Der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda im Gespräch.

Text · Datum 25.3.2020

Als Hamburg im Februar 2020 wählt, appelliert die Kulturszene von der Intendantin zum Clubbetreiber, Carsten Brosda als Kultursenator im Amt zu belassen. Seine Reden passen in eine Elbphilharmonie nicht besser als nach St. Pauli, seine kulturpolitischen Ansätze beschreibt er in Büchern wie seiner aktuellen »Kunst der Demokratie«, in der er die Bedeutung einer freien Kunst für die demokratische Gesellschaft wortreich umreisst. Um hierüber zu diskutieren, waren wir zum Kaffeetrinken verabredet, dann kam Corona dazwischen. Wir telefonieren und sprechen über die Krise. Und was sie für Musiklandschaft, prekäre Arbeitssituationen und die Demokratie auch langfristig bedeuten kann.

Carsten Brosda • Foto © Bertold Fabricius
Carsten Brosda • Foto © Bertold Fabricius

VAN: Wie viel länger sind die Tage eines Kultursenators in Coronazeiten geworden?

Carsten Brosda: Mit Blick auf den Kalender ist es so ein Suche- und Ersetze-Prinzip, die Konzerte, Vernissagen und Premieren fallen weg, dafür füllt sich die Zeit gerade mit Telefonbesprechungen, dem Aufspannen von Rettungsschirmen und dem Zuhören: Wo liegen die akutesten Probleme? Wir müssen jetzt schnell Systeme bauen, die helfen, dass wir halbwegs mit dieser Vollbremsung des kulturellen, gesellschaftlichen und sozialen Lebens klarkommen.

Aktuell sprießen ja bei Bund, Ländern und im privaten Sektor Förderprogramme aus dem Boden. Ohne jetzt einen Gesamtüberblick anzustreben – wo liegen aus Ihrer Sicht die Sollbruchstellen, die noch behoben werden müssen?

Zunächst ist es wichtig, dass die Kultur- und Kreativwirtschaft bei allen Förderungsprogrammen gleich mitgedacht wurden. Die Kultur ist mit an erster Stelle von den Allgemeinverfügungen betroffen gewesen. Deshalb ist eine sehr schnelle Reaktion mit Soforthilfeprogrammen, wie sie in Hamburg aufgesetzt werden, sehr wichtig. Die Fördermaßnahmen vom Bund daneben setzen bei den Mieten und Fixkosten an, es gibt verschiedene Kreditprogramme, Arbeitsmarktmaßnahmen wie Kurzarbeitergeld und so weiter. Da ist binnen zehn Tagen durch die verschiedenen Akteure und ihr Zusammenwirken Beachtliches entstanden, so dass es uns hoffentlich gelingen kann, so viele Haltelinien einzuziehen, dass wir die Folgen potenziell gemeinsam möglichst gut abfedern können.

Über welchen zeitlichen Horizont erstrecken sich diese Instrumente bislang? Die Absagen für Musiker:innen reichen zum Teil ja schon bis in den Sommer und Herbst…

Niemand kann derzeit sagen, wie lange der aktuelle Zustand anhalten wird. Wir lassen uns da von Gesundheitsexperten beraten, da will ich mich jetzt auch nicht zum besseren Epidemiologen machen und voraussehen, wie lange das Ganze dauert. Wir fahren da in der Tat gerade auf Sicht. Die Allgemeinverfügungen in Hamburg reichen bis Ende April, so weit denken wir deshalb im ersten Schritt auch mit den Hilfsprogrammen. Wir versuchen dabei niemanden zurückzulassen. Dass wir am Ende aber nicht mit jedem Instrument in jede Ecke hineinreichen, kann passieren.

Macht diese Krise auch sichtbar, wo es schon langfristiger strukturelle Defizite der Kulturförderung gibt, vielleicht gerade auch mit Blick auf die freie Szene? Christian Fausch vom Ensemble Modern zum Beispiel erwähnte kürzlich in der FAZ den Umstand, dass es freien Ensembles nicht erlaubt ist, Rücklagen zu bilden. Viele freischaffende Künstler:innen sind dazu ohnehin nicht in der Lage.

