Konstante und Variable – ein Theater- und Opernhaus-Roadtrip von Berlin nach Wien.Teil  2: Theater Freiburg, Schauspielhaus Zürich, Staatstheater Stuttgart.

Text · Datum 19.7.2017

Es ist warm, die Sonne scheint und der Urlaub steht vor der Tür. Spanien ruft, Frankreich klopft an und in Italien ist es sowieso immer schön. Doch weil der Sprit dieses Jahr nicht bis ins Geburtsland der Oper reicht, klappern wir beim VAN’schen Sommer-Roadtrip einfach die Häuser im eigenen Lande ab.

Um vorher schon zu wissen, was läuft, checken wir in den nächsten drei Wochen gemeinsam mit der Berliner Kommunikationsdesignerin von Binger Laucke Siebein die Gestaltung neun aktueller Theater- und Opernhaus-Magazine. Wir sind gespannt, ob die Layouts genau so heiß wie die Motor-Temperatur unseres luftgekühlten Bullis sind …

Des leichten Reisegepäcks wegen haben wir die Magazine virtuell auf dem iPad durchgeblättert – so wie ihr es auch tun könnt: Den jeweiligen Link liefern wir für jedes Exemplar mit.

In dieser Woche: Die »Rhein-Neckar-Strecke« Freiburg – Zürich – Stuttgart. Gute Fahrt!

EröffnungsmagazinTheater Freiburg

Gestaltung: Velvet
Gestaltung: Velvet

Alle Vorurteile, die man als Berlinerin der Provinz gegenüber haben mag, werden revidiert, schön. Das ist bisher das ansprechendste Cover. Das Bild zeigt ein kleines Mädchen mit rot angemaltem Gesicht und Melonenhelm in einem Strohfeld. Trübe Stimmung – super spannend: ein künstlerisches Bild. Ich kann es zwar noch nicht richtig einordnen, aber es macht mich sehr neugierig. Im weißen Rahmen um das Bild steht der Name des Theaters – sehr klein gesetzt und noch nicht mal als Logo repräsentiert. So viel Understatement ist toll. Obwohl das Magazin aus der Saison 13/14 ist, sieht es aus wie von Übermorgen. Wenn eine Gestaltung auch über drei, vier Jahre Bestand haben kann, hat man alles richtig gemacht.

Die Schrift ist eine Symbiose aus einer zackigen Serifenschrift und einer serifenlosen Schrift, deren Einzelteile gut ineinander verzeichnet sind. Dadurch wirkt sie nicht irritierend, störend oder zu üppig. Ich bin sehr gespannt, wie sich das im weiteren Verlauf des Heftes entwickelt und vermute stark, dass hier ein Gestalter in Grenznähe zur Schweiz am Werk war.

Im Layout passiert sehr viel, es gibt Reibung, die Spannung erzeugt. Das passt sehr gut zur Kunstform Theater. Die Seiten haben verschiedene Kontraste: Mal sitzt ein Titel ganz groß und andere Elemente werden eher wie Fußnoten gesetzt und mal ist ein Mittelsatz sehr dicht an einen linksbündigen Satz heran gesetzt. So was »macht man eigentlich nicht«, aber genau darin liegt die Kraft. Alles ist gut kontrolliert und funktioniert deswegen. Wenn man die Konventionen, die man beherrscht, brechen kann, wird Gestaltung immer spannend.

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Die kraftvolle Typografie zieht sich durchs gesamte Heft, und obwohl die verwendeten Elemente immer die gleichen sind, langweilen sie durch den feingetunten Einsatz auch in der Wiederholung überhaupt nicht.

Auch über das Bildkonzept hat man sich hier Gedanken gemacht. Man zeigt keine aufführenden Schauspieler, sondern höchstens Teile der Person. Viele Bilder finden auch gar nicht im Kontext des Hauses oder der Bühne statt. Da wurde weitergedacht an der Frage, was ein Stück alles bedeuten kann.

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Oft hat man die Idee, dass man für die ältere und konservativere Zielgruppe alles im Lot behalten muss und bloß nicht zu viele Experimente zulassen darf. Hier ist das Experiment gelungen und jeder kann es verstehen – vom Schüler bis zum Rentner.

Ein Blick ins Impressum verrät übrigens, dass die Gestalter – wie anfangs vermutet – wirklich aus der Schweiz kommen …

Journal #10 Schauspielhaus Zürich

Gestaltung: Studio Geisbühler / Selina Lang
Gestaltung: Studio Geisbühler / Selina Lang

Da muss ich ein wenig schmunzeln: Das Cover hätte ich eher aus Freiburg erwartet … Es gibt es ja den Begriff Publikumsmagazin«, und irgendwie trifft es das hier auf eine komische Art und Weise. Das Cover zeigt eine schwer lesbare Illustration auf petrol-blauem Hintergrund. Im weiteren Verlauf des Heftes findet man noch weitere Illustrationen im gleichen Stil: Einfache Linienzeichnungen, die immer eine körperliche, fast sexuelle Doppeldeutigkeit haben. Da die sich durch so viele Artikel durchziehen, kann ich gar nicht deuten, ob es reine Bebilderung der Stücke ist oder vielleicht ein übergreifendes Spielzeit-Thema.

