250 Komponistinnen. Folge 55: in der Forschungslücke.

Text · Datum 2.12.2020

Exakt vier Tage vor der Geburt des preußischen Begründers der modernen Geschichtswissenschaft Leopold von Ranke (1795–1886) erblickte Helene Riese am 16. Dezember 1795 in Berlin das Licht der Welt; in einer Zeit der großen frühromantischen Kultursalons Berlins, von Salon-Legenden wie Schriftstellerin Henriette Herz (1764–1847) und Kollegin Rahel Varnhagen von Ense (1771–1811) initiiert.

Als Tochter einer vermögenden jüdischen Bankiersfamilie – angeblich bestand mütterlicherseits eine Verwandtschaft zu Felix Mendelssohn Bartholdy – wuchs Helene in gesicherten wirtschaftlichen und bildungsbürgerlich elaborierten Verhältnissen auf. Auf diese Weise konnte sich Helene als junge Heranwachsende an ausgezeichneten musikalischen Ausbildungsmöglichkeiten erfreuen – und Persönlichkeiten wie die komponierenden Pianisten Wilhelm Schneider (begeisterter Goethe-Vertoner, 1781–1811) und Franz Lauska (vor allem als Klaviervirtuose und Lehrer Meyerbeers bekannt, 1764–1825) sowie den Organisten und Dirigenten Joseph Augustin Gürrlich (1761–1817) zu ihren Lehrern zählen.

Eines von Helenes Brüdern war der nicht unbedeutende Bühnenschriftsteller und Librettist Friedrich Wilhelm Riese (1807–1879), der stets nur unter dem – sehr unscheinbaren, weil zwei der im 19. Jahrhundert in deutschsprachigen Regionen beliebtesten Vornamen überhaupt abbildenden – Pseudonym »Wilhelm Friedrich« veröffentlichte und nach abgebrochenem Schulabschluss als Sänger in Lettland und Russland auftrat. Anschließend studierte er Medizin und war in die schlussendlich zur Deutschen Revolution 1848/49 führenden Freiheitskämpfe in vorderster Front derart verstrickt, dass man ihn zu sechs Jahren Festungsarrest verurteilte; trotz Reduzierung der Haftstrafe auf sechs Monate trat Friedrich Wilhelm Riese diese nicht an, sondern flüchtete stattdessen nach London.

Schon früher – nämlich bereits in den 1810er Jahren – hatte sich Friedrich Wilhelms Schwester Helene vor allem als Pianistin einen Namen gemacht – und trat einige Male im heutigen Konzerthaus Berlin auf (dem damaligen Königlichen Nationaltheater und späteren Schauspielhaus). Das Berliner Konzertpublikum war ihr äußerst zugetan, möglicherweise auch, was die Aufführung eigener Klaviersonaten angeht. Die ersten Kompositionen für ihr Instrument waren bereits im Alter von 15 Jahren entstanden. Zeitgleich entwickelte sie eine vielversprechende Laufbahn als Sängerin; hier trat Helene Riese unter dem Namen »Liebert« auf.

Nicht nur Pseudonyme waren in der Familie Riese offenbar äußerst populär. Auch zog es Helene – wie ihren erwähnten Bruder Friedrich Wilhelm – in die englische Metropole London; wenn auch aus ganz anderen Gründen. Im Alter von 18 Jahren hatte Helene den Londoner Kaufmann John Joseph Liebmann geheiratet, für den sie nicht nur vom jüdischen zum christlichen (vermutlich anglikanischen) Glauben konvertierte, sondern, wie erwähnt, Preußen verließ. Dort in London durfte Liebmann – zu dieser Zeit für eine verheiratete Frau erstaunlich – Kompositionsunterricht nehmen; und zwar bei dem einstigen Klavierschüler Beethovens Ferdinand Ries (1784–1838), damals selbst in London wohnhaft. Ihre Pianistinnen-Laufbahn konnte Liebmann dort jedoch leider nicht weiterverfolgen; möglicherweise fehlte ihr für die Akquise von lukrativen Konzertauftritten das entsprechende Netzwerk.

Nach vier Jahren in London zog das Ehepaar Liebmann 1818 nach Hamburg, wo Helene den Nachnamen »Liebert« – ihr früheres Sängerinnen-Pseudonym – annahm; damit reagierte Liebmann auf den Antisemitismus in der Hansestadt, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts immer deutlicher hervortrat und gen Ende des 19. Jahrhunderts eskalierte.

Es besteht dringender Forschungsbedarf, was das Leben der Helene Liebmann angeht; so kann über Sterbedatum, Todesursache, Familiennachwuchs und sängerische, pianistische und kompositorische Aktivitäten der späteren Liebmann nur spekuliert werden, wie hier nachzulesen ist.

Man geht davon aus, dass Liebmann 1835 in Hamburg oder Umgebung starb; demnach wäre sie nur 40 Jahre alt geworden.

Helene Liebmann (1795–1869)Sonate für Klavier und Violoncello B-Dur op. 11 (ca. 1816)

Komponieren war Helene Liebmann offenbar nur zwischen ihrem ca. 15. bis 21. Lebensjahr möglich. Neben sechs Klaviersonaten und einigen Liedern – darunter mindestens eine Goethe-Vertonung – schuf Liebmann vor allem Kammermusikwerke, so zwei Violinsonaten, eine Cellosonate, zwei Klaviertrios und ein Klavierquartett; Werke also, die ihre Mitwirkung als Pianistin bei entsprechenden Aufführungen ermöglichten.

Liebmanns Sonate für Klavier und Violoncello B-Dur op. 11 entstand wohl 1816 – und gehört damit zu den letzten Werken, die die junge Komponistin vollendete. Das Klavier lässt das Hauptthema des ersten Satzes (Allegro) glockig und »dolce« ertönen; die Lieblichkeit und Gesanglichkeit mancher Themen Mozarts schwingt mit. Ebenfalls ganz klassisch wird dem Einsatz des Cellos durch die – mittels kurzer Moll-Terz-Streifung chromatisch erreichte – Dominante der spielerische Nährboden bereitet. Schlicht und musikantisch steht die Klavierbegleitung zunächst ganz hinter dem Primat des Cellos zurück; doch in schöner Abfolge werden sich Girlandenstränge zugeworfen und Motivbälle heimelig und freundlich zugespielt. Sonor befreit sich das Cello aus einer Moll-Eintrübung, die durch eine lustige Terz-Kette im Klavier eingeleitet wird.

Über die Komponistin Helene Liebmann ist wenig bekannt. Arno Lücker sammelt Spuren in @vanmusik.

Musik, die man beim ersten Höreindruck möglicherweise unterschätzt, die sich aber immer wieder als abwechslungsreich und vielgestaltig erweist; interessant auch, wie hier scheinbar zunächst ein kleines »Cellokonzert mit Klavierbegleitung« komponiert wird, in das das vermeintliche Begleitinstrument selbst bald perlende Mini-Solo-Kadenzen einschiebt. ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.