Wir sitzen in der ›John-Cranko-Lounge‹ eines Stuttgarter 5-Sterne-Hotels, die auch als Mad-Men-Kulisse gut funktionieren würde. Die wenigen Gäste werden diskret mit Namen begrüßt, es herrscht eine schummrige Gediegenheit, die verflossene Behäbigkeit der Bonner Republik. Antoine Tamestit hat am Abend zuvor das erste von sechs Konzerten mit Schnittkes Bratschenkonzert, Teodor Currentzis und dem SWR Symphonieorchester gespielt. Es war sein erster Auftritt mit dem Orchester als dessen ›Artist in Residence‹ in dieser Spielzeit. Trotzdem fokussiert sich die Aufmerksamkeit vor und nach dem Konzert auf Currentzis, den selbst noch frischen Chefdirigenten des Orchesters, und Tchaikovskys Fünfte, die er in der zweiten Programmhälfte dirigiert. (Wie lange wohl die heavy rotation des Currentzis-Narrativs – Ural, rote Schnürsenkel, Messias – noch anhält?) Dabei ist das Schnittke-Konzert das größere Ereignis des Abends. Currentzis und Tamestit finden darin eine dunkle Unbestimmtheit, eine surreale Landschaft, deren Topologie zwischen nackter Kälte, Zartheit, entstellter Hässlichkeit, Zynismus changiert, und in der der verwundete Held ständig droht verloren zu gehen. Später erwähnt Tamestit Yuri Bashmet, dem Schnittke sein Konzerte widmete – die ›Bashmet-Momente‹, die Fähigkeit, innerhalb eines Lagenwechsels, von einem Ton zum anderen eine komplett neue Stimme zu finden. Tatsächlich aber gibt es in Konzerten Antoine Tamestits mittlerweile auch viele ›Tamestit-Momente‹.
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