Sieben Perspektiven auf Bernard Haitink.

Text VAN Redaktion · Titelbild © Stephan Rabold · Datum 28.8.2019

Am 6. September dirigiert Bernard Haitink beim Lucerne Festival sein letztes Konzert. »Seien wir ehrlich, die Leute vergessen schnell«, antwortete der niederländische Dirigent im Juni auf die Frage, ob er sich auf einen emotionalen Abschied vorbereite. Hier erzählen die, die mit ihm musiziert, ihm gelauscht, von ihm gelernt und ihn begleitet haben, was ihnen aus dieser gemeinsamen Zeit besonders im Gedächtnis bleiben wird.

Anna Lucia Richter, Sopranistin

Foto © Julia Wesely
Foto © Julia Wesely

Zu Bernard Haitink fallen mir spontan zwei Erinnerungen ein. Da ist zuerst mal unser Kennenlernen: Ich saß gerade in England im Zug, auf dem Weg zu einem Liederabend, als meine Agentur anrief und meinte, dass Haitink kurzfristig jemanden für Mahler 4 suche, er zufällig gerade in London sei und ob ich mir vorstellen könne, ihm dort vorzusingen. Ich war natürlich erstmal total baff. Auf der einen Seite habe ich mich wahnsinnig gefreut, hatte aber auch einen Heidenrespekt. Haitink war in meiner Familie immer ein großer Name, mein Vater hat sehr von ihm geschwärmt, wir hatten tausend Aufnahmen von ihm … jetzt sollte ich ihm mal schnell aus der Lameng, wie der Kölner sagt, Mahler 4 vorsingen? Ich hatte Das himmlische Leben zwar schon gesungen, aber keine große Erfahrung mit dem Stück. Und ich war damals, glaube ich, erst 23. Ich habe dann die Noten bei IMSLP ausgedruckt und bin mit dem lockeren Papierbündel zu ihm. Er betrat den Raum, wie er so ist, die Ruhe selbst, mit einer großen Ausstrahlung und Autorität, und hat mir von der ersten Sekunde an jegliche Nervosität genommen. Ich hatte sofort das Gefühl: Dem geht’s jetzt gerade einfach wirklich nur um die Musik. Er fällt nicht vorschnell irgendein Urteil, sondern hört sich erstmal an, wie es klingt, ob wir eine gemeinsame Wellenlänge finden können. Was für ein toller Musiker, dachte ich, dem das ganze Drumherum nicht wichtig ist, dem es egal ist, ob jemand in Jeans und mit losen Notenblättern in der Hand kommt, oder perfekt gestylt ist und auswendig vorsingt. Wir haben eine Stunde gearbeitet, er hat, wie er so ist, eigentlich nur ganz wenig gesagt, aber das Wenige so auf den Punkt, dass man damit etwas anfangen konnte. Das war unser erstes Kennenlernen, und daraus wurden diverse Mahler 4 in Luzern, Tokio und London …

Er versteht es sehr gut, die Klangfarblichkeit bei Mahler zu balancieren. Er überinterpretiert nicht, und hat gleichzeitig ein sehr feines Gefühl – und natürlich auch viel Wissen –, wann er was heraushebt, wie er Beziehungen herstellt. Das ist bei Mahler besonders wichtig. Wenn man das nicht gut macht, wenn man alles gleich wichtig nimmt und sich nicht entscheidet, klingt es sehr schnell wie ein Stück Sachertorte, von allem zu viel. Da hat er ein unglaublich feines Gespür.

Die zweite Erinnerung: Vor einer Aufführung von Mahler 4 mit Fernseh-  und Radioübertragung – ich war erst 24, es war eine Riesensache für mich – bin ich zu ihm in die Garderobe und habe gesagt, dass es mir eine Ehre sei, mit ihm zu arbeiten, und es mir deshalb leid täte, nicht auswendig zu singen, weil ich sehr nervös sei und dieses Sicherheitsnetz der Noten bräuchte. Darauf sagte er: ›Wissen Sie, wir haben eines gemeinsam, und das ist unser Alter: Sie sind zu jung, um auswendig zu singen, und ich bin zu alt, um auswendig zu dirigieren.‹ Das fand ich sehr lieb.

