In der Endrunde der Mahler Competition, dem Dirigierwettbewerb mit den Bamberger Symphonikern

Text Dorothea Walchshäusl · Fotos © Michael Trippel · Datum 18.5.2016

Bamberg in Oberfranken, 72.000 Einwohner, Idylle satt. Putzige Fachwerkhäuser säumen die Regnitz, Dom und Rathaus sorgen für Bilderbuchkulisse und der Small Talk läuft in wattigem frängisch. Großstadtflair herrscht anderswo, Beschleunigung gibt es selten. Das ist die eine Wahrheit. Die andere reist mit den Bamberger Symphonikern regelmäßig um die Welt und ergänzt den Niedlichkeitsfaktor der Weltkulturerbe-Stadt um jenen der Kulturmetropole. Hochkultur im Mikrokosmos, ein A-Orchester in der Provinz.

Eben dort hat nun zum fünften Mal The Mahler Competition stattgefunden, ein Dirigierwettbewerb, der auf Initiative von Mahlers Enkelin Marina Mahler alle drei Jahre von den Bamberger Symphonikern veranstaltet wird. 2004 wurde der Wettbewerb zum ersten Mal durchgeführt, der damalige Preisträger war 23 Jahre alt und hieß Gustavo Dudamel. Sein Name zieht talentierte Jungdirigenten bis heute in die kleine Stadt, außerdem treffen sie auf eine hochkarätig besetzte Jury, in der in diesem Jahr unter anderem Sir Neville Marriner, Barbara Hannigan und Jörg Widmann saßen. Knapp 400 Dirigenten aus 64 Nationen haben sich beworben, davon 87 Prozent Männer, 13 Prozent Frauen, insgesamt 14 Teilnehmer wurden eingeladen. Soweit die Fakten.

Eine Spurensuche in Bamberg, Rechercheort Konzerthalle, pünktlich zum Semifinale. Der gläserne Bau liegt nur wenige Minuten von der Altstadt entfernt direkt am Fluss, ein paar Meter weiter watscheln die Enten, auf dem Vorplatz parken die Orchestermusiker ihre Räder, dann geht es in die Probe. Die Stimmung: entspannt. Der Dresscode: Sommerkleid, Jeans, Turnschuhe. Im Inneren der Halle ist der Saal mittlerweile gut besetzt. Etliche Bamberger nutzen die Chance und sitzen in den Rängen, im Parkett, vor, neben und hinter der Bühne verteilt sich die Jury. Also kein geblocktes Jurypult samt finsterer Mimik im hinteren Halbdunkel. Zwar sind nurmehr fünf männliche Kandidaten übrig geblieben, die ausgeschiedenen jedoch sitzen allesamt in den Zuschauerreihen. Das ist kein Zufall, sondern Programm, sagt Marcus Rudolf Axt, Intendant der Bamberger Symphoniker und Jurymitglied. Selbst wenn ein Bewerber in der ersten Runde rausfliegt, kann er die ganze Woche bleiben; Kost und Logis übernehmen die Symphoniker. So folgt der Enttäuschung die Möglichkeit zu Einzelgesprächen mit den Jurymitgliedern, außerdem sind alle Teilnehmer im selben Hotel untergebracht und werden dort von Konkurrenten zur Schicksalsgemeinschaft. »Das ist fast mehr wie eine Masterclass hier«, sagt Kah Chun Wong, Semifinalist aus Singapur, »man bekommt viele Tipps und alle sind sehr freundlich. Das Beste aber ist das Orchester. Die Musiker unterstützen uns sehr.«

Mittlerweile sitzen die Bamberger Symphoniker auf der Bühne und spielen zum x-ten Mal in dieser Woche einen Teil des intelligent zusammengestellten Wettbewerbsprogramms. Darunter ist neben anderen der „Bayerisch-babylonische Marsch“ von Jörg Widmann, ein ironisches Orchesterwerk mit riesiger Bläserbesetzung, vertrackter Rhythmik, ordentlich Tschingderassabumm und ständigen Wechseln. Außerdem gibt es natürlich Mahler satt, Dirigentenmusik schlechthin mit fettem Orchestersound, weiten Bögen und viertelstündigen Steigerungen. Gerade steht Paolo Bortolameolli am Dirigentenpult, ein hyperagiler Chilene mit weichem Dirigat, der viel redet und sich nervös am 1. Satz von Haydns Symphonie Nr. 44 in e-Moll versucht. Der Einstieg mag nicht recht funktionieren, latent überspannt gerät das Tempo aus den Fugen. Die Musiker folgen derweil wach und ruhig den Ansagen des jungen Dirigenten, später werden sie der Jury ihre Sicht der Dinge mitteilen und eine der wichtigen Stimmen sein bei der Entscheidung über das Weiterrücken ins Finale. Mit Dirigenten, Solisten und Vertretern von Agenturen ist die Jury breit besetzt. Auch das ist Programm. »Jeder bringt seinen Blickwinkel mit, so dass sich im Endeffekt im Idealfall ein 360 Grad-Blick auf den jeweiligen Kandidaten ergibt«, sagt Axt. Abgestimmt wird nie, stattdessen wird solange diskutiert, bis klar ist, wer den Preis verdient. Wer das sein soll? »Jemand mit erkennbarem Talent, einer inneren Musikalität und einer profilierten Persönlichkeit«.

Und was hat es mit dem Mysterium des Dirigats auf sich: jene lautlose Bewegung mit gruppendynamischer Folgewirkung, basierend auf einem Gemisch aus Technik, Charisma und Musikalität, das so viel in Schwingung versetzen kann? Lässt sich das überhaupt bewerten, jenseits von Voodoo und persönlichen Geschmacksvorlieben?

Bamberg in Oberfranken, 72.000 Einwohner, Idylle satt. Putzige Fachwerkhäuser säumen die Regnitz, Dom und Rathaus sorgen für Bilderbuchkulisse und der Small Talk läuft in wattigem frängisch. Großstadtflair herrscht anderswo, Beschleunigung gibt es selten. Das ist die eine Wahrheit. Die andere reist mit den Bamberger Symphonikern regelmäßig um die Welt und ergänzt den Niedlichkeitsfaktor der Weltkulturerbe-Stadt um jenen der Kulturmetropole. Hochkultur im Mikrokosmos, ein A-Orchester in der Provinz.

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Eben dort hat nun zum fünften Mal The Mahler Competition stattgefunden, ein Dirigierwettbewerb, der auf Initiative von Mahlers Enkelin Marina Mahler alle drei Jahre von den Bamberger Symphonikern veranstaltet wird. 2004 wurde der Wettbewerb zum ersten Mal durchgeführt, der damalige Preisträger war 23 Jahre alt und hieß Gustavo Dudamel. Sein Name zieht talentierte Jungdirigenten bis heute in die kleine Stadt, außerdem treffen sie auf eine hochkarätig besetzte Jury, in der in diesem Jahr unter anderem Sir Neville Marriner, Barbara Hannigan und Jörg Widmann saßen. Knapp 400 Dirigenten aus 64 Nationen haben sich beworben, davon 87 Prozent Männer, 13 Prozent Frauen, insgesamt 14 Teilnehmer wurden eingeladen. Soweit die Fakten.

Eine Spurensuche in Bamberg, Rechercheort Konzerthalle, pünktlich zum Semifinale. Der gläserne Bau liegt nur wenige Minuten von der Altstadt entfernt direkt am Fluss, ein paar Meter weiter watscheln die Enten, auf dem Vorplatz parken die Orchestermusiker ihre Räder, dann geht es in die Probe. Die Stimmung: entspannt. Der Dresscode: Sommerkleid, Jeans, Turnschuhe. Im Inneren der Halle ist der Saal mittlerweile gut besetzt. Etliche Bamberger nutzen die Chance und sitzen in den Rängen, im Parkett, vor, neben und hinter der Bühne verteilt sich die Jury. Also kein geblocktes Jurypult samt finsterer Mimik im hinteren Halbdunkel. Zwar sind nurmehr fünf männliche Kandidaten übrig geblieben, die ausgeschiedenen jedoch sitzen allesamt in den Zuschauerreihen. Das ist kein Zufall, sondern Programm, sagt Marcus Rudolf Axt, Intendant der Bamberger Symphoniker und Jurymitglied. Selbst wenn ein Bewerber in der ersten Runde rausfliegt, kann er die ganze Woche bleiben; Kost und Logis übernehmen die Symphoniker. So folgt der Enttäuschung die Möglichkeit zu Einzelgesprächen mit den Jurymitgliedern, außerdem sind alle Teilnehmer im selben Hotel untergebracht und werden dort von Konkurrenten zur Schicksalsgemeinschaft. »Das ist fast mehr wie eine Masterclass hier«, sagt Kah Chun Wong, Semifinalist aus Singapur, »man bekommt viele Tipps und alle sind sehr freundlich. Das Beste aber ist das Orchester. Die Musiker unterstützen uns sehr.«

Mittlerweile sitzen die Bamberger Symphoniker auf der Bühne und spielen zum xten Mal in dieser Woche einen Teil des intelligent zusammengestellten Wettbewerbsprogramms. Darunter ist neben anderen der „Bayerisch-babylonische Marsch“ von Jörg Widmann, ein ironisches Orchesterwerk mit riesiger Bläserbesetzung, vertrackter Rhythmik, ordentlich Tschingderassabumm und ständigen Wechseln. Außerdem gibt es natürlich Mahler satt, Dirigentenmusik schlechthin mit fettem Orchestersound, weiten Bögen und viertelstündigen Steigerungen. Gerade steht Paolo Bortolameolli am Dirigentenpult, ein hyperagiler Chilene mit weichem Dirigat, der viel redet und sich nervös am 1. Satz von Haydns Symphonie Nr. 44 in e-Moll versucht. Der Einstieg mag nicht recht funktionieren, latent überspannt gerät das Tempo aus den Fugen. Die Musiker folgen derweil wach und ruhig den Ansagen des jungen Dirigenten, später werden sie der Jury ihre Sicht der Dinge mitteilen und eine der wichtigen Stimmen sein bei der Entscheidung über das Weiterrücken ins Finale. Mit Dirigenten, Solisten und Vertretern von Agenturen ist die Jury breit besetzt. Auch das ist Programm. »Jeder bringt seinen Blickwinkel mit, so dass sich im Endeffekt im Idealfall ein 360 Grad-Blick auf den jeweiligen Kandidaten ergibt«, sagt Axt. Abgestimmt wird nie, stattdessen wird solange diskutiert, bis klar ist, wer den Preis verdient. Wer das sein soll? »Jemand mit erkennbarem Talent, einer inneren Musikalität und einer profilierten Persönlichkeit«.

Und was hat es mit dem Mysterium des Dirigats auf sich: jene lautlose Bewegung mit gruppendynamischer Folgewirkung, basierend auf einem Gemisch aus Technik, Charisma und Musikalität, das so viel in Schwingung versetzen kann? Lässt sich das überhaupt bewerten, jenseits von Voodoo und persönlichen Geschmacksvorlieben?

