»Leben mit einem Idioten« klingt für mich wie eine Untertreibung in der gegenwärtigen Lage, wo verschiedene Formen des Psychopathentums Voraussetzung für weltmächtigste Ämter zu sein scheinen. Und so scheint mir Alfred Schnittkes Oper Leben mit einem Idioten von 1992, deren Neuinszenierung, als Koproduktion mit Nancy, jetzt Premiere in Magdeburg feierte, gerade sehr fern und sehr zeitgemäß zugleich. Fern, da die Schockelemente des seltsamen Gleichnisses (da wird in Treppenhäuser geschissen und mit der Gartenschere ein Kopf abgeschnitten) fast schon öde nostalgisch wirken: Bürgerschreck-Attitüde der 1980er Jahre, oder sowjetisch gesprochen Arbeiter-und-Bauern-Schreck, besser Funktionärsschreck; der Regisseur der Amsterdamer Uraufführung, Boris Pokrowski, nannte vor einem Dritteljahrhundert Leben mit einem Idioten etwas kryptisch »die erste – und letzte – sowjetische Oper«. Und zeitgemäß, da das disruptorische Element der Fabel nun leider arg in unsere Kettensägen-Gegenwart passt, wo eigene Gesellschaften und fremde Länder wieder überfallen werden, von innen und von außen, in einer Unverblümtheit, die naiven Menschen längst passé schien.

Da zieht also ein stammelnder, sprachloser »Idiot« aus dem Irrenhaus zu einem Paar namens Ich und Frau, wo er sich beide Partner sexuell gefügig macht und, neben allerlei anderem grausamen Unfug, die geliebte Proust-Ausgabe zerfetzt, den Inbegriff der gehobenen Formulierung. Der Schriftsteller Viktor Jerofejew schrieb die Parabel 1980 regelrecht nieder, als er vom sowjetischen Schriftstellerverband kaltgestellt worden war, und richtete zehn Jahre später auch selbst das Libretto für Schnittkes knapp zweistündige Oper ein. Ans linke Ende der Parabel könnte man leicht Lenin kleben – den Vladimir, der manchmal Wowa genannt wurde, genau wie in der Oper der zerstörerische Irre heißt, der bei uns einzieht – und ans rechte Ende den anderen Vladimir, der seit Jahren mörderisch auf den europäischen Teppich scheißt und den einige Bewohner des europäischen Hauses dennoch verstörend lieben und begehren.


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… lebt in Berlin, liebt Musik, schreibt Romane: u.a. ›Beethovn‹ (2020). Zuletzt erschien ›Silence‹. ✉️ KonzertgaengerBerlin@gmail.com