Komponist Ole Hübner über den aktuellen Musiktheater- und Konzertbetrieb und sein Arbeiten ohne persönliche Treffen.

Text · Titelbild privat · Datum 24.6.2020

Ole Hübners Oper opera, opera, opera! revenants and revolutions, die in der kollektiven Arbeit von »the paranormal ϕeer group« (mit Maria Huber & Jakob Boeckh) mit dem Dramatiker Thomas Köck entstand, hätte im Mai bei der Münchner Biennale Uraufführung gefeiert und würde nun spielplanmäßig an der Oper Halle laufen. Mit den Grenzschließungen musste der Komponist sein mehrmonatiges Stipendium an der Cité Internationale des Arts in Paris fluchtartig abbrechen, alle Aufführungen, Proben und Projekte für die nächste Zeit wurden abgesagt. Wo klischeehaft die Beschreibung des gemeinsamen Sonntagvormittagskaffees im Kiezambiente stehen würde, gibt es hier nur die müde Tristesse des Videotelefonats: Statt dezent-aufdringlicher Hintergrundmusik und skurrilen Nachbartischgästen nur ein Mattscheibengegenüber im klangoptimierten Stereokanal.

VAN: Im Programmbuch zur Biennale schreibst du, man dürfe vor einem Abgrund nicht zurückschrecken, sondern soll seine Paradoxie ganz anerkennen und in ihm das Abenteuerliche und Horizonterweiternde sehen. Was bedeutet der Abgrund ›Globale Pandemie‹ für Dich?

Ole Hübner: Es gibt wohl eine unzählige Anzahl verschiedener Abgründe. Menschen werden mit ihren Sorgen und Nöten konfrontiert und eingeengt, lernen sich und ihre Umgebung neu kennen, entdecken Möglichkeiten zur Veränderung und erfahren vielleicht eine ganz neue Art von Zeitfluss in einer ereignisreichen Zeit, in der eigentlich nicht viel passiert. So könnte man sich in dieser Zeit vielleicht auf die Suche nach radikal anderen Handlungsmöglichkeiten machen. In so einer Haltung steckt aber auch eine wahnsinnig problematische und klassistische Romantisierung, denn währenddessen arbeitet eine viel prekärere Schicht rund um die Uhr für uns, infiziert sich und lässt sich drangsalieren. Das dürfen gerade wir nicht vergessen.

Normalerweise arbeite ich viel in Kollektiven, die Möglichkeit solcher Zusammenarbeit ist gerade sehr stark eingeschränkt. Man kann zoomen und skypen, aber nichts ersetzt das persönliche Arbeitstreffen. Bei allen Terminierungen und vorläufigen Verlegungen muss ich immer mit einer hypothetischen Aufführung rechnen, die vielleicht stattfinden kann und vielleicht eben auch nicht. Ich würde auch nicht sagen, dass die Zeit außerordentlich produktiv für mich ist. Ich arbeite zwar an Projekten verschiedener Art, habe aber eigentlich den Eindruck, dass mir wichtiger ist, mich auf eine aufmerksame Weise passiv zu verhalten und Eindrücke zu sammeln. Schauen, was diese Zeit eigentlich mit mir macht, eine sehr offene Selbstwahrnehmung haben. Innehalten und zaghaft Pläne schmieden. Viel lesen. Wir Komponist:innen produzieren ja meist für einen Uraufführungsbetrieb, der in relativ strukturierten und effizienten Bahnen ohne viel Kontakt zur Außenwelt abläuft – da lässt sich jetzt, im über uns gekommenen Pausieren und Abwarten, vielleicht gut die Frage stellen, welche Möglichkeiten wir darüber hinaus denn noch haben, auf die globalen Umstände zu reagieren und ihnen etwas hinzuzufügen, das Sinn und Nachhaltigkeit hat.

Wird es diesen Uraufführungsmarkt überhaupt wieder so geben?

Ich habe die Befürchtung, dass die Komponist:innen die Auswirkungen von Corona erst zu spüren bekommen, wenn viele Uraufführungen ins nächste Jahr verschoben werden und es weniger neue Aufträge gibt. Bei vielen Theatern scheint das Mittel der Wahl zu sein, zu einer Art Salonkultur überzugehen und die Programme mit Liederabenden und Streichquartetten zu schwämmen. So eine Salonveranstaltung kann ein grandioser Rahmen sein, aber gerade die kleine intime Veranstaltung lebt ja vom Neuen, von der Nähe zum lebenden Künstler, zur lebenden Künstlerin. Wenn die Aussicht ist, dass wir im nächsten halben oder ganzen Jahr ständig Streichquartette, Liederabende, Kammermusikreduktionen oder Verfilmungen von romantischen Opern und irgendwelche mehr oder weniger belanglosen Lesungen hören und sehen werden, ist das eine ausgesprochen frustrierende. Gerade von den großen Häusern sollte die Chance genutzt werden, lebende Künstler:innen zu beauftragen, etwas ganz Neues, speziell auf die Situation Ausgerichtetes zu schaffen, statt einfach nur den Bedarf nach irgendeinem Liveerlebnis zu befriedigen.

