Nicht falsch – nur nicht besonders spannend.

Text & Scans · Datum 14.11.2018

Langsam aber sicher klopft der Winter an die Türe. Genau der richtige Zeitpunkt, um die Chaiselongue zu entstauben, den alten CD-Player aus dem Keller zu holen und Gnedby mal wieder auf Stand zu bringen. Gemeinsam mit Torsten Posselt vom Berliner Studio FELD – der unter anderem Plattencover für Nils Frahm, Ólafur Arnalds und den Rest der Erased Tapes Posse gestaltet – schauen wir auf die Gestaltung von neun klassischen CD-Veröffentlichungen aus dem Jahr 2018.Teil 3: Aufnahmen vom L’Orfeo Barockorchester (cpo), Les Cris de Paris (harmonia mundi) und dem Chiaroscuro Quartet (BIS).

L’Orfeo Barockorchester, Michi Gaigg – Felix Mendelssohn Bartholdy: Streichersinfonien Vol.2

CPO, August 2017

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Interessant! Auf dem Cover ist ein Gemälde, von dem man nicht wirklich sagen kann, ob es alt oder neu ist [Sophie Gengembre Anderson – die Künstlerin des Bildes – ist 1903 geboren. d. Red.]. Zu sehen sind zwei junge Mädchen: Eins hält dem anderen die Augen zu, eins hält ein Stück Weißbrot in der Hand [lacht]. Kompositorisch super. Der (typografische) Rest ist leider ein Verbrechen. Ein ganz klassischer Moment: Man hat ein ausdrucksstarkes Bild und dann kommt jemand um die Ecke und packt Unmengen an Text drauf. Das ist schade – gewollt und nicht gekonnt. Es hätte sicherlich eine bessere Möglichkeit gegeben, die wichtigen Informationen zu platzieren.

Auf der Rückseite der CD ist richtig was los: klassisches Tracklisting, viele Logos, große Labelcopy. Auch das sieht wieder stark nach einem vorgegebenen Design aus. [Öffnet das Jewel Case] Die CD ist toll – im Ernst! So was sieht man mittlerweile leider nur noch sehr selten. Das Compact Disc Logo schießt hier den Vogel ab. Das ist riesig. Ansonsten mag ich das Design der CD total: eine silberne Scheibe mit grünem Aufdruck – so haben klassischerweise CDs und Vinyl-Label ausgesehen. Ich freue mich mittlerweile, wenn ich sowas sehe. Wenn das gut gemacht ist, ist es eine kleine Zeitreise. Das hier ist nicht unbedingt gut gemacht, aber es suggeriert Tradition und dass wir auf den Spuren klassischer Musikliebhaber unterwegs sind. Wenn das die Idee dahinter ist, funktioniert es wunderbar.

Das Label scheint Rahmen zu mögen, denn es gibt sie überall. Selbst die Tracknummern stehen in quadratischen Rahmen. Gestalterisch gibt es im Booklet weder was Gutes noch was Schlechtes zu sagen. Leider haben wir hier wieder einen Blocksatz, dem man ansieht, dass nicht viel Wert auf ein sauberes Schriftbild gelegt wurde.

Auch das obligatorische Orchesterbild darf nicht fehlen: Zu sehen ist das Ensemble in einem leeren Zuschauerraum, einer springt über die Stuhlreihen und alle anderen freuen sich. So sieht es also aus, wenn klassische Musiker Spaß haben – ich hoffe nicht [lacht]. Ich denke, die haben mehr Spaß, als das Bild suggeriert.

Insgesamt passt nichts zusammen und alles ist etwas altbacken. Von der CD an sich bin ich Fan – oll und toll. Und vor allem das Weißbrot! Keine Ahnung, was es damit auf sich hat [auf dem Originalbild ist unter dem Weißbrot noch ein Hund zu sehen. Macht das Rätsel um das Weißbrot nicht einfacher. d. Red.], aber das ist lustig. Der Rest leider nicht.

Les Cris de Paris, Geoffroy Jourdain – Melancholia

harmonia mundi, September 2018

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Melancholia – in einem Digipak, der auf den ersten Blick wie aus einem Guss aussieht. Abgebildet ist eine anatomische Zeichnung eines Kopfes mit den zentralen Elementen des Schädels. Das hat was Medizinisches. Das Motiv ist blau, die Schrift weiß, der Hintergrund schwarz – alles axial ausgerichtet. Sehr ikonisch insgesamt. Das schaut einen an und funktioniert. Könnte ich mir als Vinyl auch sehr gut vorstellen [gibt es leider nur auf CD, d. Red.].

