Anna Lucia Richter Interview

Text · Fotos © SEBASTIAN BOLESCH · Datum 04.11.2015

Was für ein Feinsinn! Anna Lucia Richter, Jahrgang 1990, ist bildungshungrig, resolut und demutsvoll. Eine Lied-, Konzert- und Opernsängerin, die inwendig begriffen hat, was ihr da in die Hände gefallen ist und wie sie damit umgehen sollte. Anna Lucia stellt sich bei ihrer  Arbeit hinten an. Das ist keine Attitüde, sondern entspringt dem Drang, Dinge zu vermitteln, die für sie sprachlich nicht fassbar sind. Auf ihrer ersten Platte schafft sie einen neuen Kreis aus Liedern von Schumann, Britten und Brahms, schiebt zusammen mit dem Pianisten Michael Gees dazwischen aber auch Eigenimprovisationen ein, die über Gedichte von Joseph Eichendorff entstanden sind. Christopher Warmuth hat mit der Sängerin ein Bildschirm-Telefonat geführt, sie ist mit András Schiff in Übersee auf Tour. Bei VAN ist es acht Uhr abends, sie dagegen kommt gerade vom Frühstück und sitzt in ihrem Hotel in Los Angeles.

VAN: Wie gefällt dir L.A.?

Anna Lucia Richter: Ich habe gerade entdeckt, dass ich, wenn ich hier aus dem Fenster schaue, zwischen zwei Hochhäusern das Hollywoodzeichen sehe. Das ist schon witzig. Ansonsten ist die Stadt so uncharmant! Ich habe bisher keine schöne Stelle gefunden, selbst der historische Stadtkern ist tot gebaut.

Was für ein Kulturverständnis begegnet dir?

In Deutschland nehmen wir schon alles als sehr selbstverständlich hin. In jeder größeren Stadt steht ein Opernhaus und es gibt ein bunt gefächertes Spektrum an Konzerten. Die Leute hier hingegen sind richtig verblüfft darüber, dass man als Musikerin in Deutschland halbwegs leben kann. Klar ist hier auch einiges los, aber zwischen L.A. und San Francisco ist eine kulturelle Wüste. Für die Leute, die dort wohnen, ist ein Konzert deshalb etwas ganz Besonderes und sie fahren dafür auch mehrere Autostunden, weil sie merken, dass bei dieser Art von Musik etwas mit ihnen passiert, wozu sie im Alltag einfach nicht die Möglichkeiten haben. Aber wehe man hat kein Auto. Dann ist man hier von der Kultur ausgeschlossen.

In eurem Programmheft der neuen CD schreibt ihr etwas über den Möglichkeitssinn, etwas zu wagen. Ich verstehe das als Vision?

Das bezieht sich auf unsere Improvisation. »Vision« scheint mir aber schon zu weit gegriffen. Es kann eine Vision sein, aber der Möglichkeitssinn als Gegensatz zum Realitätssinn ist sehr viel alltäglicher. Dass ich mir bewusst bin: Es ist so, aber es könnte auch ganz anders sein. Ein verrücktes Beispiel: Wenn die grüne Farbe bei Pflanzen nicht wichtig für die Photosynthese wäre, sondern es wäre rosa, ja dann wären alle Bäume rosa. Das passiert in jeder Situation. Ich meine damit ganz alltägliche Dinge, aus denen schmetterlingseffektmäßig etwas ganz Neues entsteht. Das muss aber jetzt nicht unbedingt eine Vision sein. Ja, es ist ein Treibenlassen und es ist schon unkonventionell. Es hat nur eine Regel, nämlich offen zu sein und auf Möglichkeiten zu reagieren, etwas zu tun. Wenn man nur rein passiv ist, funktioniert das natürlich nicht. Man muss schon eingreifen in die Situation, in dem man selbst was tut.

Es gibt ja schon Regeln in der Klassik, die manchmal dieses Unkonventionelle hindern. Werktreue, historische Aufführungspraxis, etc …

Werktreue heisst für mich in erster Linie das ernst zu nehmen, was da steht. Wenn es emotionslos wird, dann hat man es zu ernst genommen. Dann zählt nur noch die Oberfläche. Wenn ich mich bei einem Bild nur mit der Zusammensetzung der Akrylfarben beschäftige oder mit der Pinselführung und nicht mehr das Wunderbare an Schatten und Licht erkenne. Ich will doch das Motiv des Bildes sehen. Ich will das Warum kennen lernen.

