Selten schenken wir den Platzanweiser:innen unsere volle Aufmerksamkeit. Theodor Adorno schreibt in seiner Naturgeschichte des Theaters wortreich über alles, was irgendwie mit dem Konzertbesuch zusammenhängt – die Platzanweiser:innen werden aber nur flüchtig erwähnt. Für einen Schriftsteller, der die Widersprüchlichkeiten der Musikwelt ansonsten anhand tausender kleiner Details (von den Beifallsstürmen bis zu den Fingerfood-Buffets im Foyer) zu analysieren weiß, ist das eine verpasste Chance. Ich habe die Platzanweiser:innen abseits der üblichen Interaktion, die die Höflichkeit mir als Konzertgänger eben gebietet, lange auch nicht groß beachtet. Es liegt in der Natur ihrer Arbeit, unbemerkt zu bleiben. Das änderte sich 2018, als meine Partnerin und ich uns am Londoner Royal Opera House Aus einem Totenhaus ansahen. Mitten in der Janáček-Oper wurde ihr plötzlich schwindelig. Sie entschuldigte sich und beteuerte, es sei nichts Ernstes – ich solle bleiben und die Vorstellung genießen. Nach kurzem Zögern folgte ich ihr jedoch. Ein Platzanweiser hatte ihr ein Glas Wasser und eine kalte Kompresse gebracht. Sie fühle sich schon viel besser und man erklärte mir, dass sie die Oper am besten von einer leeren Loge aus weiterverfolgen solle – ob ich mich anschließen wolle?

Die Platzanweiser:innen kümmern sich um uns, sorgen für unsere Sicherheit. Besonders deutlich wurde das in Großbritannien im Konzertbetrieb unter Corona-Bedingungen. Die Platzanweiser:innen achteten darauf, dass die nötigen Abstände eingehalten wurden, sie organisierten das gestaffelte Betreten und Verlassen der Häuser. Demütig folgte das Publikum den sanften Anweisungen, wer sitzen und wer sich wann bewegen soll. Aber die Platzanweiser:innen gehörten auch zu den frühesten Pandemie-Opfern der Branche. Bei der ersten Entlassungswelleam Royal Opera House wurden im Juli 2020 alle Aushilfskräfte entlassen – auch die Platzanweiser:innen.

Auf Englisch nennt man den Platzanweiser »Usher«, eine Variante des französischen Worts »huissier«, das wiederum vom lateinischen »ostiarius« stammt, dem »Wächter der Türen«. Erfunden wurde die Rolle des Platzanweisers vom frühneuzeitlichen Theater, in Randle Cotgraves Wörterbuch von 1611 wird er auch als »audiencer« bezeichnet. Der »Gentleman Usher« gehörte zu den aktivsten Figuren an aristokratischen Häusern, wo er die angesehenen Gäste bei Aufführungen, höfischen Maskeraden oder anderen Formen der Unterhaltung betreute.

In ihrem Buch über Shakespeares Prologe äußern Douglas Bruster und Robert Weimann die Vermutung, dass diese berühmten Eröffnungsreden von Platzanweisern gehalten wurden. Diese verteilten im frühneuzeitlichen Theater – so wie heute – Auszüge oder Zusammenfassungen der Stücke und spielten eine wesentliche Rolle bei der Einstimmung auf die kommende Aufführung: Sie führten das Publikum sowohl auf die richtigen Plätze im Saal als auch in eine imaginäre Welt auf der Bühne.

Bruster und Weimann sehen den Platzanweiser als Vermittler zwischen Bühne und Außenwelt. Zweifellos liegt in den eleganten Outfits und den eloquenten Äußerungen ein Hauch von Drama. Alex Akhurst, Platzanweiser an der English National Opera, erzählt mir, dass er besonders gerne draußen arbeitet, wo er, gekleidet in einen dunklen, dicken Mantel, die Gäste im großen Foyer des Londoner Kolosseums empfängt. Der zeremonielle Charakter dieser Begrüßung ist ein Vorgeschmack auf das Kommende. Am Royal Opera House trugen die Platzanweiser:innen früher rote Anzugjacken, ein Verweis sowohl auf die roten Plüschsitze im Innern als auch auf den royalen Flair der Institution. 2018 wurde das Design überarbeitet, im Zuge der umfangreichen »Open Up«-Renovierung des Gebäudes (mit lässigem Glas und Marmor, die auch gut in eine Hotel-Lobby passen würden). Die Platzanweiser:innen sind jetzt in schlichte marineblaue Anzüge gekleidet, mit grünem Hemd und goldbesetztem Revers. Zugänglicher, zweckmäßiger und dezenter, aber auch mit weniger Charakter.