Ein Blick auf die drei Finalteilnehmer:

Nr. 1, Valentin Uryupin. Ein hochgewachsener Russe, Typ selbstzerfleischender Intellektueller, der den Rücken beim Dirigieren leicht nach vorne beugt und selten lächelt. Den 6. Satz von Mahlers Symphonie Nr. 3 d-Moll inszeniert er im Semifinale mit demütiger Ernsthaftigkeit als tieftrauriges Kammerspiel; das Stück Zugabe von Georg Friedrich Haas als monströse Klimax. Im Finale jedoch scheitert er bei Mahlers 1. Satz, die Bögen gehen nicht auf, Uryupin zeigt Nerven, wirkt gefangen und fahrig. Ist das aussagekräftig, Schicksal oder Zufall? Man weiß es nicht.

Nr. 2, Sergey Neller.
Ebenfalls Russe, deutlich selbstbewusster, je nach Blickwinkel ein schulmeisterhafter Poser oder ein überlegenes Genie. Im Gegensatz zu den anderen Finalisten dirigiert er konsequent ohne Noten, er hat jeden Takt im Kopf und den Laden voll im Griff, ist er mit dem Ergebnis zufrieden, stemmt er die Hand kokett in die Seite, schließt die Augen und wiegt den Kopf zur Musik. »Dieses crescendo bitte so spielen, als würdet ihr jemanden erwürgen« sagt er bei einem Stück aus den Correspondances von Henri Dutilleux und fasst sich an den Hals. Das Klangergebnis gerät überzeugend luftarm, die Solistin Barbara Hannigan jedoch beachtet Neller kaum.

Nr. 3, Kah Chun Wong.
Ein leidenschaftlicher Musikant und humorvoller Interpret aus Singapur, filigran in seinem Dirigat, detailversessen in der Durchdringung der Partitur. Widmanns wilden Marsch lässt er im Semifinale klingen »wie ein Oktoberfest nach fünf Bier«, sein Haydn tänzelt und fetzt und greift er ein, dann in charmantem deutsch-englisch: »The second Takt, very kurz bitte«. Im Finale wünscht er Dutilleux »bittersüß dunkelgraublau«, dann allerdings verliert er sich minutenlang mit Solistin Hannigan in der Besprechung der Partitur, bevor er erneut ansetzt. Zum Schluss gibt es Mahler, Wong wählt das schlüssigste Tempo und wirft sich in die Musik, alle Wettbewerbsspannung scheint mit einem Mal vergessen.

1. Preis Wong, 2. Preis Neller, 3. Preis Uryupin.
Das ist schlussendlich die Entscheidung der Jury. Mit Kah Chun Wong hat sie einen innigen Musikgestalter gekürt, einen akribischen Dirigenten und sympathischen Unterhalter. »Ich möchte einfach Musik machen. Diesen Klang bei Mahler – den werde ich mein Leben lang nicht vergessen.« Das sagte Wong, lange noch bevor er wusste, dass er ins Finale kommen und gewinnen würde. Man ahnt, dass die Entscheidung richtig war. Das Mysterium jedoch wurde auch in Bamberg nicht entschlüsselt. ¶

Eben dort hat nun zum fünften Mal The Mahler Competition stattgefunden, ein Dirigierwettbewerb, der auf Initiative von Mahlers Enkelin Marina Mahler alle drei Jahre von den Bamberger Symphonikern veranstaltet wird. 2004 wurde der Wettbewerb zum ersten Mal durchgeführt, der damalige Preisträger war 23 Jahre alt und hieß Gustavo Dudamel. Sein Name zieht talentierte Jungdirigenten bis heute in die kleine Stadt, außerdem treffen sie auf eine hochkarätig besetzte Jury, in der in diesem Jahr unter anderem Sir Neville Marriner, Barbara Hannigan und Jörg Widmann saßen. Knapp 400 Dirigenten aus 64 Nationen haben sich beworben, davon 87 Prozent Männer, 13 Prozent Frauen, insgesamt 14 Teilnehmer wurden eingeladen. Soweit die Fakten.

Eine Spurensuche in Bamberg, Rechercheort Konzerthalle, pünktlich zum Semifinale. Der gläserne Bau liegt nur wenige Minuten von der Altstadt entfernt direkt am Fluss, ein paar Meter weiter watscheln die Enten, auf dem Vorplatz parken die Orchestermusiker ihre Räder, dann geht es in die Probe. Die Stimmung: entspannt. Der Dresscode: Sommerkleid, Jeans, Turnschuhe. Im Inneren der Halle ist der Saal mittlerweile gut besetzt. Etliche Bamberger nutzen die Chance und sitzen in den Rängen, im Parkett, vor, neben und hinter der Bühne verteilt sich die Jury. Also kein geblocktes Jurypult samt finsterer Mimik im hinteren Halbdunkel. Zwar sind nurmehr fünf männliche Kandidaten übrig geblieben, die ausgeschiedenen jedoch sitzen allesamt in den Zuschauerreihen. Das ist kein Zufall, sondern Programm, sagt Marcus Rudolf Axt, Intendant der Bamberger Symphoniker und Jurymitglied. Selbst wenn ein Bewerber in der ersten Runde rausfliegt, kann er die ganze Woche bleiben; Kost und Logis übernehmen die Symphoniker. So folgt der Enttäuschung die Möglichkeit zu Einzelgesprächen mit den Jurymitgliedern, außerdem sind alle Teilnehmer im selben Hotel untergebracht und werden dort von Konkurrenten zur Schicksalsgemeinschaft. »Das ist fast mehr wie eine Masterclass hier«, sagt Kah Chun Wong, Semifinalist aus Singapur, »man bekommt viele Tipps und alle sind sehr freundlich. Das Beste aber ist das Orchester. Die Musiker unterstützen uns sehr.«

Mittlerweile sitzen die Bamberger Symphoniker auf der Bühne und spielen zum xten Mal in dieser Woche einen Teil des intelligent zusammengestellten Wettbewerbsprogramms. Darunter ist neben anderen der „Bayerisch-babylonische Marsch“ von Jörg Widmann, ein ironisches Orchesterwerk mit riesiger Bläserbesetzung, vertrackter Rhythmik, ordentlich Tschingderassabumm und ständigen Wechseln. Außerdem gibt es natürlich Mahler satt, Dirigentenmusik schlechthin mit fettem Orchestersound, weiten Bögen und viertelstündigen Steigerungen. Gerade steht Paolo Bortolameolli am Dirigentenpult, ein hyperagiler Chilene mit weichem Dirigat, der viel redet und sich nervös am 1. Satz von Haydns Symphonie Nr. 44 in e-Moll versucht. Der Einstieg mag nicht recht funktionieren, latent überspannt gerät das Tempo aus den Fugen. Die Musiker folgen derweil wach und ruhig den Ansagen des jungen Dirigenten, später werden sie der Jury ihre Sicht der Dinge mitteilen und eine der wichtigen Stimmen sein bei der Entscheidung über das Weiterrücken ins Finale. Mit Dirigenten, Solisten und Vertretern von Agenturen ist die Jury breit besetzt. Auch das ist Programm. »Jeder bringt seinen Blickwinkel mit, so dass sich im Endeffekt im Idealfall ein 360 Grad-Blick auf den jeweiligen Kandidaten ergibt«, sagt Axt. Abgestimmt wird nie, stattdessen wird solange diskutiert, bis klar ist, wer den Preis verdient. Wer das sein soll? »Jemand mit erkennbarem Talent, einer inneren Musikalität und einer profilierten Persönlichkeit«.

Und was hat es mit dem Mysterium des Dirigats auf sich: jene lautlose Bewegung mit gruppendynamischer Folgewirkung, basierend auf einem Gemisch aus Technik, Charisma und Musikalität, das so viel in Schwingung versetzen kann? Lässt sich das überhaupt bewerten, jenseits von Voodoo und persönlichen Geschmacksvorlieben?

Ein Blick auf die drei Finalteilnehmer:

Nr. 1, Valentin Uryupin. Ein hochgewachsener Russe, Typ selbstzerfleischender Intellektueller, der den Rücken beim Dirigieren leicht nach vorne beugt und selten lächelt. Den 6. Satz von Mahlers Symphonie Nr. 3 d-Moll inszeniert er im Semifinale mit demütiger Ernsthaftigkeit als tieftrauriges Kammerspiel; das Stück Zugabe von Georg Friedrich Haas als monströse Klimax. Im Finale jedoch scheitert er bei Mahlers 1. Satz, die Bögen gehen nicht auf, Uryupin zeigt Nerven, wirkt gefangen und fahrig. Ist das aussagekräftig, Schicksal oder Zufall? Man weiß es nicht.

Nr. 2, Sergey Neller.
Ebenfalls Russe, deutlich selbstbewusster, je nach Blickwinkel ein schulmeisterhafter Poser oder ein überlegenes Genie. Im Gegensatz zu den anderen Finalisten dirigiert er konsequent ohne Noten, er hat jeden Takt im Kopf und den Laden voll im Griff, ist er mit dem Ergebnis zufrieden, stemmt er die Hand kokett in die Seite, schließt die Augen und wiegt den Kopf zur Musik. »Dieses crescendo bitte so spielen, als würdet ihr jemanden erwürgen« sagt er bei einem Stück aus den Correspondances von Henri Dutilleux und fasst sich an den Hals. Das Klangergebnis gerät überzeugend luftarm, die Solistin Barbara Hannigan jedoch beachtet Neller kaum.

Nr. 3, Kah Chun Wong.
Ein leidenschaftlicher Musikant und humorvoller Interpret aus Singapur, filigran in seinem Dirigat, detailversessen in der Durchdringung der Partitur. Widmanns wilden Marsch lässt er im Semifinale klingen »wie ein Oktoberfest nach fünf Bier«, sein Haydn tänzelt und fetzt und greift er ein, dann in charmantem deutsch-englisch: »The second Takt, very kurz bitte«. Im Finale wünscht er Dutilleux »bittersüß dunkelgraublau«, dann allerdings verliert er sich minutenlang mit Solistin Hannigan in der Besprechung der Partitur, bevor er erneut ansetzt. Zum Schluss gibt es Mahler, Wong wählt das schlüssigste Tempo und wirft sich in die Musik, alle Wettbewerbsspannung scheint mit einem Mal vergessen.

