Warum Beethoven auf keinen Fall 250 Jahre alt geworden wäre.

Text · Foto Valdas Miskinis via Pixabay · Datum 21.8.2019

Ja, der gute Ludwig van. Das Genie. Der Humanist! Der Wüterich! »2020 wäre Beethoven 250 Jahre alt geworden!« Moment. Wie bitte? Als ältester Mensch der Welt gilt die mit 122 Jahren 1997 gestorbene Jeanne Calment. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt – und so heißt es unbeirrt und aalglatt aus grinsenden (beim folgenden Wort lassen wir aus guten Gründen das Gendern sein) Intendanten-Mündern und Pressetexter*innen-Händen beispielsweise: »2020 wäre Beethoven 250 Jahre alt geworden. Ihm zu Ehren gibt es das Beethoven-Festival mit der NDR Radiophilharmonie. Die Musiker [sic] präsentieren alle neun Sinfonien sowie alle fünf Klavierkonzerte Beethovens unter der Leitung von Andrew Manze.«

Voller Inbrunst fassen wir uns an den Händen – und sprechen mit bebend-puckerndem Herzen die Worte Schillers: »Wow, das hat die Welt gebraucht!« »Alle Menschen werden…« Dings!

Der Intendant des Rheingau Musik Festivals, Michael Herrmann, der 2194 seinen 250. Geburtstag feiern wird, wofür wir ihm schon jetzt alles erdenklich Gute und vor allem überraschend gute Gesundheit wünschen – gibt stolz zu Protokoll: »Wir freuen uns, dass Lang Lang nach längerer Pause eines seiner wenigen Deutschlandkonzerte in Wiesbaden spielen wird. Als Hochleistungssport lässt sich indes bezeichnen, was der Perkussionist Martin Grubinger vollbringt. Zusammen mit dem Bruckner Orchester Linz und in Kooperation mit den Meisterkonzerten Wiesbaden bringen wir das Spannungsfeld [sic] zwischen Sinfonieorchester und Perkussion auf die Kurhausbühne. Weihnachtlich wird es mit Tschaikowskis Lieblingsballett Dornröschen in Kooperation mit dem Rheingau Musik Festival und dem renommierten Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Vladimir Jurowski. Zum Abschluss der Saison 2019/20 sind der Wiesbadener Tatort-Kommissar Ulrich Tukur und das Mozarteum-Orchester Salzburg zu Gast, die im Beethoven-Jahr dessen Schauspielmusik Egmont im Kurhaus aufführen.«

Nun, immerhin »Egmont«! Außerdem gibt es – im selben Konzert – Beethovens Erste (»Happy Birthday, Beethoven!« Seriously?) zu hören. Mehr Beethoven ist nicht. Jedenfalls nicht beim Rheingau Musik Festival 2020. Warum dann aber der Bezug zum Beethovenjahr im Vorwort? Ist das nicht ein wenig unverhältnismäßig?

Aber Michael Herrmann wäre nicht Michael Herrmann, wenn er nicht Michael Herrmann wäre! Denn neben seinem Intendantenposten beim höchst verstaubten Rheingau Musik Festival ist Michael Herrmann auch noch Geschäftsführer der PRO ARTE Frankfurter Konzertdirektion. Völlig prä-euphorisch klingelt es hier dem geneigten Lesenden angesichts des Saisonbroschüren-Vorwortes von Michael Herrmann in den Ohren: »Liebe Konzertgäste, die Spielzeit 2019/20 fällt mit einem besonderen Ereignis zusammen: dem 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven. So haben wir einem der größten Komponisten aller Zeiten den Schwerpunkt unseres Programms gewidmet. Zur Seite steht uns dabei der österreichische Pianist und Beethoven-Experte Rudolf Buchbinder. Als Artist in Residence begleitet er uns durch die Saison und interpretiert ausgewählte Klaviersonaten sowie sämtliche Klavierkonzerte Beethovens mit den Wiener Symphonikern. Darüber hinaus präsentiert Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen als eines der derzeit gefragtesten [sic] Orchester gemeinsam mit ihrem Chefdirigenten Paavo Järvi an vier Abenden Beethovens neun Sinfonien in chronologischer [sic] Reihenfolge. Freuen [sic] Sie sich außerdem auf weitere ausgesuchte [sic] Konzerte mit internationalen Spitzenorchestern und Solisten [sic] von Weltrang. Lassen Sie sich begeistern [sic] und erleben Sie mit uns Konzertmomente der besonderen [sic] Art.«

