250 Komponistinnen. Folge 8: Tanz auf dem Vulkan.

Text · Datum 11.12.2019

In wirtschaftlich gesicherten Verhältnissen wuchs die am 15. Januar 1868 in Wien geborene Komponistin Johanna Müller-Hermann auf. Ihr verbeamteter Vater hatte eine Leitungsfunktion beim »K.K. Ministerium für Cultus und Unterricht« inne – und ein dementsprechend hohes Bildungsideal, das er seinen drei Kindern (Albert, Johanna und Tona) vermittelte. Seine – zeittypische – wienerisch-konservative Gesinnung allerdings verhinderte, dass man sich dem sich wohl früh zeigenden musikalischen Talent Johannas eingehender, professioneller widmete – etwa mittels der Förderung der Aufnahme eines Kompositionsstudiums am Konservatorium in Wien. In der potentiellen Studienphase Müller-Hermanns hätten Lehrer wie Anton Bruckner oder Franz Krenn (1816–1897) – Lehrer von Mahler, Janáček, Wolf und Zemlinsky – auf die Frühbegabte gewartet.

Stattdessen musste Müller-Hermann die »Lehrerinnenbildungsanstalt« – verteilt auf vier Gebäude im 1. und 2. Wiener Bezirk – besuchen und im Folgenden an einer Volksschule unterrichten. Für die damaligen Verhältnisse heiratete Johanna sehr spät, nämlich »erst« 1893 – im Alter von 25 Jahren. Ihr zwei Jahre jüngerer Mann, Otto Müller-Martini (1870–1942), war studierter Jurist und arbeitete zunächst für die Staatseisenbahn, später im Eisenbahnministerium – und ab 1919 schließlich als Leiter der Abteilung für gesetzgeberische und zwischenstaatliche Angelegenheiten im Staatsamt für Verkehrswesen. »In dieser Funktion«, so heißt es, »führte er mit Italien und Jugoslawien die Verhandlungen um die Wiederherstellung der Südbahn und war er auch bei der österreichischen Friedensdelegation in St. Germain tätig.«

Durch die Heirat und die damit einhergehende finanzielle Absicherung war es Johanna nun möglich, ausführliche Musikstudien zu betreiben: Klavier und Violine – und schließlich Komposition bei Alexander Zemlinsky, Franz Schmidt und Josef Bohuslav Foerster. 1918 wurde sie die Nachfolgerin Foersters als Musiktheorie-Professorin am Neuen Wiener Konservatorium. In dieser Zeit waren zu den früh entstandenen Liedern bereits größere programmatische Werke für Chor und Orchester hinzugekommen.

Müller-Hermann starb am 19. April 1941 in Wien – im Alter von 73 Jahren.

Johanna Müller-Hermann (1868–1941)Streichquartett Es-Dur op. 6 (1911)

1903 war ihr »Opus 1« im Druck erschienen: Sieben Lieder für Singstimme und Klavier. 1911 wurde Müller-Hermanns Streichquartett Es-Dur op. 6 in Wien uraufgeführt. »Der Merkur« gab dazu dereinst – zwar lobend, doch aus heutiger Sicht geradezu archetypisch frauenverachtend und zudem sprachlich haarsträubend – zu Protokoll: »Der Komposition sind Charakteristika zu entnehmen, die nicht gerade einen ›weiblichen Komponisten‹ vermuten ließen.«

Dies im Weiteren unkommentiert lassend blicken wir auf das erwähnte Streichquartett. Leicht lockend und wie Wagners Loge lodernd hebt der erste Satz (Ruhig fließend) an. Ein sehnsüchtig sich nach oben bannendes Thema erklingt in der ersten Geige – auf- und erfüllend begleitet von 16teln der zweiten Violine und der Bratsche, grundiert vom kontrapunktierenden Cello in genüsslichsten, ganz schön romantischen Tönen.

Doch Müller-Hermann kehrt die thematische Arbeitsteilung von Herrschaft und Knechtschaft – ganz unselbstverliebt – schon nach sechs Takten um: Nun finden wir das Sehnsuchtsthema »hervortretend« im Violoncello, die Bratsche bringt den Kontrapunkt – und die beiden Geigen begleiten mit den uns schon bekannten 16teln.

Auf herrlichste Weise weht der Wind des Fin de siècles nun in diese Musik hinein. Die Harmonik gerät fast atonal aus dem Gefüge; jedenfalls entstehen Momente bester Irritation: Nichts mit »weiblicher Verliebtheit«! Hier zerreißt es gerade jemanden schier das Herz! Auch die Setzweise gibt sich vielgestaltig, so in streichquartetttypischen und extra ausgedünnten Imitationspassagen, die wiederum den ambivalent-amourösen Charakter dieses ersten Satzes poetisch unterstreichen.

Der zweite Satz erinnert in seiner etwas angewüteten 3/4-Wucht an entsprechend lustig-unlustige Brahms-Walzer. Doch durch kreativ-sprunghafte Harmonik sowie dynamische Kitzeleien zeigt sich auch hier die Eigenständigkeit der Komponistin.

Zwar »dolce« doch keineswegs »süßlich« öffnet sich der Vorhang zu der Welt des langsamen Satzes (Adagio. Mit größtem Ausdruck.). Irgendwie stehen Wagner und der späte Bruckner im Raum – und in einer zerfallenden Rudiment-Passage, in denen die Streicher nur noch weinende, kraftlose Klage-Sekunden formulieren können, wird vermeintlich die völlig selbstverständliche Rezeption später Beethoven-Streichquartett-Existenzialismen hörbar.

250 Komponistinnen. Arno Lückers (@arnoluecker) neue Serie in @vanmusik. Folge 8: Johanna Müller-Hermann tanzt auf dem Vulkan.

Mit lospolternden Staccato-Tiefen geht es finaletypisch in den letzten Satz hinein (Allegro con spirito. Nicht zu schnell.). Bald wird deutlich, wie stark Müller-Hermann es vermag, zwar rhythmische Orientierungsanker zu werfen, um diese – aber nicht im Sinne eines gewalttätigen Auseinanderreißens, sondern mit Blick auf die ganze skurril-lieblich-böse Geschichte – unverzüglich kontrastierend wieder einzuholen. Faszinierend auch der Wechsel von plötzlich ganz wohlig-warmen Harmonie-Abschnitten und grandios fiesen Bosheiten. Ein Tanz auf dem Vulkan: janusköpfig, nie langweilig und brillant! ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er leitet unter anderem eine 360-Grad-Konzertreihe mit astronomischem Einschlag im Zeiss-Großplanetarium Berlin und schreibt Musik und Texte. Lücker ist Erfinder des Sinfon-O-Maten und des Oper-O-Maten.