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Das Jahr 2020 ist für Kulturschaffende das bitterste in der europäischen Nachkriegsgeschichte. Heute hätte, morgen würde, eigentlich wäre … Das Jahr der Konjunktive. Projekte, Konzerte, Premieren, ganze Festivals. Außer Spesen nix gewesen. Und das Jahr der Gerüchte, des Viertelwissens, der Verschwörungsmythen, Verschwurbelungen, Missverständnisse, Miss-Verständigung, sogar: Miss-Achtung. Das Jahr der Aufgeregtheiten – über Existentielles und Nichtiges. Ein Jahr der Verzweiflung, der Verlorenheit, der Suche, der existentiellen Sorgen. Auch von mir. Denn ich bin selbständig, in der sogenannten »Hoch«-Kultur, der klassischen Musik. Ich kenne Musiker:innen, die trotz internationaler Karriere in Spitzenensembles jetzt Grundsicherung beziehen. Sänger:innen, die trotz guter Engagements in den letzten Jahren nun Lehrer:in werden wollen. Agenturen, die kurz vor der Pleite stehen. Und es gibt sehr viele Berufsgruppen, die nicht sichtbar sind und kaum eine Stimme haben, nicht nur in der Kultur. Drei Tage vor dem November-Shutdown war ich abends in einem Restaurant, in dem die Kellnerinnen fassungslos und den Tränen nah waren. Was ich damit sagen will: Verzweifelt sind auch andere. Das macht es nicht besser, aber wir dürfen das nicht übersehen.

Neben dem beklagenswerten Schicksal freiberuflicher Künstler:innen gibt es auch eine Parallelwelt, in der Mitarbeitende aufs Beste abgesichert sind – obwohl sie künstlerisch tätig sind. Bereits am 30. April dieses Jahres vermeldete die Deutsche Orchestervereinigung: »Gestern haben sich der Deutsche Bühnenverein auf Arbeitgeberseite und die Künstlergewerkschaften Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA), Vereinigung deutscher Opernchöre und Bühnentänzer (VdO) und Deutsche Orchestervereinigung (DOV) auf die Einführung von Kurzarbeit an kommunalen Theatern und Orchestern geeinigt.« Bei Aufstockung von 90–100 Prozent und selbstverständlich unter Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen. Am 1. Juli sind dann die Staatstheater nachgezogen. Freie Orchesteraushilfen und Solist:innen bekamen vielerorts nicht einmal einen Bruchteil der Gagen ausgefallener Vorstellungen als Ausfallhonorar.

Am 7. Mai teilte die Deutsche Orchesterstiftung mit, sie habe bereits 3.000 Musiker:innen eine Soforthilfe von 400 € (!) ausgezahlt, weitere 1.000 Anträge befänden sich in der Bearbeitung. Für den Fonds hatten »zuletzt auch die Mitglieder der Staatskapelle Berlin und Daniel Barenboim 30.000 Euro gespendet.« Zusammen? Da hätte eine einzige Gastspielgage deutlich mehr gebracht …

Ja, es gibt auch etliche großartige Beispiele schneller staatlicher Hilfe für freiberufliche Künstler:innen, eine Vielzahl an Stipendien und Förderprogrammen, fast jede Gruppe der vielfältigen Szene ist bis jetzt irgendwo irgendwie bedacht worden. Und es gibt auch ehrliche Solidarität von wunderbaren Menschen. Mir wurde sogar schon Bargeld zugesteckt, zur vertraulichen Weitergabe als Soforthilfe für Bedürftige.

Aber so retten wir mittelfristig niemanden, schon gar nicht die freie Kulturszene. Der Berliner Senat hat vor kurzem eine im Grunde lobenswerte Einzelkünstler:innenförderung auf den Weg gebracht und knapp 2.000 Stipendien für die Laufzeit von maximal sechs Monaten vergeben. Einziges Kriterium war der Nachweis der »professionellen künstlerischen Tätigkeit«, idealerweise durch die Mitgliedschaft in der Künstlersozialkasse. Es bewarben sich mehr als 8.000. Und raten Sie, wie die Glücklichen ermittelt wurden? Per Los! Wie in der Bettleroper.