Diese wahnsinnige Ruhe und große Demut der Musik gegenüber kenne ich in dem Maße von keinem anderen Dirigenten – dass er nie groß herumschwafelt, um jemandem etwas zu beweisen, oder aufbrausend oder laut wird in Proben. Er ist davon überzeugt, dass auf dem Niveau, auf dem er arbeitet, alle das Beste wollen und geben, was sie können. Und dass die Leute oft selbst merken, was sie besser machen und wo sie aufpassen müssen. Das Besondere an ihm ist jegliches Fehlen von Selbstdarstellung. Das ist bei jüngeren Dirigenten heute kaum vorstellbar, dass da jemand hauptsächlich über Briefe kommuniziert, sich zu 100 Prozent auf den Inhalt konzentriert und bei sich bleibt.

Andreas Wittmann, seit 1986 Oboist bei den Berliner Philharmonikern

Andreas Wittmann, im Bild links in der Mitte, und Bernard Haitink beim letzten gemeinsamen Konzert mit den Berliner Philharmonikern und Bruckner 7 am 11. Mai 2019 in der Berliner Philharmonie • Foto © Stephan Rabold
Andreas Wittmann, im Bild links in der Mitte, und Bernard Haitink beim letzten gemeinsamen Konzert mit den Berliner Philharmonikern und Bruckner 7 am 11. Mai 2019 in der Berliner Philharmonie • Foto © Stephan Rabold

Bernard Haitink verfügt über eine unglaubliche Schlagtechnik, ich glaube, das wird viel zu wenig gewürdigt. Seine Zeichengebung ist mit sehr wenig Aufwand äußerst präzise und klar, dabei aber auch sehr elegant und ausdrucksstark, so dass ein Orchester bei ihm ganz wunderbar klingt und es sehr einfach ist, ihm zu folgen. In den Proben setzt er sein Konzept ganz genau um und zieht das bis ins Konzert durch. Ursprünglich war er ja Geiger, er kommt also aus dem Orchester und weiß, was Orchestermusiker brauchen und was nicht. Das ist etwas sehr Wertvolles.

Ich war bei den Philharmonikern zehn Jahre lang Orchestervorstand und habe in dieser Funktion immer, wenn er in Berlin war, sehr intensiv Kontakt mit ihm gehabt. Je näher man ihn kennenlernt, desto mehr schätzt man ihn auch als Person. Er ist ein sehr stiller, leiser Mensch, der unheimlich viel weiß, und trotz seines Erfolges immer auf dem Boden geblieben ist. Das ist nicht selbstverständlich in der Branche. Dazu fällt mir eine Geschichte ein: Wir waren mit dem Orchester und Bernard Haitink Anfang der 1990er Jahre, vor Beginn der Ära Abbado, auf einer Deutschland-Tournee. Wir fuhren dabei mit dem Zug, und bei der Abfahrt von einem Konzert in Wolfsburg wurden wir am Bahnsteig von einer örtlichen Blaskapelle verabschiedet. Es war eine nette Geste, und der Leiter des Ensembles wollte unbedingt, dass Haitink auch einmal kurz die Kapelle dirigiert. Das war ihm sichtlich sehr unangenehm. Viele andere hätten die Gelegenheit ergriffen, sich darzustellen und eine kleine Show zu machen, aber er nicht. Er hat dann zwar ein bisschen dirigiert, weil er dem netten Blaskapellenleiter die Bitte nicht ausschlagen wollte. Aber das war sehr schön anzusehen, wie bescheiden er war, eben nicht jemand, der sich ständig selbst in den Vordergrund katapultiert.

Wir haben mit ihm natürlich viel Mahler und Bruckner gemacht, ich erinnere mich aber vor allem auch an eine Aufführung von Strawinskis Sacre in London. Das Stück ist ja nicht leicht zu dirigieren, man muss technisch sehr beschlagen sein. Er hat das fantastisch gemacht, absolut präzise. Wir haben auch Bartóks Konzert für Orchester mit ihm gespielt, Schostakowitsch, zeitgenössische Sachen. In technischer Hinsicht hatte er da überhaupt keine Schwierigkeiten – und musikalisch sowieso nicht, weil er ein unglaublich feinfühliger Musiker ist. Bei ihm ist immer die große Linie und der große Bogen da. Es zerfällt nie, selbst bei einer Bruckner Sinfonie nicht. Das ist etwas, was wir noch sehr vermissen werden.

