Ganze Bücher ranken sich um die psychischen Erkrankungen berühmter Musikerinnen und Musiker. Noch immer hält sich die Auffassung, große Kunst könne nur unter großem Leid entstehen. Ob voyeuristisch oder nicht: Wer Kompositionen ausschließlich unter den Vorzeichen biographischer Informationen über Leid, Not und Krankheit rezipiert, der macht sicherlich etwas falsch. Und so muss auch die Depressionserkrankung von Mel Bonis (1858–1937) nicht Anlass sein, das musikalische Werk dieser Komponistin nach »Anzeichen von irgendwas« zu durchforsten.
Das 1905 entstandene Quartett für Violine, Viola, Violoncello und Klavier Nr. 1 op. 69 von Bonis ist etwa 25 Minuten lang. Mélanie Bonis war ungefähr 47 Jahre alt – und nannte sich selbst »Mel«, um die Frage nach »Mann oder Frau« zu umgehen, um etwaige Reaktionen des »Marktes« auf ihr herausgegebenes Kompositionsmaterial als Komponistin nicht gleich der Abwertung, der Diskriminierung und – im »besten« Fall noch – der Verniedlichung auszuliefern. (Bonis schrieb 1927 noch ein zweites Klavierquartett, in D-Dur, eines ihrer letzten Werke überhaupt, op. 124. Sehr berührende Musik.)

