die morgen schon von ganz anderen Tönen abgelöst werden kann, überträgt sich hoffentlich.

Maurice Ravel – Concerto in G Dur, Adagio assai

Daniil Trifonov, Hannu Lintu, Finnish Radio Symphony Orchestra

Faszinierend ist das Einfache, weil es unmittelbar berührt. Aber was einfach klingt, war wohl nicht leicht zu komponieren. Ravel hat um jede Note gerungen und war immer noch nicht zufrieden: Mit diesem Wissen wird jede Note zum Ereignis. Den Komponisten brachte die schlichte Melodie, wie er selbst schreibt, fast ins Grab – mich katapultiert sie in den Himmel.

Wenn es sich dann in der Mitte des Satzes eintrübt und herrlich verstört, was braucht man mehr?  Gehört habe ich das Stück zum ersten Mal im UnterwegsTheater in Heidelberg in Kombination mit improvisierenden Tänzer*innen. 10 Minuten seines Lebens kann man belanglos verstreichen lassen – oder eben nicht.

Alois Späth – Home by the Sea

Sänger war er mal, Musikwissenschaftler war er mal, Klangkünstler, Perfektionist und Freund ist er immer noch: Der in Berlin lebende Klanggestalter Alois Späth ist ein Suchender, Wegweiser und die Konsequenz in Person, wenn es um seine Arbeit geht. Er spürt die Schwingungen im Alltag auf, in den Gegenständen und transformiert sie in neue Dimensionen. Mit Kopfhörern und Ruhe hören oder gar nicht!

Gustaf Waldemar Åhlén – Sommarpsalm

The Real Group

Sommer. Abend. Heimat.

Natürlich komme ich nicht aus Schweden, sondern aus der herrlichsten Oberpfalz. Das hört jeder schon nach dem ersten Satz, aber im letzten Sommer durfte ich zum ersten Mal in meinem kleinen Heimatdorf ein Konzert organisieren, bei dem dieses Stück der Abschluss war. Laien und Profis standen auf der Bühne im Lennesriether Kirchhof, zelebrierten den Sommerabend und die Grillen und Weingläser stimmten mit ein. Hach! Aber zurück aus der Oberpfalz zu »The Real Group« – ihre Interpretation unter dem Dirigat der Legende Eric Ericson erwärmt an diesem grauen Januartag Herz und Sinn.

Gustav Mahler – Urlicht

Christian Gerhaher und Gerold Huber

Das verschworene Liedduo Gerhaher/Huber verkörpert für mich alles, was man kammermusikalisch richtig machen kann: Gerold Huber liegt so präsent und inspirierend unter und über Gerhaher. Und dieser wirkt mit seiner Objektivität im Ausdruck niemals kühl, weil er eine so samtige Stimme und einen klugen Kopf drüber hat, dass man selbst den Schlager Urlicht von Gustav Mahler immer und immer wieder hören muss.

Christoph Graupner – Le Desire

Capricornus Consort Basel

Die Capricorni sind ein einmaliges Ensemble, ein Glücksfall, musikalisch wie im Bereich des Humors. Meine Duettpartnerin, die Sopranistin Miriam Feuersinger, und ich müssen uns bei Konzerten und Aufnahmen regelmäßig zurückziehen, weil unser eruptives Lachen, verursacht von deren Einfällen, Geschichten und Gesichtern, einfach nicht gut für unsere Stimmen ist.

Und dann spielen sie wieder so hingebungsvoll und überirdisch wie in diesem Graupner…

Billy Joel – She´s got a way

Und nochmal: Der Zauber liegt im Schlichten! Die Klavierbegleitung ist so einfach, dass ich sie sogar geschafft habe und so diese Ode an eine wunderbare Frau an einem der wichtigsten Tage meines Lebens zur Aufführung brachte.

Ave pura tu puella (Codex Speciálník)

Hilliard Ensemble

Die Hilliards sind Gallionsfiguren im Meer der Vokalmusikfans und sie haben mit ihrem Officium-Album Renaissancemusik für ein breites Publikum erschlossen. Dabei gibt es viele Alben, die deutlich schöner sind! Ich werde ihren Workshop in Cambridge nie vergessen, weil mir dort der Weg in meine Stimme gewiesen wurde. Ohne deren Impulse hätte es wichtige Lebenszeit von mir nicht gegeben.

Zaz – Paris sera toujours Paris

Tanzen ist etwas, das ich eigentlich nie mache. Aber meine Kinder legen das Stück gern auf und schaffen es so dann doch, dass sich durch diese quirlige Nummer meine Beine in rhythmische Bewegungen versetzen. »Tanzen« will ich es immer noch nicht nennen. Quincy Jones hat das Album produziert, der Sound ist fett, klar, schnell, ungeniert poppig und ideales Spiegelbild dieser herrlichen Stadt.

Wozu Franz Vitzthum fast tanzt: eine Playlist in @vanmusik.

Elisabet Hermodsson – Visa till Fårö

Singer Pur

Die Sopranistin Caroline Höglund hat den Klang der Gruppe Singer Pur in ihrer Anfangszeit so stark geprägt und damit auch mein Klangideal für ein Vokalensemble. Es ist mehr als 20 Jahre her, dass ich dieses archaische Stück gehört habe, aber es kreist immer noch so oft in meinem Kopf rum. Caroline singt dabei ganz und gar nicht so lieblich, sondern im vollsten Brustton. Gerade deswegen ein herrlicher Ohrwurm!

Johann Hildebrand (1614–1684) – Ach Gott!

Georg Poplutz, Tenor / Johannes Vogt, Laute

Zeitloser Schmerz. Dieses Stück zeigt die Aktualität von angeblich alter Musik. Der wunderbare Georg Poplutz singt´s und es ist wahr. ¶