Ereignis, Freude, Begeisterung, Erlebnis. Tolle Arbeit. Kein Wort (außer »Beethoven«, »der«, »die«, »einem«, »mit«, »und« und »uns«) wiederholt sich merklich. Da haben viele Menschen lang lang dran gesessen! Und der Bezug zum Beethovenjahr fehlt ebenfalls nicht. Voller Aufregung notiert man sich die Konzertdaten – und platzt fast vor eruptiver Vorfreude: »Alle Beethoven-Symphonien! Endlich, endlich!« Erleichtert wischen wir uns den postsommerlichen Angstschweiß von der Stirn: »Oh Gottogottogottogott! Wie dankbar sind wir eigentlich, dass uns Beethoven-Experte und Innovator Rudolf Buchbinder zur Seite steht! Wer könnte denn sonst noch ein paar Beethoven-Sonaten spielen? Wer, bitte, wer?«

An der Alten Oper in Frankfurt – hier beweist man mit der Einladung des freilich längst etablierten Stegreif-Orchesters zumindest den Willen zur »Öffnung« – bezieht man sich unglückseligerweise auf das höchst gruselig formulierte Unterfangen der Bundesregierung, die die Feierlichkeiten 2020 in den Koalitionsvertrag implementierte, das Beethovenjahr (man mag eher einen inzwischen rechtsradikalen Ex-Cellisten und Flüchtlingshetzer der AfD aus Leipzig hinter einer solchen Formulierung vermuten) als »nationale Aufgabe« zu highlighten. Hilfe! »Der 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven im Jahr 2020 bietet herausragende Chancen für die Kulturnation Deutschland im In- und Ausland.«

Die Ideenlosigkeit der stets »Spannung« und »Öffnung« behauptenden Intendanten gepaart mit der Ahnungslosigkeit der Politiker*innen. Lächerlich und ärgerlich, dass im nächsten Atemzug – bei Staatsempfängen und anderen Grüß-August-Events – stets Beethovens Neunte herhalten muss, um »Weltfrieden« und »Europa« in den Raum hineinzulügen. Aber das Beethovenjahr soll dann »nationale Aufgabe« sein? Wie denn jetzt? (Wo ist der Kommentierende, der schreibt: »So funktioniert Politik, Hase!«)

Das Konzerthaus Dortmund meldet: »Zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven steht der Beethoven-Marathon 2020 auf dem Programm. Das heißt: Alle neun Sinfonien erklingen an einem Tag! Damit das überhaupt zu schaffen ist, teilen sich die Dortmunder Philharmoniker die Bühne mit den Belgrader Philharmonikern, dem ersten Orchester Serbiens.«

Niemand will die Dortmunder oder Belgrader Philharmoniker*innen dafür kritisieren, dass sie dem Publikum alle Symphonien vorspielen. Aber auch in Dortmund und Belgrad sind Beethoven-Symphonien eben alles andere als selten! 2020 ist nicht Beethovenjahr, jedes Jahr ist Beethovenjahr! Jetzt so zu tun, als würden Großtaten vollbracht: Das geht einfach nicht. Das ist unaufrichtig und gelogen.

Wir fahren ein paar hässliche Kilometer weiter westlich und halten voller Angst in Essen. Die dortige Philharmonie – hier bewies man allein schon mit der Einladung von Daniel »Intonation« Hope als »Artist in Residence« in irgendeiner vergangenen Saison Geschmack – textet ganz figgerig, offenbar eine geballte Ladung Beethovens erwartend: »Eine geballte Ladung Beethoven erwartet Sie in der Philharmonie Essen. Das Spektrum reicht von den zehn Violinsonaten, gespielt von Porträtkünstlerin Isabelle Faust, bis zur Oper Fidelio, die bei den TUP-Festtagen konzertant mit Nina Stemme in der Titelrolle erklingt. Einzelne Spitzenwerke laden durch doppelte Aufführung zum spannenden Interpretationsvergleich ein: so das Violinkonzert, das Tripelkonzert, die dritte und die neunte Sinfonie.«

Hier hat man die missliche Doubletten-Situation händeringend zum Konzept umfunktioniert – und darf beispielsweise das Beethovensche Violinkonzert am 8. Dezember 2019 nicht nur mit Daniel Hope an seiner millionenschweren Holzsäge »erleben«. Nein, am 25. und 26. Juni 2020 heißt es erneut: Beethovens Violinkonzert! Dieses Mal mit Frank Peter Zimmermann als Solisten. Was für ein fairer und unmittelbar anfassbarer Wettstreit, was für ein spannungsreiches Grenzgänger*innen-Experiment! Nur ein halbes Jahr liegen zwischen den beiden Abonnementskonzerten. So geht Interpretationsvergleich! Wir rufen einvernehmlich »Chapeau!« – oder, wie man in Essen aus berufenem Dichter*innen-Mund zitierend zu sagen pflegt: »Halt deine dumme Fresse!«

