Ich habe es tatsächlich getan. Alle Kantaten Johann Sebastian Bachs gehört. Von Mitte Oktober bis Ende Mai waren Kopfhörer mein wichtigstes Arbeitsgerät, der direkte Draht zum Kosmos dieser wunderlich bodenständigen, brillant gebauten, vor Einfällen und kühner Klangrede schier berstenden, nicht selten auch irritierenden, ja verstörenden Vokalmusik. Das meiste in großer Eile aufs Papier geworfen, beinahe ohne Korrekturen, als sei alles wie von selbst aus dem Kopf durch den Arm in die federführende Hand geflossen. Woche für Woche, Tag für Tag, Satz für Satz. Rund zweihundert Partituren sind überliefert, teils unvollständig oder in nicht durchweg verlässlichen Abschriften, das Gros für den Gebrauch im Gottesdienst. Die Forschung geht heute davon aus, dass Bach deutlich mehr geschrieben hat: Von bis zu dreihundert Kantaten ist die Rede, etwa ein Drittel des gesamten Outputs wäre also verloren. Für einen Streber, der sich einmal im Leben diesem Korpus systematisch auszusetzen gedenkt, bleibt da immer noch eine Menge Holz.


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schreibt seit den frühen 1990ern über Musik und anverwandte Themen. Als Schüler schlug er sich mit Latein und Altgriechisch herum, sonntags saß er auf der Orgelbank. Seine arg limitierten Tastenkünste mutet er heute nur noch sich selber zu. Drei Jahre lebte er in den USA, zwei Jahre in England. An der Freien Universität Berlin und State University of New York at Buffalo studierte er Germanistik, Anglistik, Amerikanistik und Philosophie. Von 1993 bis 2004 war er der für Musik, Medien und Kunst...