Der Trompeter Reinhold Friedrich zeigt ein leidenschaftliches Entdecker-Herz, wenn er Repertoire vor dem Verschwinden in der Versenkung bewahrt – ein Plädoyer für eine musikalische Bewusstseinserweiterung.

Text · Fotos © Rosa Frank · Datum 26.4.2017

Üben, Konzerte spielen, unterrichten – und dann noch nach verschwundenen Stücken suchen – Sie haben viel zu tun. Welche Prioritäten setzen Sie?

Genauso wichtig wie das Spielen ist das Entdecken! Ich versuche beständig, das Repertoire für die Trompete zu erweitern. Dieses mutet zunächst recht klein an. Aber wenn man mal weiter guckt und  forscht, entdeckt man immer neue Stücke, die es unglaublich wert sind, dass man sie spielt und hört.

Es geht darum, blinde Flecken, die man im Repertoire sieht, zu putzen. Das kann ich zum Beispiel auch bei den großen Musikwettbewerben tun, wenn ich dort Gelegenheit habe, das Repertoire mitzubestimmen. So etwas wirkt immer bewusstseinserweiternd.

Klingt erst mal nicht nach etwas, das man nicht gut finden könnte.

Man hat hier immer mit Widerständen zu kämpfen. Ich hatte schon mal Bernd Alois Zimmermann ins Repertoire genommen. Da wurden tatsächlich sofort Bedenken laut, dass dann keiner kommt, um sich das anzuhören. Nach 60 Jahren darf man doch wohl so eine Musik aufführen! Man muss sich nur aufraffen, sie zu erarbeiten. Man kann über die Kompositionen reden, etwa in einem Einführungsgespräch. Ebenso gibt es gute Möglichkeiten, die Musik auf der Bühne zu inszenieren.

https://www.youtube.com/watch?v=CS8nRsxBE34

Reinhold Friedrich spielt Zimmermanns Nobody knows de trouble I see mit dem Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt

Ist der Publikumsgeschmack das Problem oder die Angst der Konzertveranstalter?

Ich habe gute Erfahrungen gemacht, mein Publikum zu überraschen. Bei einem Konzert in Karlsruhe hatte ich ein Stück von Ligeti auf dem Programm. Ich beobachtete, wie viele Zuhörer zunächst misstrauisch, aber hinterher völlig begeistert waren, denn das Stück ist doch einfach berückend und schön. Man muss einfach mal kleine und größere Widerstände brechen.

Was sind Ihre aktuellen Entdeckungen?

Eine Entdeckung war zum Beispiel Maurice Emmanuel, ein Freund von Claude Debussy oder die Chants de Kervéléan von Charles Koechlin. ist die Uraufführung, die im Konzertsaal noch aussteht.

Warum kennen wir Maurice Emmanuel heute trotzdem nicht?

Speziell in Frankreich hat das politisch-ideologische Gründe. Manche Franzosen haben ein etwas eigenartiges Verhältnis zu Werken, die vor der allgemein akzeptierten Moderne entstanden sind. Einige denken, vieles, was vor 1970 entstanden ist, sei überholt und man mache sich die Finger schmutzig, wenn man so etwas spielt. Nicht zuletzt Pierre Boulez muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er stark in die Musikgeschichte eingegriffen hat. Ein Beispiel: Pierre Boulez hatte eines seiner frühen Stücke seinem Lehrer René Leibowitz gewidmet. Leibowitz hat dieses Stück noch etwas nachkorrigiert. Boulez hat – in eigener Eitelkeit gekränkt – daraufhin ein Messer genommen und die Widmung an Leibowitz wieder heraus gekratzt. Dabei hat auch Leibowitz fantastische Musik geschrieben. Aber dies ist mal wieder so ein typischer blinder Fleck. Das finde ich schade – egal aus welcher politischen oder dogmatischen Ecke das kommt!

Geht auch Repertoire verloren, weil sich einfach niemand drum kümmert?

Oh ja. Mich ärgert die übliche Art, wie mit Geschichte umgegangen wird. Unverantwortlich handeln nicht zuletzt die Redaktionen der großen Musiklexika. Im neuen MGG finden Sie ganz viele Komponisten nicht mehr, die noch in der alten Ausgabe drin standen. Da wählen ein paar Leute aus, was ihnen passt und werfen anderes einfach raus. Die neue MGG-Ausgabe ist 40 Bände stark – doppelt so viele wie die alte Ausgabe. Aber es fehlen fast ein Drittel der Komponisten, die noch in der alten Ausgabe verzeichnet waren.  Es gibt so viel fantastische Musik von Komponisten, die kaum irgendwo auftauchen. Zum Beispiel Maurice Emmuel, Maurice le Boucher, natürlich Charles Koechlin, aber auch Henri Martelli. Auch über Makoto Shinohara, einen Wahlfranzosen, gibt es kaum biografisches Material. Das sind alles Personen und Stücke, die völlig verschwunden waren. Deutlich bekannter sind Jean Francaix, Jacques Ibert und Florent Schmitt.

Sind hier auch ideologische Scheuklappen im Spiel?

Auf jeden Fall. Zumal ein Komponist wie Florent Schmitt heute ja als durchaus problematische Figur gilt. Zwar rangiert er musikalisch ohne weiteres mit Debussy auf Augenhöhe, aber er hat sich in der Nazizeit durch seine erwiesene Kollaboration selbst abgeschossen. Dadurch hat die Musikgeschichte einen tiefen Riss erhalten. Davon abgesehen ist seine Tonsprache großartig!

Sehen Sie einen Unterschied zwischen Deutschland und Frankreich im Umgang mit dem musikalischen Erbe?

Unsere vorbelasteten Komponisten wie zum Beispiel Richard Wagner mit einem ungebremsten Antisemitismus oder Richard Strauss, Hans Pfitzner werden gespielt und verehrt. Florent Schmitt, Alfred Desenclos und Henri Martelli haben es da in Frankreich viel schwerer. Wer hier allzu rigide ist, dürfte ja die Musik von Richard Strauss, Richard Wagner oder gar von Hans Pfitzner nicht mehr spielen. Wir Deutschen sind durchaus einen Schritt weiter und halten an Strauss und Wagner fest, weil die Musik einfach gut ist. Die Franzosen haben hier gewissermaßen das Kind mit dem Bade ausgekippt und viele Komponisten einfach total negiert. Aber die Problematik fängt langsam an, sich zu lösen. ¶