Der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht bekanntlich unter Kürzungs- und Reformdruck, und mit ihm seine Klangkörper. Selbst inhouse haben diese ein Imageproblem. Der damalige ARD-Vorsitzende Tom Buhrow zählte sie schon vor drei Jahren in seiner ›Hamburger Rede‹ an: 20 rundfunkeigene Orchester, Big Bands und Chöre, über 2.000 Menschen, alle fest angestellt, und das, obwohl es in Deutschland schon mehr als 120 Berufsorchester gebe: »Wollen die Beitragszahler das?« Im März forderten die Ministerpräsident:innen von 14 Bundesländern (nur Hamburg und Niedersachsen schlossen sich nicht an) in einer Protokollerklärung zum Rundfunkstaatsvertrag von den Sendern, »eine kritische Analyse zum Status Quo und zu den Zukunftsperspektiven der von ihnen unterhaltenen Klangkörper«. Dabei solle überprüft werden, ob eine Reduktion der Klangkörper möglich sei, wo Dopplungen abgebaut und Aufgaben arbeitsteilig übernommen werden könnten. Außerdem sollten alternative Finanzierungsmodelle und eine Erhöhung der Wirtschaftlichkeit und von Deckungsbeiträgen evaluiert werden.
Was auch immer man von dieser Forderung und den dahinter sich womöglich verbergenden lauteren oder unlauteren Motive halten mag – die ARD machte gute Miene zum (vielleicht) bösen Spiel und verkündete bereits Anfang August, eine entsprechende »Arbeitsgruppe« eingerichtet zu haben. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk kann manchmal ganz schön nerven, in seiner Selbstgefälligkeit und Blackboxhaftigkeit. Aber innerhalb von nur fünf Monaten eine Arbeitsgruppe einzurichten – das kündete schon im Spätsommer vom Herbst der Reformen. Memo geht raus an die Ministerpräsident:innen: »Arbeitsgruppe erfolgreich eingerichtet«. Alles Weitere in Kürze.
Auch VAN interessiert die Zukunft der Rundfunkensembles. Also nahmen wir das positive Mindset auf und fragten nach, wie sich die Arbeitsgruppe denn zusammensetze, ob gar schon Sitzungen stattgefunden hätten. Zugegeben, das war etwas übermütig. (VAN ist auch erst 10 Jahre alt, nicht etwa 75, wie der ›ÖRR‹.) Geduld, Geduld, lautete folgerichtig die Antwort der freundlichen ARD-Pressestelle. Die Zusammensetzung der Arbeitsgruppe werde mitsamt Auftrag schließlich erst in der nächsten Sitzung der Intendantinnen und Intendanten Ende September »besprochen und beschlossen«. »Sobald wir mehr wissen, kommen wir auf Sie zu.«
Nun hätte man schlecht gelaunt nachfragen können, worin sich denn die Anfang August so gut gelaunt verkündete »Einrichtung einer Arbeitsgruppe« genau manifestiert, wenn offensichtlich weder Zusammensetzung noch Auftrag feststehen. Wurde schon ein Sitzungsraum gebucht? Hat sich jemand um Kaffee und Schnittchen gekümmert? Gibt es schon eine Umlaufmappe? Ein Grantler hätte womöglich eingewandt, dass der Auftrag, den die Intendant:innen erst noch »besprechen und beschließen« müssten, doch eigentlich bereits feststehe, siehe Protokollerklärung, siehe oben. Und Zynikern, die schon lange nichts mehr spüren, käme der Bürowitz-Klassiker in den Sinn: ›Wenn du nicht mehr weiter weißt, gründe einen Arbeitskreis‹.
Wir hingegen wollten die Aufbruchstimmung nicht trüben. Deshalb schickten wir Ende September nur einen freundlich-zugewandten Reminder – die Intendant:innen hätten ja nun getagt, also stünde die Zusammensetzung der Arbeitsgruppe fest, mit Bitte um Übermittlung, danke für die Mühen, beste Grüße.
Gemach, Gemach, ihr übereifrigen, gebührenlosen Online-Journalisten! Die Intendant:innen hätten zwar »eine Arbeitsgruppe von Vertreter/innen aller Anstalten mit eigenen Klangkörpern damit beauftragt, bis zum September 2026 ein Konzept für die Weiterentwicklung zu erstellen«, teilt die freundliche CvD aus der ARD-Kommunikationsabteilung mit. Also jene Arbeitsgruppe, die schon Anfang August »eingerichtet« worden war, mit jenem Auftrag versehen, der bereits im März durch die Ministerpräsidenten formuliert worden war. Wer in der Arbeitsgruppe arbeite, könne man aber noch nicht sagen: Die »Vertreter:innen der Anstalten« müssten erst noch benannt werden. »Anfang Oktober« könne, ja müsse es so weit sein!
Wir merkten, wie sich in uns langsam reformfeindliche Herbstmüdigkeit breitmachte. Statt Indian Summer verfaulende Blätter und November Rains. Wir dachten an gestrandete Fernverkehrszüge auf maroden Brücken, brandenburgische Funklöcher, Roman Herzog … und überall Nebel. Dabei hatte es doch so gut angefangen!
Zwei Wochen später rafften wir uns noch einmal auf – die Arbeitsgruppe, die Mitglieder, vielleicht …doch … jetzt? Dabei ahnten wir schon die Pointe. Langes Warten, Verspätungen in Scheibchen, und am Ende fällt der Zug aus. Ja, die Arbeitsgruppe! Zu deren Mitgliedern dürfe man ja gar nichts sagen! Weil: Datenschutz! Und je kraftloser man selbst wurde, desto lebendiger jetzt scheinbar die ARD. Bald meldete sich die ARD-Sprecherin persönlich – um »etwas zur Klärung beizutragen«. Wir waren da leider schon fast eingenickt, also müssen wir die Deutung der Klärung, liebe Leserinnen und Leser, an Sie übergeben:
»Die Arbeitsgruppe zu den Klangkörpern konstituiert sich gerade. Fest steht, wie meine Kollegin bereits geschrieben hat, dass dort Menschen aus Häusern mitarbeiten, die selbst Klangkörper haben oder maßgeblich an solchen beteiligt sind – was ja auch logisch ist. Die Mitglieder der Arbeitsgruppe „Klangkörper“ handeln nicht als klassische „Vertreterinnen und Vertreter“ der jeweiligen ARD-Anstalten. Das ist ein Missverständnis. Es ist eine Gruppe von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit Expertise, die vor dem Hintergrund des Reformstaatsvertrags Konzepte für Klangkörper der ARD erarbeiten. Es ist, um es salopp zu sagen, eine AG, wie wir sie dutzendfach in der ARD haben.«
Dann folgte noch etwas von Betriebsgeheimnis, fehlender Transparenzpflicht und das Angebot »selbstverständlich Ende 2026« auf die ARD »zukommen zu können«. Das Schreiben endet mit: »Stand jetzt ist es einfach so: Die AG konstituiert sich gerade und hat noch nicht mal ihre Arbeit aufgenommen. Mit besten Grüßen«
Wir legen uns jetzt erstmal hin. Bis wir im nächsten Reformherbst wieder aufwachen, könnte die ARD vielleicht eine Arbeitsgruppe eingerichtet haben zu der Frage, warum bei ihr noch jede simple Angelegenheit in kafkaesker Verantwortungsdiffusion endet. Mit Menschen aus Häusern und einer Gruppe von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit Expertise. ¶

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