Platzanweiser:innen müssen auf die Eigendynamik des Dramas ebenso eingestellt sein wie auf die des Publikums. Der Regisseur Paul Higgins, der vor Jahren am National Theatre als Platzanweiser gearbeitet hat, erinnert sich voller Bewunderung an ehemalige Kolleg:innen, die das diskrete Öffnen der Türen gerade so koordinieren konnten, dass Nachzügler exakt zum Ende einer großen Arie, wenn der begeisterte Applaus losbrandet, in den Saal huschen können. Auch hier vermitteln die Platzanweiser:innen zwischen Künstler:innen und Publikum. Und sie müssen schleichen können wie eine Raubkatze, elegant sein wie ein Höfling und im Verborgenen agieren wie ein Assassine.

Bruster und Weimann beschreiben die Platzanweiser:innen mit dem Begriff der Liminalität, als »ausgestattet mit Autorität, jedoch einer Autorität, die weder dauerhaft noch einfach gegeben« ist. Ein unruhiges Publikum zu managen, ist keine leichte Aufgabe. Die mahnende Taschenlampe des Platzanweisers kann den hellen Bildschirm eines Smartphones zum Erlöschen oder ein schwatzendes Paar zum Schweigen bringen. Gleichzeitig führt einem die herablassende Behandlung der Platzanweiser:innen gerade von wohlhabenden Opernbesucher:innen immer wieder vor Augen, wie prekär die Lage dieser Berufsgruppe ist.

Die meisten Platzanweiser:innen, die ich interviewe, sprechen aber mit Wohlwollen über das Publikum.

Eleanor Strutt, eine Absolventin des Trinity Laban Conservatoire of Music and Dance, die früher ebenfalls am Royal Opera House als Platzanweiserin arbeitete, erinnert sich an die »Chocolate Lady«, die ihr und ihren Kolleg:innen immer Süßigkeiten mitbrachte. Aber es gibt auch Erfahrungen wie die von Marcin Kokowski mit einem Gast, der partout nicht auf seinen zugewiesenen Platz zurückkehren wollte. »Er weigerte sich einfach, sich zu bewegen«, erzählt Kokowski. »Er reagierte sehr schroff und unhöflich. Ich hab mich runtergemacht gefühlt.«

Die Aggressivität von Theaterbesucher:innen scheint, zumindest in der Londoner Theaterwelt, zuzunehmen. Ein Artikel des Daily Telegraph aus dem Jahr 2019 berichtet von einem Platzanweiser der Royal Albert Hall, der von einem Gast angespuckt wurde, und wütenden Besucher:innen, die dem Saaldienst, der ihnen den Zutritt verweigerte, Tod und Verderben wünschten. (Die Gewerkschaft für Broadcasting, Entertainment, Communications and Theatre forderte das Management zum Handeln auf, die Society of London Theatres führte sogar Körperkameras für die Platzanweiser:innen am Eingang ein.) Das Verhalten dieser Gäste wäre in keinem Kontext akzeptabel, erscheint aber doppelt grausam, wenn man bedenkt, dass – wie Kokowski mir erklärt – für viele Platzanweiser:innen das Theater wie ein zweites Zuhause ist. »Ich habe meine Dissertation buchstäblich in einem der Proberäume geschrieben«, sagt er.

Trotz alledem bringen die Platzanweiser:innen die Menschen noch immer zu ihren Sitzen. Heute kommen die Anweisungen dazu meist vom Band. Die Technik hat die Rolle des Platzanweisers als eine Art Herold (eine der geheimnisvolleren Aspekte dieses Berufs) verdrängt. Das ist schade.  Ansagen vom Band wie »Meine Damen und Herren, bitte nehmen Sie Ihre Plätze ein. Die Aufführung von La traviata wird in zwei Minuten fortgesetzt« versprühen den Charme einer Wartehalle am Flughafen.

In vielen Häusern laufen trotzdem noch Platzanweiser:innen durch die Foyers und Gänge und rufen durch das Schwenken einer Glocke zurück in den Saal. Läutende Glocken beschwören in unzähligen Kulturen das Überirdische und signalisieren der Gemeinschaft, dass es Zeit ist, sich zu sammeln. Auch im Theater rufen sie das Publikum zusammen und schaffen diese seltsame, fast alchemistische Atmosphäre, die eine Live-Aufführung ausmacht.

