Die Konzerte, Inszenierungen und Festivals, auf die die VAN-Autor*innen sich für die Saison 18/19 am meisten freuen.

Titelbild Brian Gratwicke (CC BY 2.0) · Datum 29.8.2018

Die großen Ferien sind vorbei, die Theater und Orchester schütteln den Sand aus dem Getriebe und fahren den Betrieb wieder hoch. Höchste Zeit, sich durch den undurchdringlichen Dschungel an Premieren, Konzerten und Festivals mit unseren Autorinnen und Autoren einen Weg zu bahnen. Die folgenden Kategorien bilden die Wegmarken:Talk of the town: Was wird das Event, das man nicht verpassen darf, über das alle zu Recht reden werden?Into the unknown: Was ist der heißeste Scheiß, den zu Unrecht niemand kennt?Wish You Were Here: Unendlich viel Zeit, Geld und Möglichkeiten: wen ich wohin einladen würde, wenn ich Intendant*in wäre.Zückt die Kalender, nehmt den Federkiel zur Hand, und los geht’s!

Jeff Brown

Talk of the town: Schönbergs Violinkonzert mit Patricia Kopatchinskaja, Kirill Petrenko und den Berliner Philharmonikern • Kirill Petrenkos Amtszeit mit den Berliner Philharmonikern beginnt offiziell erst im Herbst 2019, letzte Woche hat er aber bereits die Saisoneröffnung des Orchesters mit Richard Strauss´ Don Juan, Tod und Verklärung und Beethovens Siebter dirigiert. Interessanter als dieses etwas durchschnittliche Sommerprogramm wird das Konzert mit Patricia Kopatchinskaja und Schönbergs Violinkonzert (und Tschaikowskis Symphonie No. 5) im März 2019. Wie geht Petrenko mit diesem wunderbar übertriebenen Stück um? Kann er dafür sorgen, dass es häufiger gespielt wird? Wie setzt er sich gegen Kopatchinskaja durch, die starke musikalische Meinungen und eine leichte Tendenz zur Melodramatik hat? Mit den Antworten werden uns die Berliner viel über die nächsten Jahre in der Philharmonie verraten.

Into the Unknown: Claude Viviers Kopernikus an der Berliner Staatsoper • Claude Vivier hatte mal vor, eine Oper über den Liebestod von Tschaikowski zu schreiben. Dieses Werk ist nie entstanden, aber Kopernikus, eine »Opéra-rituel de mort«, gibt uns eine Ahnung davon, wie sie vielleicht geklungen hätte. Die ernsten Studien zur Musik aus Bali, die spektralen Akkorde, die durchgehende komische Melancholie und das gewisse schwule Etwas sind an Vivier absolut unverkennbar. Die Premiere an der Staatsoper Berlin ist schon ausverkauft. Nächstes Mal sollte aber bitte Barenboim selber dirigieren.

Wish You Were Here: Pisaro über der Sahara, Romitelli im Kasernentheater • Ich möchte Michael Pisaros Hearing Metal 3 in einem Frachtflugzeug hören, während ich über die Sahara fliege. Ich möchte Fausto Romitellis Professor Bad Trip in dem Theater einer verlassenen sowjetischen Armeestation sehen. Aber so etwas würde ein Intendant ja nie machen, und ich kann auch realistisch sein. Das Programm also lautet: Romitellis Dead City Radio, Scelsis Anahit mit Christian Tetzlaff und danach La Mer. Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Keine Pause, kein Dirigent. Müsste machbar sein.

Elisa Erkelenz

Talk of the town: Olga Neuwirths The Outcast in Wien und Hamburg • Olga Neuwirth wurde dieses Jahr 50, das RSO Wien und Wien Modern schenken ihr gemeinsam mit der Elbphilharmonie einen weißen Wal: Die Uraufführung der revidierten Fassung von The Outcast, einer Hommage an Moby-Dick-Autor Melville.»Die meisten Meereserzählungen sind Allegorien von Autorität. Allein in diesem Sinne schon ist Politik nie weit entfernt. Gilt für heute wie damals: Die Schifffahrt als Metapher für das Dasein«, so Neuwirth über die Produktion. Nachdem sie sich im Zuge der ersten Fassung von einer szenischen Autorität schöpferisch enteignet fühlte und sich öffentlich von jener Uraufführung distanzierte, scheint nun mit der Video-Regisseurin Natia Jones eine Partnerin in Crime für die Bezwingung der meerigen »Musicstallation« gefunden. Uraufführung am 14. November 2018 im Wiener Konzerthaus, in der Elbphilharmonie am 04.  März 2019.