Die CD selbst zeigt einen Ausschnitt des Covers und untendrunter ist ein lustiges Pünktchenraster. Wo auch immer das herkommt – farblich passt es zueinander.

Schauen wir uns mal das Booklet an: Das matt gestrichene Papier geht total in Einklang mit dem Außencover. Auch hier wieder Blocksatz, aber zumindest ein halbwegs guter. Wieder tonnenweise Text und das obligatorische Ensemble-Bild. Zudem gibt es noch Liedtexte – das hatten wir auch noch nicht.

Die dicken Booklets bei jeder CD bisher suggerieren, dass die Klassik-Klientel dazu neigt, Begleittexte zu studieren. Das macht Sinn. Vielleicht steckt auch ein Lehrgedanke dahinter. Ich frage mich, ob Booklets das richtige Format dafür sind, aber ich glaube, das funktioniert. Es hängt einfach stark davon ab, ob der Rezipient sich das wirklich reinzieht, oder ob die Platte schon mit dem ganzen Wissen im Hinterkopf gekauft wird – und die Texte dann gar keine Rolle mehr spielen.

An sich eine runde Sache und im Vergleich zu vielen, die wir bisher angeschaut haben, eher progressiv – und vor allem gestaltet!

Chiaroscuro Quartet – Franz Schubert: Streichquartette Nr.9 & 14

BIS, Oktober 2018

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Zum Schluss noch mal ein schönes Jewel Case… [lacht] Das Cover ziert ein verträumtes Stillleben mit vier jungen Menschen. Sie stehen an einem Weiher und sind der Kamera abgeneigt. Drumherum ganz viel Unschärfe und Weichzeichnung. Alles ist sehr erdig: Braun, Beige, blasses Grün und blasses Blau. So können Fotos aussehen – müssen sie aber nicht. Visuell hat man auf eine barocke Gemäldesprache gesetzt, aber das ist natürlich alles nur Fake. Nimmt man das Booklet raus, sieht man die vier Protagonisten noch mal frontal im Wald stehend. Solche »Verlegenheitsbilder« kann man machen, aber im Endeffekt hat man nichts davon, wenn zur Verschönerung nur wenig beigetragen wird.

Die Schrift auf dem Cover sitzt rechtsbündig in der Ecke – und passt da ganz gut hin. Typografisch aber eher gefällig. Das würde mir im Laden nicht auffallen. Der Wow-Effekt bleibt aus und es gibt nichts, was direkt ins Auge springt. Eine relativ klassische Nummer.

Die Rückseite ist schwarz/weiß und auch hier finden wir wieder das Compact-Disc-Logo – super! Ansonsten fällt auf, dass alle CDs bisher einen aufgedruckten Barcode hatten. Das scheint auch noch so ein Urgestein zu sein. Dass man einen Barcode braucht, ist klar. Aber warum muss man den mit aufs Cover drucken? Man könnte ja genauso gut einen Sticker auf die Plastikfolie machen, denn wann spielt der Barcode eine Rolle? Nur im Laden beim Scannen. Der Endverbraucher interessiert sich eher weniger dafür. Wahrscheinlich liegt das an den Kosten: Gedruckt wird sowieso und ein Sticker kostet extra. Das verstehe ich total.

Ansonsten wieder Blocksatz – ausnahmsweise mal in Serifenschrift. Der knallt leider komplett auseinander. Zudem gibt es noch zwei »Hurenkinder«. So etwas sollte eigentlich nicht passieren. Vor allem nicht zweimal. Eins kann passieren, zwei sind gewollt – ab drei wird es eine Serie. Ich möchte da auch gar nicht drauf rumreiten, das ist auch nur Typografie-Generde.

Visuell hat das leider nicht viel zu bieten. Auch hier gilt wieder: nicht falsch – nur nicht besonders spannend. ¶

Torsten Posselt, FELD

Das Berliner Designstudio FELD ist auf Projekte an der Schnittstelle von digitalen Technologien und Designstrategien spezialisiert. Neben Ausstellungs- und Interaktionsdesign sowie Rauminstallationen und digitalen Kommunikationsprojekten sind visuelle Kommunikation und Grafikdesign weitere Schwerpunkte des 2011 von Torsten Posselt und Frederic Gmeiner gegründeten Studios.

Teil 1 in VAN #179:

Teil 2 in VAN #180:

Alex Ketzer

... arbeitet als freier Art-Direktor und Grafik-Designer in Köln. Er kuratiert Ton, Text und Bild für verschiedene Labels und Projekte und gibt Workshops im Spannungsfeld von klassischer Typografie, experimentellem Design und interaktivem Sound. Bei VAN kümmert er sich um Pixel, Codes und Kreatives.