Im Mai 2012 hat Rafael Rennicke mit Hans Werner Henze ein Interview geführt – eines der letzten, die der Komponist vor seinem Tod im Oktober desselben Jahres gegeben hat. Darin äußerte sich der geistig noch immer hellwache Henze, der einst erklärter Atheist, engagierter Marxist und Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens war, erstmals explizit zu Fragen des Glaubens und zur religiösen Ausrichtung seiner Musik – wenn auch bisweilen lakonisch und enigmatisch.
VAN: Herr Henze, vom Bach-Archiv Leipzig haben Sie den Auftrag bekommen, zum Achthundert-Jahr-Jubiläum des Thomanerchors eine Festmusik für den Pfingstgottesdienst zu schreiben.
Hans Werner Henze: Der allererste Anstoß, überhaupt so etwas zu machen für die Thomaskirche, kam von Kurt Masur. Den besuchte ich vor langer Zeit, als er noch Chefdirigent des Gewandhausorchesters hier war. Er zeigte mir die Thomaskirche und sagte, er hoffe, eines Tages etwas Geschriebenes von mir vorzufinden.