Foto © Richard Stöhr / Lorin Strohm
Foto © Richard Stöhr / Lorin Strohm

Into the Unknown: Unterdeck mit dem Decoder Ensemble • Unter Deck der Elbphilharmonie, weit weg vom Glanz der Glasfassade, betreibt das Decoder Ensemble eine ziemlich aufregende Konzertreihe. Hier sägt die Cellistin während das Publikum hinabsteigt noch am Bühnenbild herum, die Musiker kuratieren die Abende selbst, zusammen mit Komponist*innen wie Brigitta Muntendorf oder Hannes Seidl, aber auch Künstlern anderer Sparten wie Nora Gomringer oder Heinrich Horwitz. Freilich ist Decoder kein Underdog mehr, und doch erhält sich der Kaispeicher einen Hauch von Anarchie mit diesen rar gesäten Abenden – und mancher erinnert sich vielleicht an Zeiten, als er bei früheren Techno-Parties so schön nach Kaffee roch. Mit der Reihe macht das Ensemble vor, was der Raum für die Elbphilharmonie werden könnte: Ein Ort zum Experimentieren, ein Unterdeck der freien Szene. Die Reihe mit vier Konzerten startet am 9. November 2018 in die Saison.

Wish You Were Here: Trickster Orchestra, Kamilya Jubran, Sinan Cem Eroğlu • Die zeitgenössische Musikszene verhält sich zuweilen wenig offenporig für neue Impulse – ob aus Südafrika, Hanoi oder Kairo. Das Raster der Kunstmusik-Qualitätsdebatte bleibt schwer kompatibel mit Künstler*innen, die sich in ihren Biografien und ihren musikalischen Sprachen im Dazwischen aufhalten. Die Musiktraditionen weiterentwickeln, zeitgenössisch interpretieren, statt sich für die »World Music«-Szene selbst zu exotisieren. Das in Berlin ansässige Trickster Orchestra rund um Ketan Bhatti und Cymin Samawatie geht interessante Schritte in Richtung eines neuen Hörens des »Inbetween-ness«: In Echzeit-Improvisationen und Mimesis-Workshops finden Klangsprachen verschiedener Musiktraditionen zusammen – in immer wechselnden Besetzungen. Auch auf der durch die Recherchen für VAN OUTERNATIONAL länger werdenden Liste hoch spannender Künstler: die Sängerin und Oud-Spielerin Kamilya Jubran. Oder, gerade aus Istanbul nach Hamburg gezogen: Sinan Cem Eroğlu.

Volker Hagedorn

Talk of the town: Debussys Le martyre de Saint SébastienTalk of the town? Dafür ist ein Skandalstück immer gut. Claude Debussys Le martyre de Saint Sébastien wurde 1911 vom Pariser Erzbischof mit einem Besuchsverbot für Katholiken versehen – und hundert Jahre lang nur wenig gespielt, gesprochen, gesungen, weil dieses erotische Mysterienspiel zwischen alle Stühle fällt, formal wie inhaltlich, dazu stilistisch heterogen. Jetzt ist offenbar seine Zeit gekommen. Auch wenn nicht gerade die Massen strömen werden, ist das Martyrium talk of the towns, gleich viermal: Am 16. September 2018 in der Berliner Philharmonie mit dem DSO, Dirigent Robin Ticciati und Dame Felicity Lott als Erzählerin, am 5. Februar 2019 in der Elbphilharmonie (Symphoniker Hamburg, Sylvain Cambreling, Dörte Lyssewski), am 8. und 9. März 2019 in der Warschauer Philharmonie, mit Barbara Wysocka (sonst als Regisseurin bekannt) als Sprecherin und dem Orkiestra Filharmonii Narodowej, geleitet von Jacek Kaspszyk und schließlich am 4. und 5. April 2019 in der Zürcher Tonhalle Maag, wo Matthias Pintscher das Tonhalle-Orchester dirigiert und Martina Gedeck spricht. Europas Bischöfe werden damit wohl auch in Warschau klarkommen.

