Titelbild Andreas Riemenschneider (CC BY-ND 2.0)

Über ein Jahr ist es nun her, dass am 27. Januar 2020 der erste Corona-Fall in Deutschland registriert wurde. Das Lockdown-Karussell dreht sich seitdem weiter und weiter. Schon im Frühjahr war dabei klar, wen die zahlreichen Konzert- und Aufführungsabsagen am härtesten treffen würden – die freiberuflichen Künstler:innen und Kulturschaffenden. Um sie kümmerten sich Bund und Länder zunächst nur schleppend und mit Hilfsprogrammen, die weniger Hilfe denn zunächst die Gefahr bedeuteten, wegen Falschnutzung der beantragten Gelder irgendwann bestraft zu werden (Stichwort: zu verwenden für Betriebsausgaben und sonst nichts).

Vor allem stellte sich aber heraus, dass die bundesweit uneinheitlichen Regelungen in Bezug auf Ausfallhonorare bei Orchesterdiensten grobe Ungerechtigkeiten nach sich zogen – manche Orchester zahlten den gebuchten Aushilfen 50 Prozent des veranschlagten Honorars, manche 25 oder 100, manche aber auch nicht einen Cent oder unter dem Schlagwort »Kulanz« jeder Aushilfe einen anderen, »individuellen« Satz. Die häufig angepeilten Verschiebungen der Konzerte waren nett gemeint, hätten aber wohl ebenfalls Probleme erzeugt. Schließlich wären unter normalen Umständen bei zwei Terminen auch zwei Honorare angefallen, und nicht nur eins. Fakt ist: Wie schwer es für alle Freischaffenden in dieser Situation werden würde, war schon sehr früh abzusehen. Aktuell zeigt eine Erhebung des Landesmusikrats in Berlin unter knapp 500 Teilnehmenden, dass gut 30 Prozent der Befragten entweder ernsthaft in Erwägung ziehen, ihren Beruf aufzugeben (11%), keine Perspektive mehr sehen, weil sie wirtschaftlich nicht mehr überleben können (16,3%) oder den Beruf bereits gewechselt haben (1,8%). Wie tief das Problem greift, zeigt auch ein offener Brief der GMD- und Chefdirigent:innenkonferenz e.V. vom 17. Februar: »Wir befinden uns in der schmerzvollsten Phase für die Kultur und die Künstler:innen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs«, heißt es da. Da viele der angekündigten »Hilfen« (im Brief in Anführungsstrichen) falsch konzipiert, bis jetzt nicht angekommen oder bereits wieder entzogen seien, fordern die Verfasser:innen die Neukonzeption von Programmen, »die wirklich ankommen«, Regelungen zur Realisierung von Kurzarbeit für als Gäste beschäftigte Künstler:innen und »angemessene Ausfallhonorare«.

Den Kulturinstitutionen selbst war die mögliche Pleite ebenfalls vorhergesagt worden. Bei den Theatern und Konzerthäusern mit ihren vielen hundert oder tausend Angestellten gingen die Einnahmen aus dem Ticketverkauf natürlich deutlich zurück, die öffentliche Finanzierung bleibt jedoch (zumindest vorerst) bestehen. Eine Befragung unter 110 öffentlich geförderten Orchestern Anfang Februar dieses Jahres zeigt: Es geht ihnen vorerst besser als befürchtet. Viel besser.

Foto Chris Campbell (CC BY-NC 2.0)
Foto Chris Campbell (CC BY-NC 2.0)

Von den angeschriebenen Orchestern antwortete innerhalb von zwei Wochen knapp die Hälfte. (Diese Quote war bereits am ersten Tag anhand zahlreicher automatisierter Abwesenheits- und Kurzarbeits-Antworten abzusehen.) 15 Orchester wollten oder konnten (noch) keine Angabe zu ihrer Bilanz des vergangenen Jahres machen, und so gaben nur knapp 30 Orchester überhaupt einen Einblick in ihre Corona-Finanzen – jedoch mit der beinahe gleichlautenden Auskunft: Die Bilanzen sind nicht im Keller, stattdessen ist das Ergebnis nach fast einem Jahr Corona, wie es die Jenaer Philharmonie formulierte, »mehr als ausgeglichen«. Gut 18 Orchester berichten von einer ausgeglichenen Bilanz, 5 sogar von einer deutlich positiven. Aus den Schilderungen von nur 3 Orchestern lässt sich herauslesen, dass finanzielle Verluste gemacht wurden, die noch nicht kompensiert werden konnten. Die positiven Bilanzen belaufen sich auf Summen zwischen 100.000 und 350.000 Euro im Plus – zumindest bei denen, die ungefähre Zahlen genannt haben.

