Selten schenken wir den Platzanweiser:innen unsere volle Aufmerksamkeit. Theodor Adorno schreibt in seiner Naturgeschichte des Theaters wortreich über alles, was irgendwie mit dem Konzertbesuch zusammenhängt – die Platzanweiser:innen werden aber nur flüchtig erwähnt. Für einen Schriftsteller, der die Widersprüchlichkeiten der Musikwelt ansonsten anhand tausender kleiner Details (von den Beifallsstürmen bis zu den Fingerfood-Buffets im Foyer) zu analysieren weiß, ist das eine verpasste Chance. Ich habe die Platzanweiser:innen abseits der üblichen Interaktion, die die Höflichkeit mir als Konzertgänger eben gebietet, lange auch nicht groß beachtet. Es liegt in der Natur ihrer Arbeit, unbemerkt zu bleiben. Das änderte sich 2018, als meine Partnerin und ich uns am Londoner Royal Opera House Aus einem Totenhaus ansahen. Mitten in der Janáček-Oper wurde ihr plötzlich schwindelig. Sie entschuldigte sich und beteuerte, es sei nichts Ernstes – ich solle bleiben und die Vorstellung genießen. Nach kurzem Zögern folgte ich ihr jedoch. Ein Platzanweiser hatte ihr ein Glas Wasser und eine kalte Kompresse gebracht. Sie fühle sich schon viel besser und man erklärte mir, dass sie die Oper am besten von einer leeren Loge aus weiterverfolgen solle – ob ich mich anschließen wolle?
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