Für das Publikum ist ein personeller Wechsel wie der beim Belcea Quartet eher eine Randnotiz. Für das Ensemble selbst ist er eine existenzielle Erschütterung. Cellist Antoine Lederlin spricht über diesen Schnitt und den Findungsprozess.

VAN: Wie habt Ihr das vergangene Jahr erlebt?

Antoine Lederlin: Das Jahr war so intensiv, so voller gemischter Gefühle. Ein Streichquartett ist ein sehr spezieller Mikroorganismus. Wir verbringen extrem viel Zeit miteinander, kennen unsere besten und die schlechtesten Seiten. Es gehört zu unserem Alltag, uns gegenseitig zu kritisieren. Man ist sich noch näher als in einer Familie. Wenn dann jemand geht, der einem so nahe ist, klafft erstmal ein tiefes Loch. Und es kommen Zweifel. Schaffen wir es nochmal, dieses Gefühl zu bekommen, dass wir zusammen etwas erreichen? Viele Menschen kriegen das natürlich gar nicht mit. Sie sehen nur das Resultat auf der Bühne, ohne eine Vorstellung davon, was ein Streichquartett ist. Das ist ja auch ihr gutes Recht.

Was ist denn ein Streichquartett?

Vor jeder musikalischen Überlegung ist es vor allem eine menschliche Idee, eine Fantasie. Eine Ehe zu viert, wird oft gesagt. Aber ohne Liebe, mit Freundschaft und Respekt. Man begibt sich in eine ganz eigene Welt. Eine Welt, in der alle bei ihrer Leidenschaft Kompromisse machen müssen. Und zwar ständig. Im Grunde ist das gegen die menschliche Natur. Ich finde es wichtig, sich das klar zu machen.

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Wie hat es sich denn angefühlt, als klar war, dass Axel Schacher das Quartett nach zwölf gemeinsamen Jahren verlässt?

Wir waren am Boden zerstört. Ich erinnere mich noch daran, wie ich unser Management anrufen musste und nicht darüber sprechen konnte, weil mir die Tränen gekommen sind. Es war wirklich wie ein Erdbeben für uns. Selbst heute noch, ein Jahr später, bin ich total angefasst, wenn ich davon erzähle. Im ersten Moment kommt es einem völlig ausgeschlossen vor, dass man mit einem anderen Musiker wieder diesen Zustand des Vertrauens erreichen könnte.

Aber Ihr habt es geschafft und jemanden gefunden. Bevor wir zu Suyeon Kang kommen: wie seid Ihr aus dem Loch herausgekommen? Und wie habt Ihr gesucht?

Wir haben gemerkt, dass die Liebe zur Musik, mit der wir uns beschäftigen, stark genug ist. Dass wir weitermachen wollen. Und dann haben wir versucht, Gabriel vom Quatuor Ébène zu stehlen [lacht]. Nein, natürlich nicht.

Unser Wunsch war es, jemanden zu finden, der oder die nicht einfach bloß reinpasst, sondern eigene Ideen mitbringt. Denn natürlich ist es wichtig, frische Impulse zu bekommen, wenn man als Quartett immer nur in seiner eigenen Suppe kocht. Darin liegt auch eine Chance bei so einem Wechsel. Aber es ist natürlich schwierig, sich von Anfang an einzubringen. Denn wer neu dazu kommt, fühlt sich erstmal als Eindringling. Ich erinnere mich noch, dass ich selbst die ersten drei Jahre, nachdem ich 2006 dazu gekommen bin, immer noch von ›Die‹ gesprochen habe, wenn es ums Quartett ging. Und erst nach vier Jahren fühlte es sich für mich an wie ein ›Wir‹.

Wie seid Ihr bei der Suche konkret vorgegangen?

Wir haben eine Liste gemacht mit Geigerinnen und Geigern, von denen wir uns vorstellen konnten, dass es passt. Und dann haben wir sie zu Proben eingeladen. Ich glaube, es waren etwa 25 bis 30, mit denen wir jeweils mindestens drei bis vier Stunden geprobt haben. Auch wenn manchmal schon schnell klar war, dass es nicht die Person ist, die wir suchen. Aber wir wollten es gut machen. Wir haben mit ihnen Stücke aus unserem Programm vom letzten Jahr gespielt. Beethovens erstes Rasumowsky-Quartett, das Quartett von Debussy, Schuberts Es-Dur-Quartett und ein Auftragswerk von Guillaume Connesson.

Insgesamt war es schon ein sehr anstrengender Prozess, der viel Kraft gekostet hat.

Und dann habt Ihr Euch schließlich für Suyeon Kang entschieden. Was hat den Ausschlag gegeben?

Erstmal ist sie eine hervorragende Geigerin, das ist natürlich eine wichtige Voraussetzung. Und sie ist eine sehr wachsame Musikerin, die ganz genau mitbekommt und darauf reagiert, was um sie herum passiert. Sie hört wirklich zu. Für Kammermusik ist das auch unerlässlich, aber gar nicht so selbstverständlich. Und dann ist sie eine sehr geerdete Persönlichkeit, ein gesunder Mensch.

Wie es dauerhaft passt, können wir erst in ein paar Jahren wissen. Aber ich habe ein gutes Gefühl. ¶

…lebt in seiner Heimatstadt Hamburg, wo er Musikwissenschaften und Philosophie studiert hat. Als freier Journalist arbeitet er regelmäßig für verschiedene Rundfunkanstalten, Print- und Onlinemedien. Als ebenso freier Sänger ist er mit professionellen Projektensembles unterwegs und hat an preisgekrönten CD- und DVD-Produktionen mitgewirkt.