Wie könnte so etwas konkret aussehen?

Ein klassisches Uraufführungswerk mit einem Orchester in Abstandsregelungen ist vielleicht noch die langweiligste Umgangsform mit den gegebenen Umständen. Liederabende mit neuen und neuesten Liedern wären eine einfache Möglichkeit, davon werden ja nach wie vor unzählige komponiert! Ganz hervorragend unter Einhaltung sämtlicher Richtlinien funktionieren auch immersive Rauminstallationen, durch die Personen einzeln hindurchgehen. Auch Videoinszenierungen sind eine spannende Option, aber es müssten neue Stücke speziell für dieses Format konzipiert werden, anstatt bloß Bühnenwerke zu verfilmen. Ich habe auch viele pointierte und originelle Ansätze für Kunst für den digitalen Raum erlebt, bislang meistens Eigeninitiativen unbezahlter Künstler:innen. Letztlich sollte es aber gar nicht so sehr darum gehen, bestimmte Formate verstärkt zu bespielen, sondern den Dialog über die Möglichkeiten zu eröffnen. Die zwischenmenschlichen Verbindlichkeiten, Kommunikationswege, neuen Arbeitsweisen, die wir jetzt schaffen, werden viel nachhaltiger in die Zukunft nachwirken als die konkreten Formate, von denen wir wohl viele in fünf Jahren unter dem Label ›Corona-Kompromiss-Kunst‹ belächeln werden.

Welche Arbeitsweisen müssen sich ändern?

In den Kulturbetrieben herrschen Hierarchien und Arbeitsabläufe vor, die seit über hundert Jahren im Grunde dieselben geblieben sind. Radikal-offenes, experimentelles und prozessorientiertes Denken ist dadurch oft einfach nicht möglich. Eine umfangreiche Studie von Thomas Schmidt aus dem letzten Jahr, ›Macht und Struktur im Theater‹, thematisiert genau das. Jetzt wäre eine große Chance, in diese Strukturen reinzuschauen und zu überlegen, wie diese Betriebe denn in Zukunft weiterfunktionieren sollen. Was muss sich ändern, dass ein erweitertes Spektrum an Formaten überhaupt ermöglicht wird, dass zum Beispiel auch die stetig wachsende Zahl kollektiv, hierarchielos und anarchisch arbeitender Gruppen dort Aufmerksamkeit findet?

Herrscht eine zu große Diskrepanz zwischen der offenen und pluralistischen Gesellschaft, die auf der Bühne präsentiert wird, und den Strukturen, die dahinter herrschen?

Das würde ich so unterschreiben. Die Häuser sollten jetzt die Gespräche führen, für die sonst nie die Zeit oder Gelegenheit ist, an die sonst vielleicht gar niemand denkt. Warum nicht die Reinigungskraft fragen, was er an seinem Arbeitgeber schätzt oder die Kartenverkäuferin, was sie gerne mal im Theater sehen würde? Welche Veranstaltung würde der zweite Fagottist unheimlich gerne mal mit der Beleuchtungsmeisterin durchführen? Das sind alles Leute, die am Betrieb mitwirken und die wichtig sind. Ein Theater wird nur dann zukunftsfähig sein, wenn es diese Strukturen langfristig angeht und versucht, innerhalb der Belegschaft Verbindlichkeiten und Partizipationsmöglichkeiten zu schaffen und zu nutzen. Nur auf diese Weise wird man eine gelebte Pluralität und Diversität erreichen. Vielerorts gab es diese Forschungen zum Aerosolausstoß auf Bühnen, die letztendlich vor allem dazu dienen, die Forderung nach einer möglichst sofortigen Rückkehr zu einer präcoronalen Realität zu legitimieren. Da hätte man eher in solche Studien, die es schon gibt, hineinschauen sollen, bevor einfach alles weitergeht wie zuvor.