Foto Antonello da Messina (Public domain), via Wikimedia Commons
Foto Antonello da Messina (Public domain), via Wikimedia Commons

Into the unknown: Jacques Offenbachs Barkouf in Strasbourg • Into the unknown – das dürfte selten so zutreffen wie am 7. Dezember 2018 in Strasbourg, wo die Opéra National du Rhin sich anschickt, die Musikgeschichte neu zu schreiben. Mit Jacques Offenbachs Barkouf ist dort zum ersten Mal seit 1860 die schärfste komponierte Politsatire des 19. Jahrhunderts zu erleben, inszeniert von Mariame Clément, dirigiert von Jacques Lacombe. Gegen den Einspruch der Zensoren im Kaiserreich des Napoléon III. wurde diese opéra-bouffe mit einem Hund als Gouverneur in Paris uraufgeführt; sie verschwand schleunigst wieder von der Bühne und im Schrank des Komponisten. Sensationeller noch als der bellende Regent ist an dieser von Jean-Christophe Keck wiederentdeckten Partitur die Musik Offenbachs, der weder vorher noch nachher harmonisch so kühn an den Zeitgenossen vorbeizog. Selbst dem Avantgardisten Hector Berlioz ging das zu weit: »Ich möchte lieber bei einem Leichenbestatter wohnen als bei einem derartig spaßigen Gastgeber.«

Wish You Were Here: Ein irres Team für einen irren Mix • Es wäre nicht originell, Asmik Grigorian als nächste Salomé zu buchen, nachdem die stimmlich wie darstellerisch sagenhafte Sopranistin diese Rolle in Salzburg neu definiert hat. Es muss auch kein Orchester sein und keine Oper. Ich würde ein irres Team für einen irren Mix einladen. Klavierextremist Marc-André Hamelin spielt fast unspielbar galaktisches Zeug von Nikolai Andrejewitsch Roslavez, sorgsam abgestimmt mit neu textierten Vokalpartien der Spätromantik, in denen die britischen Tenöre John Daszak und Christopher Ventris Dokumente zum Brexit vortragen und zugleich um Europa buhlen. Als Europa wird Asmik Grigorian, sparsam von Percussion und Sologeige begleitet, eine neu zu komponierende (Reimann?) Solopartie singen, Text noch offen (eher Baudelaire als Sloterdijk), Dauer der Vorstellung: 70 Minuten. Die Inszenierung wird von allen zusammen erarbeitet, wenngleich unter Leitung einer Regiegröße, die das Ganze irgendwo zwischen Marthaler und Castellucci landen lassen könnte. Geld wäre also nicht wirklich das Problem (drei Sänger, drei Instrumentalisten). Eher schon, dass meinem Wunschpersonal die Sache doch bisschen zu durchgeknallt ist.

Julia Kadar

Talk of the town: Mahler 4 und Wunderhornlieder mit Teodor Currentzis, Anna Lucia Richter und MusicAeterna • Der gute Teo ist doch immer Gesprächsthema irgendwo, oder? Oder ist der Spektakel-Zug schon abgefahren? Mir ist das eigentlich egal, denn ich habe ihn noch nie live erlebt. Aber so viel gehört und gelesen, dass ich da wirklich gespannt bin, es mal selbst zu erfahren, wie es wirkt und klingt mit dem Wahnsinns-Magier. Am 05. Dezember 2018 in der Berliner Philharmonie.