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Eins ist klar: So geht es nicht weiter mit der Existenzsicherung freier Künstler:innen und dem Erhalt der vielfältigsten freien Musikszene der Welt: Entweder entscheidet das Los, oder es gibt komplizierte und sich zum Teil ausschließende Fördermöglichkeiten per Antrag. Stets müssen neue Projekte kreiert, geplant und durchgeführt werden. Als Ersatz für die, die nicht stattfinden durften. Ach so, die neu Geplanten können jetzt auch wieder nicht stattfinden? So sorry. Das Bundeskulturministerium hat ein vielfältiges, lobenswertes und mit etlichen Millionen ausgestattetes Programm auf den Weg gebracht, »Neustart Kultur«. Aber wann wird denn eigentlich neu gestartet? Und: Von uns frei künstlerisch Tätigen wird ständig eine neue Leistung erwartet, ohne die kein Geld fließt. Sonst heißt es: Das Konzert durfte nicht stattfinden? Ah, tut uns leid. Die Leistung (der Auftritt) wurde nicht erbracht? Nein, eine Ausfallgage sei nicht förderfähig. Geld gibt es nur gegen Auftrag, gezahlt wird bei Lieferung. Aber: Es durfte ja keiner liefern. Soweit mir bekannt ist, verlangt niemand für den Bezug von Kurzarbeitergeld die Erbringung von Zusatzleistungen wie Aushilfe im Gesundheitsamt oder einen Projektantrag als Auszahlungsbedingung … oder doch?

Was mich zu einem anderen wichtigen Punkt führt: den vielen misslungenen Verständigungsversuchen. Es wurde viel aneinander vorbeigeredet. Oder vorwurfsvoll/gekränkt/erregt postuliert, gerne vor allem innerhalb der eigenen Blase: Aber! Wir! Sind! System-, Freuden-, Seelen-relevant!

Wir müssen vielleicht akzeptieren, dass uns offensichtlich sehr viele Menschen nicht verstehen – und zu dieser Gattung zählen bekanntlich auch Politiker:innen. Sie wissen nicht was wir tun, wie wir es tun, warum wir es tun. Die repräsentative Opernpremiere oder die Saisoneröffnung, die gehört für manche immer noch dazu. Weil es repräsentativ ist bzw. war. Das fällt jetzt weg. Kein Sekt, keine Pause, kein Plausch. Nur Musik. Und warum sollte es interessant sein, für die 49 anderen Gäste, die verstreut in einem riesigen Saal sitzen, irgendetwas zu repräsentieren?

Seien wir ehrlich: Dass sich nicht viel mehr als 5 Prozent der Bevölkerung für die sogenannte »Hoch«-Kultur interessieren, sollten wir eigentlich schon lange wissen. Noch einmal: 95 Prozent interessieren sich nicht. Und das sind Zahlen aus Friedenszeiten. Und jetzt? Trotzdem sind wir beleidigt. Bockig. Und viele von uns stimmen Gesänge an, die aus Kehlen der von uns doch eigentlich so verachteten politisch Gelben und Blauen stammen könnten. Unsere Freiheit! Bevormundung! Wir haben doch alles richtig gemacht! Wir tun doch nichts, wir wollen nur spielen …

Und vielleicht liegt ja genau da unser Problem. Wir wollen nur spielen! Wir interessieren uns nur wenig für die Welt, übrigens auch wenig für die Umwelt. Oder warum finden wir es immer noch schick, für drei Konzerte mit einem ganzen Sinfonieorchester samt Chefetage um den halben Globus zu jetten? Naja, zum Ausgleich kaufen wir nächste Woche auf dem Markt wieder regionales Gemüse.