Momentan müssen wir akut und schnell helfen. Natürlich aber wirft die Lage auch Schlaglichter auf grundsätzlichere Fragen, denen wir uns noch stellen müssen. Wir erleben zum Beispiel gerade, wie sehr wir es in den vergangenen Jahren zugelassen haben, dass genuin gesellschaftliche und kulturell zu füllende Bereiche nach ökonomischen Maßgaben organisiert werden. Wenn jetzt die ökonomischen Prämissen alle zusammenbrechen, kommen wir in Schwierigkeiten, die wir so nicht hätten, wenn wir über gewisse Steuerungsmöglichkeiten vorher anders nachgedacht hätten. Wir stehen vor spannenden Diskussionen darüber, was wir als Gesellschaft zu schnell dem Markt preisgegeben haben. Und ob das eigentlich perspektivisch so sein sollte.

Die Verstaatlichung einzelner Sektoren wie des Gesundheitswesens ist ja in der Diskussion, kommt sie nun auch in der Kultur an?

Natürlich kann eine flächendeckende Staatskunst nicht das Ziel sein. Aber es stellt sich doch die Frage, wie wir gesellschaftliche und kulturelle Bereiche zukünftig besser sichern können. Wollen wir diese Prekarität in vielen Bereichen des künstlerischen und kreativen Lebens weiter tolerieren, an die wir uns in den vergangenen Jahrzehnten so gewöhnt haben? Wie kann es sein, dass die Strukturen vielerorts so fragil sind, dass sie beim leichtesten Luftstoß umzukippen drohen? Das erleben wir ja gerade. Nur dass wir keinen Luftstoß, sondern einen Sturm haben.

Ein langfristiges Ergebnis der Krise könnte also sein, die Prekarität insbesondere der freien Szene stärker in den Blick zu nehmen? Was könnten hier konkrete Strategien sein?  

Man kauft sich die Freiheit mit der Prekarität, das war der bisherige Deal. Nur: Je mehr ich von der Prekarität nehme, desto mehr komme ich in eine Logik hinein, die freiheitsbeschneidend werden kann. Die einfache Antwort ›mehr Geld‹ ist natürlich nur vordergründig richtig. Doch es gibt Fragen, die Antworten brauchen: Wie organisiere ich soziale Absicherung? Wie gebe ich bestimmten Strukturen, die sich in der freien Szene bilden, eine andere Festigkeit und Planbarkeit? Sowas wird nur gemeinsam verhandelt werden können. Aber es sind sicherlich Themen, die nochmal drängender auf die Tagesordnung kommen werden, wenn wir das hier alles abgewettert haben. Ich erlebe das sehr positiv, wie sich die freie Szene in den letzten Jahren selbst strukturiert und vernetzt hat, um zu diskutieren, was die wichtigsten Förderstrukturen und Rahmenbedingungen sind. Im musikalischen Bereich denke ich zum Beispiel an FREO.

Sie beschreiben ja immer wieder, dass Sie die Aufgabe der Kulturpolitik nicht nur in der Steuerung von Fördermitteln sehen, sondern auch in dem Ermöglichen von Räumen und der Beteiligung an Diskursen. Wie blicken Sie diesbezüglich auf die Krise und unseren Umgang damit?

Ich finde aktuell die Frage spannend, wie wir mit dem Erleben des physischen Verlustes eines öffentlichen Raumes umgehen. Dass sich Menschen in Freiheit in öffentlichen Orten treffen können, ist eigentlich die Baseline unseres Zusammenlebens. Das geht aber derzeit alles nicht. Ich merke bei vielen, dass sie kognitiv zwar wissen, dass das richtig ist, dass sie aber trotzdem so ein nagendes Gefühl haben, ob das denn wirklich sein muss. Und da kann man nur sagen: Es muss sein, wenn wir die Welle der Neuinfektionen brechen wollen. Gleichzeitig aber sollten wir uns dieses Störgefühl auch bewahren, diese Verlusterfahrung. So dass wir, wenn alles vorbei ist wissen, diese Räume, die uns in der Vergangenheit so selbstverständlich waren, stärker umsorgen müssen. Und dass wir das nicht mehr nur Einzelnen überlassen, die für sie kämpfen, sondern dass die Sensibilität hierfür gesamtgesellschaftlich wachsen muss. Ich hoffe sehr, dass sich das als positiver Effekt dieser ganzen schlimmen Erlebnisse ergeben kann.

Was könnten weitere, positive Effekte der Krisenerfahrung für die Kultur sein? Wenn wir uns vorstellen, wir blicken nächstes Jahr zurück, was könnte sich entwickelt haben?