Das mag zunächst paradox klingen, wo doch bekannt ist, dass seit Beginn der Krise deutlich weniger produziert und veranstaltet wurde und dementsprechend Einnahmen aus den Ticketverkäufen, Vermietungen, Sponsoring und der Gastronomie fehlen. Dazu kamen außerdem Mehrausgaben für Trennwände, Desinfektionsmittel und entsprechende Spender, Luftreiniger, Masken, Ozonreinigungsschränke für Kostüme und Perücken, Videotechnik für Streaming-Angebote und aufgestockte IT fürs Arbeiten im Home-Office. Gleichzeitig druckten die Theater und Orchester aber deutlich weniger Plakate und Programmhefte, verwendeten kleinere Bühnenbilder, zahlten weniger GEMA-Gebühren und Tantiemen – und sie sparten an einer weiteren, der wohl zentralsten Ressource überhaupt: Gehältern und Honoraren.

Fast alle Orchester, die die Anfrage beantwortet und Einblick in ihre Finanzen gegeben haben, sind spätestens seit Herbst in Kurzarbeit – laut einer Statistik der DOV vom Februar 2021 betrifft das aktuell rund 85 Prozent aller Berufsorchester in Deutschland. Mit dem Geld von der Arbeitsagentur können sie die teilweise erheblichen Umsatzverluste ausgleichen – bei manchen, wie dem Theater Plauen-Zwickau, liegen die Ausfälle im siebenstelligen Bereich, bei anderen, größeren Häusern und Orchestern wie der Deutschen Oper (8,4 Mio. Euro) oder der Staatsoper Berlin (ca. 10 Mio. Euro) gehen sie in zweistellige Millionenhöhe. Gar nicht zu spielen mag dabei sogar lukrativer sein als in kleiner Besetzung vor reduziertem Publikum – da nämlich fallen, wie die Düsseldorfer Symphoniker schreiben, fast die vollständigen Kosten für Künstler:innen, Servicepersonal, Betrieb und Hygienekonzepte an, während die Ticketverkäufe nur einen kleinen Teil davon finanzieren können.

Nur, was bedeutet es nun, dass die Theater und Orchester keine tiefroten Zahlen schreiben, sondern sogar mit einem »kleinen Polster«, so das Theater Altenburg-Gera, in dieses neue Jahr gestartet sind? Erwächst aus einem fünf- oder sechsstelligen Plus nicht eine Verantwortung denjenigen gegenüber, die das ganze System mit ihrer flexiblen Arbeit überhaupt erst ermöglichen, doch in vielen Fällen bis jetzt leer ausgegangen sind und um ihre Existenzen kämpfen müssen?

Ein nachträgliches Anpassen der Ausfallhonorarpolitik, wie sie viele Orchester im ersten Lockdown praktiziert haben, wäre eine Maßnahme – doch dass das passiert, sieht Gerald Mertens, Geschäftsführer der DOV, laut einer Aussage bei der diesjährigen Jahrespressekonferenz der DOV nicht. Während der vielen Monate sei aber innerhalb der Orchester ein Bewusstsein für die schwierige Lage vieler Freischaffender gewachsen.

Tatsächlich haben sechs der befragten Theater und Orchester – das Landestheater Niederbayern, das Theater Plauen-Zwickau, das Landestheater Detmold, die Jenaer Philharmonie, das Nationaltheater Weimar und das Meininger Staatstheater – angegeben, nachträglich ihre Ausfallhonorarpolitik verändert zu haben. Die Jenaer Philharmonie beispielsweise, die vorher allein auf Verschiebungen gesetzt hatte, ohne die Musiker:innen bei Konzertabsagen finanziell zu entschädigen, zahlt seit Januar 2021 Ausfallhonorare. Bei den Düsseldorfer Symphonikern belaufen sich neue Regelungen hingegen darauf, dass nun von vornherein »klarer« in den Verträgen steht, dass bei Absagen aufgrund »höherer Gewalt« vonseiten der Träger (insbesondere der Stadt Düsseldorf) keine Ausfallhonorare vorgesehen sind.

Dass diese Entscheidungen in den seltensten Fällen die Orchester selbst treffen sondern ihre Träger, macht die Sache nicht einfacher. Aus den Überschüssen nun beispielsweise einen Spendenfonds aufzusetzen oder das Geld anderweitig über Umwege an die notleidenden Freischaffenden weiterzugeben, scheint den allermeisten entweder nicht in den Sinn zu kommen oder aber schlicht nicht möglich zu sein. Öffentliche Gelder sind schließlich an bestimmte Zwecke geknüpft. Gleichzeitig kann man argumentieren, dass die Nichtnutzung dieser öffentlichen Gelder momentan bereits Existenzen kostet.

Das Ganze lässt sich auch aus einer anderen Perspektive betrachten: Jetzt gerade mögen die Bilanzen der Theater und Orchester gut aussehen. Doch wie geht es in den nächsten Monaten weiter? Bei den Düsseldorfer Symphonikern steht der aktuell sechsstellige Betrag im Plus einer verheerenden Hochrechnung für die nächste Saison gegenüber: 750.000 Euro im Minus, je nachdem, wie die Pandemie weiter verläuft und wie die nächsten Regelungen aussehen werden. Denn Corona schlägt noch ganz woanders zu – bei den Kommunen nämlich, also bei den Trägern selbst. Die Gewerbesteuereinnahmen sind durch die fehlenden Gewinne der angesiedelten Unternehmen bereits zu einem großen Teil weggebrochen, dieser Trend wird sich in den nächsten Monaten und Jahren fortsetzen. Zwar hat der Bund Ende 2020 einen Ausgleich geschaffen, doch stellt sich die Frage, ob diese Abfederung auch in Zukunft möglich sein und überhaupt reichen wird.

