Der brasilianische, in New York lebende Komponist und Gitarrist mit einer bewusstseinserweiternden Reise durch Klanguniversen.

Titelbild © kai bienerT · Datum 15.3.2017

Bei der diesjährigen MaerzMusik präsentiert Arthur Kampela seine künstlerische Beschäftigung mit dem Werk Walter Smetaks, einem nach Brasilien emigrierten Klangforscher. Kampela, Komponist und Magier der Gitarre, wurde in Brasilien geboren und lebt heute in New York. Ein Musikkritiker bezeichnete ihn nach einem Solokonzert einmal als einen brasilianischen Verrückten. In seiner Playlist für VAN präsentiert er radikale, fantastische Musik, beschreibt sie aber gar nicht verrückt, sondern sehr scharfsinnig. Das hier ist starkes Zeug, unsere Empfehlung: vorsichtig dosieren, damit das Gehirn nicht vorzeitig verglüht.

Arrigo Barnabé, Sabor de Veneno (›Geschmack von Gift‹) aus dem Album Clara Crocodilo

… hört am besten gleich das ganze Album Clara Crocodilo! Barnabé ist einer der wichtigsten Komponisten, die in den 1980er Jahren in Brasilien zum Vorschein gekommen sind. Er mixt 12-Ton-Techniken, absurdes Theater, Dada und vieles mehr. Seine zwei Platten Clara Crocodilo und Tubarões Voadores (›Fliegende Haie‹) erzählen von der surrealen Zement-Realität einer grauen Stadt wie São Paulo mit seinen Prostituierte, den an den Rand gedrängten Wesen … Clara Crocodilo ist eine Art Oper, ein Kabarett-artiges Album, das die Geschichte einer Person erzählt, die von Wissenschaftlern in ein Monster verwandelt wurde und nun die Stadt terrorisiert … Am Ende entkommt sie aus dem Gefängnis und landet in einer 21.-Jahrhundert-Tanzveranstaltung und einem minimalistischen 7/4-Takt, atonaler Musik … Clara ist die Metapher für diesen Prototypen einer Porno-terrorisierten Gesellschaft, in der wir heute bei Laune gehalten werden. Bitte anschnallen … hier kommt São Paulo und fährt dir in die Blutbahnen und den Hintern.

Brian Ferneyhough, La terre est un Homme

Das ist eine formidable Herangehensweise an das Schreiben für Orchester –eine Explosion mit berauschenden Folgen. Hier geht es um Grenzen, um Schwellen, ganz klar, Ferneyhough erforscht jede/n einzelne/n Musiker/in des Orchesters als eigenständige Quelle für sonische Trümmer und Bruchstücke. Der Titel entstammt einem Gemälde des Chilenischen Künstlers Roberto da Matta, La Terre est un Homme (›Die Erde ist ein Mensch‹). Dieses Stück erkundet ein vielschichtiges Gelände, wo Veränderungen der Polyrhythmen und Klangfarben so abrupt kommen, dass alle Auffassungen von Polyphonie und Klangentwicklung fast gleichzeitig zu hören sind. Unser Verstand wird an diesen seltsamen Platz versetzt, an dem man die Klänge hört und zur selben Zeit versucht, irgendwie zu sammeln und zu ordnen, was man da gerade gehört hat. Auf diese Weise erhält die Musik plötzliche so eine räumliche Dimension, wo du das Klangmaterial fast sehen kannst – wie in einem Bild – weil die Gegenwart und das gerade Vergangene zusammengemixt sind und die Vorwegnahme von noch mehr Aktivität kommt dazu, einfach durch die schiere Energie des Materials, das da gegeneinander kracht. Auf diese Weise werden Leute, die dieses Stück hören, auch verschiedenen Output aufnehmen, sogar wenn sie zur selben Zeit nebeneinander sitzen und dasselbe Narrativ erleben. Das ist eines der eindrucksvollsten Stücke, die je geschaffen wurden – seit Le Sacre du Printemps die ultimative rhythmische Novität war.

Krzysztof Penderecki, Streichquartett No. 1

Hier haben wir ein Stück, dessen äußere Struktur einfach darin besteht, dass eine Fülle von Klängen ausgestellt wird, die total für die 1960er stehen. Das Stück präsentiert extreme Klangoberflächen als thematisches Material, es geht nicht um eine Erzählung oder das Ausstellen einer ganz bestimmten Ästhetik, sondern einfach um ein Anhäufen verschiedener ko-existierender sonischer Sprachformen, die Teil unserer Wahrnehmung sind, die in unsere kognitive Gestalt eingeschrieben sind. Man kann das Stück als nie endende zeitlose Maschine ansehen, es hat keinen »Abschluss«, sondern löst sich – sich selbst überlassen – auf. Es hinterlässt den Eindruck einer offenen Form, die nicht von einem zwingenden Schluss kompromittiert ist. In diesem Sinne: Ein Echo von Nietzsches Ewiger Wiederkunft, die ständig unsere Grenzen und gleichzeitig unsere grenzenlosen Möglichkeiten aufzeigt.

