Lange bevor ich alkoholabhängig wurde – lange, bevor ich überhaupt Alkohol probiert hatte –, war ich süchtig nach Musik. Seit ich mit zehn Jahren die Lacrimosa aus Mozarts Requiem entdeckt hatte und mit ihr auch die stimmungsverändernde Wirkung von Musik, missbrauchte ich sie wie ein abgebrühter Junkie: Sie wurde mein Werkzeug, um Gefühle zu regulieren, über die ich zunehmend die Kontrolle verlor. Besonders in den Stürmen der Pubertät erwies sich das als hilfreich: Beethoven gegen Liebeskummer, Bach gegen Trauer, Schostakowitsch gegen die Angst vor einer Welt, die aus den Fugen geriet.

Doch um meinen 26. Geburtstag herum kam der Punkt, an dem selbst die dopaminreichste Musik – Bachs Choräle, Beethovens späte Quartette – nicht mehr wirkte. Wie alle Süchtigen stellte ich fest, dass meine Rauschschwelle stetig stieg: Den Punkt, ab dem sich verlässlich ein Hoch einstellte, erreichte ich immer später. Und als parallel dazu mein Leben immer stressiger wurde – berufliche Rückschläge, gescheiterte Beziehungen, geopolitische Unsicherheit –, brauchte ich eine entsprechend stärkere Form der Selbstmedikation.


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… ist Autor und Dozent und lebt in den USA