Seit Jahren setzen sich viele tolle und kreative Kolleg:innen für neue, innovative Konzertformate ein – schaffen es aber meistens nur bis in die Peripherie der sogenannten »Musikvermittlung« oder in kleine Innovationsfenster der Festivals und großen Häuser. Im Zentrum der Macht – und des Konzertkalenders – sitzt oft die Beharrung, und die herrscht autokratisch. Dabei erstaunt mich manchmal das Selbstverständnis: Vor kurzem bin ich zufällig auf eine alte Aktion der Intendantinnen (sehr wenige) und Intendanten (sehr viele) deutscher Theater und Opernhäuser aus dem Jahr 2017 gestoßen, in der mit großformatigen Anzeigen postuliert wurde: »Theater sind Erfahrungsräume der Demokratie!« Bei dem einen oder anderen der Unterzeichnenden muss man als Insider unwillkürlich bei der Überschrift das Gesicht verziehen… Aber auch hier gilt: Es gibt großartige, demokratisch gesinnte und im besten Sinne künstlerisch denkende Intendantinnen und Intendanten. Aber, ehrlich gesagt, auch eine Menge anderer. Systemisch gesehen sind vor allem die Opernhäuser in ihren strikt hierarchischen Strukturen die letzten Abbilder der Zeit, in der sie erfunden wurden, nämlich des Absolutismus der deutschen Kleinstaaterei im 18. Jahrhundert. Mit Intendantenloge und Allmacht, allerdings inzwischen auf Zeit. Immerhin. Aber so wenig es im 18. Jahrhundert Regentinnen gab, so wenig Intendantinnen und Generalmusikdirektorinnen gibt es heute.

Das könnte für Außenstehende schon irgendwie etwas aus der Zeit gefallen wirken. Trotzdem beschwören wir gerne und regelmäßig den Untergang des Abendlandes, anstatt an zeitgemäßen Veränderungen zu arbeiten. Wir halten an vielen alten Gewohnheiten fest, weil neue zu finden anstrengend ist.

Immer noch werden »Alben« besprochen und Schallplattenpreise vergeben. Aber produziert wird fast nur noch von denen, die es sich leisten können. In Mini-Auflagen. Ermöglicht durch Subventionen, Sponsoren, Spenden. Statt mit medialer Verwertung Geld zu verdienen, bringt man es mit. Rundfunkanstalten schicken Mitschnittverträge, in denen ganze Orchester alle Rechte an einer Aufnahme für alle Zeit abtreten. Und wissen Sie, wie hoch der Erlös eines Spotify-Streams ist? 0,35 Cent pro Aufruf. Und die teilen sich Künstler*innen mit dem Label. Es geht nur noch um Aufmerksamkeit in der Hoffnung, dass diese irgendwann zu Einnahmen führt. Aber die Investitionen werden immer größer.

Und so auch das Gefälle: Zwischen denen, die einen festen Job haben oder mediale Aufmerksamkeit genießen und selbst während des Lockdowns für Streaming-Konzerte eingeladen werden, Gehalt oder Gagen bekommen und sichtbar bleiben. Und den anderen, die gegen ihre Angst und ihren Horror vacui anproduzieren, nicht sichtbar sind und kein Geld mehr verdienen. Und deren Honorare sich übrigens auch schon in den letzten 10 Jahren seit der Finanzkrise nicht geändert haben. Ist ja auch sonst kaum etwas teurer geworden seitdem. Seit Jahren ziehen Künstler:innen und andere Freiberufler:innen aus der Großstadt aufs Land, weil sie vor der Gentrifizierung fliehen müssen. Berlins Umland – das inzwischen ab 100 km jenseits der Stadtgrenzen beginnt – ist voll davon. Abseits, im wahrsten Sinne des Wortes, schon vor Corona.

Interessant ist auch, wie sehr die oben beschriebenen Themen inzwischen auch zu einem Generationenkonflikt geworden sind – viele jüngere Musiker:innen wollen eben häufiger nicht nur spielen. Schon gar nicht immer dasselbe. Viele suchen nach neuen Inhalten, Formen und Modellen mit mehr Vielfalt und Nachhaltigkeit. Kein Wunder, es geht ja auch um ihre zukünftige Existenz.