1. Preis Wong, 2. Preis Neller, 3. Preis Uryupin.
Das ist schlussendlich die Entscheidung der Jury. Mit Kah Chun Wong hat sie einen innigen Musikgestalter gekürt, einen akribischen Dirigenten und sympathischen Unterhalter. »Ich möchte einfach Musik machen. Diesen Klang bei Mahler – den werde ich mein Leben lang nicht vergessen.« Das sagte Wong, lange noch bevor er wusste, dass er ins Finale kommen und gewinnen würde. Man ahnt, dass die Entscheidung richtig war. Das Mysterium jedoch wurde auch in Bamberg nicht entschlüsselt. ¶

Eben dort hat nun zum fünften Mal The Mahler Competition stattgefunden, ein Dirigierwettbewerb, der auf Initiative von Mahlers Enkelin Marina Mahler alle drei Jahre von den Bamberger Symphonikern veranstaltet wird. 2004 wurde der Wettbewerb zum ersten Mal durchgeführt, der damalige Preisträger war 23 Jahre alt und hieß Gustavo Dudamel. Sein Name zieht talentierte Jungdirigenten bis heute in die kleine Stadt, außerdem treffen sie auf eine hochkarätig besetzte Jury, in der in diesem Jahr unter anderem Sir Neville Marriner, Barbara Hannigan und Jörg Widmann saßen. Knapp 400 Dirigenten aus 64 Nationen haben sich beworben, davon 87 Prozent Männer, 13 Prozent Frauen, insgesamt 14 Teilnehmer wurden eingeladen. Soweit die Fakten.

Eine Spurensuche in Bamberg, Rechercheort Konzerthalle, pünktlich zum Semifinale. Der gläserne Bau liegt nur wenige Minuten von der Altstadt entfernt direkt am Fluss, ein paar Meter weiter watscheln die Enten, auf dem Vorplatz parken die Orchestermusiker ihre Räder, dann geht es in die Probe. Die Stimmung: entspannt. Der Dresscode: Sommerkleid, Jeans, Turnschuhe. Im Inneren der Halle ist der Saal mittlerweile gut besetzt. Etliche Bamberger nutzen die Chance und sitzen in den Rängen, im Parkett, vor, neben und hinter der Bühne verteilt sich die Jury. Also kein geblocktes Jurypult samt finsterer Mimik im hinteren Halbdunkel. Zwar sind nurmehr fünf männliche Kandidaten übrig geblieben, die ausgeschiedenen jedoch sitzen allesamt in den Zuschauerreihen. Das ist kein Zufall, sondern Programm, sagt Marcus Rudolf Axt, Intendant der Bamberger Symphoniker und Jurymitglied. Selbst wenn ein Bewerber in der ersten Runde rausfliegt, kann er die ganze Woche bleiben; Kost und Logis übernehmen die Symphoniker. So folgt der Enttäuschung die Möglichkeit zu Einzelgesprächen mit den Jurymitgliedern, außerdem sind alle Teilnehmer im selben Hotel untergebracht und werden dort von Konkurrenten zur Schicksalsgemeinschaft. »Das ist fast mehr wie eine Masterclass hier«, sagt Kah Chun Wong, Semifinalist aus Singapur, »man bekommt viele Tipps und alle sind sehr freundlich. Das Beste aber ist das Orchester. Die Musiker unterstützen uns sehr.«

Mittlerweile sitzen die Bamberger Symphoniker auf der Bühne und spielen zum xten Mal in dieser Woche einen Teil des intelligent zusammengestellten Wettbewerbsprogramms. Darunter ist neben anderen der „Bayerisch-babylonische Marsch“ von Jörg Widmann, ein ironisches Orchesterwerk mit riesiger Bläserbesetzung, vertrackter Rhythmik, ordentlich Tschingderassabumm und ständigen Wechseln. Außerdem gibt es natürlich Mahler satt, Dirigentenmusik schlechthin mit fettem Orchestersound, weiten Bögen und viertelstündigen Steigerungen. Gerade steht Paolo Bortolameolli am Dirigentenpult, ein hyperagiler Chilene mit weichem Dirigat, der viel redet und sich nervös am 1. Satz von Haydns Symphonie Nr. 44 in e-Moll versucht. Der Einstieg mag nicht recht funktionieren, latent überspannt gerät das Tempo aus den Fugen. Die Musiker folgen derweil wach und ruhig den Ansagen des jungen Dirigenten, später werden sie der Jury ihre Sicht der Dinge mitteilen und eine der wichtigen Stimmen sein bei der Entscheidung über das Weiterrücken ins Finale. Mit Dirigenten, Solisten und Vertretern von Agenturen ist die Jury breit besetzt. Auch das ist Programm. »Jeder bringt seinen Blickwinkel mit, so dass sich im Endeffekt im Idealfall ein 360 Grad-Blick auf den jeweiligen Kandidaten ergibt«, sagt Axt. Abgestimmt wird nie, stattdessen wird solange diskutiert, bis klar ist, wer den Preis verdient. Wer das sein soll? »Jemand mit erkennbarem Talent, einer inneren Musikalität und einer profilierten Persönlichkeit«.

Und was hat es mit dem Mysterium des Dirigats auf sich: jene lautlose Bewegung mit gruppendynamischer Folgewirkung, basierend auf einem Gemisch aus Technik, Charisma und Musikalität, das so viel in Schwingung versetzen kann? Lässt sich das überhaupt bewerten, jenseits von Voodoo und persönlichen Geschmacksvorlieben?

Ein Blick auf die drei Finalteilnehmer:

Nr. 1, Valentin Uryupin. Ein hochgewachsener Russe, Typ selbstzerfleischender Intellektueller, der den Rücken beim Dirigieren leicht nach vorne beugt und selten lächelt. Den 6. Satz von Mahlers Symphonie Nr. 3 d-Moll inszeniert er im Semifinale mit demütiger Ernsthaftigkeit als tieftrauriges Kammerspiel; das Stück Zugabe von Georg Friedrich Haas als monströse Klimax. Im Finale jedoch scheitert er bei Mahlers 1. Satz, die Bögen gehen nicht auf, Uryupin zeigt Nerven, wirkt gefangen und fahrig. Ist das aussagekräftig, Schicksal oder Zufall? Man weiß es nicht.

Nr. 2, Sergey Neller.
Ebenfalls Russe, deutlich selbstbewusster, je nach Blickwinkel ein schulmeisterhafter Poser oder ein überlegenes Genie. Im Gegensatz zu den anderen Finalisten dirigiert er konsequent ohne Noten, er hat jeden Takt im Kopf und den Laden voll im Griff, ist er mit dem Ergebnis zufrieden, stemmt er die Hand kokett in die Seite, schließt die Augen und wiegt den Kopf zur Musik. »Dieses crescendo bitte so spielen, als würdet ihr jemanden erwürgen« sagt er bei einem Stück aus den Correspondances von Henri Dutilleux und fasst sich an den Hals. Das Klangergebnis gerät überzeugend luftarm, die Solistin Barbara Hannigan jedoch beachtet Neller kaum.

Nr. 3, Kah Chun Wong.
Ein leidenschaftlicher Musikant und humorvoller Interpret aus Singapur, filigran in seinem Dirigat, detailversessen in der Durchdringung der Partitur. Widmanns wilden Marsch lässt er im Semifinale klingen »wie ein Oktoberfest nach fünf Bier«, sein Haydn tänzelt und fetzt und greift er ein, dann in charmantem deutsch-englisch: »The second Takt, very kurz bitte«. Im Finale wünscht er Dutilleux »bittersüß dunkelgraublau«, dann allerdings verliert er sich minutenlang mit Solistin Hannigan in der Besprechung der Partitur, bevor er erneut ansetzt. Zum Schluss gibt es Mahler, Wong wählt das schlüssigste Tempo und wirft sich in die Musik, alle Wettbewerbsspannung scheint mit einem Mal vergessen.

1. Preis Wong, 2. Preis Neller, 3. Preis Uryupin.
Das ist schlussendlich die Entscheidung der Jury. Mit Kah Chun Wong hat sie einen innigen Musikgestalter gekürt, einen akribischen Dirigenten und sympathischen Unterhalter. »Ich möchte einfach Musik machen. Diesen Klang bei Mahler – den werde ich mein Leben lang nicht vergessen.« Das sagte Wong, lange noch bevor er wusste, dass er ins Finale kommen und gewinnen würde. Man ahnt, dass die Entscheidung richtig war. Das Mysterium jedoch wurde auch in Bamberg nicht entschlüsselt. ¶

Eben dort hat nun zum fünften Mal The Mahler Competition stattgefunden, ein Dirigierwettbewerb, der auf Initiative von Mahlers Enkelin Marina Mahler alle drei Jahre von den Bamberger Symphonikern veranstaltet wird. 2004 wurde der Wettbewerb zum ersten Mal durchgeführt, der damalige Preisträger war 23 Jahre alt und hieß Gustavo Dudamel. Sein Name zieht talentierte Jungdirigenten bis heute in die kleine Stadt, außerdem treffen sie auf eine hochkarätig besetzte Jury, in der in diesem Jahr unter anderem Sir Neville Marriner, Barbara Hannigan und Jörg Widmann saßen. Knapp 400 Dirigenten aus 64 Nationen haben sich beworben, davon 87 Prozent Männer, 13 Prozent Frauen, insgesamt 14 Teilnehmer wurden eingeladen. Soweit die Fakten.

Eine Spurensuche in Bamberg, Rechercheort Konzerthalle, pünktlich zum Semifinale. Der gläserne Bau liegt nur wenige Minuten von der Altstadt entfernt direkt am Fluss, ein paar Meter weiter watscheln die Enten, auf dem Vorplatz parken die Orchestermusiker ihre Räder, dann geht es in die Probe. Die Stimmung: entspannt. Der Dresscode: Sommerkleid, Jeans, Turnschuhe. Im Inneren der Halle ist der Saal mittlerweile gut besetzt. Etliche Bamberger nutzen die Chance und sitzen in den Rängen, im Parkett, vor, neben und hinter der Bühne verteilt sich die Jury. Also kein geblocktes Jurypult samt finsterer Mimik im hinteren Halbdunkel. Zwar sind nurmehr fünf männliche Kandidaten übrig geblieben, die ausgeschiedenen jedoch sitzen allesamt in den Zuschauerreihen. Das ist kein Zufall, sondern Programm, sagt Marcus Rudolf Axt, Intendant der Bamberger Symphoniker und Jurymitglied. Selbst wenn ein Bewerber in der ersten Runde rausfliegt, kann er die ganze Woche bleiben; Kost und Logis übernehmen die Symphoniker. So folgt der Enttäuschung die Möglichkeit zu Einzelgesprächen mit den Jurymitgliedern, außerdem sind alle Teilnehmer im selben Hotel untergebracht und werden dort von Konkurrenten zur Schicksalsgemeinschaft. »Das ist fast mehr wie eine Masterclass hier«, sagt Kah Chun Wong, Semifinalist aus Singapur, »man bekommt viele Tipps und alle sind sehr freundlich. Das Beste aber ist das Orchester. Die Musiker unterstützen uns sehr.«

Mittlerweile sitzen die Bamberger Symphoniker auf der Bühne und spielen zum xten Mal in dieser Woche einen Teil des intelligent zusammengestellten Wettbewerbsprogramms. Darunter ist neben anderen der „Bayerisch-babylonische Marsch“ von Jörg Widmann, ein ironisches Orchesterwerk mit riesiger Bläserbesetzung, vertrackter Rhythmik, ordentlich Tschingderassabumm und ständigen Wechseln. Außerdem gibt es natürlich Mahler satt, Dirigentenmusik schlechthin mit fettem Orchestersound, weiten Bögen und viertelstündigen Steigerungen. Gerade steht Paolo Bortolameolli am Dirigentenpult, ein hyperagiler Chilene mit weichem Dirigat, der viel redet und sich nervös am 1. Satz von Haydns Symphonie Nr. 44 in e-Moll versucht. Der Einstieg mag nicht recht funktionieren, latent überspannt gerät das Tempo aus den Fugen. Die Musiker folgen derweil wach und ruhig den Ansagen des jungen Dirigenten, später werden sie der Jury ihre Sicht der Dinge mitteilen und eine der wichtigen Stimmen sein bei der Entscheidung über das Weiterrücken ins Finale. Mit Dirigenten, Solisten und Vertretern von Agenturen ist die Jury breit besetzt. Auch das ist Programm. »Jeder bringt seinen Blickwinkel mit, so dass sich im Endeffekt im Idealfall ein 360 Grad-Blick auf den jeweiligen Kandidaten ergibt«, sagt Axt. Abgestimmt wird nie, stattdessen wird solange diskutiert, bis klar ist, wer den Preis verdient. Wer das sein soll? »Jemand mit erkennbarem Talent, einer inneren Musikalität und einer profilierten Persönlichkeit«.

