Immer mehr Risse werden sichtbar im Fundament der musikalischen Bildung und der gleichberechtigten kulturellen Teilhabe in Deutschland. Seit Jahren wird auf den eklatanten Mangel an Musiklehrer:innen an allgemeinbildenden Schulen hingewiesen, jetzt wird deutlich: Auch den Musikschulen geht das qualifizierte Personal aus.
Im November 2025 veröffentlichte Daten der großangelegten MIKADO-Studie zeigen: Bis 2035 scheiden an Musikschulen rund 14.700 Lehrkräfte altersbedingt aus (mögliche Abwanderungen in andere Berufsfelder sind hier noch nicht mit einberechnet). Nachrücken werden in dem Zeitraum allerdings nur etwa 4.000 Absolvent:innen künstlerisch-pädagogischer Bachelor- und Masterstudiengänge. Damit könnten selbst unter günstigen Annahmen etwa drei Viertel der frei werdenden Stellen nicht qualifiziert besetzt werden.
»Ohne umgehendes und wirksames Gegensteuern werden mehr als 500.000 Schülerinnen und Schüler keinen Musikschulunterricht mehr erhalten können«, erklärt Claudia Wanner, Pressesprecherin des Verbands deutscher Musikschulen (VdM), auf VAN-Nachfrage. »Bereits heute sind alle öffentlichen Musikschulen in Deutschland betroffen, wenn auch noch nicht immer in allen Unterrichtsfächern. Der Mangel an Musikschullehrkräften wird aber noch weiter deutlich zunehmen, im ländlichen Raum dabei in besonderem Maße.«
Das merkt auch Klaus Bredl, Geschäftsführer des VdM Landesverbands Niedersachsen: »Diese Entwicklung betrifft das gesamte Bundesgebiet – ihre Auswirkungen werden jedoch in Niedersachsen besonders deutlich spürbar sein«, meint er gegenüber VAN. In ländlichen Regionen verschärfen sich Fachkräfteengpässe schneller und nachhaltiger als in urbanen Zentren: »Auf manche Ausschreibungen bewirbt sich überhaupt niemand mehr. Das gab es früher nicht in diesem Ausmaß und die Situation wird sich sicher noch verschärfen.« Laut Bredl droht ohne gezielte Gegenmaßnahmen ein flächendeckender Rückgang des Angebots »in erheblichem Umfang – mit direkten Folgen für Bildungsgerechtigkeit und kulturelle Teilhabe«.
Auch in Thüringen beobachtet Romy Kopmann, Geschäftsführerin des dortigen VdM Landesverbands, dass an kleinen ländlichen Musikschulen Stellen aufgrund des Mangels an Bewerbungen mehrmals ausgeschrieben werden müssen – und selbst dann die Nachbesetzung oft unsicher bleibt. Dadurch gibt es an vielen Musikschulen für zukünftige Schüler:innen lange Wartelisten.
Ähnliches weiß Dirk Olbrich aus dem Münchener Umland zu berichten. Der Leiter der Kreismusikschule Fürstenfeldbruck hat zwar keine Probleme, Personal für Fächer wie Klavier oder Violine zu finden, deutlich schwieriger sei die Situation aber im Elementarbereich sowie bei einzelnen Instrumenten wie Blockflöte: »Hier bleiben Ausschreibungen teilweise ganz ohne Resonanz.« Auch Vertretungsstellen für Elternzeit oder Krankheit ließen sich nur schwer besetzen.
Die Ursachen des Lehrkräftemangels seien längst bekannt, so Klaus Bredl: »Begrenzte Ausbildungskapazitäten, fehlende strukturelle Verzahnung zwischen Ausbildung und Praxis sowie ein Berufsbild, dessen Attraktivität unter den aktuellen Rahmenbedingungen leidet.« Problematisch sind nicht nur die Vergütung (die zum Beispiel im Vergleich zu Lehrkräften an der Schule deutlich geringer ausfällt) und Arbeitszeiten, die sich mit einem eigenen Familienleben kaum vereinbaren lassen; auch in der Ausbildung müsse sich dringend etwas tun: Musikpädagogische Studiengänge müssten ausgebaut werden, genau wie studienvorbereitende Angebote. Musikschulen sollten zudem strukturell enger mit Musikhochschulen kooperieren.
Auch Romy Kopmann erkennt eine derzeit »problematische Schwerpunktsetzung« der Ausbildung an Musikschulen: »Während auf eine frei werdende Orchesterstelle durchschnittlich circa 13 Absolventinnen und Absolventen rein künstlerischer Studiengänge kommen, gibt es für vier frei werdende musikpädagogische Stellen lediglich eine entsprechend qualifizierte Absolventin beziehungsweise einen Absolventen«, erklärt sie gegenüber VAN. Bundesweit wäre laut Kopmann also perspektivisch mindestens eine Vervierfachung der Ausbildungskapazitäten erforderlich. »Für Thüringen bedeutet dies konkret, dass der Studiengang in Weimar dringend eingerichtet werden muss, um überhaupt eine erste Annäherung zwischen Ausbildungsleistung und realem Fachkräftebedarf zu erreichen.« Ein künstlerisch-pädagogischer Studiengang ist in Weimar aktuell im Zulassungsverfahren, der VdM Landesverband Thüringen ist an der Entwicklung dieses Studiengangs beteiligt.
Auch die meisten Musiker:innen, die ein rein künstlerisches Fach studieren, um zum Beispiel Pianistin oder Pianist zu werden, unterrichten später, aber, so Klaus Bredl, »ihnen fehlt dann der pädagogische Teil der Ausbildung«. Die Nachqualifizierung sei darum ebenfalls eine wesentliche Stellschraube. Aber auch sie kostet Geld. Hier sieht Bredl die Länder in der Pflicht – wie in der Finanzierung der Musikschulen im Allgemeinen.
