15. September 2001, Klein Jasedow nahe der Ostsee: Ein Spritzfahrzeug eines lokalen Agrarunternehmens entlädt versehentlich das Herbizid Brasan auf 5.000 biologisch angebaute Zitronenmelisse-Pflanzen. Die Kräuter wachsen in einem Garten, der dem Flötisten Klaus Holsten, dessen Frau, der Cembalistin Beata Seemann, dem Musiktherapeuten, Autor und Gongbauer Johannes Heimrath, und einigen anderen gehört. Das Grün der Felder verwandelt sich über Nacht in gelbe und weiße Flächen, fast, als hätte es im September geschneit. Der Schaden wird auf etwa 15.000 € geschätzt. Eine Anwohnerin klagt zudem bei einem Arztbesuch über merkwürdige grippeähnliche Symptome.

Der Eingang zum Dorf Klein Jasedow.
Der Eingang zum Dorf Klein Jasedow.

Das Clomazon wurde von einer Firma mit dem finster klingenden Namen Agrar GmbH ausgetragen. Aber statt sich gegen das Unternehmen zusammenzuschließen, richtete sich der Groll der Einwohner*innen von Klein Jasedow und den Nachbardörfern gegen die in ihrer Mitte lebenden klassischen Musiker*innen. In der Dokumentation Die Siedler am Arsch der Welt (2004) des Filmemachers Claus Strigel beschuldigt ein älteres Paar, das als »Familie Bliese« vorgestellt wird, die Musiker*innen – die es unterdessen geschafft hatten, auf regional- und landespolitischer Ebene auf den Skandal aufmerksam zu machen –, die konventionelle Landwirtschaft zerschlagen und durch eine »Bio-Ideologie« ersetzen zu wollen. Lange brodelnde Spannungen kochen über. Holsten, Seemann, Heimrath und ihre Mitbewohner*innen wird vorgeworfen, Geld, Autos und nicht biologisch abbaubares Geschirr verbieten zu wollen und außerdem die Gründung eines »Lesbenklubs« im Nachbardorf Pulow zu planen; an einer Kirchentür, die die Gruppe als Geste des guten Willens reparieren half, will man satanische Symbole gefunden haben. Auch ihre Musik wird argwöhnisch betrachtet. Eine Kirchenzeitung ruft die Gemeindemitglieder dazu auf, von den Aufführungen fern zu bleiben. Die Musiker*innen tanzten nachts wie Hexen zum Klang von Trommeln ums Lagerfeuer, so Frau Bliese im Film. Wenn Menschen sich über die »steife Ritualisierung« klassischer Konzerte beschweren, meinen sie wahrscheinlich etwas anderes.


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... ist seit 2015 Redakteur bei VAN. Sein erstes Buch, The Life and Music of Gérard Grisey: Delirium and Form, erschien 2023. Seine Texte wurden in der New York Times und anderen Medien veröffentlicht.