Eine Spielzeitheft-Analyse in vier Akten, Teil 2: München vs. Zürich

Text und Fotos · Datum 31.5.2017

Von den Dächern schreien sie »Print is Dead!«, doch so lange im Keller die Druckmaschinen rattern und der VAN-Briefkasten einmal im Jahr voller großer und dicker Umschläge fast überquillt, sollen sie doch schreien, was sie wollen …Es ist »Spielzeitheft-Saison«, und gemeinsam mit dem Kölner Designer schauen wir uns in den nächsten vier Wochen insgesamt neun Hefte von Opern-, Theater- und Konzerthäusern sowie Orchestern an. Wir sind gespannt, ob die Farbe überall an der richtigen Stelle auf dem Papier ist. Nach dem Lokalderby Köln gegen Düsseldorf in Folge 1 steht in Folge 2 das Alpenderby auf dem Programm: München gegen Zürich.

Bayerische Staatsoper, München

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Es braucht einen kurzen Moment, bis man herausgefunden hat, wie das Heft zu öffnen ist. Muss man es kaputt machen? Ganz ehrlich (lacht): Ich hätte es schon längst weggelegt und nicht reingeschaut. Das ist viel zu kompliziert. Vermutlich bekomme ich es nicht auf, ohne es zu zerstören. Vielleicht muss das aber auch so sein? Zerstörung als Konzept für den Titel, das kann eine gewisse Radikalität vorwegnehmen – das hat etwas sehr Künstlerisches.

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Die Gestaltung für die Bayerische Staatsoper kenne ich ein wenig. Die verwenden gerne künstlerische Motive – hier zum Beispiel eine Aquarell-Optik, die einen lebendigen Kontrast zur klassizistischen Antiqua schafft und eine schöne Nähe zum Publikum herstellt.

Jetzt twittern: Opernhaus Zürich vs. Bayerische Staatsoper in der VAN-Stilkritik der Opernprogramme.

Jetzt, da wir den Titel kaputt gemacht haben, blättern wir doch mal durch: Im Innenteil wird man mit Aquarellen begrüßt, die wie in einer Art Künstlerbuch die ersten Seiten dominieren, bevor es in den reinen Textbereich übergeht. Auch die Kapiteltrenner sind stark von Kunstwerken dominiert.

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Die Typografie erscheint zunächst eigenwillig: Unterschiedliche Textgrößen von extrem groß bis extrem klein und sehr breite Spalten, die schon fast an die Grenze der Lesbarkeit gehen. Die klare Trennung zwischen erzählendem Text und den Fakten gefällt mir. Das passt wieder ganz gut in das Künstlerbuch-artige. Auf den reinen Textseiten hat man den Eindruck, dass immer wieder was Neues passiert – ohne das Gefühl zu haben, in einem anderen Kapitel gelandet zu sein. Die Schriftgröße der Lesetexte ist so gewählt, dass die Seite immer komplett ausgefüllt wird. So nimmt man den Text nicht als Informationsträger war, sondern als Gestaltungsmittel, das wie eine Graufläche wirkt und dadurch einen Bildcharakter bekommt. Das ist sehr gelungen.

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Das verwendete Naturpapier ist durch die aquarellartigen Malereien fast schon vorgegeben. Diese würden auf gestrichenem Papier deutlich an Charakter verlieren. Natürlich dürfen auch hier Anzeigen nicht fehlen, aber zumindest sind sie klar vom Inhalt getrennt und stören so die Heftdramaturgie nicht.

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Insgesamt ein sehr schönes Produkt, das durch die eigenwillige Art des Öffnens einen kunstvollen Charakter bekommt.

Opernhaus Zürich

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Hier empfängt uns ein klassisch gestalteter Titel mit einer Schachfigur, deren Bedeutung sich auf den ersten Blick nicht erschließen lässt. Das ist als Aufmacher nicht so spannend, weil es gar keinen Hinweis darauf gibt, was im Heft – also in der kommenden Saison – erwartet werden darf. Vielleicht löst sich das ja im Innenteil auf.

Offensichtlich mögen Spielzeit-Broschüren-Gestalter*innen Naturpapier, auch hier wurde wieder eines verwendet. Das Format erinnert an ein Taschenbuch, was sehr angenehm ist. Das Heft will nicht als Kunstkatalog oder monumentaler Wälzer wahrgenommen werden, sondern auf kompakte Weise Inhalte vermitteln.

Beim Durchblättern erschließt sich langsam auch das Titelbild, da im Innenteil weitere Grafiken mit gleichem illustrativen Charakter zu finden sind. Ich gehe davon aus, dass es hier einen inhaltlichen Zusammenhang zwischen den Illustrationen und den Stücken gibt – zum Beispiel wird der Mäusekönig tatsächlich mit einer Mausefalle dargestellt. Im Gegensatz zur Bayerischen Staatsoper werden hier die Texte in Bilder übertragen.

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Im weiteren Verlauf des Heftes kommen auch Fotos der Produktionen vor, die dem Leser nicht das Gefühl vermitteln, mit etwas komplett Neuem konfrontiert zu sein. Vielmehr spiegeln sie eine Erwartung wieder: Alles, was ich in einer Oper oder in einem Schauspiel sehen möchte, ist auf den Fotos zu sehen. Dennoch sind die Motive modern interpretiert. Es wird kein klassisches Bild von Oper transportiert – wie zum Beispiel bei der der Oper am Rhein – sondern durchaus ein innovativer Ansatz an das Musikgenre geboten. Das entspricht auch den Illustrationen im vorderen Teil des Heftes, durch die die Inhalte in die Jetztzeit übertragen werden.

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Die Schrift finde ich hingegen relativ gewöhnlich – man sieht häufig Kombinationen aus einer Antiqua und einer geometrischen Grotesk. Der Satz ist nicht auffällig oder besonders gut gemacht: Zum Beispiel sind die Pünktchen der Umlaute zu nah an der Unterkante der Schrift darüber. Auch der rechtsbündige Satz mit Bindestrichen ist eher … schwierig.

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Insgesamt ist das alles in Ordnung – aber eben auch nicht auffällig gut. ¶

Foto Uta Wagner

Foto Uta Wagner

Stefan Kaulbersch

… gründete vor mehr als 20 Jahren zusammen mit Mark Maier in Köln die Agentur ENORM. Seit seinem Studium an der Akademie für Bildende Künste in Stuttgart arbeitet er bis heute mit Vorliebe in den Themenfeldern, in denen Kunst und Design spannungsvoll zusammentreffen.

Alex Ketzer

... arbeitet als freier Art-Direktor und Grafik-Designer in Köln. Er kuratiert Ton, Text und Bild für verschiedene Labels und Projekte und gibt Workshops im Spannungsfeld von klassischer Typografie, experimentellem Design und interaktivem Sound. Bei VAN kümmert er sich um Pixel, Codes und Kreatives.