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Apropos Zukunft, ein Blick zurück nach vorn: Vielleicht haben wir vor Corona in einer utopischen Blase gelebt. Im April haben wir uns plötzlich unter Schock gefühlt wie in einer dystopischen Netflixserie: blauer Himmel, keine Menschenseele zu sehen. Heute sind wir in einer neuen Realität angekommen, in der alles anders ist als vorher. Ein Zurück in die Utopie wird es nicht mehr geben, das wird immer klarer. Das heißt, wir brauchen Übergangslösungen in die Zukunft, nicht in die Vergangenheit. Dabei werden wir vieles und viele verlieren. Auch dieser Wahrheit müssen wir ins Auge sehen. Es gibt keine Strukturveränderungen ohne Verlierer:innen. Der Kohleausstieg ist ein seit 30 Jahren andauernder Prozess, der Strukturwandel der Autoindustrie ist in vollem Gange. Aber wie in der Wirtschaftspolitik sollten wir in der Kultur nicht mehr in aussterbende Verbrennungsmotoren investieren, sondern in etwas Neues!   

Die Zukunft holt uns schneller ein als wir denken. Wir müssen uns der Realität stellen und uns ehrlich machen. Einen New Deal for Culture aushandeln. Selbstbewusst und selbstkritisch, offen für Neues. Dafür müssen wir die Fassaden abnehmen und uns trauen, dahinter zu schauen. Wir müssen die Zeit jetzt nutzen, um uns über Grundsätzliches für die Zukunft zu verständigen. Gegenseitiges Vertrauen wieder herstellen, Anschluss finden. Vom hohen Ross absteigen und andere Perspektiven einnehmen. Mehr Intendantinnen, Generalmusikdirektorinnen, Chefregisseurinnen berufen.

Ein neues Verständnis von »Leitung« entwickeln, bei dem es nicht mehr um das hierarchische Entscheiden geht, sondern um das Moderieren von Prozessen, Partizipation, Diversität, Vernetzung mit lokalen Communities. Und damit einhergehend auch eine neue Definition von Erfolg.

Wir brauchen neue Fördersystematiken und Schwerpunkte. Wir müssen uns über soziale Absicherungen für die »Freien« aller Richtungen verständigen und die gegenwärtig stattfindende de-facto-Verarmung solidarisch auffangen, denn Kulturschaffende und andere Selbständige können nichts dafür, dass sie momentan nicht arbeiten können. Wie können wir das Instrument der Kurzarbeit auf Selbständige übertragen? Die sich immer weiter öffnende soziale Schere muss wieder geschlossen werden.

Die Kultur braucht einen New Deal. Ein Kommentar von Folkert Uhde.

Vor allem müssen wir uns einigen, wie viele Kulturen wir meinen, wenn wir über »Kultur« sprechen. Was fehlt uns und anderen? Und was ist uns das wert? Wenn das gelingt, ist Kultur vielleicht auch irgendwann nicht mehr »Freizeitbeschäftigung« in den Augen von Politiker:innen und eine »freiwillige Leistung« der Kommunen, die jederzeit weggekürzt werden kann. Sondern Teil der Daseinsvorsorge, ein zentrales Anliegen der Gemeinschaft.

Wir müssen reden: über einen New Deal for Culture. Jetzt, sonst ist es schneller zu spät als wir uns vorstellen können. Für sehr viele von uns. Und für die Kultur, die wir so lieben. Aber die wir noch besser können. ¶

Folkert Uhde gründete nach Stationen als Techniker, Barockgeiger, Musikwissenschaftsstudent und Konzertagenturbetreiber gemeinsam mit Jochen Sandig 2006 das Radialsystem in Berlin. Er war Künstlerischer Leiter des Radialsystems, des Musikfest ION in Nürnberg und ist Intendant der Köthener Bachfesttage. Außerdem leitet er gemeinsam mit Hans-Joachim Gögl die Montforter Zwischentöne in Feldkirch/Vorarlberg.

Folkert Uhde

... gründete nach Stationen als Techniker, Barockgeiger, Musikwissenschaftsstudent und Konzertagenturbetreiber gemeinsam mit Jochen Sandig 2006 das Radialsystem in Berlin. Er war Künstlerischer Leiter des Radialsystems, des Musikfest ION in Nürnberg und ist Intendant der Köthener Bachfesttage. Außerdem leitet er gemeinsam mit Hans-Joachim Gögl die Montforter Zwischentöne in Feldkirch/Vorarlberg. Mehr von Folkert Uhde