Im Hinblick auf die Rettung der Lufthansa wurde ja – zurecht – eine Bindung an Umweltverpflichtungen gefordert. Gerade weil die Theater in der Gesellschaft eine so wichtige Rolle spielen, sie in doppeltem Sinne ›bilden‹ sollen, sollte man aber auch hier über gewisse Auflagen diskutieren. Es geht nicht darum, einer breiteren Masse zu gefallen, sondern Verpflichtungen zur aktuellen Kunst und Diversität einzugehen. Es muss ein stärkeres Augenmerk auf die Arbeit mit jungen Künstler:innen und Kollektiven und das ›Heranziehen‹ von jungem Publikum gelenkt werden. Auch ökologische Nachhaltigkeit ist bislang meist ein blinder Fleck: Im Gegensatz zur freien Szene spielt diese in den öffentlichen Betrieben, die ja eigentlich auch den Staatszielen wie dem ›Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen‹ verpflichtet wären, keine wirkliche Rolle. Und hätten die Theater ihre verwaisten Räumlichkeiten nicht denen zur Verfügung stellen können, die keinen sicheren Ort für #stayathome haben? Klar, Hygiene- und Sicherheitskonzepte hätten erarbeitet werden müssen, aber das wäre doch wirklich eine wunderbare, konkrete und solidarische Handlungsmöglichkeit gewesen.

Ole Hübner in Detroit • Foto © Jakob Boeckh
Ole Hübner in Detroit • Foto © Jakob Boeckh

In den meisten Fällen waren die Häuser in der Krise wohl erst einmal mit anderen, unmittelbarer scheinenden Problemen konfrontiert.

Mir ist bewusst, dass die Häuser einen unglaublichen Kampf ausfechten müssen, beispielsweise um ihre Belegschaften über Wasser zu halten. Und es ist völlig selbstverständlich, dass dringend finanzielle Lösungen insbesondere für die Freiberuflichen gefunden werden müssen, da ist jeder Tag, an dem sich die Bundesregierung als derart indifferent gegenüber den Künsten erweist, ein verlorener und akut existenzbedrohend. Doch die Vehemenz und die Lautstärke, mit der schon kurz nach den Lockdownbeschlüssen der Ruf erschallt ist, möglichst schnell wieder zu einem ganz normalen Proben- und Aufführungsbetrieb zurückzukehren, hat mich stark irritiert. Als wäre nichts gewesen, als hätte man mit all dem nichts zu tun, als müsse man sich tatsächlich hier und jetzt einem ins Wanken geratenden System als ›relevant‹ erweisen.

Der dritte Akt von opera, opera opera! spielt in einem leerstehenden Opernhaus, unsere Gegenwart wird aus der Sicht einer postapokalayptischen Zukunft beleuchtet, vergleichbar mit der gerade herrschenden Nostalgie auf die Zeiten vor der Pandemie. Bereitet einen die Arbeit an so einem Stoff auf die reale Krise vor?

Die Krise, die Dekadenz und die Zerstörung von Welt, Natur und Leben haben ja nicht erst mit Corona eingesetzt. Wir haben die Thematik dieses Stücks schon in dem Bewusstsein, bereits mitten im Auseinanderbrechen zu stecken, entworfen. Die jetzige Krise folgt einer Logik des Zerberstens von scheinbaren Sicherheiten, Selbstverständlichkeiten und systemischen Manifestationen, für die wir in opera, opera, opera! eine poetische Entsprechung zu finden versucht haben. Mit der Konkretion dieser Coronamonate und der Übersetzung unserer metaphorischen Bilder in reale Zustände konnte natürlich vor 1–2 Jahren niemand von uns rechnen. Andererseits haben wir in unseren inhaltlichen Gesprächen unheimlich viel Material zu dem ganzen Themenkomplex verhandelt, das hilft, unsere jetzige Krisenzeit zu verstehen und zu beschreiben.

Die Kritik an der Institution Oper ist eigentlich ein sehr zentraler Punkt: Das Stück endet damit, dass die Tauben ›bis in alle Ewigkeit den Opernsaal vollscheißen‹, und das Hologramm – eine aus der Zukunft entgegenkommende Lichtgestalt – beschreibt, wie die Konventionen und Automatismen in der Oper immer dieselben geblieben sind. Wie man ›richtig schlechte Stücke‹ gespielt und dabei, immerhin, ›zusammengehalten‹ hat bis die ›hässliche hässliche hässliche verkaufte Welt‹ am Ende allen ›Arien des Widerstands‹ zum Trotz halt untergegangen ist.

Fehlt jetzt gerade nicht jede wirkliche Zukunftsaussicht? Alles scheint nach der Zeit vor Corona ausgerichtet zu werden, aber auch nur in so kleinen Schritten, dass die großen Perspektiven unmöglich wirken.

