»Vielleicht ist Tiefe das Wort«, antwortet Alina Ibragimova auf die Frage nach dem Klang des Chiaroscuro-Quartetts, ihrer seit 12 Jahren bestehenden, historisch informierten Kammermusik-Formation. Eine Zeit des Schweigens geht der Antwort voraus, die mit Unsicherheit nichts zu tun hat. Wie sie die Programme auswählen? »Wir machen, worauf wir Lust haben. Und wofür die Zeit reif ist.« Am Vortag unseres Interviews in den letzten Augusttagen haben sie beim Musikfest Bremen gespielt, dort hatten sie Lust auf Beethovens cis-Moll-Quartett op.131 und Schumanns Klavierquintett Es-Dur op.44. Und natürlich war die Zeit reif. Was technische Perfektion und künstlerischen Freisinn, eine auf unaufgeregte Art ausgewogene Balance von Kopf und Seele betrifft, lassen Konzerte mit Alina Ibragimova keinen Zweifel bestehen; egal ob sie im Quartett, mit ihrem Klavier-Partner oder als Solistin bei den BBC Proms auftritt. Ihrem Spiel nach könnte ihr Name viel greller am Firmament der Aufmerksamkeit glühen. Doch an Welteroberungsphantasien – die Londoner Times assistierte ihr und ihrem Duo-Partner Tiberghien schon 2007 das »potential to conquer the world« – scheint ihr wenig zu liegen. Lieber taucht sie in die Tiefe, versteckt auch ihre dunkle Seite nicht. Werken widmet sie sich am liebsten in Zyklen, um sie ganz zu durchdringen. Wir treffen uns im Rahmen des Musikfests Bremen, im sonnigen Innenhof des Atlantik-Hotels. Sie kommt ungeschminkt und so spricht sie auch. Vor gut einem Jahr haben wir uns in Hamburg schon einmal lange unterhalten, auch damals gab es in ihren Antworten mit deutlichem russischen Akzent kein Wort zuviel. Heute wirkt sie noch unvermittelter. Da ist kein künstlicher Glamour in ihrem Wesen, in ihren Worten – so wie sie beim Spielen Vibrato nur einsetzt, um etwas Besonderes hervorzuheben, nicht um etwas zu verstecken. Ihre Erscheinung ist wie ihr Spiel auf starke und reibungsvolle Art rein. Womit wir bei Darmsaiten wären …
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