Into the Unknown: Skalkottas-Schwerpunkt im Boulez-Saal • Erstens, ich habe noch nie ein Werk von Nikos Skalkottas gehört. Zweitens sind eine Reihe von Interpreten vertreten, die ich unbedingt mal wieder hören möchte: Leonidas Kavakos und Enrico Pace: Kavakos ist eigentlich immer großartig und ich erinnere mich an ein Recital in Bonn mit genau diesem Pianisten und ihm, in meinen Anfangszeiten als Praktikantin in seiner deutschen Agentur. Da war ich nachhaltig beeindruckt und das würde ich gern wieder erleben, hier in dem tollen Boulez-Saal. Yulianna Avdeeva: eine zu unrecht (noch?) zu wenig bekannte (?) Pianistin im Konzertbusiness. Gidon Kremer schätzt sie sehr und der liegt selten falsch mit seinen Favoriten. Jiyoon Lee: die neue junge Konzertmeisterin der Berliner Staatskapelle, ein »Rising Star« (die mich normalerweise wenig interessieren, ups.).

Foto © Christine Schneider
Foto © Christine Schneider

Wish You Were Here: Carte blanche – Konzert mit Orchestern • Drei verschiedene Orchester von drei Kontinenten (Cleveland Symphony, Budapest Festival, Australian Chamber Orchestra) – bittet man, sie sollen jeweils ein Stück bestimmen, welches sie am besten spielen – so, als wäre ihr letztes Konzert. Als würden sie sich danach auflösen. Das allerletzte Stück, welches sie zusammen aufführen können. Danach ist Schluss. Und das Orchester sucht aus und stimmt ab, kein Dirigent! Die Musiker müssen sich mit einer klaren Mehrheit auf ein Stück einigen. Auch die Dirigentin oder den Dirigenten können sie sich dazu aussuchen. Oder ohne Dirigent*in spielen. Das ganze in EINEM Konzert. Vielleicht wird es ein Marathon (drei Sinfonien?) oder auch nicht.

Astrid Kaminski

Talk of the town: Brandenburgische Konzerte mit Anne Teresa De Keersmaeker/Rosas an der Berliner Volksbühne • Vor einem Jahr wurde die Volksbühne Berlin vor Spielzeitbeginn besetzt, in diesem Jahr soll die Spielzeit am 12. September 2018 mit den Sechs Brandenburgischen Konzerten in der Choreografie von Anne Teresa De Keersmaeker und in der Interpretation des B’Rock Orchestra eröffnen. Vielleicht bringt Bach etwas Sortiertheit in Berlins umkämpftestes Theater zurück? Der Spielzeitauftakt kann aber auch als Zeichen re-intensivierter Allianzen zwischen Tanz und Musik gelten. Vor allem Techniken und Ästhetiken des Singens und Hörens, u.a. inspiriert von Pauline Oliveros’ deep listening, prägen die Tanzkonzepte der Saison. Wer im November in Barcelona ist: Vom 9.-11. läuft dort wieder Meg Stuarts Violet mit Brendan Dougherty am Drumset. Dieses Stück ist sowas wie der Urknall von Tanz-und-Live-Musik-Trips.

Into the unknown: Laurent Chétouanes Invisible PiecesWie das Meer, wenn niemand ihm zusieht, in einem Gedicht Jules Supervielles zum »heimlichen Meer« wird, so verwandeln sich die Tänzer in Laurent Chétouanes Invisible Pieces in »heimliche Tänzer«: Statt am Sehen bildet sich ihre Präsenz am Hören und nimmt dadurch eine fast ätherische Körperlichkeit an. Die Folie für Invisible Piece #2, das vom 7.-9. Dezember 2018 am Berliner HAU 3 gespielt wird, liefert die Arbeit an Beethovens Streichquartett cis-Moll, op. 131, das Chétouane und sein Team dann im nächsten Jahr zur Premiere bringen.