Ein Effekt, der sich abzeichnet, ist die kulturelle Belebung des digitalen Raums. Da entsteht gerade eine spannende Verbreiterung und es passieren vielen kreative Dinge auch von Akteuren, die das bislang nicht für sich genutzt haben. Und wenn es uns gelingt, dass alle durch diese Krise kommen, dann kann der Moment, an dem es wieder losgeht, eine Explosion von kulturellem Leben sein. Ein bisschen wie bei Camus, wenn nach dem Bezwingen der Pest das große Fest in der Stadt gefeiert wird. Und wenn wir sonst noch etwas lernen können, dann, dass wir das Ganze nur bewältigen können, wenn eine Gesellschaft solidarisch ist.

Diese Tendenz zeigt sich ja vielleicht gerade schon – wie kann sie gestärkt werden?

Solidarität ist etwas, das wir als Bürgerinnen und Bürger einer Gesellschaft füreinander empfinden müssen. Das kann keine Politik verordnen. Ich habe entweder das Gefühl, dass ich bestimmte Dinge als Gesellschaft verantworten muss, oder ich habe das Gefühl nicht. Momentan wächst es in der Tat sichtlich, und wenn wir das jetzt nicht mutwillig zerstören, sondern weiter daran arbeiten, dann kann etwas daraus entstehen. Yuval Harari hat letzte Woche in der Financial Times einen klugen Text über die Corona Krise geschrieben und da sagt er: Eine der Fragen, vor der wir gerade als Gesellschaft stehen, ist: Gehen wir jetzt eigentlich den Weg in eine Art staatliche Überwachung, weil wir den Bürgerinnen und Bürgern die eigene Verantwortlichkeit nicht zutrauen, oder stärken wir sie gerade jetzt, durch Vertrauen? Der Weg, den wir in Europa gehen, ist ja dezidiert der zweite. Wenn man das beherzigt, dann bekommt man auch einen Hinweis darauf, wie uns das mit der Solidarität gelingen kann. Wenn es uns dann noch gelingt, zu zeigen, dass wir einen Staat haben, der ein Instrument ist, das uns dabei hilft, mit solchen Krisen umzugehen, dann glaube ich, kann da eine Neubewertung stattfinden. Denn klar ist doch: Wir müssen mehr aufeinander achten. Die Idee, ›wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht‹, stimmte noch nie und ist jetzt besonders falsch.

Ist die Zeit der Populist:innen nach Corona eigentlich vorbei?  

Momentan ist die Zeit der Populisten vor allem deshalb vorbei, weil wir alle nicht mehr über sie reden und wir ihren Thesen und Hetzereien damit keinen Resonanzraum mehr geben. Es fällt ihnen aber auch nichts ein zu den Themen, die uns gerade bewegen. Die Populisten, die international an der Macht sind, zeigen, dass sie es nicht können, dass sie schlicht nicht in der Lage sind, mit solch einer Krise umzugehen. Ob Bolsonaro, Trump oder Boris Johnson. Ich hoffe natürlich, dass das bei allen, die noch glauben, dass die Parteien der schlechten Laune auch in Deutschland eine Alternative wären, zu neuen Gedanken führt. Diese Demaskierung des Populismus darf gerne weitergehen.

»Die Idee, ›wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht‹, stimmte noch nie und ist jetzt besonders falsch.« Carsten Brosda über Kulturpolitik und Corona in @vanmusik.

In ihrem aktuellen Buch erwähnen sie den Philosophen Achille Mbembe, der global beobachtet, ›dass sich das Gefühl in die Menschen hineinschleiche, die Welt könne angesichts der großen Entwicklungen unserer Zeit jederzeit endgültig zu Ende gehen‹. Das war noch vor Corona. Neben den hoffnungsvollen Tendenzen ist auch dies eine Entwicklung, die sich verstärkt.

Ich bin ja absolut kein Apokalyptiker. Die Gefahr ist dabei immer, dass man sich in eine Ausweglosigkeit redet, die einen am Ende resigniert, apathisch und fatalistisch werden lässt. Hier brauchen wir zum Beispiel die Kunst in ihrer dem diametral entgegenstehenden spekulativen Freiheit, die uns auf ihre Weise zeigen kann: ›Guck mal, was möglich ist.‹ Für unser politisches Handeln erwächst daraus die Haltung: Wir haben es immer wieder aufs Neue in der Hand, die Rahmenbedingungen für unser Leben auf diesem Planeten und für unser Miteinander gemeinsam zu definieren. Wir sollten uns nur zutrauen, es dann auch zu machen. ¶