Eure Platte beinhaltet Improvisationen über Gedichte von Eichendorff. Ist es vielleicht etwas vermessen, sich zwischen Britten, Brahms und Schumann einzureihen?

Nein. Wir sehen uns ja nicht als Komponisten, die unsere eigenen Werke darstellen. Michael Gees und ich haben uns von der Musik von Schumann, Britten und Brahms in dem Moment atmosphärisch leiten lassen und weitergeführt, wie wir es fühlen. Wir haben uns kennengelernt und ich habe gemerkt, dass Michael vom Improvisieren kommt. Der hat vor seinem ersten Klavierunterricht schon herumgeklimpert und da kam schöne Musik bei heraus. Und ich habe auch schon immer gemerkt, dass wenn ich durch die Straßen laufe, da ein Radio in meinem Kopf abläuft. Und das sind keine Stücke, die es schon gibt, sondern die sind einfach da. Das fand ich interessant, dem nachzugehen und deshalb haben wir das gemacht.

Auf einen Tee mit Michael Gees und Anna Lucia Richter (Video des veröffentlichenden Labels challenge Records)

Im Programmheft schreibt ihr anstelle von Robert Schumann oft nur »Robert«.

In dem Moment war mir Robert Schumann so nah, weil ich mich so intensiv mit ihm auseinandergesetzt habe. Das ist ein Duzen mit sehr viel Respekt. Das ist wie im Alltag auch. Es gibt Leute, die man sofort duzt, wenn man sie kennenlernt, und man hat aber einen sehr großen Respekt vor dieser Person. Und es gibt Leute, mit denen bleibt man ewig per Sie und man respektiert sie vielleicht nicht so stark. Dieses Duzen oder Siezen sagt nichts darüber aus, ob man jemanden wertschätzt. Vielleicht sogar im Gegenteil, wenn man jemanden sehr schätzt und sich sehr mit ihm auseinandersetzt, kommt das Du automatisch über die Lippen. Ähnlich fühle ich das auch immer bei Bach. Seine Musik zoomt irgendwie aus unserer heutigen Zeit heraus. Diese Musik ist unkaputtbar.

Und wann macht man Musik kaputt?

Musik macht man kaputt, wenn man sich nicht mit ihr auseinandersetzt, sondern was obendrüber kleistert, von dem man von Anfang an überzeugt ist, dass es dazu gehört, ohne der Musik wirklich zuzuhören. Dann verfällt man Reflexen wie ›Ach ich weiß ja wie das funktioniert, ich habe darüber ja ein Buch gelesen und jetzt weiß ich, dass dieser oder jener Akzent als decrescendo gemeint ist, und mehr muss ich darüber nicht mehr wissen‹. Genau da muss ich doch offen bleiben als Künstlerin und mich fragen, warum es an der und der Stelle denn so komponiert ist. Das Warum zählt ja. Die Vertonung eines Textes ist ja bereits eine Interpretation und Schwerpunkt. Als Künstler darf man sich nicht mit Floskeln über das Werk stellen.

Ist Singen nicht auch eine seelischee Äußerung, mit der man sich vor das Werk stellt?

Klar gibt man sehr viel von sich preis. Es geht nicht anders. Für mich ist es keine bewusste Motivation, aber da die Stimme in mir ist und ich mit meinem Körper arbeite, ist da viel von mir drin. Ich muss deshalb Ave Maria von Schubert nicht mit gefalteten Händen und niedergeschlagenen Augen singen, ich muss nicht fromm oder katholisch sein, aber ich muss schon verstehen, um was es geht. Ich muss das schon fühlen. Wenn das nicht so ist, kann ich das Stück entweder nicht singen, oder sollte mir etwas konkret Emotionales darin suchen, mit dem ich arbeiten kann.

Ich kann mir hinterher nur wünschen, dass es den Leuten bewusst ist, dass ich mit Herzblut da stehe und dass sie das wertschätzen, denn sie bekommen ja etwas von mir persönlich.

Kann das Publikum oder der Saal der Grund sein, warum ein Konzert schlecht wird?

Schuld hat das Publikum nur, wenn es sich nicht darauf einlässt. Wenn das Publikum permanent hustet oder Fotografen vor mir herumspringen und mich in jeder Generalpause mit Blitzlicht stören. Wenn ein Publikum respektlos ist, hat es Schuld. Ansonsten kann ein Publikum erwarten, dass es einen schönen Abend genießen kann. Dafür kommen die Leute und zahlen dafür. Dafür bin ich da.

Klingt nach Bildungsimperativ. Das Publikum muss Respekt haben und still sein. Bei Mozart wurde in der Oper gevögelt, Schach gespielt, gegessen und geredet.