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Die Fotografien im Heft sind gut: schöne Reportage-artige Probenfotos und manchmal auch einfache Schnappschüsse, die das Zusammentreffen verschiedener Leuten dokumentieren. Insgesamt ist aber keine klare Linie zu erkennen – auch nicht redaktionell. Das finde ich schade.

Die serifenlose Schrift im linksbündigen Satz ist gute Schweizer Schule – dagegen kann man erstmal nichts sagen. Eigentlich ist es aber noch trockener und weniger empathisch als das Kölner Magazin. Die Dramaturgie fehlt und irgendwie stimmt auch der Ablauf nicht. Man versucht in Magazinen ja, den Leser gut zu unterhalten: Mal muss eine große Bildstrecke aufgebaut werden, dann kommt wieder was textlastiges und dann schmeißt man kleine Kolumnen durcheinander. Hier zerfranst aber alles in seine Einzelteile. Seite für Seite hat man versucht, den Standard der Magazingestaltung zu adaptieren – was aber fehlt, ist der entsprechende Zusammenhalt. Magazingestaltung ist auch immer ein Spiel zwischen Konstanten und Variablen. Das muss sich irgendwie gut ausgleichen, damit es zu einem spannenden Ding wird. Technisch ist das alles wunderbar und auch gut leserlich, keine Frage.

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Man preist ja immer die Schweizer und die niederländische Gestaltung so hoch an. An sich bin ich damit voll d’accord, aber gerade im Internetzeitalter hat sich auch in diesem Bereich alles globalisiert und vermischt. Da holen auch andere Länder wie zum Beispiel Frankreich oder Polen ganz gut auf.

Reihe 5Die Staatstheater Stuttgart

Gestaltung Anja Haas / Inga Albers
Gestaltung Anja Haas / Inga Albers

Super – das Cover passt gut zur Stadt. Stuttgart will hier Stuttgart sein und schielt nicht nach London oder sonst wohin. Das ist toll und gut gemacht. Das Bild ist sehr absurd und passt zur »hübschen« Schrift, die mit dem Motiv etwas bricht. Im Gegensatz zu allen bisherigen Heften, hat man sich hier ein Thema ausgesucht: »Ein Heft für Menschen unter 20«. Diese Sprache spricht es auch im Innenteil und hat durchaus Potenzial für ein Jugendmagazin.

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Beim Durchblättern fällt auf, dass es leider etwas Kurzatmiges hat. Nach den großen Aufmacher-Seiten erwartet man im Duktus mit den vollen Farbflächen und Bildern eigentlich noch fünf weitere Seiten im gleichen Stil. Stattdessen geht es direkt in den Lesefluss und man verzettelt sich ein wenig: Hier noch eine Box, da noch eine Box und so weiter. Eigentlich sind das ja klassische Magazin-Elemente, aber in den letzten zehn Jahren ist einfach viel passiert: Man kann durchaus freier damit umgehen. Für mich hat das ganz oft was von Informationsüberforderung. Zu viele hervorgehobene Komponenten verkünsteln das Ganze etwas.

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Scheinbar hatte man auch die Idee, jeden Autor mit Bild auf den Doppelseiten darzustellen. Leider stehen die Autorenbilder zu stark in Konkurrenz zu den anderen Bildern oder Illustrationen. Das wäre im Impressum besser aufgehoben gewesen.

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Zusammenfassend hat mich das Coverbild sehr neugierig gemacht und der Luftballon hätte ruhig noch etwas größer sein können. Die Sprache des »Jugendmagazins« konnte sich im Verlauf des Heftes übrigens leider nicht halten. ¶

Johanna Siebein

… ist Partnerin von Binger Laucke Siebein. Die Agentur steht für progressive und nonkonformistische Konzepte, für Kommunikation und Gestaltung: aufrichtig, mutig und intelligent. Binger Laucke Siebein, ehemals Studio Laucke Siebein, arbeitet international an den Standorten in Berlin und Amsterdam und ist auf kreative Strategien, unkonventionelle Konzepte, Markenentwicklung und dynamische Identitäten für Kultur- und Wirtschaftskunden spezialisiert. Dabei kombinieren sie einen strategisch konzeptionellen Ansatz mit qualitativ hochwertigem Design und betrachten Projekte sowohl aus werblicher als auch aus gestalterischer Sicht.

Zum ersten Teil:Die »Ost-West-Achse« Berlin – Gelsenkirchen – Köln.

IN DER NÄCHSTEN AUSGABE VON VAN: »Der wilde Süden« Nürnberg – München – Wien

Alex Ketzer

... arbeitet als freier Art-Direktor und Grafik-Designer in Köln. Er kuratiert Ton, Text und Bild für verschiedene Labels und Projekte und gibt Workshops im Spannungsfeld von klassischer Typografie, experimentellem Design und interaktivem Sound. Bei VAN kümmert er sich um Pixel, Codes und Kreatives.