Mir scheint, dass die Familie Wagner und die Verantwortlichen der Bayreuther Festspiele nicht besonders viel für den Ring übrig haben. Das KI-Rheingold war schon schrecklich und irgendwie haben der Computer und seine »Kuratoren« es fertiggebracht, eine noch schlimmere Walküre zu produzieren. Von den vier Teilen des Rings ist die Walküre am komplexesten, sie kann besonders vielschichtig interpretiert werden. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt des philosophischen Konzepts des Rings; hier zeigen sich Wagners Charaktere von ihrer mitfühlendsten und sympathischsten Seite. Im Mittelpunkt steht eine Liebesgeschichte, in der die Figuren – im Gegensatz zum Tristan – aus eigenem Antrieb handeln und die Liebe als eine Form der Freiheit betrachten, als Ablehnung einer Welt, die für sie unerträglich geworden ist.
In der Walküre vermischt sich das ständige Wechselspiel zwischen Eigenverantwortung, Schicksal, freiem Willen und Verfluchungen mit einer komplexen Auseinandersetzung mit den Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Siegmund und Sieglinde versuchen, einander aus ihrer jeweiligen Vergangenheit zu befreien. Brünnhilde ringt darum, sich aus dem patriarchalen Würgegriff ihres Vaters zu lösen und verhandelt gleichzeitig mit ihm, um sich schließlich Siegfried hingeben zu dürfen. Wer ist nicht mitgenommen von Siegmunds düstere Schilderung seines Lebens oder Sieglindes Verzweiflungsschreien im zweiten Akt? Und selbst wenn man Wotans Verhalten verwerflich findet, so ist sein Abschied von seiner Tochter doch bewegend. Von allen Teilen des Wagner-Zyklus lässt sich gerade die Walküre am schwersten als zynisch abtun. (Was viele nicht davon abhält, es zu versuchen.)