Luciano Berio, Sequenza III für Stimme:

Berio erzeugt in diesem Stücke eine Art Schwelle, ähnlich wie der Schriftsteller Samuel Beckett: eine Schwelle, an der Musik und Sprache sich treffen. Hier werden Sprache und ihre klanglichen Voraussetzungen als eins begriffen. Das Stück will sprechen, erzählen, wird aber von seinen eigenen Mechaniken der Äußerung erstickt. Sequenza III ist Berios Frau Cathy Berberian gewidmet (sie war als er es schrieb auch seine künstlerische Partnerin); sie schafft es, eine Vorstellung von Theater und archetypischen Emotionen in den Bann eines rein klanglichen Rahmens zu bringen. Dieses seltsame Gefühl, eine Unterhaltung zu hören, spielt hier mit rein oder ein Lied, das von Lachen, Husten und anderen Sprach-Hindernissen gestört wird. Ist das Musik? Was ist Musik und warum drücken wir uns aus? Das ist der Subtext dieses Stücks, daraus bezieht es letztlich seinen Wahrnehmungsrahmen.

Magnus Lindberg, Action – Situation – Signification

Magnus Lindberg, Earth1 (aus Action – Situation – Signification); Toimii Ensemble • Link zum Album

Das ist eine der geheimnisvollsten Arbeiten Magnus Lindbergs – ein Mix aus streng festgelegten und improvisierten Abläufen. Die Komposition bezieht sich auf die Grundelemente Wasser, Feuer, Wind und Erde. Die Arbeit ist eine langsame Transformation von festen Stoffen (abgeleitet aus physischen Klangquellen) hin zu den Klängen von Regen, Wasser, Feuer etc. Die einzelnen Teile, die mal mit, mal ohne Pause aufeinanderfolgen, sind: Earth1, The Sea Interlude: Wood, Rain, Interlude: Metal, Fire, Wind und Earth 2. Das Hauptinstrument ist das Schlagwerk, mit dabei ist auch Klavier (in nicht-konventioneller Bearbeitung, nicht nur auf die Tastatur beschränkt, sondern mit Schaben und Schlagen etc.) Außerdem beteiligt sind ein Cello, Klarinette/Bass-Klarinette und gelegentlich Flöte sowie die menschliche Stimme – aber kein Gesang. Das Stück entwickelt sich im Wechsel zwischen akustischen und elektronischen Abschnitten. Sobald eine dieser Klangflächen eingeführt ist, steigt das Ensemble mit schrägen Sounds in den Mix mit ein. Das Stück ist zugleich gedacht als ein Hinterfragen des Hörens an sich. Mit anderen Worten: Es macht bewusst, dass das Zuhören in einen anderen Zustand versetzt, der nicht nur ein rein ästhetisches Erlebnis ist. Dies ist für mich der wichtigste Aspekt dieses Werkes.

Caetano Veloso, Araçá Azul

https://www.youtube.com/watch?v=Qyd5lARXvM8

Dieses phänomenale Album von Caetano Veloso aus dem Jahre 1973 ist das größte avantgardistische Pop-Album seiner Zeit. Es ist ein Album, das die Idee der Collage aufgreift – eine bei den Zeitgenossen Cage und Earl Brown beliebte Technik. Im Gegensatz zu Zappa, bei dem Elemente der westlichen Klassik und Avantgarde mit Pop-Tunes verschränkt werden, produziert Caetano einen fast utopischen Mix aus musikalischen »Tendenzen«, der jegliche ästhetische Grenze durchbricht. Veloso ist nicht daran interessiert, ein irgendwie schlüssiges Vokabular von atonalen und schrägen Sounds zu schaffen. Seine Innovation liegt in der Idee der Interferenz, was bedeutet, dass verschiedene Arten von Musik aus unterschiedlichsten Quellen miteinander in Reibung geraten und dadurch eine ganz eigenwillige Konstruktion entsteht. Die Klänge selbst werden zu einem Vorwand, um von einer in die nächste Realität zu »springen«. Unsere Wahrnehmung switcht permanent durch dieses von Veloso erfundene Spielwerk. Das ganze Album ist gewürzt mit populären Songs, Folklorestimmen aus Brasilien, Avantgarde-Klängen und -Geräuschen, alles miteinander verbunden durch plötzliche Schnitte. Die Musik gleicht einem Film, dessen Szenen abrupt von einem Fernseh-Kanal zum nächsten wechseln, eine ständige kognitive Verschiebung. Was mich geradezu verzaubert bei diesem Album ist das Fehlen jeglicher ästhetischer Kompromisse.

Walter Smetak, Interregno

https://www.youtube.com/watch?v=

Ein Zauberer der improvisierten Musik – man könnte ihn als brasilianischen Harry Potter bezeichnen, dessen Musikphilosophie mit der westlichen Ästhetik bricht. Seit den 1940ern lebte er in Bahia, Brasilien und war ein obskurer Erfinder neuer Instrumente heikler Natur. Diese Unvollkommenheit weckte mein Interesse für seine Kreationen und Klangwelten.

Kaikhosru Sorabji, Opus Clavicembalisticum

https://www.youtube.com/watch?v=dSBDGSrYgq0

(Nur einen kleinen Teil davon abspielen!)

Sorabji schrieb bereits 1932, also vor Ferneyhough, extrem komplexe Musik (viele übereinandergelagerte Zahlenverhältnisse im Metrum). In Bezug auf den Rhythmus war er damit seinen Zeitgenossen inklusive Strawinski, Schönberg etc. weit voraus. Strukturell ist er allerdings sehr konservativ, fast klassisch – aber gerade das erzeugt eine reizvolle und nachhaltige kreative Spannung. ¶