Laurent Chétouane, Tilman O’Donnell & Mikael Marklund: Invisible Piece #1: Duett für hörende Körper • Foto © Eva Würdinger
Laurent Chétouane, Tilman O’Donnell & Mikael Marklund: Invisible Piece #1: Duett für hörende Körper • Foto © Eva Würdinger

Wish You Were Here: Dercon-Comeback an der Volksbühne • Dass Senator*innen und Minister*innen die von ihnen bestellten Intendant*innen so behandeln, als seien sie dazu berufen, parteipolitische Programme umzusetzen, ist inzwischen auch in Deutschland kein Einzelfall mehr. Das politische Versagen rund um die Volksbühne Berlin, die Ruhrtriennale, das Tanztheater Wuppertal, die Kammerspiele München machen deutlich: Es braucht andere demokratischen Berufungs- und Kontrollstrukturen im staatlich bestellten Kulturbetrieb! Um ein Zeichen gegen politische Willkür zu setzen, würde ich Chris Dercon zurück an die Volksbühne berufen und zum Comeback ein Revival der Hausband »Möbelkammer« ankündigen, allerdings ohne die *NSYNC-Nummer »Bye Bye Bye«.

Liudmila Kotlyarova

Talk of the town: Die Currentzis-Welle • Lästige Maestro-Plakate mit kleingedruckten Komponistennamen, Überraschungskonzerte ohne Programmangabe und dazu noch ein eigenes Labor – der Currentzis-Welle wird zu seinem Start als Chefdirigent beim SWR-Symphonieorchester keiner entkommen. Nun wartet also die Arbeit mit einem ganz großen Orchester auf ihn, schließlich könne man das »System« nur von innen heraus bekämpfen. Wir dürfen den Maestro so hautnah erleben wie noch nie und nichts – nicht einmal seine dünne Strumpfhose. Oder man wird einfach zu alt für sowas.

Into the unknown: Dirk Maassen • Dirk Maassen ist Laienkomponist aus Ulm. Er hat es geschafft, auf Spotify bisher mehr als eine Million Zuhörer zu erreichen, ein paar CDs zu veröffentlichen und sich dabei auch von jeglicher Popkultur entfernt zu halten. Im Herbst begibt sich der hauptberuflich als Softwareentwickler arbeitende Pianist zum ersten Mal auf eine Deutschland-Tournee. Schön melancholisch spielt er Klavier – und verteidigt sein Recht auf das Laienhafte in der Musik, die einen berührt zurücklässt.

Wish You Were Here: Maxim EmelyanychevLeidenschaftlich und bescheiden wirkt der designierte Chef des Scottish Chamber Orchestra – und legt gegen den Zeitgeist den Fokus auf das Wesentliche: die Musik. Der gerade erst 30 Jahre alt gewordene Dirigent und Cembalist ist für mich ein Ausnahme-Musiker und die ideale Besetzung für jegliche Audience-Development-Maßnahmen, denn sein Auftreten lässt zugleich die älteren Herrschaften lächeln und vermag das frische Blut in Theater- und Konzerthäuser zu locken. Wäre ich ein reicher russischer Mäzen, würde ich ihm sein eigenes Orchester anvertrauen mit Hauptsitz irgendwo in Nizhny Novgorod – schließlich müssen nicht alle Ausnahmetalente in den Westen gehen. Ansonsten immer gerne Mozarts Klaviersonaten oder Zimmermanns Klavierstücke in seiner Interpretation – vielleicht beim Musikfest Berlin.

Susanne Øglænd

Talk of the town: Violetter Schnee von Beat Furrer, Text von Händl Klaus basierend auf einer Vorlage von Wladimir Sorokin an der Berliner Staatsoper • Hier bin ich gespannt auf Furrers Klangwelt und auf die dramatische Umsetzung durch den Regisseur Claus Guth, dem es vor allem bei neuer Musik gelingt, kluge, verstörende, eindringliche und suggestive Bilder zu finden. Außerdem hat diese Produktion eine vielversprechende Besetzung, u.a. mit den Sängern Anna Prohaska, Elsa Dreisig, Gyula Orent und der Schauspielerin Martina Gedeck.  Uraufführung an der Staatsoper Unter den Linden am 13. Januar 2019.