Und was hat es mit dem Mysterium des Dirigats auf sich: jene lautlose Bewegung mit gruppendynamischer Folgewirkung, basierend auf einem Gemisch aus Technik, Charisma und Musikalität, das so viel in Schwingung versetzen kann? Lässt sich das überhaupt bewerten, jenseits von Voodoo und persönlichen Geschmacksvorlieben?

Ein Blick auf die drei Finalteilnehmer:

Nr. 1, Valentin Uryupin. Ein hochgewachsener Russe, Typ selbstzerfleischender Intellektueller, der den Rücken beim Dirigieren leicht nach vorne beugt und selten lächelt. Den 6. Satz von Mahlers Symphonie Nr. 3 d-Moll inszeniert er im Semifinale mit demütiger Ernsthaftigkeit als tieftrauriges Kammerspiel; das Stück Zugabe von Georg Friedrich Haas als monströse Klimax. Im Finale jedoch scheitert er bei Mahlers 1. Satz, die Bögen gehen nicht auf, Uryupin zeigt Nerven, wirkt gefangen und fahrig. Ist das aussagekräftig, Schicksal oder Zufall? Man weiß es nicht.

Nr. 2, Sergey Neller. Ebenfalls Russe, deutlich selbstbewusster, je nach Blickwinkel ein schulmeisterhafter Poser oder ein überlegenes Genie. Im Gegensatz zu den anderen Finalisten dirigiert er konsequent ohne Noten, er hat jeden Takt im Kopf und den Laden voll im Griff, ist er mit dem Ergebnis zufrieden, stemmt er die Hand kokett in die Seite, schließt die Augen und wiegt den Kopf zur Musik. »Dieses crescendo bitte so spielen, als würdet ihr jemanden erwürgen« sagt er bei einem Stück aus den Correspondances von Henri Dutilleux und fasst sich an den Hals. Das Klangergebnis gerät überzeugend luftarm, die Solistin Barbara Hannigan jedoch beachtet Neller kaum.

Nr. 3, Kah Chun Wong. Ein leidenschaftlicher Musikant und humorvoller Interpret aus Singapur, filigran in seinem Dirigat, detailversessen in der Durchdringung der Partitur. Widmanns wilden Marsch lässt er im Semifinale klingen »wie ein Oktoberfest nach fünf Bier«, sein Haydn tänzelt und fetzt und greift er ein, dann in charmantem deutsch-englisch: »The second Takt, very kurz bitte«. Im Finale wünscht er Dutilleux »bittersüß dunkelgraublau«, dann allerdings verliert er sich minutenlang mit Solistin Hannigan in der Besprechung der Partitur, bevor er erneut ansetzt. Zum Schluss gibt es Mahler, Wong wählt das schlüssigste Tempo und wirft sich in die Musik, alle Wettbewerbsspannung scheint mit einem Mal vergessen.


1. Preis Wong, 2. Preis Neller, 3. Preis Uryupin.

Das ist schlussendlich die Entscheidung der Jury. Mit Kah Chun Wong hat sie einen innigen Musikgestalter gekürt, einen akribischen Dirigenten und sympathischen Unterhalter. »Ich möchte einfach Musik machen. Diesen Klang bei Mahler – den werde ich mein Leben lang nicht vergessen.« Das sagte Wong, lange noch bevor er wusste, dass er ins Finale kommen und gewinnen würde. Man ahnt, dass die Entscheidung richtig war. Das Mysterium jedoch wurde auch in Bamberg nicht entschlüsselt. ¶

Eben dort hat nun zum fünften Mal The Mahler Competition stattgefunden, ein Dirigierwettbewerb, der auf Initiative von Mahlers Enkelin Marina Mahler alle drei Jahre von den Bamberger Symphonikern veranstaltet wird. 2004 wurde der Wettbewerb zum ersten Mal durchgeführt, der damalige Preisträger war 23 Jahre alt und hieß Gustavo Dudamel. Sein Name zieht talentierte Jungdirigenten bis heute in die kleine Stadt, außerdem treffen sie auf eine hochkarätig besetzte Jury, in der in diesem Jahr unter anderem Sir Neville Marriner, Barbara Hannigan und Jörg Widmann saßen. Knapp 400 Dirigenten aus 64 Nationen haben sich beworben, davon 87 Prozent Männer, 13 Prozent Frauen, insgesamt 14 Teilnehmer wurden eingeladen. Soweit die Fakten.

Eine Spurensuche in Bamberg, Rechercheort Konzerthalle, pünktlich zum Semifinale. Der gläserne Bau liegt nur wenige Minuten von der Altstadt entfernt direkt am Fluss, ein paar Meter weiter watscheln die Enten, auf dem Vorplatz parken die Orchestermusiker ihre Räder, dann geht es in die Probe. Die Stimmung: entspannt. Der Dresscode: Sommerkleid, Jeans, Turnschuhe. Im Inneren der Halle ist der Saal mittlerweile gut besetzt. Etliche Bamberger nutzen die Chance und sitzen in den Rängen, im Parkett, vor, neben und hinter der Bühne verteilt sich die Jury. Also kein geblocktes Jurypult samt finsterer Mimik im hinteren Halbdunkel. Zwar sind nurmehr fünf männliche Kandidaten übrig geblieben, die ausgeschiedenen jedoch sitzen allesamt in den Zuschauerreihen. Das ist kein Zufall, sondern Programm, sagt Marcus Rudolf Axt, Intendant der Bamberger Symphoniker und Jurymitglied. Selbst wenn ein Bewerber in der ersten Runde rausfliegt, kann er die ganze Woche bleiben; Kost und Logis übernehmen die Symphoniker. So folgt der Enttäuschung die Möglichkeit zu Einzelgesprächen mit den Jurymitgliedern, außerdem sind alle Teilnehmer im selben Hotel untergebracht und werden dort von Konkurrenten zur Schicksalsgemeinschaft. »Das ist fast mehr wie eine Masterclass hier«, sagt Kah Chun Wong, Semifinalist aus Singapur, »man bekommt viele Tipps und alle sind sehr freundlich. Das Beste aber ist das Orchester. Die Musiker unterstützen uns sehr.«

Mittlerweile sitzen die Bamberger Symphoniker auf der Bühne und spielen zum xten Mal in dieser Woche einen Teil des intelligent zusammengestellten Wettbewerbsprogramms. Darunter ist neben anderen der „Bayerisch-babylonische Marsch“ von Jörg Widmann, ein ironisches Orchesterwerk mit riesiger Bläserbesetzung, vertrackter Rhythmik, ordentlich Tschingderassabumm und ständigen Wechseln. Außerdem gibt es natürlich Mahler satt, Dirigentenmusik schlechthin mit fettem Orchestersound, weiten Bögen und viertelstündigen Steigerungen. Gerade steht Paolo Bortolameolli am Dirigentenpult, ein hyperagiler Chilene mit weichem Dirigat, der viel redet und sich nervös am 1. Satz von Haydns Symphonie Nr. 44 in e-Moll versucht. Der Einstieg mag nicht recht funktionieren, latent überspannt gerät das Tempo aus den Fugen. Die Musiker folgen derweil wach und ruhig den Ansagen des jungen Dirigenten, später werden sie der Jury ihre Sicht der Dinge mitteilen und eine der wichtigen Stimmen sein bei der Entscheidung über das Weiterrücken ins Finale. Mit Dirigenten, Solisten und Vertretern von Agenturen ist die Jury breit besetzt. Auch das ist Programm. »Jeder bringt seinen Blickwinkel mit, so dass sich im Endeffekt im Idealfall ein 360 Grad-Blick auf den jeweiligen Kandidaten ergibt«, sagt Axt. Abgestimmt wird nie, stattdessen wird solange diskutiert, bis klar ist, wer den Preis verdient. Wer das sein soll? »Jemand mit erkennbarem Talent, einer inneren Musikalität und einer profilierten Persönlichkeit«.

Und was hat es mit dem Mysterium des Dirigats auf sich: jene lautlose Bewegung mit gruppendynamischer Folgewirkung, basierend auf einem Gemisch aus Technik, Charisma und Musikalität, das so viel in Schwingung versetzen kann? Lässt sich das überhaupt bewerten, jenseits von Voodoo und persönlichen Geschmacksvorlieben?

Ein Blick auf die drei Finalteilnehmer:

Nr. 1, Valentin Uryupin. Ein hochgewachsener Russe, Typ selbstzerfleischender Intellektueller, der den Rücken beim Dirigieren leicht nach vorne beugt und selten lächelt. Den 6. Satz von Mahlers Symphonie Nr. 3 d-Moll inszeniert er im Semifinale mit demütiger Ernsthaftigkeit als tieftrauriges Kammerspiel; das Stück Zugabe von Georg Friedrich Haas als monströse Klimax. Im Finale jedoch scheitert er bei Mahlers 1. Satz, die Bögen gehen nicht auf, Uryupin zeigt Nerven, wirkt gefangen und fahrig. Ist das aussagekräftig, Schicksal oder Zufall? Man weiß es nicht.

Nr. 2, Sergey Neller. Ebenfalls Russe, deutlich selbstbewusster, je nach Blickwinkel ein schulmeisterhafter Poser oder ein überlegenes Genie. Im Gegensatz zu den anderen Finalisten dirigiert er konsequent ohne Noten, er hat jeden Takt im Kopf und den Laden voll im Griff, ist er mit dem Ergebnis zufrieden, stemmt er die Hand kokett in die Seite, schließt die Augen und wiegt den Kopf zur Musik. »Dieses crescendo bitte so spielen, als würdet ihr jemanden erwürgen« sagt er bei einem Stück aus den Correspondances von Henri Dutilleux und fasst sich an den Hals. Das Klangergebnis gerät überzeugend luftarm, die Solistin Barbara Hannigan jedoch beachtet Neller kaum.

