Kein Meer, nirgends. Dabei hat Verdi es, als Aussicht ins Freie, als Traum von einem anderen Leben und einer anderen Welt, doch so eindrücklich sehnsuchtsvoll komponiert. Nur das Meerblau des hochgeschlossenen Kleids der Amelia lässt daran denken, und wie Fabio Luisi mit dem Koninklijk Concertgebouworkest im Graben der Amsterdamer Oper diese Meer-Musik klingen lässt, ist das schon die Beinah-Erfüllung aller Wünsche. Überhaupt: Mit den zartsamtigen ersten Streicherklängen, atmend, mitteilsam, ist die besondere tinta, die Grundfarbe des Stücks, sofort getroffen: ein Dunkel, in das manchmal Lichtstrahlen fallen, aus einem Pianissimo entwickelt, wie es nicht oft zu hören ist, und Luisi hält die Spannung bis zum Ende. Das Publikum: atemlos, deshalb hustenfrei. Sogar den Szenenapplaus vergessen sie manchmal, obwohl auch exzellent gesungen wird.
Danach ist einmal mehr klar, dass Simon Boccanegra zu den ganz großen Meisterstücken des großen Verdi gehört, zu selten gespielt wegen der aberwitzig unübersichtlichen Handlung, 1857 destilliert aus einem grell kolorierten Stück des spanischen Dramatikers Antonio García Gutiérrez, 25 Jahre danach mit Arrigo Boito noch einmal gründlich revidiert und um einen umfänglichen Prolog der Vorgeschichte ergänzt. Darin wird der Ex-Korsar Boccanegra, fast gegen seinen Willen, zum Dogen von Genua gewählt, mitten in ein multiples Spannungsfeld innerer und äußerer Konflikte: Das Volk wankelmütig, die Patrizier machtgierig, korrupt allesamt; von außen bedrohen die venezianischen Rivalen die Republik, außerdem müssen die Tataren befriedet werden. Boccanegra, der aus dem Volk kommt, will ja Frieden, »pace« ist sein letztes Wort, bevor er, in dieser wahrscheinlich längsten Sterbeszene der Operngeschichte, am Gift der Verschwörer verendet.