Es ist symptomatisch, wie sehr viele Gesellschaftsbereiche und wie panisch und kopflos insbesondere auch weite Teile des Kulturbetriebs auf diese Krise reagieren. Es scheint nicht gerade die Vorstellung oder Vision vorzuherrschen, dass wir nach Corona das ganz fantastische neue, radikal andere, zukünftige Theater haben werden, sondern das ›alte‹, vielleicht noch ein ›älteres‹ als vorher. Es geht mir hier nicht um Antitraditionalismus, ganz im Gegenteil: Wir brauchen einen Traditionsbegriff, der die Zukunft immer schon miteinschließt. Einen, der uns dazu verleitet, eine Kunst zu machen, die den Aliens, die im Jahr 3020 auf der Erde landen, nur das beste, bunteste, klügste und zugleich fröhlichste Bild von den Menschen bietet. Sehen, welche Handlungsmöglichkeiten in Abgründen wie Krisen, restriktiven Strukturen oder eben einer katastrophischen Zukunft stecken.

Ole Hübner in San Francisco • Foto © Jakob Boeckh
Ole Hübner in San Francisco • Foto © Jakob Boeckh

Am Ende deines Programmbuchessays beziehst du dich auf Mark Fishers berühmten Satz ›Es ist einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus.‹ Hat sich nun nicht gezeigt, dass in einer globalen Krise, die jeden Bereich der Gesellschaft durchzieht, genau das Systemische überlebt, während die Alternativen noch schneller aussterben?

Wahrscheinlich stimmt das, aufs Große und Ganze bezogen. Der Kapitalismus, auch die Machtverhältnisse werden an dieser Krise ganz sicher nicht zugrunde gehen. In etwas kleiner gedachten Zusammenhängen können sich durchaus Alternativen zum Systemischen bilden, die auch überleben und in die Zukunft hineinwirken werden. Die angesprochenen Gespräche von Theatern mit den Belegschaften haben auch mit dem langfristigen Bilden zwischenmenschlicher Verbindlichkeiten zu tun. Diese sind ein wichtiger Punkt, an dem es in unserer Gesellschaft momentan sehr stark mangelt. Das plötzliche Scheitern – oder zumindest Stocken – bisheriger Effizienz- und Wachstumslogiken fordert uns heraus, diesen Einschnitt als Übergang in eine neu zu gestaltende Zukunft ernst zu nehmen. Da ist es nicht zu unterschätzen, was für eine langfristige Wirkung auch kleine Veränderungen, Ansätze, Neuanfänge entfalten könnten.

Die Gegenmaßnahmen zur Krise sind längst eingeleitet, die ersten Häuser spielen wieder und das Konjunkturpaket der Bundesregierung setzt ernüchternd stark auf eine fleißige Konsumgesellschaft. Gibt es überhaupt noch Hoffnung für radikale Neubeginne?

Für viele Menschen wird sich die Coronakrise als biografisch einschneidender Moment herausstellen. Die Monate – vielleicht ein oder zwei Jahre – im unmittelbaren Einfluss einer Pandemie lassen sich aus dem kollektiven Gedächtnis nicht löschen und werden jahrzehntelange Nachwirkungen in Kunstwerken, in Argumentationen, in Geschichtsschreibung und so weiter haben. Was den Kulturbetrieb angeht, sehen wir natürlich im Moment schon, dass sich viele Institutionen mit einer bisher nicht gekannten Ausdrücklichkeit auf die Seite des Systemischen schlagen. Das Umsichwerfen mit diesem Unwort der ›Systemrelevanz‹ finde ich schon ausgesprochen irritierend. Trotz der notwendigen Argumentationsgrundlage gegenüber der Politik sollte man wirklich sehr genau überlegen, ob man bereit ist, auf die Rolle als Dorn im Auge der ›normalen Realität‹ zu verzichten. Schade, dass die zurzeit stark rezipierten Online-Kanäle der Theater nicht genutzt wurden, um beispielsweise den Menschenrechtsbruch an den EU-Außengrenzen, die prekäre Situation der freiberuflichen Künstler:innen oder Polizeigewalt aufzuarbeiten. Mit der vereinten Kraft interdisziplinären Know-Hows ließe sich das Loch aus verlernter Solidarität, überfordertem Sozialstaat und zur Crashtour gewordener Wirtschaftsgläubigkeit stopfen, das die letzten Wochen entblößt haben, ließen sich neue ›Relevanzen‹ definieren.

Komponist Ole Hübner über den aktuellen Musiktheater- und Konzertbetrieb und kollektives Arbeiten ohne persönliche Treffen in @vanmusik.

Wann ist deine nächste Aufführung, die noch nicht abgesagt ist?

Beim Festival für immaterielle Kunst in der Elbphilharmonie mit Neo Hülcker und meinem Kollektiv »the paranormal ϕeer group«. Ausgehend von Neos Stimmbruchstimme behandelt das Stück das Motiv des Bruchs im weitestmöglichen Sinne. Wir versuchen diese besondere Zeit als einen stark gedehnten Bruchmoment zu begreifen, und zu thematisieren, was jetzt geschehen müsste, um diese Krise wirklich zu einem nachhaltigen Bruch hin zu positiven Veränderungen zu machen. ¶