Nr. 3, Kah Chun Wong. Ein leidenschaftlicher Musikant und humorvoller Interpret aus Singapur, filigran in seinem Dirigat, detailversessen in der Durchdringung der Partitur. Widmanns wilden Marsch lässt er im Semifinale klingen »wie ein Oktoberfest nach fünf Bier«, sein Haydn tänzelt und fetzt und greift er ein, dann in charmantem deutsch-englisch: »The second Takt, very kurz bitte«. Im Finale wünscht er Dutilleux »bittersüß dunkelgraublau«, dann allerdings verliert er sich minutenlang mit Solistin Hannigan in der Besprechung der Partitur, bevor er erneut ansetzt. Zum Schluss gibt es Mahler, Wong wählt das schlüssigste Tempo und wirft sich in die Musik, alle Wettbewerbsspannung scheint mit einem Mal vergessen.


1. Preis Wong, 2. Preis Neller, 3. Preis Uryupin.

Das ist schlussendlich die Entscheidung der Jury. Mit Kah Chun Wong hat sie einen innigen Musikgestalter gekürt, einen akribischen Dirigenten und sympathischen Unterhalter. »Ich möchte einfach Musik machen. Diesen Klang bei Mahler – den werde ich mein Leben lang nicht vergessen.« Das sagte Wong, lange noch bevor er wusste, dass er ins Finale kommen und gewinnen würde. Man ahnt, dass die Entscheidung richtig war. Das Mysterium jedoch wurde auch in Bamberg nicht entschlüsselt. ¶

Eben dort hat nun zum fünften Mal The Mahler Competition stattgefunden, ein Dirigierwettbewerb, der auf Initiative von Mahlers Enkelin Marina Mahler alle drei Jahre von den Bamberger Symphonikern veranstaltet wird. 2004 wurde der Wettbewerb zum ersten Mal durchgeführt, der damalige Preisträger war 23 Jahre alt und hieß Gustavo Dudamel. Sein Name zieht talentierte Jungdirigenten bis heute in die kleine Stadt, außerdem treffen sie auf eine hochkarätig besetzte Jury, in der in diesem Jahr unter anderem Sir Neville Marriner, Barbara Hannigan und Jörg Widmann saßen. Knapp 400 Dirigenten aus 64 Nationen haben sich beworben, davon 87 Prozent Männer, 13 Prozent Frauen, insgesamt 14 Teilnehmer wurden eingeladen. Soweit die Fakten.

Eine Spurensuche in Bamberg, Rechercheort Konzerthalle, pünktlich zum Semifinale. Der gläserne Bau liegt nur wenige Minuten von der Altstadt entfernt direkt am Fluss, ein paar Meter weiter watscheln die Enten, auf dem Vorplatz parken die Orchestermusiker ihre Räder, dann geht es in die Probe. Die Stimmung: entspannt. Der Dresscode: Sommerkleid, Jeans, Turnschuhe. Im Inneren der Halle ist der Saal mittlerweile gut besetzt. Etliche Bamberger nutzen die Chance und sitzen in den Rängen, im Parkett, vor, neben und hinter der Bühne verteilt sich die Jury. Also kein geblocktes Jurypult samt finsterer Mimik im hinteren Halbdunkel. Zwar sind nurmehr fünf männliche Kandidaten übrig geblieben, die ausgeschiedenen jedoch sitzen allesamt in den Zuschauerreihen. Das ist kein Zufall, sondern Programm, sagt Marcus Rudolf Axt, Intendant der Bamberger Symphoniker und Jurymitglied. Selbst wenn ein Bewerber in der ersten Runde rausfliegt, kann er die ganze Woche bleiben; Kost und Logis übernehmen die Symphoniker. So folgt der Enttäuschung die Möglichkeit zu Einzelgesprächen mit den Jurymitgliedern, außerdem sind alle Teilnehmer im selben Hotel untergebracht und werden dort von Konkurrenten zur Schicksalsgemeinschaft. »Das ist fast mehr wie eine Masterclass hier«, sagt Kah Chun Wong, Semifinalist aus Singapur, »man bekommt viele Tipps und alle sind sehr freundlich. Das Beste aber ist das Orchester. Die Musiker unterstützen uns sehr.«

Mittlerweile sitzen die Bamberger Symphoniker auf der Bühne und spielen zum xten Mal in dieser Woche einen Teil des intelligent zusammengestellten Wettbewerbsprogramms. Darunter ist neben anderen der „Bayerisch-babylonische Marsch“ von Jörg Widmann, ein ironisches Orchesterwerk mit riesiger Bläserbesetzung, vertrackter Rhythmik, ordentlich Tschingderassabumm und ständigen Wechseln. Außerdem gibt es natürlich Mahler satt, Dirigentenmusik schlechthin mit fettem Orchestersound, weiten Bögen und viertelstündigen Steigerungen. Gerade steht Paolo Bortolameolli am Dirigentenpult, ein hyperagiler Chilene mit weichem Dirigat, der viel redet und sich nervös am 1. Satz von Haydns Symphonie Nr. 44 in e-Moll versucht. Der Einstieg mag nicht recht funktionieren, latent überspannt gerät das Tempo aus den Fugen. Die Musiker folgen derweil wach und ruhig den Ansagen des jungen Dirigenten, später werden sie der Jury ihre Sicht der Dinge mitteilen und eine der wichtigen Stimmen sein bei der Entscheidung über das Weiterrücken ins Finale. Mit Dirigenten, Solisten und Vertretern von Agenturen ist die Jury breit besetzt. Auch das ist Programm. »Jeder bringt seinen Blickwinkel mit, so dass sich im Endeffekt im Idealfall ein 360 Grad-Blick auf den jeweiligen Kandidaten ergibt«, sagt Axt. Abgestimmt wird nie, stattdessen wird solange diskutiert, bis klar ist, wer den Preis verdient. Wer das sein soll? »Jemand mit erkennbarem Talent, einer inneren Musikalität und einer profilierten Persönlichkeit«.

Und was hat es mit dem Mysterium des Dirigats auf sich: jene lautlose Bewegung mit gruppendynamischer Folgewirkung, basierend auf einem Gemisch aus Technik, Charisma und Musikalität, das so viel in Schwingung versetzen kann? Lässt sich das überhaupt bewerten, jenseits von Voodoo und persönlichen Geschmacksvorlieben?

Ein Blick auf die drei Finalteilnehmer:

Nr. 1, Valentin Uryupin. Ein hochgewachsener Russe, Typ selbstzerfleischender Intellektueller, der den Rücken beim Dirigieren leicht nach vorne beugt und selten lächelt. Den 6. Satz von Mahlers Symphonie Nr. 3 d-Moll inszeniert er im Semifinale mit demütiger Ernsthaftigkeit als tieftrauriges Kammerspiel; das Stück Zugabe von Georg Friedrich Haas als monströse Klimax. Im Finale jedoch scheitert er bei Mahlers 1. Satz, die Bögen gehen nicht auf, Uryupin zeigt Nerven, wirkt gefangen und fahrig. Ist das aussagekräftig, Schicksal oder Zufall? Man weiß es nicht.

Nr. 2, Sergey Neller. Ebenfalls Russe, deutlich selbstbewusster, je nach Blickwinkel ein schulmeisterhafter Poser oder ein überlegenes Genie. Im Gegensatz zu den anderen Finalisten dirigiert er konsequent ohne Noten, er hat jeden Takt im Kopf und den Laden voll im Griff, ist er mit dem Ergebnis zufrieden, stemmt er die Hand kokett in die Seite, schließt die Augen und wiegt den Kopf zur Musik. »Dieses crescendo bitte so spielen, als würdet ihr jemanden erwürgen« sagt er bei einem Stück aus den Correspondances von Henri Dutilleux und fasst sich an den Hals. Das Klangergebnis gerät überzeugend luftarm, die Solistin Barbara Hannigan jedoch beachtet Neller kaum.

Nr. 3, Kah Chun Wong. Ein leidenschaftlicher Musikant und humorvoller Interpret aus Singapur, filigran in seinem Dirigat, detailversessen in der Durchdringung der Partitur. Widmanns wilden Marsch lässt er im Semifinale klingen »wie ein Oktoberfest nach fünf Bier«, sein Haydn tänzelt und fetzt und greift er ein, dann in charmantem deutsch-englisch: »The second Takt, very kurz bitte«. Im Finale wünscht er Dutilleux »bittersüß dunkelgraublau«, dann allerdings verliert er sich minutenlang mit Solistin Hannigan in der Besprechung der Partitur, bevor er erneut ansetzt. Zum Schluss gibt es Mahler, Wong wählt das schlüssigste Tempo und wirft sich in die Musik, alle Wettbewerbsspannung scheint mit einem Mal vergessen.


1. Preis Wong, 2. Preis Neller, 3. Preis Uryupin.

Das ist schlussendlich die Entscheidung der Jury. Mit Kah Chun Wong hat sie einen innigen Musikgestalter gekürt, einen akribischen Dirigenten und sympathischen Unterhalter. »Ich möchte einfach Musik machen. Diesen Klang bei Mahler – den werde ich mein Leben lang nicht vergessen.« Das sagte Wong, lange noch bevor er wusste, dass er ins Finale kommen und gewinnen würde. Man ahnt, dass die Entscheidung richtig war. Das Mysterium jedoch wurde auch in Bamberg nicht entschlüsselt. ¶

Eben dort hat nun zum fünften Mal The Mahler Competition stattgefunden, ein Dirigierwettbewerb, der auf Initiative von Mahlers Enkelin Marina Mahler alle drei Jahre von den Bamberger Symphonikern veranstaltet wird. 2004 wurde der Wettbewerb zum ersten Mal durchgeführt, der damalige Preisträger war 23 Jahre alt und hieß Gustavo Dudamel. Sein Name zieht talentierte Jungdirigenten bis heute in die kleine Stadt, außerdem treffen sie auf eine hochkarätig besetzte Jury, in der in diesem Jahr unter anderem Sir Neville Marriner, Barbara Hannigan und Jörg Widmann saßen. Knapp 400 Dirigenten aus 64 Nationen haben sich beworben, davon 87 Prozent Männer, 13 Prozent Frauen, insgesamt 14 Teilnehmer wurden eingeladen. Soweit die Fakten.