Into the unknown: Susanne Sundfør in der Kreuberger Passionskirche • Susanne Sundfør präsentiert ihr neues wunderbares Album »Musik for People in Trouble«. Die norwegische Ausnahmekünstlerin, bekannt für ihre unverkennbare Stimme und ihre musikalische Wandlungsfähigkeit ist schon längst kein Geheimtip mehr. Wer sie noch nicht kennt, muss in dieses Konzert. Susanne Sundfør ist eine ergreifende Performerin und verbindet den Spirit von Singer-Songwriter-Tradition und Synthie-Pop mit auskomponierter Symphonik und konkreten Soundeffekten.

Wish You Were Here: Susanne Sundfør • Das unter Punkt 2. genannte Konzert ist leider aus unvorhersehbaren Gründen abgesagt. Der Veranstalter teilt mit, dass die Künstlerin die Absage sehr bedauert und hofft, das Konzert bald nachholen zu können. Das hoffe ich auch.

Albrecht Selge

Talk of the Town: Griseys Les espaces acoustiques mit dem RSB und Vladimir Jurowski • Es gibt so Werke, die wollte ich immer schon mal live hören und hatte noch nie Gelegenheit dazu. Mag sein, dass nicht die ganze Stadt drüber reden wird. Aber wenn sie auch schweigen sollte, werd ich halt mit mir selbst so viel drüber quatschen, dass es auf Talk of the Town hinauskommt: Eins meiner inneren Stadtgespräche wird sich gewiss um Les espaces acoustiques drehen, dieses halbe Lebenswerk von Gérard Grisey und Urmutterklangfarbenraum der Spektralmusik. Lieber einmal hören und begreifen als tausendmal im Trockenen definieren, was Spektral- oder Liminal- oder Was-auch-immer-Musik nun genau sein soll. Vladimir Jurowski, für mich der Aufregendste unter Berlins Chefdirigenten, bringt für diese Aufführung am 19. Mai 2019 im Konzerthaus Berlin sein Rundfunk-Sinfonieorchester (RSB) mit seinem ensemble unitedberlin zusammen.

Into the Unknown: Piano Salon Christophori • Geheime Orte, die ich als Freizeit-Konzertgänger frequentiere, sind keine geheimen Orte mehr. Aber einer meiner Lieblingsorte unter den ungeheimen ist und bleibt der Piano Salon Christophori im Wedding, im ehemaligen Busdepot am mickrig-liebenswerten Flüsslein Panke. Da gibt’s mehrmals in der Woche Klavier- und Kammermusik vom Feinsten, und ich habe dort schon so manchen mir unbekannten Pianisten gehört, der nun wirklich kein Insider-Tipp sein sollte, sondern Stammgast in den feinsten Kammermusiksälen der weiten Welt. Wenn die Welt ihre Künstler*innen nur etwas gerechter behandeln würde. Aber bei Christophori ist die Bude immer voll, man darf die Getränke mit an den Platz nehmen und unbekannte gute Musiker werden zu guten Bekannten.

Wish You Were Here: Das Berliner Operntreffen • Manchmal stelle ich mir (analog zum Theatertreffen) ein Berliner Operntreffen vor, bei dem einmal im Jahr die tollsten Sachen vorstellig werden, die die deutschen Stadttheater so auf die Bühne wuppen. Aber erstens wäre das rein bühnenlogistisch wohl schwierig. Und zweitens würde es vielleicht die Berliner Opernhäuser zu sehr beschämen. Also sage ich statt »Wish You Were Here« lieber gelegentlich »Wish I Was There« und such mir was von den fabelhaften Opernraritäten raus, die der Blogger Amandus Herz aufgestöbert und gelistet hat: von Osnabrück über Aarhus und Cagliari bis New York.

Sebastian Solte

Talk of the town: Konzertreihe »Ohrknacker« mit dem Trio Catch • Das Trio Catch – von Volker Hagedorn schon Anfang 2018 empfohlen – darf hier natürlich nicht fehlen. Die Fortsetzung der Konzertreihe »Ohrknacker« startet jetzt im September 2018 (am 3. im Radialsystem und am 4. im Resonanzraum Hamburg) und wird bis 2020 acht Ausgaben umfassen mit neuen Stücken von u.a. Johannes Boris Borowski, Isabel Mundry, Georg Friedrich Haas, Katharina Rosenberger, Milica Djordjević und Ricardo Eizirik. Die Achse Berlin–Hamburg wird am 28. und 30. September 2018 auch vom Zafraan Ensemble mit einer interaktiven Konzertinstallation von Yoav Pasovsky bespielt, auf die man mehr als gespannt sein sollte! Der Autor hält übrigens Aktien an beiden Projekten, ist aber voll und ganz überzeugt.

