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Wir waren auf der Classical Next in Rotterdam und mussten mal raus. Zehn Leute haben wir mitgenommen. Auch wenn klassische Musik nicht ausstirbt und die meisten gerne vor Ort waren – wir wollten Antworten auf unsere Fragen.

Text und Fotos und · Datum 1.6.2016

Dongijn Yoon, Künstleragentur The Bridge, President

Was ist gerade der heißeste Scheiß in Korea?

Oh, wir haben etwas sehr besonderes, das junge Publikum. Ich habe gehört, dass das Durchschnittsalter bei euch und in Amerika bei Mitte sechzig liegt. In Korea: Mitte dreißig bis Mitte vierzig! Es war nicht leicht, dahin zu kommen; Korea war in den 60er, 70er Jahren sehr arm, und die Generation, die jetzt alt ist, hatte nie die Möglichkeit, ins Konzert zu gehen. Das hat sich etwas entspannt, und die jungen Menschen legen heute mehr Wert darauf.

Und warum stirbt klassische Musik trotzdem?

Sie stirbt, außerhalb von Korea! Der Rest der Welt verliert sein Publikum, literally, it’s dying! (lacht). Außerdem haben die großen Orchester, zum Beispiel in den USA, während der Krise viel Geld verloren. Keine rosigen Aussichten. Der klassische Markt stirbt.

Was würdest du jetzt gerade lieber machen?

Für mich zählt nur der Künstler, den versuche ich, so gut es geht zu vertreten.

Nichts anderes?

Nur der Künstler!

Kim Rafael Nyberg, Sänger der dänischen Band Afenginn.

Was ist gerade der heißeste Scheiß in Dänemark?

Ich würde mich selbst nennen, aber das geht gar nicht, oder?

Nein!

Aber das denke ich nun mal (lacht). Lass mich mal darüber nachdenken. Vielleicht erst mal die zweite Frage?

Warum stirbt klassische Musik trotzdem?

Weil von unten nicht genügend nachwächst. Es wird zu viel »alte« Musik gespielt und zu wenig neue.

Was würdest du jetzt gerade lieber machen?

Irgendwo in der Sonne sitzen und ein paar Earl Grey trinken.

Kommen wir zurück zum Anfang …

Es gibt in Dänemark viel Energie in der Weltmusik- und Folk-Szene. Die wird immer mehr ›arty‹, auf eine gute Art. Bands wie Dreamers’ Circus, Efterklang. Und dann natürlich das Danish String Quartet!

Laetitia Mistretta, La Nacre (Veranstaltungsagentur in der Region Rhône-Alpes), Kommunikation

Was ist gerade der heißeste Scheiß in Frankreich?

Mir fällt als erstes ein kleiner Club in Lyon ein, Le Périscope. Da kann man gute neue Jazzmusik hören, sie arbeiten auch viel mit Musikkollektiven aus der Stadt zusammen, wie Grolektif. Bei denen ist auch eine sehr gute, noch ziemlich unbekannte Band, April Fishes.

Und warum stirbt klassische Musik trotzdem?

Weil sie sich nicht mit jungen Leuten und der Gegenwart verbindet.

Warum nicht?

Irgendwie muss man spüren, dass die Musik zwar vor langer Zeit komponiert wurde, aber die Menschen, Gedanken, Gefühle, Anliegen, Umstände dahinter auch im Jetzt liegen könnten. Vielleicht ist es auch ein Imageproblem. Mein Job ist Kommunikation, PR, Video, Social Media, Fotos. Da denke ich oft, dass die Ästhetik und Sprache schon sehr verschnarcht ist, und dieses gewollte Coolsein auch. Letztes Jahr gab es hier an einem Abend einen »Classical Rave«. Erst dachte ich, oh das könnte lustig sein. Als ich dann dort hinkam, war es nichts, niemand tanzte, es hat einfach nicht funktioniert.

Was würdest du jetzt gerade lieber machen?

In meiner Stadt gibt es einen Club, Le Sucre, mit einer tollen Dachterrasse. Da würde ich jetzt gerne sitzen, Champagner trinken und einer guten Band zuhören.

Jonathan Bonny, Perkussionist unter anderem beim Slagwerk Den Haag

Was ist gerade der heißeste Scheiß in Belgien?