Eine Spurensuche in Bamberg, Rechercheort Konzerthalle, pünktlich zum Semifinale. Der gläserne Bau liegt nur wenige Minuten von der Altstadt entfernt direkt am Fluss, ein paar Meter weiter watscheln die Enten, auf dem Vorplatz parken die Orchestermusiker ihre Räder, dann geht es in die Probe. Die Stimmung: entspannt. Der Dresscode: Sommerkleid, Jeans, Turnschuhe. Im Inneren der Halle ist der Saal mittlerweile gut besetzt. Etliche Bamberger nutzen die Chance und sitzen in den Rängen, im Parkett, vor, neben und hinter der Bühne verteilt sich die Jury. Also kein geblocktes Jurypult samt finsterer Mimik im hinteren Halbdunkel. Zwar sind nurmehr fünf männliche Kandidaten übrig geblieben, die ausgeschiedenen jedoch sitzen allesamt in den Zuschauerreihen. Das ist kein Zufall, sondern Programm, sagt Marcus Rudolf Axt, Intendant der Bamberger Symphoniker und Jurymitglied. Selbst wenn ein Bewerber in der ersten Runde rausfliegt, kann er die ganze Woche bleiben; Kost und Logis übernehmen die Symphoniker. So folgt der Enttäuschung die Möglichkeit zu Einzelgesprächen mit den Jurymitgliedern, außerdem sind alle Teilnehmer im selben Hotel untergebracht und werden dort von Konkurrenten zur Schicksalsgemeinschaft. »Das ist fast mehr wie eine Masterclass hier«, sagt Kah Chun Wong, Semifinalist aus Singapur, »man bekommt viele Tipps und alle sind sehr freundlich. Das Beste aber ist das Orchester. Die Musiker unterstützen uns sehr.«

Mittlerweile sitzen die Bamberger Symphoniker auf der Bühne und spielen zum xten Mal in dieser Woche einen Teil des intelligent zusammengestellten Wettbewerbsprogramms. Darunter ist neben anderen der „Bayerisch-babylonische Marsch“ von Jörg Widmann, ein ironisches Orchesterwerk mit riesiger Bläserbesetzung, vertrackter Rhythmik, ordentlich Tschingderassabumm und ständigen Wechseln. Außerdem gibt es natürlich Mahler satt, Dirigentenmusik schlechthin mit fettem Orchestersound, weiten Bögen und viertelstündigen Steigerungen. Gerade steht Paolo Bortolameolli am Dirigentenpult, ein hyperagiler Chilene mit weichem Dirigat, der viel redet und sich nervös am 1. Satz von Haydns Symphonie Nr. 44 in e-Moll versucht. Der Einstieg mag nicht recht funktionieren, latent überspannt gerät das Tempo aus den Fugen. Die Musiker folgen derweil wach und ruhig den Ansagen des jungen Dirigenten, später werden sie der Jury ihre Sicht der Dinge mitteilen und eine der wichtigen Stimmen sein bei der Entscheidung über das Weiterrücken ins Finale. Mit Dirigenten, Solisten und Vertretern von Agenturen ist die Jury breit besetzt. Auch das ist Programm. »Jeder bringt seinen Blickwinkel mit, so dass sich im Endeffekt im Idealfall ein 360 Grad-Blick auf den jeweiligen Kandidaten ergibt«, sagt Axt. Abgestimmt wird nie, stattdessen wird solange diskutiert, bis klar ist, wer den Preis verdient. Wer das sein soll? »Jemand mit erkennbarem Talent, einer inneren Musikalität und einer profilierten Persönlichkeit«.

Und was hat es mit dem Mysterium des Dirigats auf sich: jene lautlose Bewegung mit gruppendynamischer Folgewirkung, basierend auf einem Gemisch aus Technik, Charisma und Musikalität, das so viel in Schwingung versetzen kann? Lässt sich das überhaupt bewerten, jenseits von Voodoo und persönlichen Geschmacksvorlieben?

Ein Blick auf die drei Finalteilnehmer:

Nr. 1, Valentin Uryupin. Ein hochgewachsener Russe, Typ selbstzerfleischender Intellektueller, der den Rücken beim Dirigieren leicht nach vorne beugt und selten lächelt. Den 6. Satz von Mahlers Symphonie Nr. 3 d-Moll inszeniert er im Semifinale mit demütiger Ernsthaftigkeit als tieftrauriges Kammerspiel; das Stück Zugabe von Georg Friedrich Haas als monströse Klimax. Im Finale jedoch scheitert er bei Mahlers 1. Satz, die Bögen gehen nicht auf, Uryupin zeigt Nerven, wirkt gefangen und fahrig. Ist das aussagekräftig, Schicksal oder Zufall? Man weiß es nicht.

Nr. 2, Sergey Neller. Ebenfalls Russe, deutlich selbstbewusster, je nach Blickwinkel ein schulmeisterhafter Poser oder ein überlegenes Genie. Im Gegensatz zu den anderen Finalisten dirigiert er konsequent ohne Noten, er hat jeden Takt im Kopf und den Laden voll im Griff, ist er mit dem Ergebnis zufrieden, stemmt er die Hand kokett in die Seite, schließt die Augen und wiegt den Kopf zur Musik. »Dieses crescendo bitte so spielen, als würdet ihr jemanden erwürgen« sagt er bei einem Stück aus den Correspondances von Henri Dutilleux und fasst sich an den Hals. Das Klangergebnis gerät überzeugend luftarm, die Solistin Barbara Hannigan jedoch beachtet Neller kaum.

Nr. 3, Kah Chun Wong. Ein leidenschaftlicher Musikant und humorvoller Interpret aus Singapur, filigran in seinem Dirigat, detailversessen in der Durchdringung der Partitur. Widmanns wilden Marsch lässt er im Semifinale klingen »wie ein Oktoberfest nach fünf Bier«, sein Haydn tänzelt und fetzt und greift er ein, dann in charmantem deutsch-englisch: »The second Takt, very kurz bitte«. Im Finale wünscht er Dutilleux »bittersüß dunkelgraublau«, dann allerdings verliert er sich minutenlang mit Solistin Hannigan in der Besprechung der Partitur, bevor er erneut ansetzt. Zum Schluss gibt es Mahler, Wong wählt das schlüssigste Tempo und wirft sich in die Musik, alle Wettbewerbsspannung scheint mit einem Mal vergessen.


1. Preis Wong, 2. Preis Neller, 3. Preis Uryupin.

Das ist schlussendlich die Entscheidung der Jury. Mit Kah Chun Wong hat sie einen innigen Musikgestalter gekürt, einen akribischen Dirigenten und sympathischen Unterhalter. »Ich möchte einfach Musik machen. Diesen Klang bei Mahler – den werde ich mein Leben lang nicht vergessen.« Das sagte Wong, lange noch bevor er wusste, dass er ins Finale kommen und gewinnen würde. Man ahnt, dass die Entscheidung richtig war. Das Mysterium jedoch wurde auch in Bamberg nicht entschlüsselt. ¶

Ein Blick auf die drei Finalteilnehmer:

Nr. 1, Valentin Uryupin. Ein hochgewachsener Russe, Typ selbstzerfleischender Intellektueller, der den Rücken beim Dirigieren leicht nach vorne beugt und selten lächelt. Den 6. Satz von Mahlers Symphonie Nr. 3 d-Moll inszeniert er im Semifinale mit demütiger Ernsthaftigkeit als tieftrauriges Kammerspiel; das Stück Zugabe von Georg Friedrich Haas als monströse Klimax. Im Finale jedoch scheitert er bei Mahlers 1. Satz, die Bögen gehen nicht auf, Uryupin zeigt Nerven, wirkt gefangen und fahrig. Ist das aussagekräftig, Schicksal oder Zufall? Man weiß es nicht.

Nr. 2, Sergey Neller. Ebenfalls Russe, deutlich selbstbewusster, je nach Blickwinkel ein schulmeisterhafter Poser oder ein überlegenes Genie. Im Gegensatz zu den anderen Finalisten dirigiert er konsequent ohne Noten, er hat jeden Takt im Kopf und den Laden voll im Griff, ist er mit dem Ergebnis zufrieden, stemmt er die Hand kokett in die Seite, schließt die Augen und wiegt den Kopf zur Musik. »Dieses crescendo bitte so spielen, als würdet ihr jemanden erwürgen« sagt er bei einem Stück aus den Correspondances von Henri Dutilleux und fasst sich an den Hals. Das Klangergebnis gerät überzeugend luftarm, die Solistin Barbara Hannigan jedoch beachtet Neller kaum.

Nr. 3, Kah Chun Wong. Ein leidenschaftlicher Musikant und humorvoller Interpret aus Singapur, filigran in seinem Dirigat, detailversessen in der Durchdringung der Partitur. Widmanns wilden Marsch lässt er im Semifinale klingen »wie ein Oktoberfest nach fünf Bier«, sein Haydn tänzelt und fetzt und greift er ein, dann in charmantem deutsch-englisch: »The second Takt, very kurz bitte«. Im Finale wünscht er Dutilleux »bittersüß dunkelgraublau«, dann allerdings verliert er sich minutenlang mit Solistin Hannigan in der Besprechung der Partitur, bevor er erneut ansetzt. Zum Schluss gibt es Mahler, Wong wählt das schlüssigste Tempo und wirft sich in die Musik, alle Wettbewerbsspannung scheint mit einem Mal vergessen.


1. Preis Wong, 2. Preis Neller, 3. Preis Uryupin.

Das ist schlussendlich die Entscheidung der Jury. Mit Kah Chun Wong hat sie einen innigen Musikgestalter gekürt, einen akribischen Dirigenten und sympathischen Unterhalter. »Ich möchte einfach Musik machen. Diesen Klang bei Mahler – den werde ich mein Leben lang nicht vergessen.« Das sagte Wong, lange noch bevor er wusste, dass er ins Finale kommen und gewinnen würde. Man ahnt, dass die Entscheidung richtig war. Das Mysterium jedoch wurde auch in Bamberg nicht entschlüsselt. ¶

Eben dort hat nun zum fünften Mal The Mahler Competition stattgefunden, ein Dirigierwettbewerb, der auf Initiative von Mahlers Enkelin Marina Mahler alle drei Jahre von den Bamberger Symphonikern veranstaltet wird. 2004 wurde der Wettbewerb zum ersten Mal durchgeführt, der damalige Preisträger war 23 Jahre alt und hieß Gustavo Dudamel. Sein Name zieht talentierte Jungdirigenten bis heute in die kleine Stadt, außerdem treffen sie auf eine hochkarätig besetzte Jury, in der in diesem Jahr unter anderem Sir Neville Marriner, Barbara Hannigan und Jörg Widmann saßen. Knapp 400 Dirigenten aus 64 Nationen haben sich beworben, davon 87 Prozent Männer, 13 Prozent Frauen, insgesamt 14 Teilnehmer wurden eingeladen. Soweit die Fakten.

