Choreografen sind spezielle Leute. So findet für sie der Schaffensprozess eines neues Werkes, dieser geheimnisvolle und mysteriöse Vorgang, vollständig unter den Augen einer kleinen Öffentlichkeit statt. Maler malen in der Abgeschiedenheit ihres Ateliers oder doch einsam vor ihrer Staffelei, wo immer sie steht. Schriftsteller schreiben, nachdem sie ihre Kinder, ihre Geliebten, ihre Studenten, Verwandten, Freunde und Leser fortgeschickt haben. Komponisten komponieren, wie George Balanchines Biograph Bernard Taper lustig schreibt, gerade nicht, indem sie vor einem Orchester stehen und jener Bläsergruppe oder dort den Celli ein eben erfundenes Motiv vorsummen. Ein bisschen so ist es aber beim Choreografen. Er sieht sich einer stillen und geduldigen Menge gegenüber, die ihre Blicke auf ihm ruhen lässt, während sie darauf wartet, vom Fleck bewegt zu werden, und zwar auf aufregende Art und Weise. »Extended improvisation under pressure«, ausführliche Improvisation unter Druck, so definierte Taper den Entstehungsvorgang einer neuen Balanchine-Choreografie. Balanchine störte daran gar nichts. Er entwarf ohne Mühe, ohne Scheu, ohne Selbstmitleid, ohne Anlauf, ohne Suche nach Inspirationsquellen. Sagte Tschaikowski, seine Muse komme zu ihm, wenn er sie rufe, so soll Balanchine gesagt haben, sie komme zu den mit den Gewerkschaften ausgehandelten Zeiten.
Jetzt abonnieren, um weiterzulesen.
Unbegrenzter Zugang zu allen aktuellen Artikeln und dem Archiv
VAN als unabhängiges Magazin wird maßgeblich über Abos getragen. Mit Ihrem Abo ermöglichen Sie unsere Arbeit und sichern die Zukunft von VAN.