Foto valzulu (CC BY-NC-ND 2.0)
Foto valzulu (CC BY-NC-ND 2.0)

Die Kultur gehört für fast alle Kommunen schließlich zu den »freiwilligen Aufgaben«, das heißt: Ob und wenn ja wie eine Kommune die Kultur fördern will, bleibt ihr überlassen, ohne Einmischung des Landes oder Bundes. In finanziell schwierigen Situationen ist die Kultur in der Vergangenheit gegenüber den Pflichtaufgaben deshalb schon mal über die Klinge gesprungen – zudem waren viele Haushalte bereits vor Corona nicht besonders gut aufgestellt. »Ich hoffe, dass wir uns demnächst nicht mit existenziellen Problemen konfrontiert sehen«, sagt Mark Mefsut, Pressesprecher der Neuen Philharmonie Westfalen, die von den Städten Gelsenkirchen und Recklinghausen, dem Kreis Unna und dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) gefördert wird. Eine weitere Angst käme für viele Orchester und Theater hinzu: »Wir haben viel Publikum im höheren Alterssegment und können nicht wissen: Wer traut sich denn überhaupt noch dahin, wenn der normale Konzertbetrieb wieder läuft? Vielleicht müssen Kulturschaffende und Publikum in den Dialog treten und gemeinsam nach einer gangbaren Lösung suchen, die ein breit gefächertes kulturelles Angebot, wie wir es vor Corona kannten, auch nach dem hoffentlich baldigen Ende der Pandemie weiterhin möglich machen.«

In dieser vertrackten Situation steht weiterhin die Frage im Raum: Welche Verantwortung tragen Orchester und die Kommunen gegenüber den freischaffenden Künstler:innen? Diese sind schließlich eine tragende Säule des Betriebs – und sie, wie aktuell, einfach nicht mehr zu buchen, wird viele von ihnen langfristig finanziell ruinieren. Einige Orchester haben deshalb Spendenfonds und andere solidarische Projekte ins Leben gerufen, um ihre freien Kolleg:innen zu unterstützen, denn die Freien in großen Produktionen mit vielen Musiker:innen zu beschäftigen, ist unter den aktuellen Umständen schlicht nicht realisierbar. Ob eine Vielzahl der Freien jemals wieder kurzfristig für eine Aushilfe bereit stehen wird, um für den krank gewordenen Solisten oder die Technikerin bei einem kleinen Festival einzuspringen – das wird immer unsicherer, je länger die Einschränkungen bestehen bleiben und Theater und Orchester mit ihren Trägern um jeden Cent für Aushilfen feilschen müssen. »Das öffentliche Haushaltsrecht von Ländern und Kommunen muss so angepasst werden, dass die Zahlung von Ausfallhonoraren zugelassen wird«, fordert Gerald Mertens. »Die Bundesregierung ist insoweit mit einer befristeten Änderung der Bundeshaushaltsordnung hier als Vorbild vorangegangen und hatte auf eine Nachahmung durch die Länder gehofft. Hier ist also in den Finanzministerien der Länder ein extrem dickes Brett zu bohren.«

Außerdem müsse man, »insbesondere der Deutsche Bühnenverein«, im Theaterbereich auf eine Anpassung der Klauseln in den Gast- und Aushilfsverträgen drängen – wofür allerdings die Voraussetzung im Haushaltsrecht geschaffen werden müsse: »Ein kleiner Teufelskreis.« Bei Absage oder Verschiebung eines Konzerts oder Projekts müsse ein neuer Termin oder ein neues Projekt vereinbart und dafür »ein angemessener Vorschuss gezahlt« werden – und das, so Mertens, »ist schon jetzt jedem Intendanten oder Geschäftsführer möglich.« Generell plädiert er dafür, dass jedes Orchester sich darauf verständigt, »insbesondere bei Verstärkungsaushilfen immer auch einen gewissen Prozentsatz geeigneter freischaffender Kolleginnen und Kollegen zu beschäftigen, quasi im Rahmen einer Selbstverpflichtung.«

Wie geht es den öffentlich finanzierten Häusern und Klangkörpern? Und inwiefern kümmerten sie sich im letzten Jahr um freie Kulturschaffende? In @vanmusik.

Eine ausgeglichene Bilanz am Theater ist eine Erleichterung für alle, die in den vergangenen Monaten um die Kulturlandschaft gebangt hatten. Jeder Wille eines Orchesters, sich für die freischaffenden Kolleg:innen einzusetzen, ist in dieser Situation gut und wichtig. Die Angst der Theater und Orchester, nach der Krise von der Politik hängen gelassen zu werden, spricht hingegen Bände – öffentliche Gelder anzusammeln, um ein Jahr später nicht ganz so tief zu fallen, kann und darf aber nicht die Lösung sein. Wieder einmal liegt das Problem in einem System, das Kultur als verzichtbar betrachtet – und damit die Arbeit all derer, die sie ermöglichen. ¶