Eine Spurensuche in Bamberg, Rechercheort Konzerthalle, pünktlich zum Semifinale. Der gläserne Bau liegt nur wenige Minuten von der Altstadt entfernt direkt am Fluss, ein paar Meter weiter watscheln die Enten, auf dem Vorplatz parken die Orchestermusiker ihre Räder, dann geht es in die Probe. Die Stimmung: entspannt. Der Dresscode: Sommerkleid, Jeans, Turnschuhe. Im Inneren der Halle ist der Saal mittlerweile gut besetzt. Etliche Bamberger nutzen die Chance und sitzen in den Rängen, im Parkett, vor, neben und hinter der Bühne verteilt sich die Jury. Also kein geblocktes Jurypult samt finsterer Mimik im hinteren Halbdunkel. Zwar sind nurmehr fünf männliche Kandidaten übrig geblieben, die ausgeschiedenen jedoch sitzen allesamt in den Zuschauerreihen. Das ist kein Zufall, sondern Programm, sagt Marcus Rudolf Axt, Intendant der Bamberger Symphoniker und Jurymitglied. Selbst wenn ein Bewerber in der ersten Runde rausfliegt, kann er die ganze Woche bleiben; Kost und Logis übernehmen die Symphoniker. So folgt der Enttäuschung die Möglichkeit zu Einzelgesprächen mit den Jurymitgliedern, außerdem sind alle Teilnehmer im selben Hotel untergebracht und werden dort von Konkurrenten zur Schicksalsgemeinschaft. »Das ist fast mehr wie eine Masterclass hier«, sagt Kah Chun Wong, Semifinalist aus Singapur, »man bekommt viele Tipps und alle sind sehr freundlich. Das Beste aber ist das Orchester. Die Musiker unterstützen uns sehr.«

Mittlerweile sitzen die Bamberger Symphoniker auf der Bühne und spielen zum xten Mal in dieser Woche einen Teil des intelligent zusammengestellten Wettbewerbsprogramms. Darunter ist neben anderen der „Bayerisch-babylonische Marsch“ von Jörg Widmann, ein ironisches Orchesterwerk mit riesiger Bläserbesetzung, vertrackter Rhythmik, ordentlich Tschingderassabumm und ständigen Wechseln. Außerdem gibt es natürlich Mahler satt, Dirigentenmusik schlechthin mit fettem Orchestersound, weiten Bögen und viertelstündigen Steigerungen. Gerade steht Paolo Bortolameolli am Dirigentenpult, ein hyperagiler Chilene mit weichem Dirigat, der viel redet und sich nervös am 1. Satz von Haydns Symphonie Nr. 44 in e-Moll versucht. Der Einstieg mag nicht recht funktionieren, latent überspannt gerät das Tempo aus den Fugen. Die Musiker folgen derweil wach und ruhig den Ansagen des jungen Dirigenten, später werden sie der Jury ihre Sicht der Dinge mitteilen und eine der wichtigen Stimmen sein bei der Entscheidung über das Weiterrücken ins Finale. Mit Dirigenten, Solisten und Vertretern von Agenturen ist die Jury breit besetzt. Auch das ist Programm. »Jeder bringt seinen Blickwinkel mit, so dass sich im Endeffekt im Idealfall ein 360 Grad-Blick auf den jeweiligen Kandidaten ergibt«, sagt Axt. Abgestimmt wird nie, stattdessen wird solange diskutiert, bis klar ist, wer den Preis verdient. Wer das sein soll? »Jemand mit erkennbarem Talent, einer inneren Musikalität und einer profilierten Persönlichkeit«.

Und was hat es mit dem Mysterium des Dirigats auf sich: jene lautlose Bewegung mit gruppendynamischer Folgewirkung, basierend auf einem Gemisch aus Technik, Charisma und Musikalität, das so viel in Schwingung versetzen kann? Lässt sich das überhaupt bewerten, jenseits von Voodoo und persönlichen Geschmacksvorlieben?

Ein Blick auf die drei Finalteilnehmer:

Nr. 1, Valentin Uryupin. Ein hochgewachsener Russe, Typ selbstzerfleischender Intellektueller, der den Rücken beim Dirigieren leicht nach vorne beugt und selten lächelt. Den 6. Satz von Mahlers Symphonie Nr. 3 d-Moll inszeniert er im Semifinale mit demütiger Ernsthaftigkeit als tieftrauriges Kammerspiel; das Stück Zugabe von Georg Friedrich Haas als monströse Klimax. Im Finale jedoch scheitert er bei Mahlers 1. Satz, die Bögen gehen nicht auf, Uryupin zeigt Nerven, wirkt gefangen und fahrig. Ist das aussagekräftig, Schicksal oder Zufall? Man weiß es nicht.

Nr. 2, Sergey Neller. Ebenfalls Russe, deutlich selbstbewusster, je nach Blickwinkel ein schulmeisterhafter Poser oder ein überlegenes Genie. Im Gegensatz zu den anderen Finalisten dirigiert er konsequent ohne Noten, er hat jeden Takt im Kopf und den Laden voll im Griff, ist er mit dem Ergebnis zufrieden, stemmt er die Hand kokett in die Seite, schließt die Augen und wiegt den Kopf zur Musik. »Dieses crescendo bitte so spielen, als würdet ihr jemanden erwürgen« sagt er bei einem Stück aus den Correspondances von Henri Dutilleux und fasst sich an den Hals. Das Klangergebnis gerät überzeugend luftarm, die Solistin Barbara Hannigan jedoch beachtet Neller kaum.

Nr. 3, Kah Chun Wong. Ein leidenschaftlicher Musikant und humorvoller Interpret aus Singapur, filigran in seinem Dirigat, detailversessen in der Durchdringung der Partitur. Widmanns wilden Marsch lässt er im Semifinale klingen »wie ein Oktoberfest nach fünf Bier«, sein Haydn tänzelt und fetzt und greift er ein, dann in charmantem deutsch-englisch: »The second Takt, very kurz bitte«. Im Finale wünscht er Dutilleux »bittersüß dunkelgraublau«, dann allerdings verliert er sich minutenlang mit Solistin Hannigan in der Besprechung der Partitur, bevor er erneut ansetzt. Zum Schluss gibt es Mahler, Wong wählt das schlüssigste Tempo und wirft sich in die Musik, alle Wettbewerbsspannung scheint mit einem Mal vergessen.


1. Preis Wong, 2. Preis Neller, 3. Preis Uryupin.

Das ist schlussendlich die Entscheidung der Jury. Mit Kah Chun Wong hat sie einen innigen Musikgestalter gekürt, einen akribischen Dirigenten und sympathischen Unterhalter. »Ich möchte einfach Musik machen. Diesen Klang bei Mahler – den werde ich mein Leben lang nicht vergessen.« Das sagte Wong, lange noch bevor er wusste, dass er ins Finale kommen und gewinnen würde. Man ahnt, dass die Entscheidung richtig war. Das Mysterium jedoch wurde auch in Bamberg nicht entschlüsselt. ¶

Ein Blick auf die drei Finalteilnehmer:

Nr. 1, Valentin Uryupin. Ein hochgewachsener Russe, Typ selbstzerfleischender Intellektueller, der den Rücken beim Dirigieren leicht nach vorne beugt und selten lächelt. Den 6. Satz von Mahlers Symphonie Nr. 3 d-Moll inszeniert er im Semifinale mit demütiger Ernsthaftigkeit als tieftrauriges Kammerspiel; das Stück Zugabe von Georg Friedrich Haas als monströse Klimax. Im Finale jedoch scheitert er bei Mahlers 1. Satz, die Bögen gehen nicht auf, Uryupin zeigt Nerven, wirkt gefangen und fahrig. Ist das aussagekräftig, Schicksal oder Zufall? Man weiß es nicht.

Nr. 2, Sergey Neller. Ebenfalls Russe, deutlich selbstbewusster, je nach Blickwinkel ein schulmeisterhafter Poser oder ein überlegenes Genie. Im Gegensatz zu den anderen Finalisten dirigiert er konsequent ohne Noten, er hat jeden Takt im Kopf und den Laden voll im Griff, ist er mit dem Ergebnis zufrieden, stemmt er die Hand kokett in die Seite, schließt die Augen und wiegt den Kopf zur Musik. »Dieses crescendo bitte so spielen, als würdet ihr jemanden erwürgen« sagt er bei einem Stück aus den Correspondances von Henri Dutilleux und fasst sich an den Hals. Das Klangergebnis gerät überzeugend luftarm, die Solistin Barbara Hannigan jedoch beachtet Neller kaum.

Nr. 3, Kah Chun Wong. Ein leidenschaftlicher Musikant und humorvoller Interpret aus Singapur, filigran in seinem Dirigat, detailversessen in der Durchdringung der Partitur. Widmanns wilden Marsch lässt er im Semifinale klingen »wie ein Oktoberfest nach fünf Bier«, sein Haydn tänzelt und fetzt und greift er ein, dann in charmantem deutsch-englisch: »The second Takt, very kurz bitte«. Im Finale wünscht er Dutilleux »bittersüß dunkelgraublau«, dann allerdings verliert er sich minutenlang mit Solistin Hannigan in der Besprechung der Partitur, bevor er erneut ansetzt. Zum Schluss gibt es Mahler, Wong wählt das schlüssigste Tempo und wirft sich in die Musik, alle Wettbewerbsspannung scheint mit einem Mal vergessen.


1. Preis Wong, 2. Preis Neller, 3. Preis Uryupin.

Das ist schlussendlich die Entscheidung der Jury. Mit Kah Chun Wong hat sie einen innigen Musikgestalter gekürt, einen akribischen Dirigenten und sympathischen Unterhalter. »Ich möchte einfach Musik machen. Diesen Klang bei Mahler – den werde ich mein Leben lang nicht vergessen.« Das sagte Wong, lange noch bevor er wusste, dass er ins Finale kommen und gewinnen würde. Man ahnt, dass die Entscheidung richtig war. Das Mysterium jedoch wurde auch in Bamberg nicht entschlüsselt. ¶

In der Endrunde der Mahler Competition, dem Dirigierwettbewerb mit den Bamberger Symphonikern

Text Dorothea Walchshäusl · Fotos xyz · Datum 18.5.2016

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Eben dort hat nun zum fünften Mal The Mahler Competition stattgefunden, ein Dirigierwettbewerb, der auf Initiative von Mahlers Enkelin Marina Mahler alle drei Jahre von den Bamberger Symphonikern veranstaltet wird. 2004 wurde der Wettbewerb zum ersten Mal durchgeführt, der damalige Preisträger war 23 Jahre alt und hieß Gustavo Dudamel. Sein Name zieht talentierte Jungdirigenten bis heute in die kleine Stadt, außerdem treffen sie auf eine hochkarätig besetzte Jury, in der in diesem Jahr unter anderem Sir Neville Marriner, Barbara Hannigan und Jörg Widmann saßen. Knapp 400 Dirigenten aus 64 Nationen haben sich beworben, davon 87 Prozent Männer, 13 Prozent Frauen, insgesamt 14 Teilnehmer wurden eingeladen. Soweit die Fakten.