Wir wussten, dass unsere drei Konzerte im Mai 2019 für uns wohl das letzte Mal mit ihm sein würden. Dass ab dem 6. September sein Terminkalender leer bleibt, war glaube ich schon länger geplant. Das waren tatsächlich einige sehr wehmütige Tage. Das letzte Konzert mit Bruckner 7 werde ich nie vergessen, weil es einerseits eine unglaublich schöne Aufführung war, und unter diesem Stern des Abschieds stand. Es gab danach einen kleinen Empfang, den er gegeben hat. Es war sehr bewegend, er saß da inmitten des Orchesters auf einem Stuhl, hat eine kurze Rede gehalten, und dann konnte sich jeder nochmal persönlich von ihm verabschieden. Es war gleichzeitig sehr traurig und sehr schön.

Isabelle Faust, Geigerin

Foto © Priska Ketterer / LUCERNE FESTIVAL
Foto © Priska Ketterer / LUCERNE FESTIVAL

Mit großer Dankbarkeit blicke ich zurück auf zahlreiche unvergessliche Momente auf der Bühne an Bernards Seite, der stets diskret aber bestimmt führt, lauscht, reagiert, Richtung vorgibt. Das Gefühl, von einer geradezu transparenten Hand geleitet zu werden, vollständig im Dienste der Musik, ist immerzu präsent. Das Bedürfnis, ausschließlich die Musik sprechen zu lassen, sie nicht durch unnötige Worte zu stören, die Bescheidenheit, komplette Verantwortung zu übernehmen und sich dennoch in den Hintergrund zu stellen, die Neugierde auf immer neues Repertoire und neue Perspektiven der Interpretation, und vor allem die überwältigende Liebe zur Musik, ohne Pathetisches, ohne Manierismus, so rein und durchsichtig wie nur irgend möglich, all dies ist und bleibt unendlich bewundernswert, beflügelnd, inspirierend und ermutigend!

Michael Haefliger, Intendant des Lucerne Festival

Foto © Priska Ketterer / LUCERNE FESTIVAL
Foto © Priska Ketterer / LUCERNE FESTIVAL

Bernard Haitink ist ein sehr ruhiger Mensch, er redet nicht unendlich viel im Alltag, aber auf der Bühne ist er voller Kreativität und hat eine unglaubliche Energie. Er legt viel Wert darauf, dass es eine Grenze gibt zwischen dem privaten und öffentlichen Leben. Gerade in dem Beruf Musiker, auch in meinem Beruf, vermischt sich ja beides oft stark. Ich war einige Male bei ihm im privaten Kreis zum Abendessen eingeladen. In seinem Luzerner Haus hingen damals sehr viele Kuckucksuhren, die er innig liebte und genau kannte. Alle paar Minuten ging eine davon los. Ich habe ihn gefragt, ob er die Uhren nachts abstellt, woraufhin er meinte: »Nein, nein, die stören mich überhaupt nicht.« Seine Frau und er haben sich immer sehr für den Nachwuchs interessiert und in ihrem Haus Konzerte mit jungen Musiker*innen oder Quartetten veranstaltet. Er ist ein herzlicher, gastfreundlicher Mensch, der sehr bemüht darum ist, eine Verbindung aufzubauen, die über seine vielen anstrengenden beruflichen Engagements hinausgeht.

Denkwürdige musikalische Erlebnisse gab es unendlich viele, fast jedes Konzert mit ihm hier in Luzern war eine Sternstunde. Es war immer Magie da, man wusste, da passiert etwas auf der Bühne, was nicht alltäglich ist. Hängengeblieben ist insbesondere sein Beethoven-Zyklus mit dem Chamber Orchestra of Europe: Sehr schnelle Tempi, sehr konsequent, ohne irgendwo nachzulassen, keine Schleife, keine Verschwendung. Das war schon sehr modern, was er da gemacht hat. Dann kam der Brahms-Zyklus, Schumann, Mendelssohn, Schubert, bis heute haben wir das so weitergeführt.

Er ist ein Künstler mit einem hochstehenden beruflichen Ethos, durchaus auch jemand, den man ein bisschen vergöttert, weil er etwas darstellt, was man gerne sein würde, aber vielleicht nicht ganz schafft … Er besitzt eine hohe künstlerische Integrität und kann auch kompromisslos sein, wenn er an seine Interpretation und seinen Weg glaubt.

Für das Festival war er die letzten Jahrzehnte über einer der engsten Partner. Wir haben uns natürlich verschiedene Gedanken gemacht, wie wir das letzte Konzert mit ihm hier am 6. September umrahmen. Ein riesiges Gelage oder Feuerwerk wäre bestimmt nicht in seinem Sinne. Wir werden die Gunst der Stunde nutzen, um mit ihm anzustoßen.

