Bastian Zimmermann schreibt kein Publikumsporträt. Weil es da nichts zu erzählen gibt.

Text und Fotos · Datum 1.11.2017

Die Donaueschinger Musiktage sind so etwas wie die Vollversammlung der Neuen Musik. Wer nimmt diese Reise in den östlichen Schwarzwald auf sich? Wer sind die Menschen, die hier lauschen und reden, sich umschauen und gesehen werden? Für was interessiert sich das Publikum in Donaueschingen? Und wie nimmt es die Kunst wahr? Nimmt es überhaupt etwas wahr? Ich mache mich auf die Suche – und finde erstmal: Nichts.

»An was mussten Sie denken, als Ihnen im Konzert langweilig wurde?«, frage ich, oder: »Wenn Sie so die Musiktage mitverfolgen, an welche ›guten, alten Dinge‹ sollte man sich erinnern?« Vielgestaltiges Erstarren, Sprachlosigkeit, aus der eine biedere Ernsthaftigkeit folgt auf meine Fragen. Ich hatte geplant eine kleine Publikumsporträtreihe für VAN zu schreiben. Name, Beruf, Wohnort. Foto. Und zwei, drei lustige Antworten auf zwei, drei lustige Fragen. Wie sich herausstellte, blieben die Antworten so ironiefrei, dass ich sie nicht publizieren mochte – denn zur Bloßstellung einzelner in der Szene bekannter Individuen waren sie nicht gedacht. Besser also, ich erzähl von meinen Erlebnissen.

Ich frage einen jungen Komponisten, vor dem Museum der Stadt (man will den Namen kaum nennen: Museum Art.+), in dem eine wundervolle Klanginstallation von Marianthi Papalexandri-Alexandri und Pe Lang zu sehen war: »An was sollte man sich erinnern?« Die Frage zielt in die Richtung, wieviel AfD-Wähler*innen finden sich unter dem Neue-Musik-Publikum? Wieviel Konservatismus klebt an dieser Neue-Musik-Gemeinde? Wieso ist es gerade der FDP-Politiker Gerhart Baum, der in der ZEIT eine große Verteidigung des Festivals schreibt? Und der Komponist antwortet: »Der Fortschritt, ja, an den sollte man sich erinnern!« Ich schlucke innerlich. Der weitere Gesprächsverlauf ist ähnlich spannend.

Die folgenden Stunden stromere ich in einer längeren Pause zwischen zwei Konzerten durch den fürstlichen Park, besuche die sehr gelungene Installation Sol y Sombra von Werner Cee. Ich beobachte das Publikum, das durch die Kunstnebelwaden des Fischhauses streunt. Es sind vornehmlich Familien aus Donaueschingen, die den Park besuchen. Die haben mit meiner Suche wenig zu tun, also lasse ich sie in Ruhe. Wie bekomme ich dieses eigenwillig professionelle Publikum zu fassen, ohne die affirmativen Fragen der vielen SWR-Reporter*innen stoisch zu wiederholen: »Welches Stück hat Dir besonders gefallen?«, »Wieso kommst Du zu den Donaueschinger Musiktagen?« etc. Jede Frage, die nicht die neuaufgeführten Stücke betrifft, scheint an den Besucher*innen abzuprallen. Für alles Weitere hat niemand den Kopf frei, es wird sogar für sinnfrei erachtet. »Was hat denn schon das Stück eben mit meinem allgemeinen Musikgeschmack, meiner politischen Haltung oder dem sonstigen Alltag zu tun!?« –Stattdessen wird geschaut, was in den Werken geschieht, L’art pour l’art. Die autonome Kunst als neuer Konservatismus. »Ich bin eigentlich nicht hier, um mich an gute, alte Dinge zu erinnern, sondern weil ich was Neues erfahren möchte«, antwortet mir eine Kulturfunktionärin auf der Sonnenbank standesgemäß. Was soll dieses Neue sein? Ist es nicht einfach eine elitäre Ablenkung?