Eine Spurensuche in Bamberg, Rechercheort Konzerthalle, pünktlich zum Semifinale. Der gläserne Bau liegt nur wenige Minuten von der Altstadt entfernt direkt am Fluss, ein paar Meter weiter watscheln die Enten, auf dem Vorplatz parken die Orchestermusiker ihre Räder, dann geht es in die Probe. Die Stimmung: entspannt. Der Dresscode: Sommerkleid, Jeans, Turnschuhe. Im Inneren der Halle ist der Saal mittlerweile gut besetzt. Etliche Bamberger nutzen die Chance und sitzen in den Rängen, im Parkett, vor, neben und hinter der Bühne verteilt sich die Jury. Also kein geblocktes Jurypult samt finsterer Mimik im hinteren Halbdunkel. Zwar sind nurmehr fünf männliche Kandidaten übrig geblieben, die ausgeschiedenen jedoch sitzen allesamt in den Zuschauerreihen. Das ist kein Zufall, sondern Programm, sagt Marcus Rudolf Axt, Intendant der Bamberger Symphoniker und Jurymitglied. Selbst wenn ein Bewerber in der ersten Runde rausfliegt, kann er die ganze Woche bleiben; Kost und Logis übernehmen die Symphoniker. So folgt der Enttäuschung die Möglichkeit zu Einzelgesprächen mit den Jurymitgliedern, außerdem sind alle Teilnehmer im selben Hotel untergebracht und werden dort von Konkurrenten zur Schicksalsgemeinschaft. »Das ist fast mehr wie eine Masterclass hier«, sagt Kah Chun Wong, Semifinalist aus Singapur, »man bekommt viele Tipps und alle sind sehr freundlich. Das Beste aber ist das Orchester. Die Musiker unterstützen uns sehr.«

Mittlerweile sitzen die Bamberger Symphoniker auf der Bühne und spielen zum xten Mal in dieser Woche einen Teil des intelligent zusammengestellten Wettbewerbsprogramms. Darunter ist neben anderen der „Bayerisch-babylonische Marsch“ von Jörg Widmann, ein ironisches Orchesterwerk mit riesiger Bläserbesetzung, vertrackter Rhythmik, ordentlich Tschingderassabumm und ständigen Wechseln. Außerdem gibt es natürlich Mahler satt, Dirigentenmusik schlechthin mit fettem Orchestersound, weiten Bögen und viertelstündigen Steigerungen. Gerade steht Paolo Bortolameolli am Dirigentenpult, ein hyperagiler Chilene mit weichem Dirigat, der viel redet und sich nervös am 1. Satz von Haydns Symphonie Nr. 44 in e-Moll versucht. Der Einstieg mag nicht recht funktionieren, latent überspannt gerät das Tempo aus den Fugen. Die Musiker folgen derweil wach und ruhig den Ansagen des jungen Dirigenten, später werden sie der Jury ihre Sicht der Dinge mitteilen und eine der wichtigen Stimmen sein bei der Entscheidung über das Weiterrücken ins Finale. Mit Dirigenten, Solisten und Vertretern von Agenturen ist die Jury breit besetzt. Auch das ist Programm. »Jeder bringt seinen Blickwinkel mit, so dass sich im Endeffekt im Idealfall ein 360 Grad-Blick auf den jeweiligen Kandidaten ergibt«, sagt Axt. Abgestimmt wird nie, stattdessen wird solange diskutiert, bis klar ist, wer den Preis verdient. Wer das sein soll? »Jemand mit erkennbarem Talent, einer inneren Musikalität und einer profilierten Persönlichkeit«.

Und was hat es mit dem Mysterium des Dirigats auf sich: jene lautlose Bewegung mit gruppendynamischer Folgewirkung, basierend auf einem Gemisch aus Technik, Charisma und Musikalität, das so viel in Schwingung versetzen kann? Lässt sich das überhaupt bewerten, jenseits von Voodoo und persönlichen Geschmacksvorlieben?

Ein Blick auf die drei Finalteilnehmer:

Nr. 1, Valentin Uryupin. Ein hochgewachsener Russe, Typ selbstzerfleischender Intellektueller, der den Rücken beim Dirigieren leicht nach vorne beugt und selten lächelt. Den 6. Satz von Mahlers Symphonie Nr. 3 d-Moll inszeniert er im Semifinale mit demütiger Ernsthaftigkeit als tieftrauriges Kammerspiel; das Stück Zugabe von Georg Friedrich Haas als monströse Klimax. Im Finale jedoch scheitert er bei Mahlers 1. Satz, die Bögen gehen nicht auf, Uryupin zeigt Nerven, wirkt gefangen und fahrig. Ist das aussagekräftig, Schicksal oder Zufall? Man weiß es nicht.

Nr. 2, Sergey Neller. Ebenfalls Russe, deutlich selbstbewusster, je nach Blickwinkel ein schulmeisterhafter Poser oder ein überlegenes Genie. Im Gegensatz zu den anderen Finalisten dirigiert er konsequent ohne Noten, er hat jeden Takt im Kopf und den Laden voll im Griff, ist er mit dem Ergebnis zufrieden, stemmt er die Hand kokett in die Seite, schließt die Augen und wiegt den Kopf zur Musik. »Dieses crescendo bitte so spielen, als würdet ihr jemanden erwürgen« sagt er bei einem Stück aus den Correspondances von Henri Dutilleux und fasst sich an den Hals. Das Klangergebnis gerät überzeugend luftarm, die Solistin Barbara Hannigan jedoch beachtet Neller kaum.

Nr. 3, Kah Chun Wong. Ein leidenschaftlicher Musikant und humorvoller Interpret aus Singapur, filigran in seinem Dirigat, detailversessen in der Durchdringung der Partitur. Widmanns wilden Marsch lässt er im Semifinale klingen »wie ein Oktoberfest nach fünf Bier«, sein Haydn tänzelt und fetzt und greift er ein, dann in charmantem deutsch-englisch: »The second Takt, very kurz bitte«. Im Finale wünscht er Dutilleux »bittersüß dunkelgraublau«, dann allerdings verliert er sich minutenlang mit Solistin Hannigan in der Besprechung der Partitur, bevor er erneut ansetzt. Zum Schluss gibt es Mahler, Wong wählt das schlüssigste Tempo und wirft sich in die Musik, alle Wettbewerbsspannung scheint mit einem Mal vergessen.


1. Preis Wong, 2. Preis Neller, 3. Preis Uryupin.

Das ist schlussendlich die Entscheidung der Jury. Mit Kah Chun Wong hat sie einen innigen Musikgestalter gekürt, einen akribischen Dirigenten und sympathischen Unterhalter. »Ich möchte einfach Musik machen. Diesen Klang bei Mahler – den werde ich mein Leben lang nicht vergessen.« Das sagte Wong, lange noch bevor er wusste, dass er ins Finale kommen und gewinnen würde. Man ahnt, dass die Entscheidung richtig war. Das Mysterium jedoch wurde auch in Bamberg nicht entschlüsselt. ¶

Eben dort hat nun zum fünften Mal The Mahler Competition stattgefunden, ein Dirigierwettbewerb, der auf Initiative von Mahlers Enkelin Marina Mahler alle drei Jahre von den Bamberger Symphonikern veranstaltet wird. 2004 wurde der Wettbewerb zum ersten Mal durchgeführt, der damalige Preisträger war 23 Jahre alt und hieß Gustavo Dudamel. Sein Name zieht talentierte Jungdirigenten bis heute in die kleine Stadt, außerdem treffen sie auf eine hochkarätig besetzte Jury, in der in diesem Jahr unter anderem Sir Neville Marriner, Barbara Hannigan und Jörg Widmann saßen. Knapp 400 Dirigenten aus 64 Nationen haben sich beworben, davon 87 Prozent Männer, 13 Prozent Frauen, insgesamt 14 Teilnehmer wurden eingeladen. Soweit die Fakten.

Eine Spurensuche in Bamberg, Rechercheort Konzerthalle, pünktlich zum Semifinale. Der gläserne Bau liegt nur wenige Minuten von der Altstadt entfernt direkt am Fluss, ein paar Meter weiter watscheln die Enten, auf dem Vorplatz parken die Orchestermusiker ihre Räder, dann geht es in die Probe. Die Stimmung: entspannt. Der Dresscode: Sommerkleid, Jeans, Turnschuhe. Im Inneren der Halle ist der Saal mittlerweile gut besetzt. Etliche Bamberger nutzen die Chance und sitzen in den Rängen, im Parkett, vor, neben und hinter der Bühne verteilt sich die Jury. Also kein geblocktes Jurypult samt finsterer Mimik im hinteren Halbdunkel. Zwar sind nurmehr fünf männliche Kandidaten übrig geblieben, die ausgeschiedenen jedoch sitzen allesamt in den Zuschauerreihen. Das ist kein Zufall, sondern Programm, sagt Marcus Rudolf Axt, Intendant der Bamberger Symphoniker und Jurymitglied. Selbst wenn ein Bewerber in der ersten Runde rausfliegt, kann er die ganze Woche bleiben; Kost und Logis übernehmen die Symphoniker. So folgt der Enttäuschung die Möglichkeit zu Einzelgesprächen mit den Jurymitgliedern, außerdem sind alle Teilnehmer im selben Hotel untergebracht und werden dort von Konkurrenten zur Schicksalsgemeinschaft. »Das ist fast mehr wie eine Masterclass hier«, sagt Kah Chun Wong, Semifinalist aus Singapur, »man bekommt viele Tipps und alle sind sehr freundlich. Das Beste aber ist das Orchester. Die Musiker unterstützen uns sehr.«

Mittlerweile sitzen die Bamberger Symphoniker auf der Bühne und spielen zum x-ten Mal in dieser Woche einen Teil des intelligent zusammengestellten Wettbewerbsprogramms. Darunter ist neben anderen der „Bayerisch-babylonische Marsch“ von Jörg Widmann, ein ironisches Orchesterwerk mit riesiger Bläserbesetzung, vertrackter Rhythmik, ordentlich Tschingderassabumm und ständigen Wechseln. Außerdem gibt es natürlich Mahler satt, Dirigentenmusik schlechthin mit fettem Orchestersound, weiten Bögen und viertelstündigen Steigerungen. Gerade steht Paolo Bortolameolli am Dirigentenpult, ein hyperagiler Chilene mit weichem Dirigat, der viel redet und sich nervös am 1. Satz von Haydns Symphonie Nr. 44 in e-Moll versucht. Der Einstieg mag nicht recht funktionieren, latent überspannt gerät das Tempo aus den Fugen. Die Musiker folgen derweil wach und ruhig den Ansagen des jungen Dirigenten, später werden sie der Jury ihre Sicht der Dinge mitteilen und eine der wichtigen Stimmen sein bei der Entscheidung über das Weiterrücken ins Finale. Mit Dirigenten, Solisten und Vertretern von Agenturen ist die Jury breit besetzt. Auch das ist Programm. »Jeder bringt seinen Blickwinkel mit, so dass sich im Endeffekt im Idealfall ein 360 Grad-Blick auf den jeweiligen Kandidaten ergibt«, sagt Axt. Abgestimmt wird nie, stattdessen wird solange diskutiert, bis klar ist, wer den Preis verdient. Wer das sein soll? »Jemand mit erkennbarem Talent, einer inneren Musikalität und einer profilierten Persönlichkeit«.

Und was hat es mit dem Mysterium des Dirigats auf sich: jene lautlose Bewegung mit gruppendynamischer Folgewirkung, basierend auf einem Gemisch aus Technik, Charisma und Musikalität, das so viel in Schwingung versetzen kann? Lässt sich das überhaupt bewerten, jenseits von Voodoo und persönlichen Geschmacksvorlieben?