Lass mich nachdenken … ich glaube ich wähle das Ictus Ensemble. Weil es großartige Musiker sind, die besten, und weil sie wirklich darüber nachdenken, wie und wo sie die Musik präsentieren, wie der Raum ist, wo das Publikum sitzt. Sie haben eine Menge Ideen, die ich vorher noch nie gesehen hatte und die sehr wichtig sind, wenn man für zeitgenössische Musik neue Zuhörer finden will. Ich glaube, die machen das genau richtig.

Und warum stirbt klassische Musik trotzdem?

Weil sie mit einer jüngeren Generation nicht kommunizieren kann, weil sie sich festklammert an Traditionen, Konzerthäusern, Applaus, am schwarzen Frack, an solchen Sachen, die nicht mehr funktionieren.

Was würdest du jetzt gerade lieber machen?

Schlittenhundetouren mit Huskies, irgendwo im Norden, in Lappland oder Alaska.

Marili Randla, Music Estonia, Services and Client Manager

Was ist gerade der heißeste Scheiß in Estland?

Eine wirklich tolle Künstlerin ist Maarja Nuut, eine klassisch ausgebildete Geigerin, die mit ihrer Stimme und dem Instrument auf der Bühne eine sehr zauberhafte, loopbasierte Musik macht und dazu tanzt. Es ist wirklich etwas besonderes. Ich glaube es lohnt sich, sie im Auge zu behalten. Ein angesagter Ort in Estland ist Kultuurikatel, ein umgebautes Kraftwerk, wo aber die ganze industrielle Einrichtung, die Rohre und Schornsteine, drin gelassen wurden. Da findet die Tallinn Music Week, aber auch sonst alle hippen Partys statt.

Und warum stirbt klassische Musik trotzdem?

Eine Menge Leute in der Klassik sind etwas engstirnig, es müssten auch hinter den Kulissen mehr junge Menschen arbeiten. Man muss die Musik nicht interessanter machen oder erklären, aber die Künstler müssen eine innere Botschaft mitbringen.

Was würdest du jetzt gerade lieber machen?

Ich reise gerne, und würde irgendwohin fahren, wo ich noch nicht war, Myanmar oder Japan, dort aber nicht in die großen Städte, sondern eher so aufs Land, gucken wie die Leute da leben.

Felix Heri, Basel Sinfonietta, Geschäftsleitung

Was ist gerade der heißeste Scheiß in der Schweiz?

Was sehr cool ist Elia Rediger und The bianca Story … oder Kaleidoscope String Quartet, die machen Indie Classical Style. In Basel ist die Kaserne ein cooler Ort, wo auch viele Off-Sachen stattfinden, da spielt sich sehr viel ab.

Und warum stirbt klassische Musik trotzdem?

Weil das Publikum zu alt wird. Weil die klassische Musik es nicht schafft, sich so zu verpacken, dass sie auf Augenhöhe mit einer jüngeren Generation kommunizieren kann.

Was würdest du jetzt lieber machen?

Ich wäre jetzt gerne in Porto am Strand.

David McLoughlin, Brasil Music Exchange

Was ist gerade der heißeste Scheiß in Brasilien?

In Belém gibt es die Guitarrada, eine Instrumentalmusik mit einem sehr einzigartigen Gitarrensound, die immer ein bisschen wie Schlagermusik behandelt wurde, ein bisschen schäbig, aber jetzt Eingang findet in Pop und Rock. Es gibt auch eine ältere Sängerin namens Dona Onete, die macht Carimbó Musik, sie ist fast 80 und singt diese total sexy Songs. São Paulo ist der Schmelztiegel, wo am Ende alle landen. Zum Beispiel die ganze Afrobeat Szene, Bands wie Bixiga 70 oder Metá Metá.

Und warum stirbt klassische Musik trotzdem?

Sie stirbt wirklich. Die Ticketpreise sind lächerlich hoch, es bleibt eine elitäre Sache. In São Paulo macht Thiago Cury das Festival Música Estranha, das viel experimentelle Avantgardemusik auf die Straße und in viele kleine Clubs und Bars in der ganzen Stadt bringt. Es gibt niemanden, der das mit den Klassikern macht, Chopin, Tschaikowski, the pop stuff. Eine Merkwürdigkeit, die ich hier auf der Classical Next bemerkt habe: es ist die einzige Veranstaltung, wo wir unterwegs sind, bei der die Leute noch besessen von physischen Produkten sind. Ich habe gerade eine Vertreterin getroffen, die sich weigert, ihre Musik online zu stellen. Sie sagt, sie sei ›eine Puristin‹ und wolle etwas in der Hand haben. What the fuck? Was ist der Unterschied, ob man nun eine physische CD vertreibt oder etwas online? Die Leute in der Klassikwelt sind ein bisschen in der Vergangenheit steckengeblieben.