Das Wachen über die Türen wird von Platzanweiser:innen immer noch sehr ernst genommen. Die Mezzosopranistin Sarah Connolly wurde einst von einer Gruppe sehr eifriger Platzanweiser:innen daran gehindert, bei Elgars The Dream of Gerontius die Bühne zu betreten. (Am Ende stürmte sie an ihnen vorbei, um noch rechtzeitig zum Auftritt zu erscheinen.) Heute gehört es auch zu ihren Aufgaben, des ausgelagerten Catering-Betriebs zuliebe die Taschen der Gäste zu inspizieren, auf der Suche nach hineingeschmuggelten Sandwiches. Gerade wegen dieser Taschenkontrollen, die an der English National Opera vom CEO Stuart Murphy angeordnet wurden, hat es in letzter Zeit immer wieder Streit mit Gästen gegeben.

Von Zeit zu Zeit gelangen auch Platzanweiser:innen zu einer gewissen Berühmtheit. Mit einer märchenhaften Geschichte machte Milly Forrest, Masterstudentin an der Royal Academy of Music in  London, im Jahr 2017 Schlagzeilen: In letzter Minute sprang sie an ihrem Arbeitsplatz, der Wigmore Hall, für eine verhinderte Sängerin ein. In der Folge wurde sie für ihr erstes Solokonzert gebucht – am selben Ort. Forrest erzählt mir von den Freuden, aber auch der Verantwortung des Platzanweisens. Die Wigmore Hall hat, wie so viele Häuser, zum Großteil ältere Stammgäste, von denen einige mehrmals die Woche kommen. »Für einige von ihnen ist das vielleicht die einzige Gelegenheit, unter der Woche andere Leute zu treffen«, sagt sie.

Taktgefühl und Anmut sind für diesen Beruf entscheidend. Wenn ein schlafender Gast schnarcht – wer von uns hat sich nicht schon mal schläfrig gefühlt in einem Konzert? –, nähert sich der Platzanweiser behutsam: »Entschuldigen Sie, Sir, darf ich Ihnen vorschlagen, sich an der Bar einen Kaffee zu holen?« Immer wieder stellt das Verhalten des Publikums die Platzanweiser:innen aber auch vor größere Herausforderungen: In einem Dokumentarfilm über das Royal Opera House aus dem Jahr 1995 beschrieb der Ober-Platzanweiser Ivel Arnold diskret, wie Gäste »die Logen für Aktivitäten nutzen, für die sie nicht gedacht sind« – den eigentlichen Zweck der Loge rief er einst einem Paar, welches er in flagranti erwischte, in Erinnerung. Eleanor Strutt berichtet von einer Toilette, in der Exkremente an den Wänden verschmiert worden waren.

Forrest hat aus ihrer Zeit als Platzanweiserin viel mitgenommen. Nach einer gewissen Dienstzeit kann man sich in der Wigmore Hall zur Umblätterin ausbilden lassen und so den Künstler:innen auf der Bühne ganz nah kommen. Außerdem habe sie eine Menge über Audioaufnahmen und Mikrofoneinstellungen gelernt. Und wenn man während eines Konzerts im hinteren Teil des Saals sitzt, bekommt man ein kostenloses Programmheft – großartig, meint Forrest, um Liedtexte zu lernen und Inspiration für neues Repertoire zu bekommen. Lehrreich sei auch, den Interpret:innen dabei zuzusehen, wie sie Fehler machen; das sei ein hervorragendes Korrektiv zum destruktiven Perfektionismus im Proberaum.

Nachwuchsmusiker:innen arbeiten oft als Platzanweiser:innen. Verglichen mit anderen Arten von Gelegenheitsarbeit ist dieser Job relativ gut bezahlt, man kann damit so gerade einen Londoner Lebensunterhalt bestreiten. Außerdem bietet er eine Vielzahl intellektueller und künstlerischer Anregungen – und ganz selten besondere Gelegenheiten wie bei Milly Forrest.

Große Sänger:innen zu sehen, ist eines der Highlights. Eleanor Strutt war die Platzanweiserin bei der Fidelio-Produktion des Royal Opera Houses von 2020 mit einer grandiosen Lise Davidsen in der Hauptrolle. Strutt verzichtete auf ihre Pausen, damit sie im Saal bleiben und Davidsen lauschen konnte. Alex Akhurst erzählt mir, dass in der Nähe der Bühne die Stimmen nicht durch den Hall des Saals geschönt oder abgerundet werden. »Sie klangen… wie ich«, sagt er.  Die trockeneren Klänge der Sänger:innen ohne das weiche Kissen aus Orchesterklang zu hören, habe sein Selbstbewusstsein gestärkt.