Foto © Lennard Rühle
Foto © Lennard Rühle

Into the unknown: Gabrieli, Haydn und Janáček mit Staatskapelle und Rattle • Traditionelle Konzertformate durchbrechen oder gar abschaffen? Wozu, wenn es die Berliner Philharmonie – nach wie vor der beste große Konzertsaal hierzulande und einer der besten weltweit – und wenigstens hin und wieder vielversprechende Konzerte wie dieses gibt? Befreit von allem philharmonischen Ballast spannt Simon Rattle – war er jemals weg? – am 13. November 2018 mit der Staatskapelle Berlin einen Bogen vom 16. bis ins 20. Jahrhundert mit Musik von Giovanni Gabrieli, Joseph Haydn und Leoš Janáček. Die Glagolitische Messe für Soli, Chor und Orchester von letzterem ist allein schon ein Ereignis, aber in dieser Programmkombination sicherlich noch nie aufgeführt worden. Wetten?!

Wish You Were Here: Neues für Bayreuth • Ich würde gerne das Bayreuther Festspielhaus für neue Werke öffnen. Dabei sollten erstmal Pelléas et Mélisande von Claude Debussy und die Gurre-Lieder von Arnold Schönberg gespielt werden, die mir für die besondere Akustik des Hauses ideal erscheinen. Man könnte das antizyklisch als eine Art Minifestival im Herbst machen und alle zwei Jahre auch eine Uraufführung einstreuen, jeweils alles in Koproduktion mit passenden Opernhäusern weltweit. Ach ja, das alles freilich nur, ohne die Wagner-Festspiele einzuschränken oder zu beschädigen. Man muss ja nicht immer alles in die Luft sprengen oder abbrennen wollen.

Barbara Balba Weber

Talk of the town: Musikfestival Bern • Vom 5. bis 9. September findet in Bern das Musikfestival statt. Diese uralte Berner Institution war bis vor Kurzem ein so bisschen altbackenes Klassikfestivälleli, zu dem relativ konzeptlos Krethi&Plethi was beisteuern durfte. Als Eingeborene besuchte man die Sache eher gezwungenermaßen. Seit letztem Jahr aber hat sich das Event im Nullkommanichts zum angesagtesten und jeweils vollständig ausverkauften Festival gemausert. Unter einer neuen Leitung hat dieses Team nämlich einfach so ziemlich alles richtig gemacht, was man vorher halt so gewohnheitsmässig falsch gemacht hat: Neue Formate, tolle Inszenierung, überraschende Besetzungen, etc. Heute ist es einfach ein cooles, spannendes, experimentelles, unkonventionelles Musikfest für die Berner Kulturszene geworden.

Into the unknown: »flash! (run and relay)« in Bern • Letztes Jahr hat der Verein pakt bern – das neue musik netzwerk ein leerstehendes Hochhaus mit dem Event »flash! (back and forward)« bespielt und die ganze Hauptstadt damit in Aufruhr versetzt. Ganz woanders steigt dieses Jahr am 8. Dezember wieder so eine Fete, die alle Experimentalmusikerinnen und -musiker der Stadt zusammenbringt: In leerstehenden Stadion Neufeld. Zusammengebracht werden mit »flash! (run and relay)« dabei aber nicht nur sämtliche Akteure experimenteller Musik jeglichen Couleurs – zusammengebracht werden auch total unterschiedliche Szenen. Diesmal vermischt sich neue Musik mit Sport: Im Stadion Neufeld wird es mitten im Winter auf dem Rasen, auf der Athletikbahn, auf der Zuschauertribüne, in den Garderoben und im Restaurant körperlich, akustisch und geistig unheimlich anspruchsvoll!