Was würdest du jetzt gerade lieber machen?

Den Norden Brasiliens besuchen, Pernambuco, Belém, die haben eine fantastische Musikszene da oben. Ich liebe dieses Land. Letztes Jahr war ich in Amapá am Äquator, die haben da eine total lebendige Heavy Metal Szene, mitten im Amazonas. Und kürzlich war ich in São Luís in Maranhão, das ist eine der am wenigsten besiedelten Staaten in Brasilien, und die machen da die coolsten Musikfestivals.

Und wenn es nicht um Musik geht?

In meinem ganzen Leben ging es immer nur um Musik. Und Bier trinken. Als ich in Brasilien ankam, wog ich 70 Kilo, jetzt bin ich bei 120. Brasilien hat mich fett gemacht. Na ja, es war nicht allein seine Schuld.

Jessica Lustig, 21C Media Group, Managing Director

Was ist gerade der heißeste Scheiß in den USA?

Soundbox in San Francisco, weil es ein neues Konzept für die Art und Weise verkörpert, Konzerte zu erfahren. Das Licht, der Sound, das Ticketing, eine wirklich innovative Art, ›ernste‹ Musik und Kunst zu einer neuen Client Base zu bringen.

Warum stirbt klassische Musik trotzdem?

Wegen der Idioten, die die großen Institutionen betreiben und schlechte Entscheidungen treffen, wie man in die Zukunft investiert? (lacht) Wenn klassische Musik ausstirbt, dann, weil wir keine neuen nachhaltigen Einnahmequellen finden, um die hohen Kosten zu decken. Ein Orchester, eine neue Oper, die Bühne, Kostüme, Regisseure, wir befinden uns gerade in einer Übergangsphase und müssen irgendwie einen Weg finden, die Kunst zu monetarisieren, nachdem der ganze Markt für Platten und CDs weggebrochen ist, auf den man zu lange gezählt hat. Die Industrie hat ziemlich lange geschlafen, das zu realisieren.

Was würdest du jetzt gerade lieber machen?

Einen Spaziergang am Hapuna Beach, Big Island Hawaii, ganz früh am Morgen.

Dirk Van Kerkhoven, Concertline Artist Management

Was ist gerade der heißeste Scheiß in Belgien?

Der Königin-Elisabeth-Musikwettbewerb! Viel härter als der Tschaikowski-Wettbewerb zum Beispiel, und einer der ältesten dazu. Ins Leben gerufen vom belgischen Geiger und Komponisten Eugène Ysaÿe.  Bis heute wird er von der belgischen Königsfamilie ausgerichtet.

Und warum stirbt klassische Musik trotzdem?

Naja, der Teil der Gesellschaft, der an der Klassik interessiert ist, ist erschreckend klein. Maximal 10 Prozent der Gesamtgesellschaft? Ich kenne die genauen Zahlen nicht, aber es werden weniger. Und selbst unter den Interessierten – viele haben verlernt, eine gute Performance zu erkennen; nicht im Sinne von Kritik; die Generation meiner Großväter hat klassische Musik rezipiert, ohne genau zu wissen, worum es sich handelt. Nach einer harten Arbeitswoche gehörte die Musik an einem Sonntagnachmittag einfach dazu. Menschen wollten sich damit zurückziehen. Heute ist das anders: der Druck, die Anzahl an Aufführungen, auch das Niveau werden immer höher. Dabei geht etwas verloren und der Unterschied zwischen einer guten, weil die Sinne berührenden und einer guten technischen Aufführung wird größer, aber die Leute können ihn immer schwieriger erkennen …

Was würdest du jetzt gerade lieber machen?

Ich wäre gerne in kompletter Ruhe, in den Bergen. Vielleicht auf Mallorca? In Valldemossa, da haben George Sand und Frédéric Chopin ihre Winter verbracht.

»Classical: Next« ist eine Branchen-Messe für alle Arten »klassischer« Musik. Sie fand 2012 zum ersten Mal statt.

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert. hartmut@van-verlag.com