Bill Dietz, der Komponist und Konzeptkünstler, hatte sich im Vorfeld der diesjährigen Musiktage ins SWR-Archiv eingeladen und die Publikumsreaktionen seit 1921 analysiert und katalogisiert. Aus den vorgefundenen Reaktionen bastelte er schließlich mit Workshopteilnehmer*innen kleine und größere Publikumsinterventionen, die den üblichen Ablauf der Dinge subtil unterlaufen sollten: Flugblätter, fliegende Blumensträuße, Buh-Konzerte, Saal verlassen usw. Der Höhepunkt war die Aufführung eines Orchesterwerks eines Fake-Komponisten im Abschlusskonzert. Zwei Dutzend Performer bestiegen während der 5 Minuten Musik den Bühnenrand und starrten einfach ins Publikum. Da regten sich die Gemüter: »Man kann die Musik doch nicht so kaputtmachen!«

Ich bin also nicht der einzige, der sich hier wundert. Dietz hatte es geschafft, auf eine intelligente, subtile Art auf die Merkwürdigkeiten des Donaueschinger Publikum hinzuweisen; ein Publikum, das natürlich diverser ist, als ich es hier darstelle. Aber ob es sich, wie es der beste Fall wäre, im Wandel befindet oder ob es allerbestenfalls die Musiktage gleich mitwandelt, weg von der Messestandsverkaufsmentalität (inklusive Hochanspannung aller Beteiligten, weil hier das nächste Geschäftsjahr beschlossen wird) hin zur Realisierung von Produktionen, die in dem üblichen Musikbetrieb aufgrund von fehlender Probe- und Entwicklungszeit und dem nicht eingeplanten Geld für zum Beispiel Regie- und Dramaturgiepositionen einfach unter aller Sau, äh unter ihren Möglichkeiten bleiben?

Zwischenanekdote: Ich stehe in einem Pulk von Komponisten. Kommt ein berühmter vorbei und fragt mich: »Sind Sie auch Komponist?« Ich verneine und sage, dass ich über Musik schreibe. Er schaut mich kurz an, senkt seinen Kopf und geht weiter.

Wie wäre es zum Beispiel damit, aufzuhören, unbedingt drei, vier Werke in eine Konzert-Einheit zu packen und nur die Hälfte der üblichen zwanzig Kompositionsaufträge zu vergeben? Vier Uraufführungen hintereinander – und das Publikum trennt sie hübsch durch Applaus. Ist das vielleicht das entscheidende Indiz von konservativer Hochkultur? Ein Ensemble, ein Werk, vielleicht wäre das der erste Schritt weg vom »Konzert«, um die eigentlich superspannenden Ausgangslagen wie in Martin Schüttlers My mother was a piano teacher […], in dem er sich mit Biografien von Musiker*innen auseinandersetzt, wirklich zur Geltung kommen zu lassen.

Artikel jetzt twittern: Neuer Konservatismus und immergleiche Fragen im Schwarzwald. Bastian Zimmermann für @vanmusik in Donaueschingen.

Nun ja. Jetzt habe ich mich doch zu mehr als einem Publikumsporträt hinreißen lassen und freue mich auf zahlreiche Reaktionen. Was würdest Du in Donaueschingen ändern wollen? Der interessanteste Vorschlag erhält im Oktober 2018 wahlweise ein fleischhaltiges oder vegetarisches Herbstmenü im Restaurant »Zum Hirschen«, Herdstraße 5, 78166 Donaueschingen.

Und wenigstens ein Profi ließ sich dazu hinreißen, einen Metakommentar zu starten: »Natürlich das wunderbare Wetter, der gute Italiener und die vielen, alten Freunde machen Donaueschingen erhaltenswert. Was mir aber auffiel: Es sind viel mehr Druckfehler im Programmheft als früher!« ¶