Foto © Lothar Opilik
Foto © Lothar Opilik

Wish You Were Here: Guerilla-Konzerte • Wenn ich könnte, dann würde ich ganze Regionen öffentlich von herrlichen Musikerinnen und Musikern bespielen lassen – und zwar nicht nur einmal und auch nicht als Straßenmusik. Sondern ich würde großflächig etwas im Stil organisieren, wie ich es kürzlich vom phänomenalen Kukuruz Quartet erlebt habe: In einem Zeitraum von 6 Wochen haben die Pianist/innen mit ihren vier selbst transportierten Klavieren 20 Guerilla-Konzerte in Spitälern, Galerien, Gefängnissen, Brockenstuben, Museen und Bars durchgeführt (hervorragende Logistik durch ox&öl). Sie spielten da nicht etwa Mozart oder so, sondern Julius Eastman: Atemberaubend, diese Musik beispielsweise in einem Möbelgeschäft zu hören! Für mich ein Exempel dafür, wie Kontext und Inhalt zusammenspielen und als Gesamtheit zu einem unwiederholbaren außergewöhnlichen nachhaltigen Erlebnis werden können für Menschen, die sonst nie für solche Musik in einen Konzertsaal gehen würden: Magische Verquickung von Schiffshupen, Wolken, baumelden Lampen, Sirenen, Möbeln und Blätterrauschen mit diesen total irren Klangstrudeln. Vergisst man nicht so schnell!


Was geht in der Saison 18/19? Worauf sich die VAN-Autor*innen am meisten freuen in @vanmusik. 

Hartmut Welscher

Talk of the Town: Anders hören mit Marina Abramović in Frankfurt • Manch einer aus der Szene rollt mittlerweile mit den Augen, findet sie trutschig. Wegdenken will sie trotzdem kaum einer, und die meisten bewundern, wie gut Marina Abramović ihr Ding seit Jahrzehnten durchzieht. Ihre Themen lagen schon vor einer Ewigkeit ziemlich nah an dem, wonach sich heute alle sehnen: Entschleunigung, Gemeinschaft, Präsenz, Kontakt an der Grenze, oder auch: »das Hören von Musik als echte, berührende, profunde, transzendentale Erfahrung«. Darum geht es bei ihrem neuen Projekt an der Frankfurter Alten Oper. Talk of the town wird sie sowieso fast immer (noch). Anders Hören – Die Abramović-Methode für Musik, 17. – 24. März 2019 in der Alten Oper Frankfurt.

Into the unknown: Festival für Neue Musik in Bielefeld • Neue Musik und Provinz verstehen sich traditionell gut, obwohl Bielefeld im Vergleich zu Darmstadt, Donaueschingen oder Witten geradezu metropolenhaft daherkommt. Im Mai 2019 veranstaltet das Theater Bielefeld das erste Festival für Neue Musik. Ein paar Namen kursieren bereits (York Höller, Đuro Živković, Gerard Grisey, Salvatore Sciarrino, Rebecca Saunders, Ensemble Modern), hoffentlich wird es frisch und lustvoll und lebendig und ohne angestrengte Diskursivität. Die schöne Oetker-Halle mit ihrer Furnier- und Linoleum-Ästhetik der 1920er ist ein toll klingender Klangkörper, der ein bisschen musikalischen Exorzismus allerdings auch ganz gut vertragen kann.

Foto Zefram (CC-BY-SA-3.0), via Wikimedia Commons
Foto Zefram (CC-BY-SA-3.0), via Wikimedia Commons

Wish You Were Here: Das postmigrantische Konzert- und Opernhaus • Es wird höchste Zeit für das postmigrantische (Arbeitstitel!) Konzert- und Opernhaus. Und zwar gut ausgestattet und fett und mit einem diversen Team an der Spitze. Einen Ort gibt es auch schon: Das Berliner Schillertheater ist ohnehin zu schön, um als ewiges Provisorium für übergangsweise exilierte Theater zu dienen. Schluss mit dem verschämten Blick jenseits des eurozentrischen Tellerrands in versteckten Programmen, kleinen Sonderreihen, Festivals oder Musikvermittlungsangeboten.