Aber das liegt doch an der Erwartung des Publikums, die sich geändert hat! Durch die schiere Menge von CDs auf dem Markt, die es möglich machen, dass man sich alles sofort in einer perfekten Version anhören kann, die in zwei Wochen in einem Studio entstanden ist. Dadurch erwartet man im Konzert auch, dass keine Fehler passieren, dass alles wirklich perfekt klingt. Dafür braucht es eine wahnsinnige Konzentration. Ich bin sicher, dass die Uraufführung von Mozarts Don Giovanni oder Figaro nicht perfekt war. Mozart hat die teilweise in der Nacht vor der Uraufführung erst fertiggeschrieben. Per Hand! Da kann mir keiner erzählen, dass da nicht falsche Töne gespielt wurden, wenn die vom Blatt gespielt haben. Da gab es bestimmt nicht die perfekte Agogik, wo alle am gleichen Strang gezogen haben. Ich hätte Lust, es mal auszuprobieren, ein Konzert in einer viel lockereren Atmosphäre zu machen, aber da muss das Publikum dann auch andere Erwartungen haben.

Gesang, Tanz und Schauspiel. Anna Lucia Richter beim Heidelberger Frühling 2015.

Das klingt wiederum sehr nobel, fast demütig!

Natürlich mache ich das auch für mich selbst. Wenn ich keinen Spaß daran hätte, dann würde ich es ja nicht machen. Wenn man etwas mit Begeisterung tut, dann ist es ja auch nicht so anstrengend. Aber: Ich mag das auch, dass das Publikum für mich eine große Rolle spielt. Ich liebe das Gefühl, zu merken, dass ich noch ne Schippe drauflegen kann, wenn ich merke, dass die zuhören und wirklich da sind. Dann bin ich in einer nonverbalen Kommunikation mit dem Publikum. Ich habe sie dann so nah bei mir, dass ich von denen irgendwann Antworten kriege. Es gibt Gefühle, die ich in meinem Alltag sprachlich nicht ausdrücken kann. Die kommen in der Musik rüber und das macht mich unglaublich glücklich. Musik befriedigt mich zutiefst. Ich könnte wirklich nicht existieren ohne Musik.

Das sagen viele junge Menschen auch, aber beziehen das meist auf Popmusik. Stirbt das Klassikpublikum aus?

Nein! Das glaube ich wirklich nicht. Ich glaube, die Säle sind zu groß geworden, egal ob für Lied oder Oratorium. Das war einfach nicht üblich, so etwas vor 6.000 Mann aufzuführen. Die Liedsalonkultur war für maximal zweihundert Leute gedacht. Dass die Veranstalter Probleme haben, die großen Säle zu füllen und dann behaupten, dass das ausstirbt ist einfach der falsche Schluss. Diese Art von Musik muss nicht die großen Massen anziehen, musste sie nie. Man kann natürlich auch einen Liederabend in einem Riesensaal aufführen, aber dann liegen die Schwerpunkte in der Musik woanders. Dann muss ich das anders anpacken, das dramaturgisch anders verpacken. Ich glaube vielmehr, dass es ein Problem in der grundsätzlichen Erziehung heute gibt. Ich bin sicher, dass auch vor fünfzig Jahren nicht alle Menschen Klassik toll gefunden haben, aber jeder hat in seiner Kindheit zumindest gelernt da mal reinzuhören und Geduld zu haben. Das ist der größte Unterschied zwischen Klassik und Charts meiner Meinung nach. Es geht bei Klassik ja nicht alles direkt los. Da kann es schon mal zehn Minuten dauern bis da überhaupt eine Klimax beginnt, sich aufzubauen. Es gibt ja auch Bücher, wo die ersten fünfzig Seiten erst mal anstrengend sind, aber dann zieht’s einen rein. Dafür braucht es aber eine Disziplin und eine Geduld, dass man nicht zu schnell aufhört. Dieses »einfach mal auf sich wirken lassen« und mal einfach offen bleiben, abwarten was passiert. Und nicht direkt irgendeinen Effekt erwarten, dass mich es gleich anmacht und mich in dem Moment völlig wegflasht. Dafür ist die Klassik nicht gemacht.

Sind wir heute ungeduldiger?

