An einem warmen Donnerstagabend sammelt sich der Berliner Straßenchor in der Zwölf-Apostel-Kirche in Schöneberg. Die Sonne scheint durch die großen Fenster, an den Schulstühlen bilden sich kleine Grüppchen, die sich unterhalten. Der Chorleiter Stefan Schmidt wärmt das Ensemble auf und beginnt danach zu proben. Ein Mann und eine Frau sitzen abgeschieden an einer Bank und hören zu. Sie werden einige Zeit nicht mitmachen dürfen: Sie haben zu oft gefehlt, weil sie »tief im Osten« wohnen und es weit ist, und jetzt haben sie zu große Lücken. Es wird ernsthaft für La Bohème geprobt. Der Straßenchor besteht seit 2009. Ursprünglich kamen viele Sänger*innen direkt von der Straße, mittlerweile ist es eine Mischung aus Obdachlosen und anderen sozialen Randgruppen. Schmidt konnte mit seinem Ensemble öffentliche Aufmerksamkeit erzeugen, eine ZDF-Doku hat es bis zum ersten großen Konzert begleitet, Carmina Burana in der Philharmonie. Das Konzert war ausverkauft. Die nächste Herausforderung ist Puccinis Oper. Die Aufführung findet am 31. Mai im Stone Brewing in Mariendorf statt, eine Craft-Bier-Brauerei, die von dem sogenannten »Bier-Jesus aus Amerika« gegründet wurde. Karten für die Oper und ein hochwertiges Drei-Gänge-Menü dazu kosten €79.Die Dirigentin für La Bohème, Elda Laro, kommt nach einer halben Stunde zur Probe und übernimmt für Schmidt, der dann bei den Tenören mitsingt. Laro will das Tempo weiter anziehen und korrigiert fortwährend die Aussprache, es liegt spürbar Frustration in der Luft. Nach mehreren Wiederholungen entspricht der Klang endlich Laros Vorstellung; die Männer klopfen einander auf die Schultern, als hätten sie gerade ein Tor geschossen. Manche Sänger*innen im Chor seien »besser als Profis«, sagt mir die Frau, die am Rande der Probe sitzt.
In der Pause sprechen wir mit den Chormitgliedern und hören Geschichten von Leid – Beziehungsgewalt, €1,50-Jobs, einer für immer unbekannten Mutter – aber auch von Freude, schönen Flirts, gutem Kaffee, amerikanischer Country Music und den hübschen Frauen, die sie singen. Zur Verpflegung gibt es sieben Teesorten, fünf Packungen Wurst, acht Brotaufstriche, Käse und Brötchen. Draußen fängt es an zu regnen. Wir verabschieden uns und laufen zurück zur U-Bahn. Unter einem Vorsprung an der Kirchenfassade schützen sich die Prostituierten von der Kurfürstenstraße vor der Nässe. Es sind Menschen, die vielleicht eines Tages auch im Chor mitsingen werden.
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