Gnedby und Billy sind für dich keine böhmischen Dörfer, sondern stehen an deiner Wand? Dann bist du hier vollkommen richtig! Wir haben Nachschub für dein CD-Regal. Zusammen mit dem Münchner Designer Tom Ising analysieren wir die Gestaltung zwölf aktueller Klassik-Neuerscheinungen. Heute in Staffel zwei: Wehende Tücher, ein Cocktailglas mit Noten, chemische Elemente und ein gefrorener Ast.

Anna Netrebko & Yusif Eyvazov – Romanza

Panorama • 09/2017

Ja (lacht) – das sieht so aus, wie einer dieser Romane, die man in Supermärkten immer an der Kasse findet: »Game Of Thrones meets Prince of Persia«. Dieser Bart, diese Edelsteine, diese drapierten, wehenden Tücher im Hintergrund! Ja, so etwas gibt es nun mal auf unserer schönen Welt. (lacht)

Aber: das Bild ist natürlich professionell fotografiert, das Licht stimmt und im Anschluss wurde gut retuschiert. Deluxe Edition eben. Egal, das nächste Cover bitte …

Elena Kats-Chernin – Unsent Love Letters. Meditations on Erik Satie

Deutsche Grammophon • 04/2017

Vorab: Das Logo der Deutschen Grammophon liebe ich sehr. Ein absoluter Klassiker und Schmuck für jedes Cover. Nun zum Rest der Gestaltung: Eigentlich total in Ordnung. Die Zeichnung, mit dem schnellen Tusche-Strich ist schön und deutlich gelungener als beim letzten Illu-Cover. Die Typo ist nichts Besonderes – aber warum nicht.

Die einzige Frage, die sich stellen könnte wäre, warum man bei einem hochformatigen Motiv die Schrift darüber und darunter setzen muss. Links und rechts wäre doch gut Platz gewesen. Dadurch entstehen riesige Leerräume und eine zu dominante Zentrierung, die die Gestaltung langweilig aussehen lässt. Zusammengefasst: Die Zeichnung finde ich gut, aber auf der mikrotypografischen Ebene ist noch etwas Arbeit nötig.

Wie das Cover von Elena Kats-Chernin entstanden ist.

Fumiko Miyachi – Transitional Metal

Métier • 09/2017

Man sieht auf dem Cover einen Auszug aus der Tafel der chemischen Elemente – zumindest würde ich das so deuten. Da ich mich an den Chemieunterricht leider so gut wie nicht mehr erinnern kann, kann ich auch nicht sagen, wofür sie genau stehen. Die Idee finde ich aber gut. Warum nicht.

Rein formal also alles in Ordnung – auch wenn die Detailbetrachtung doch noch die eine oder andere Frage aufwirft.

Was ist das tragende Element des Covers? Ist es der Titel und der Interpret oder ist es das Periodensystem der Elemente? Eine stärkere Konzentration würde wohl helfen: Entweder die Quadrate größer und näher zusammen oder alternativ Fokus auf Titel und Interpret. Es vermittelt sich auch nicht ganz, warum einige Quadrate leer sind – das ergibt keinen wirklichen Sinn. Es bleibt zu vermuten, dass die vier Quadrate ohne Beschriftung reine Dekoration sind. Das schadet einer so stark konzeptionellen Idee natürlich. Auch die Farben erschließen sich mir nicht ganz und wirken beliebig. Fazit: Idee gut, Komposition mittel.

London Philharmonic Orchestra, Vladimir Jurowski – Tchaikovsky Complete Symphonies

LPO • 10/2017

Auf den ersten Blick ist das ein schönes Cover. Ein Schwarz-Weiß-Bild mit hoher fotografischer Qualität. Tiefenunscharf mit Fokus auf den Blüten, die im Zentrum der Gesamt-Komposition stehen. Das funktioniert sehr gut und lenkt den Blick auch auf die unscharfen Bereiche. Auch den Frost an den Ästen finde ich gut.

Den modernen Bruch im Bild könnte man vermissen, aber vielleicht wollte man das bei diesem Motiv auch gar nicht. Auch gegen die Typografie ist nicht viel zu sagen. Sie ist ordentlich gesetzt, linksbündig und weiß, reduziert und simpel. Nur die zwei verschiedenen Schriftarten des Logos und des Titels beißen sich ein bisschen. Das sind zwar nur leichte Differenzen, aber genau solche flimmern im Auge des Betrachters. Der Gestalter hätte das Logo einfach ein wenig absetzen können, farblich oder in Bezug auf Größe und Position. Insgesamt aber ein gutes und angenehmes Cover – weil eben nicht so viel passiert. ¶


Tom Ising

… arbeitete nach seinem Studium an der Hochschule Augsburg beim jetzt-Magazin der Süddeutschen Zeitung. Im Anschluss gründete er zusammen mit Martin Fengel und Judith Grubinger die Designagentur HERBURG WEILAND. Seitdem arbeitet er von dort aus als Art Director für Zeitschriftenverlage (Burda, Springer, Gruner&Jahr), Buchverlage (Suhrkamp, Klett-Cotta, Random House) und Organisationen wie dem Residenztheater, der Staatsoper Berlin, dem Lenbachhaus in München und dem Bauhaus in Dessau.

Alex Ketzer

... arbeitet als freier Art-Direktor und Grafik-Designer in Köln. Er kuratiert Ton, Text und Bild für verschiedene Labels und Projekte und gibt Workshops im Spannungsfeld von klassischer Typografie, experimentellem Design und interaktivem Sound. Bei VAN kümmert er sich um Pixel, Codes und Kreatives.