Solche Erlebnisse können junge Sänger:innen, die unter dem eigenen Übungsregime und einem sehr selbstkritischen Tunnelblick leiden, erden. Außerdem erhalten sie durch den Job ein besseres Gefühl dafür, wie Oper funktioniert. Platzanweiser:innen kommen aus allen Bereichen des Theaterlebens, so Strutt, man treffe unter den Kolleginnen »Videokünstlerinnen, Designer, Bühnenarbeiterinnen, Regisseure und Instrumentalistinnen«. Man könnte, scherzt sie, eine ganze Inszenierung nur mit den Platzanweiser:innen realisieren.

Und Strutt übertreibt nicht: Eine der ersten aufgeführten Opern nach der Wiedereröffnung der Hauptbühne des Royal Opera Houses im Herbst 2020 war Hannah Kendalls The Knife of Dawn – mit dem Bariton Peter Brathwaite, der früher als Platzanweiser gearbeitet hat. Marcin Kokowski erinnert sich an eine Mitarbeiter:innen-Party auf einem Boot im Jahr 2007, bei der eine Pianistin, ein Sänger und eine Regisseurin aus den eigenen Reihen eine eigene Mini-Oper über die verschiedenen Mühen der Platzanweiser zum besten gaben.

Während der Job für manche Platzanweiser:innen nur eine Station von vielen ist, verbringen andere Dekaden an »ihrem« Haus. Diese legendären Platzanweiser:innen arbeiten oft aus purer Liebe zum Beruf und verfügen über ein unglaubliches Wissen über Kunstform und Repertoire. »Es gibt Platzanweiser:innen, die die Balletttänzer:innen mit Namen kennen«, erzählt Strutt. Einige arbeiten schon so lange, dass sie bei der Wiederaufnahme von Produktionen Änderungen im Kostümdesign bemerken und aus dem FF unzählige Geschichten von Darsteller:innen und Aufführungen abspulen können.

In einem Stück aus dem Jahr 1613, so schreiben Bruster und Weimann, wendet sich eine Figur an das Publikum: »Wir Platzanweiser leiten das Stück euch Weisen ein; / dann kann der Prolog wohl auch von uns gelesen sein!« Warum eigentlich nicht? Platzanweiser:innen verfügen oft über einen wahren Schatz an ungewöhnlichen Weisheiten und kennen außerdem die Mysterien der Häuser. Kokowski berichtet von geheimen Abkürzungen in Covent Garden, die man als normaler Besucher nie kennenlernt. In Gaston Leroux’ Phantom der Oper weiß Logenwärterin Mme. Giry wesentlich besser bescheid über das gruselige Treiben am Haus als die Operndirektion. Sie ist es, die das Phantom zufrieden stellt und ihm seine Loge vorbereitet – was Zwischenfälle lange verhindern kann. Trotzdem lässt der Roman Mme. Giry in keinem guten Licht dastehen. Sie erscheint selbstgefällig, unkultiviert, leichtgläubig – trotz ihrer Leidenschaft und ihres Wissens, welches zum Beispiel im vierten Kapitel in einem Gespräch mit der Operndirektion zum Vorschein kommt:

»Mame Giry war einfach sprachlos über so eine Unwissenheit. Endlich entschloss sie sich, diese beiden armseligen Einfaltspinsel aufzuklären: ›Nun, meine Herren, es saßen an diesem Abend in der ersten Rangloge Herr Maniera mit seiner Frau, der Edelsteinhändler aus der Rue Mogador, und hinter Frau Maniera ihr intimer Freund, Herr Isidore Saack. Mephisto sang eben ›Scheinst zu schlafen du im Stübchen‹, als Herr Maniera von rechts her – seine Frau saß an seiner Linken – eine Stimme flüstern hört: ›Ah, ah, Julie schläft aber keineswegs!‹«

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Hier zitiert Giry eine Passage aus Gounods Faust, während Direktor Moncharmin sich um die Kunst selbst nur wenig zu kümmern scheint. Die Direktion entlässt Madame Giry wegen ihrer Geistergeschichten.

In Leroux’ Roman hat das Management am Ende jedoch das Nachsehen – Mme. Giry wird wieder eingestellt. Vielleicht sollte uns das eine Lektion sein: Wir sollten die Platzanweiser:innen und ihre Weisheit schätzen, denn sie wissen, wie man Gäste wirklich zufriedenstellt – die realen wie die übernatürlichen. ¶