Laut einer Pressemitteilung des Bundesverbands VdM tragen Eltern und Kommunen aktuell den Großteil der Finanzierung der Musikschulen, während die Länder im Durchschnitt lediglich 9,35 Prozent der Kosten übernehmen (beziehungsweise 12 Prozent, wenn man die Stadtstaaten nicht in die Rechnung einbezieht, so Bredl).
Der finanzielle Druck, der auf den Musikschulen lastet, ist in den vergangenen Jahren durch das sogenannte Herrenberg-Urteil massiv gewachsen. Seit diesem Urteil des Bundessozialgerichts aus dem Jahr 2022 ist klar: Bei der Tätigkeit vieler Honorarkräfte an Musikschulen – dem Unterrichten in den Räumen der Musikschule, die sowohl den Stundenplan als auch die Höhe der Honorare der Lehrkräfte vorgibt und mit den Schüler:innen die entsprechenden Verträge abschließt – handelt es sich um ein abhängiges Beschäftigungsverhältnis samt Sozialversicherungspflicht. Die allermeisten Honorarverträge mussten in der Folge in Festanstellungen umgewandelt werden. Der VdM fordert darum jetzt eine größere Beteiligung der Länder an den pädagogischen Personalkosten der Musikschulen. Ein Drittel der Finanzierung sollen diese tragen.
In Niedersachsen übernimmt das Land allerdings nur 4,5 Prozent der Finanzierung der kommunalen Musikschulen. Der Großteil der Honorarverträge wurde auch hier infolge des Herrenberg-Urteils in sozialversicherungspflichtige Anstellungsverhältnisse umgewandelt. Aktuell werden nur noch fünf Prozent des Unterrichts von Honorarkräften erteilt. »Die Musikschulträger müssen für die zusätzlichen Festanstellungen jährlich rund 5 Millionen Euro zusätzlich in die Hand nehmen«, erklärt Klaus Bredl. »Das war ein notwendiger und richtiger sowie zukunftsweisender Schritt: für mehr Rechtssicherheit, bessere Arbeitsbedingungen und eine höhere Attraktivität des musikpädagogischen Berufs. Gleichzeitig entstehen den Trägern dadurch Mehrkosten in Millionenhöhe, die bislang nicht ausreichend gegenfinanziert sind. Hier zeigt sich ein zentrales Problem: Die Musikschulen setzen politisch gewollte Veränderungen mithilfe der kommunalen Förderung weitestgehend um – die finanzielle Verantwortung dafür wird vom Land jedoch nicht adäquat berücksichtigt, geschweige denn übernommen.«
Die Auswirkungen sind bereits deutlich erkennbar: höhere Gebühren, eine wachsende Belastung der Kommunen und zunehmende finanzielle Hürden für Familien. Gerade im ländlichen Raum treffen so steigende Kosten auf begrenzte kommunale Mittel und größere Entfernungen zu den Musikschulen bei zum Teil schlechter Anbindung – mit der Folge, dass Angebote reduziert oder im schlimmsten Fall eingestellt werden müssen. Kulturelle Teilhabe könnte bald also vermehrt nicht nur vom sozioökonomischen Status der Eltern abhängen (was ungerecht genug ist), sondern auch vom Wohnort.
»Das Berufsfeld Musikpädagogik muss insgesamt attraktiver werden, vor allem durch flexiblere Arbeitsbedingungen und eine bessere Vergütung«, so Bredl. »Dafür braucht es mehr Mittel und auch da müssen wir stärker auf das Land zählen können.«
Laut VdM erkennen die jeweiligen Landesregierungen in ihren bisherigen Stellungnahmen die Bedeutung der Musikschulen als öffentliche Bildungseinrichtungen und Teil der kulturellen Daseinsvorsorge an. Die angestrebte Drittelfinanzierung werde von den Ländern als wünschenswert und nachvollziehbar eingeschätzt, heißt es in der Pressemitteilung, sei aber aufgrund der angespannten Haushaltslagen nicht realisierbar. Der VdM betont, dass es dabei um mehr geht als um kulturelle Teilhabe beziehungsweise die Basis für spätere Karrieren: Musikalische Bildung sei ein wichtiger Bestandteil der ganzheitlichen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, indem sie kognitive, soziale und kreative Kompetenzen fördere.
In Niedersachsen wie im gesamten Bundesgebiet sind die Musikschulen nach wie vor zentrale Orte kultureller Bildung, gesellschaftlicher Teilhabe und demokratischer Praxis, meint auch Klaus Bredl. Sie sorgten für Breitenförderung genau wie für Talententwicklung, sicherten Nachwuchs für das Musikleben und leisteten einen wesentlichen Beitrag zur Persönlichkeitsbildung junger Menschen. Musikalische Bildung sei damit kein freiwilliges Zusatzangebot, sondern integraler Bestandteil öffentlicher Bildungs- und Kulturverantwortung. »Ihren Bildungsauftrag haben die Musikschulen in den vergangenen Jahrzehnten trotz schwieriger Rahmenbedingungen eingelöst: flächendeckend, qualitätsgesichert und mit hoher gesellschaftlicher Wirkung«, so Bredl. »Gerade im Flächenland Niedersachsen – und insbesondere im ländlichen Raum – sind Musikschulen oft die einzigen verlässlichen Träger musikalischer Bildungsangebote. Hier entscheiden ihre Strukturen unmittelbar darüber, ob Kinder und Jugendliche überhaupt Zugang zu kultureller Bildung haben.« ¶

