Ein unendlicher Moment, eine kippende Flasche, ein fallendes Kind – der Beginn von Lars von Triers Film Antichrist (2009). Und dazu: Händel. Und mit ihm Fragen: Nach der Macht der Frauen, Gott und Magie, Leid und Liebe.

Dies ist der erste Teil einer kleinen Serie über klassische Tonspuren im Film.

Text · Fotos © MFA+ FilmDistribution · Datum 10.1.2018

Diesen stillen Moment, in dem es passiert, kennt jeder: die Rotweinflasche kippt und ergießt sich auf dem Teppichboden; das Wort wird ausgesprochen, welches das Fass zum Überlaufen bringt; ganz langsam geht das Gleichgewicht, im wörtlichen, wie im übertragenen Sinne verloren und man fällt. Es ist das kurze Gefühl des Stillstandes, nach dem alles danach ins Rollen gerät, Fahrt aufnimmt, beschleunigt und nicht mehr zu stoppen ist. Genau diesen Moment seziert Lars von Trier in seinem Prolog zum Film Antichrist von 2009 unterstützt durch eine der berühmtesten Arien von Georg Friedrich Händel.

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Lars von Trier rahmt seinen streitbaren Film mit der zentralen Arie aus einem Kreuzzugepos. Die Fragen nach der Macht der Frauen, der Rolle von Gott angesichts des Grauens, der Magie und nicht zuletzt des Leids und der Liebe knüpfen hintergründige Verbindungslinien zwischen Händels Oper und Film.

Schauplatz der pompösen Oper Rinaldo ist die Belagerung Jerusalems während des ersten Kreuzzugs. Der Heerführer Goffredo verspricht seinem besten Feldherrn Rinaldo im Falle der erfolgreichen Eroberung Jerusalems seine Tochter Almirena zur Frau. Rinaldo und seine Zukünftige haben sich gerade kennen und lieben gelernt, da wird Almirena entführt. Die Avancen ihres Entführers, dem gegnerischen König Argante, lehnt die christliche Jungfrau selbstbewusst ab. Im feenhaften Garten des Palastes, allein, nach der Zurückweisung des Königs beweint Almirena ihr Schicksal:

Es sind die Schlichtheit und Sanftheit, die Händels Arie die unverblümte Kraft der Verzweiflung verleihen und die dabei so schön ist, dass es weh tut.

Im Film erklingt die Arie aus der geräuschvollen Stille des Vorspanns heraus. Von Trier zeigt dazu langsame Schwarz-Weiß-Bilder, Großaufnahmen in Parallelmontage: ein Paar beim Liebesspiel unter der Dusche, fallende Wassertropfen, vor dem Fenster tanzende Schneeflocken, ein überhörtes Babyphon, ein vom Wind geöffnetes Fenster, ein aus dem Gitterbett kletterndes Kleinkind, eine umfallende Wasserflasche, wehende Vorhänge, ein aus dem Fenster fallendes Kind, die laufende Waschmaschine. Wortlos und von bedrückender Schönheit ist dieser Filmanfang, der das Drama um Trauer, Schuld, Teufel und Partnerschaft ins Rollen bringt.

Es folgt ein Film, der für das Drama Bilder findet, die kaum zu ertragen sind. Elfriede Jelinek bringt es auf den Punkt, wenn Sie zusammenfassend schreibt: »Aus dem Tod eines Kindes ist etwas geboren, eine unbedingte Ohnmacht, die an den Antichrist abgegeben wurde (die Macht steht ja nur Gott zu), was gar nicht nötig war, denn er hatte sie ja ohnedies, die Macht, welche die Ohnmacht ist als die Mittelmäßigkeit aller Menschen.«

Im Epilog endet der Film musikalisch mit der gleichen schlichten Schönheit, wie er begonnen hat. Nur die Bilder sind dieses Mal andere: Ein im wahrsten Sinne gebrochener Mann. In der Natur. Allein.

Ein unendlicher Moment, eine kippende Flasche, ein fallendes Kind – der Beginn von Lars von Triers Film Antichrist. Und dazu: Händel. Und mit ihm Fragen: Nach der Macht der Frauen, Gott und Magie, Leid und Liebe in @vanmusik.

Lars von Trier zeigt gnadenlos, was auf den Moment des Fallens folgt. Im Angesicht dieses Massakers hat die Schönheit von Händels Arie nichts Tröstliches mehr. Sie lässt einen vielmehr hilflos zurück. ¶