David Afkham, Chefdirigent des Spanischen Nationalorchesters

Kennenlernen durfte ich Bernard Haitink zum ersten Mal im Januar 2007 bei einem internationalen Meisterkurs für Dirigieren in Luzern. Seit dieser Zeit bin ich nicht nur beeindruckt von ihm als Menschen, sondern vor allem von seiner Art zu dirigieren. Ein Dirigat, welches heutzutage nur noch selten zu finden ist. Neben seiner Eleganz, Feinheit und Klarheit ist es vor allem seine suggestive und mentale Kraft, die die Musiker zu einem unglaublich konzentrierten Musizieren führt. Es ist die Kunst ein Orchester von »innen« zu führen und die jeweilig gewollte Farbgestaltung des Klanges »entstehen« zu lassen. Er vertraut den Musikern und lässt »geschehen«.

Ich erinnere mich noch sehr genau an einen Moment während des Meisterkurses, in welchem Bernard Haitink mich um Erlaubnis bat, das Dirigat kurz selbst übernehmen zu dürfen: es handelte sich um den Anfang des 2. Satzes der 3. Sinfonie von Brahms. Ich überließ ihm das Podium – allein schon sein Gang auf das Podest veränderte die Haltung der Musiker im Orchester. Was für eine Kraft ging von diesem Menschen aus – eine Energie, eine Willensstärke, die jeden Musiker erreichte und einband in das musikalische Geschehen. Große Gesten waren nicht nötig: Selbst mit dem kleinsten Flimmern des kleinen Fingers der linken Hand konnte er die größte klangliche Veränderung erwirken.

Überhaupt sein Klang: einzigartig fein, edel und transparent mit einer berauschenden Palette an Klangfarben. Immer fokussiert und mit einem klingenden, lebenden, intensiven Piano.

Doch wie erreicht Bernard Haitink seinen Klang? Eine Frage, die ich auch nach mehreren Gesprächen mit ihm nicht vollständig beantworten kann und mich deshalb immer wieder zum Nachdenken und vor allem zum Nachhören bringt. Klang bleibt ein Mysterium.

Nach diesem Meisterkurs durfte ich weiter mit Bernard Haitink in Kontakt bleiben und von ihm lernen. Es schlossen sich Assistenzen an: zunächst in Amsterdam mit dem Concertgebouworkest, dann mit dem Chicago Symphony Orchestra, dem London Symphony Orchestra, dem Chamber Orchestra of Europe… Über mehrere Jahre hinweg durfte ich Herrn Haitink, Bernard, meinen Meister und Mentor nennen. Er ist es auch heute noch! Worte des Dankes allein reichen nicht aus für all die musikalischen Erfahrungen, das tiefe Erleben der Musik, das gegenseitige Vertrauen, einen guten Rat im richtigen Moment, das Lernen, das Zuhören und Geschehenlassen.

Mark Berry, Musikkritiker und VAN-Autor

1998 habe ich zum ersten Mal live den Ring gehört, in der Royal Albert Hall. Dass ich vom Wogen des Rheins bis zu Brünnhildes Opfer jeden Abend wie gebannt war, habe ich vor allem Bernard Haitinks Dirigat zu verdanken. Der Saal bietet, gelinde gesagt, keinen besonders guten Rahmen, aber vielleicht hat mich gerade das dazu gebracht, noch genauer hinzuhören, als ich es im Musikverein oder im Concertgebouw getan hätte.

Dasselbe gilt für Mahler 9 mit Haitink und dem London Symphony Orchestra im Jahr 2009: Auch hier war es für mein Hören eher von Vorteil, dass das LSO zu diesem Anlass die akustische Trockenheit des Barbican Center gegen diesen Heuschober Albert Hall eingetauscht hatte.

Wie auch bei Wagner folgte Haitink Mahlers großem Bogen mit einem Wissen und einer Sicherheit, die jenseits meiner Vorstellungskraft liegen. Den ersten Satz ging er langsam an, wie ein der Welt müde gewordener Gang, der an Schuberts Winterreise erinnerte. Und hat Mahlers Harfe jemals so bedrohlich und gleichzeitig so ergreifend nah an Webern geklungen? Vielleicht noch chez Boulez, aber doch sehr selten. Wie immer gab es bei Haitink keine Übertreibungen; er wusste genau, wo eine Dissonanz oder ein überraschender Wechsel der Klangfarbe betont werden mussten – und wo eben nicht. In Momenten scheinbarer Ruhe schauten und hörten wir direkt in den Abgrund.  

