Es begann mit einem Gefühl, nicht im Ohr, sondern im Bauch. Musik war für mich schon immer eine zutiefst körperliche Erfahrung. Wenn ich zuhörte und vor allem, wenn ich selbst spielte, schien der Klang zunächst nur in meinen Ohren zu entstehen, bevor er meinen ganzen Körper bewegte. Es fühlte sich an, als gäbe es im Zentrum meines Wesens schwingende Saiten und das Erleben von Musik erweckte diese Saiten mehr als jede andere Tätigkeit zum klingenden Leben. Im Moment des Spielens war ich die Musik, und jedes Atom meines Wesens schien sich mit ihren Frequenzen zu synchronisieren.
Im Juni 2023 verschwand dieses Gefühl. Nicht auf einen Schlag, aber schnell genug, dass es für mich ein Vorher und ein Nachher gibt. Ich hatte gerade meiner Masterarbeit den letzten Schliff gegeben und wollte das mit dem Schlusschor aus Fidelio feiern. »Gesegnet sei der Tag, gesegnet sei die Stunde«, schallte es, und ich fühlte mich … gelangweilt. Abwesend. Wo mich zuvor die Energie des Stücks körperlich mitgerissen hätte, schien die Musik jetzt irgendwo im Hintergrund festgefroren zu sein. Alle Töne waren da, in genau der richtigen Höhen zur genau richtigen Zeit, aber sie fanden buchstäblich keinen Widerhall in mir. Ich konnte die Musik hören, aber ich konnte sie nicht fühlen.