Weiter nach Köln! Brodelnde Ideen-Springbrunnen der Gestaltungslust auch beim dortigen WDR Sinfonieorchester: »In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 öffnete sich die deutsch-deutsche Grenze. Wenige Wochen später dirigierte Leonard Bernstein in Ostberlin Beethovens Neunte – umgedichtet zur Ode an die Freiheit. 30 Jahre nach diesen Ereignissen steht das Hohelied der Brüderlichkeit in Köln auf dem Programm.«

Ja, denn seitdem ist das Werk nirgendwo erklungen! Dramaturg*innen dieser Länder: Schaut auf diese Stadt! (Und besucht eifrig alle Konzerte des WDR Sinfonieorchesters, das zudem Jörg Widmann als »Artist in Residence« eingeladen hat.)

In Dresden lügt man sich derweil zurecht: »Im Vorfeld zu Beethovens 250. Geburtsjubiläum leitet Christian Thielemann die ersten drei Symphonien des gipfelstürmenden Komponisten. Beethovens Symphonik ist und bleibt die größte Herausforderung für jedes Orchester und jeden Dirigenten. In ihr äußert sich eine neue musikalische Sprache, die nicht nur ausnehmend persönlicher Natur ist und den Umbruch ihrer Zeit facettenreich widerspiegelt, sondern noch heute zu einer Haltung herausfordert. Ihr Enthusiasmus, ihre Frische und Leidenschaft faszinieren ungebrochen.«

Mickrige drei Symphonien und dazu das Salbadern über »Herausforderungen«. Ich gebe auf. Jeder einzelne Takt jeder Beethoven-Symphonie ist jeder/m Orchestermusiker*in bekannt! Nichts daran ist mehr eine Herausforderung.

Verzweiflung aller Orten. Beethoven im Beethovenjahr! Wie einfallsreich muss man sein? Einzig aufregend die Dramaturg*innen-Frage: »Mmh. Wo – um Himmels Willen – bringen wir die Achte unter? Die dauert ja nicht einmal eine halbe Stunde! Für nach der Pause also viel zu kurz!«

Wo – und selbst mit dieser Forderung sind wir nicht die Einzigen, haha! – ist der bewusste und mutige Verzicht auf Beethoven? Wo die wahre »Entdeckung«? Wo zumindest das – mit peinlich berührtem Verlegenheitsgrinsen vorgetragene – Manager-Intendanten-Eingeständnis: »Uns ist mal wieder nichts anderes eingefallen! Aber wir spielen im Beethovenjahr auch Beethoven, okay?«

Wir fordern das spannungsreich-innovativ-grenzgängerische Beethoven-Verbot! Zumindest für das Beethovenjahr 2020. Dabei sind wir so kulant und lassen ein einziges Werk unseres Lieblingsbonners zu, nämlich jenen erst traurigen, dann frohgemuten Abschiedsgesang auf den Tod eines Pudels, wie er schön krächzend vom Streichelfreund Peter Schreier dargeboten wird.

Arno Lücker (@arnoluecker) fordert in @vanmusik ein Beethoven-Verbot, zumindest für das Beethovenjahr 2020. Eine Ausnahme lässt er zu: die ›Elegie auf den Tod eines Pudels‹.

Im Konzerthaus Berlin dagegen weicht man tatsächlich auf Brahms aus – und gebärdet sich nicht derart, dass irgendetwas Weltumspannendes zum Beethovenjahr beizutragen wäre. In zahlreichen schmerzvollen Zitaten des neuen Chefdirigenten Christoph Eschenbach heißt es da allerdings: »Brahms hat eine starke emotionale Bedeutung für mich. […] Mit den vier Sinfonien habe ich mich seit meiner Jugend befasst und bin daher sehr froh über die Möglichkeit, sie gleich zu Beginn am Konzerthaus zu dirigieren.« Und tatsächlich erklingen innerhalb der kommenden Saison alle vier Brahms-Symphonien mit Eschenbach am Pult im Konzerthaus. »Wow, wie neu!« ballert es einem aus den offenstehenden Mündern der potentiellen Konzertbesucher*innen entgegen – oder, wie es aus dem Munde von Eschenbach juvenil und bummsfidel heraussprudelt: »Vieles habe ich noch nicht gemacht und es kommt immer wieder Neues hinzu, das mich reizt.« Die vier Symphonien von Brahms: »neu«? Es reicht. ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.