Die Sehnsucht nach Romantik, die doch nie erfüllt wird, durchzog auch den zweiten Satz. Bei allem vordergründigen Ländler-Schwung blieb der Ausdruck letztlich leer. Die tödlichen Marionette wirkten auch ohne musikalische Übertreibung angsteinflößend. Im Rondo-Burlesk bereitete Haitink den Totentanz geduldig vor. Schlicht und einfach – oder eben gerade nicht einfach – indem er in seine Art zu schreiben eintauchte, entfesselte Haitink Mahler, trieb Extreme auf die Spitze, und mischte sich doch nicht zu sehr ein. Das Blech klang wie bei einem Begräbnis: Eine Wagner‘sche Dämmerung, der Meistersinger ohne seine Gemeinschaft, der Alptraum des 20. Jahrhunderts. Diese Art zu sehen, physisch und metaphysisch, beherrschte Mahler meisterhaft. Wir waren verführt, entzückt, doch schließlich abgestoßen. Die Marionetten kehrten wieder, wie Wagners lästernde Nornen – auf Acid. Sie feierten und verhöhnten uns.

Aber es gab noch etwas Hoffnung, gestärkt durch das Dämmern des Adagios. Warme, tröstende Streicher erinnerten an den Schlusssatz von Mahlers Dritter Symphonie – eine weitere Haitink-Spezialität – und ließen erkennen, wie viel sich seitdem verändert hatte. Der Kontrapunkt wurde mit der Harmonie versöhnt, als wäre all das ein großes Bach-Choral-Vorspiel. Indem wir Haitink auf den Spuren von Mahlers progressiver Tonalität gefolgt waren, waren wir angekommen, ohne wirklich zu wissen, wo. Zu denken, die wahren Absichten eines Komponisten wiedergeben zu können, ist eine Illusion. Doch Haitink glaubten wir in dieser Sache gern.

Bernard Haitink ist sparsam mit Worten. In @vanmusik sprechen darum die, die mit ihm musiziert, ihm gelauscht, von ihm gelernt und ihn begleitet haben.

Sharon St Onge, seit 1982 Hornistin beim Amsterdamer Concertgebouworkest

Noch Jahrzehnte nach seiner Zeit als Chefdirigent beim Royal Concertgebouw Orchestra [1963 – 1988] blieben wir sein Orchester – selbst dann noch, als so gut wie niemand aus dieser Phase mehr im Orchester gespielt hat. Auch für die Jungen fühlte es sich an, als sei endlich ›unser Dirigent‹ zurück, wenn er mit uns gearbeitet hat.

Haitink braucht so wenige Worte, um einen Klang zu schaffen! Er beginnt die Probe mit einer trocknen Bemerkung, zum Beispiel übers Älterwerden. Und dann legt er einfach los, die Verbindung ist sofort da. Ich erinnere mich noch gut an den Anfang von Mahler 2, die Celli. Viele Dirigent*innen arbeiten da mit Geschichten, Bildern, aber nicht Haitink. Er hat einfach nur eine kleine Pause gemacht und etwas gesagt wie: ›Es brauch noch etwas … hm … nein, nochmal.‹ Und es war viel besser. Er hat keine Anweisungen gegeben, sondern einfach dafür gesorgt, dass alle noch besser hinhören. Unter seiner Leitung haben wir nicht nur zusammengespielt, wir waren ein Kollektiv.

In den Achtzigern haben wir in der Berliner Philharmonie gespielt, was damals eine große Sache war. Wir hatten morgens eine Probe, die wir auch dringend brauchten. Irgendwann kam Karajan rein, betrat im Walzerschritt die Bühne und erzählte eine Geschichte, die einfach nicht enden wollte. Die Zeit lief davon, aber Haitink hat einfach nur geduldig auf dem Podium gewartet, bis Karajan fertig war.  

Haitink war früher immer sehr nervös, aber auf eine gute Art. Er hatte ein sehr feines Gespür für Individuen, wusste immer, welche Stellen dir schwerfallen. Im Laufe der Zeit ist er dann etwas mehr auf Distanz gegangen, hat sowas wie ein Pokerface entwickelt, das hat es einfacher gemacht.

Ich frage mich, ob er jetzt wohl wirklich aufhört. Wenn das Orchester in der Klemme stecken und sich an ihn wenden würde, wäre er sicher da. ¶