Auf jeden Fall, da bin ich ganz sicher! Das liegt, glaube ich, an dem Überangebot von Sachen, die wir tun können. Aber wenn man abends zu Hause ist und weder einen Fernseher, einen Computer noch Internet hat, ja was bleibt dann? Dann bleibt Lesen, oder man unterhält sich oder man hört oder macht eben Musik. Dann bleibt einem einfach nichts anderes übrig, als sich intensiver damit auseinander zu setzen. Und genau dieses Sich-intensiv-mit-etwas-beschäftigen und sich lange zu konzentrieren, das haben glaube ich sehr viele Menschen heute verlernt.

Zuhörer/innen hast du im Moment ja genug. Wenn du weniger gehypt wärst, müsstest du dann Sachen machen, auf die du eigentlich keinen Bock hast?

Zu dem »Hypen« muss ich eh mal was sagen. Es gibt durchaus Menschen und Veranstalter die sagen, dass sie mich gerade deshalb nicht wollen, weil irgendjemand anderes, den sie nicht mögen, eben gerade sagt, dass ich gut bin. Der eine sagt: »Die ist total toll« und der andere: »Na, wenn der die toll findet, finde ich die aus Prinzip schon mal blöd.« Dieses Hypen ist ein zweischneidiges Schwert. Und sowieso völlig überschätzt. Es gibt echt einige, die das in den Dreck ziehen, wenn man irgendwo über den grünen Klee gelobt wird.

Orfeo von Sasha Waltz/Claudio Monteverdi
Orfeo von Sasha Waltz/Claudio Monteverdi

Solche Probleme hattest du also schon? Abgelehnt, weil zu beliebt?

Das würde jetzt natürlich niemand offen zugeben, aber ich bin mir sicher, dass es schon solche Situationen gab, auf jeden Fall! Ich hatte auch schon Posts auf meiner offiziellen Facebook-Seite, wo dann drin stand: »Da sieht man mal wieder, wo jemand hinkommen kann, wenn er die richtige Agentur hat«. Da ist dann ganz viel Neid dabei. Und da wird die harte Arbeit unterschätzt. Das klingt blöd und nach Jammerei, aber: ich bin jetzt seit sechs Wochen nicht zu Hause gewesen, ich hatte ein Konzert in Tokyo mit meinem ersten Jetlag. Ich bin von da weitergeflogen nach San Francisco, mit einem Zeitunterschied von sechzehn Stunden und hatte da auch wieder Konzerte. Ich lerne parallel eine neue Oper und drei Liederabendprogramme. Bin jetzt gerade von San Francisco nach Los Angeles geflogen. Wenn ich nach Hause komme, dann habe ich meinen dritten Jetlag und einen Temperaturunterschied von 20 Grad. Ich arbeite! Es ist ja nicht so, dass ich nur singen darf, weil ich nicht ganz hässlich bin und ein hübsches Stimmchen habe. Da ist schon sehr viel Eigenverantwortung und sehr viel Arbeit dabei. Ich finde das einfach unfair, wenn das nicht anerkannt wird.

Liegt dieser hohe Druck nicht am Publikum? Man will ja die erhaben aussehende Engelsstimme hören und sehen, und vor allem will man ja Stars, oder?

Du, wenn da eine Mimi singt, die dreihundert Kilo wiegt und angeblich an Schwindsucht stirbt, dann ist das nicht so einleuchtend. Ich finde nicht, dass jeder Sänger Model sein muss, das finde ich sogar total abartig! Aber, jeder, der einmal ein Referat gehalten hat, weiß, dass man sich da nicht im Schlafanzug vor sein Publikum hinstellt. Ich finde, man sollte einfach das meiste aus sich rausholen, damit der Gesang rüberkommt. Den Drang nach Stars gibt es sicher. Aber ich glaube auch, dass es viele Leute gibt, die nicht offen zugeben würden, dass es ihnen um Gefühle geht, wenn sie ins Konzert gehen. Die Leute im Konzert sind auch einfach zu unterschiedlich, dass ich mir ein Urteil darüber erlauben würde. Ich zum Beispiel habe mir erst in Stuttgart Jakob Lenz angeschaut und ich konnte danach nicht mehr reden, ich musste in mein Hotelzimmer, habe mein Handy ausgemacht und konnte irgendwie noch nicht zurück in diese normale Welt, das hat mich total gepackt und es sollte noch nicht aufhören. Ich könnte nach so was keinen Wein trinken und nett plauschen, aber jeder geht mit Musik anders um. Hauptsache, es fängt die Leute.

Ist Klassische Musik also Weltflucht?

Vielleicht. Aber ich finde das nicht schlimm. Wenn ich super gestresst bin, lese ich auch Romane, um abzutauchen. Ist ja ein wunderbares Mittel, besser als Drogen. ¶