Oft bringt die Musik aus der Kindheit und Jugend nicht einfach nur die Erinnerungen aus dieser Zeit zurück – sie befördert einen tatsächlich zurück in die damalige Wirklichkeit und ruft physische Reaktionen, Adrenalin, Schweiß und Herzschmerz hervor. Barrie Kosky, Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper Berlin, hat für diese Playlist nach seinen eigenen Erlebnissen gegraben und erinnert sich an seine Zeit als heranwachsender Schwuler in Australien und an den Einfluss seiner Großmutter. Er ist »Regisseur des Jahres 2016« (Opernwelt) und inszeniert im Sommer Die Meistersinger von Nürnberg bei den Bayreuther Festspielen. Seine letzte Inszenierung an der Komischen Oper war Oscar Straus’ Operette Die Perlen der Cleopatra, am 2. April feiert seine Neuproduktion von Mussorgskis Der Jahrmarkt von Sorotschinzi Premiere. Hier stellt er die Stücke vor, die seinem Herzen am Nächsten sind.

Gustav Mahler, Das Lied von der Erde; Wiener Philharmoniker, Bruno Walter (Leitung), Kathleen Ferrier (Sopran)

Ich habe Mahler mit etwa 13 Jahren entdeckt. Das Lied von der Erde ist sicher eines der großartigsten Musikstücke, die jemals geschrieben wurden. Besonders gefällt mir die Interpretation von Kathleen Ferrier und Bruno Walter, die ich zuerst mit etwa 15 gehört habe. Ich war damals unsterblich in einen Jungen aus meiner Schule verliebt, diese Musik spendete mir Trost für meine nicht erwiderte Liebe.

George and Ira Gershwin, The Man I Love; Sarah Vaughan

Dieses Lied über Einsamkeit und Sehnsucht steht Schubert und Schumann in nichts nach – vor allem, wenn Sarah Vaughan es singt! Ich habe es zuerst mit 16 gehört – natürlich in meiner Teeniezeit!

Igor Strawinski, Petruschka; Minneapolis Symphony Orchestra, Antal Doráti (Leitung)

Link zum Album

Meine ungarische Großmutter war eine Kindheitsfreundin von Doráti in Budapest und hat mir diese Aufnahme gegeben, als ich gerade fünf Jahre alt war. Es hat mich damals schon fasziniert, und diese Faszination ist geblieben. Ich bin überzeugt, dass Petruschka mein Alter Ego ist.

Richard Wagner, Tristan und Isolde; Staatskapelle Dresden, Carlos Kleiber (Leitung), Margaret Price und andere (Gesang)

Ich habe eine komplizierte Beziehung zu Wagner – eine wahre Hassliebe. Aber Tristan und Isolde ist fantastisch von der ersten bis zur letzten Note. Wenn Margaret Price den Liebestod singt, fühle ich mich, als könnte ich Wagner alles verzeihen.

Béla Bartók, Streichquartett No. 6

Ich habe dieses Stück zum ersten Mal gehört als ich 15 war: Schrecken und Einsamkeit Seite an Seite – wie gemacht für eine junge, schwule Seele. Bartók war eines der beiden ungarischen Musikidole meiner Großmutter, die mich in meiner Jugend sehr stark beeinflusst haben.

Emmerich Kálmán, Gräfin Mariza

https://www.youtube.com/watch?v=ks4kU1YqWKw

Wieder war es meine Großmutter, die mich zu dieser Musik geführt hat – neben Bartók war Kálmán ihr zweites ungarisches Musikidol. Mit zehn Jahren hat sie mich zu einer Aufführung von Mariza in Melbourne mitgenommen. Bis heute ist mir diese Musik sehr wichtig und ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich dieses Stück höre. Nostalgie, Freude und Melancholie in jedem einzelnen Takt!

Johann Sebastian Bach, Goldberg-Variationen, Glenn Gould (1956)

Die Goldberg-Variationen sind einfach eines der großartigsten Stücke, die jemals geschrieben wurden. Und Glenn Goulds Aufnahmen – beide – könnten besser nicht sein. Niemand kommt so nah an die Perfektion ran. Wie viele meiner liebsten Stücke haben auch die Goldberg-Variationen mich seit meiner Kindheit begleitet: Ich habe die erste Aufnahme zum ersten Mal mit elf gehört.

George Michael: Freedom! ‘90

Zuerst gehört auf einem Dancefloor in Sydney und nie wieder vergessen. Trotz der Drogen. Dieser großartige Popsong verkörpert die Idee der Freiheit und bringt mich auch heute immer noch zum Tanzen. Ein Klassiker.

Ludwig van Beethoven, Klaviersonate No. 32, op. 11; Arturo Benedetti Michelangeli

https://www.youtube.com/watch?v=a_YbAzeLWZg

Diese Musik gespielt von diesen Fingern – unvergesslich! Auch wenn ich leider nie das Glück hatte, ihn persönlich zu sehen. Was für ein Künstler, was für ein Gefühl in diesen Händen.

Michel Legrand, Yentl – Original Soundtrack; Barbra Streisand

Diesen Soundtrack habe ich zum ersten Mal gehört, nachdem der Film schon vor langer Zeit rausgekommen war – damals war ich Mitte zwanzig. Obwohl ich ein Problem mit dem Film selbst und dem Schauspielstil von Barbra Streisand habe, finde ich die Lieder fabelhaft – wenn Barbra singt, dann kommt das ziemlich nah an die Vorstellung eines jeden jungen, schwulen, jüdischen Australiers vom Himmel ran. ¶