Eine Spielzeitheft-Analyse in vier Akten,Teil 1: Köln vs. Düsseldorf

Text und Fotos · Datum 24.5.2017

Von den Dächern schreien sie »Print is Dead!«, doch so lange im Keller die Druckmaschinen rattern und der VAN-Briefkasten einmal im Jahr voller großer und dicker Umschläge fast überquillt, sollen sie doch schreien, was sie wollen …Es ist »Spielzeitheft-Saison«, und gemeinsam mit dem Kölner Designer schauen wir uns in den nächsten vier Wochen insgesamt neun Hefte von Opern-, Theater- und Konzerthäusern sowie Orchestern an. Wir sind gespannt, ob die Farbe überall an der richtigen Stelle auf dem Papier ist und beginnen mit dem Klassiker aller Lokalderbys: Köln gegen Düsseldorf.

Oper Köln

Als Kölner kennt man natürlich das Erscheinungsbild der Oper von diversen Plakaten und Publikationen. Mir gefällt es ziemlich gut. Vor allem, weil die Gestaltung sehr auf Farbe und Form reduziert ist, stellenweise ganz ohne Fotos auskommt und trotzdem prägnant das Erscheinungsbild weiterträgt. Das sorgt für einen hohen Wiedererkennungswert. Außerdem verwenden sie dort eine Schrift, die ungewöhnlich im musikalischen Bereich ist. Beim ersten Eindruck kann es etwas brachial wirken – im Zusammenspiel mit der Antiqua, die im Innenteil Verwendung findet, entsteht jedoch insgesamt ein sehr feines Schriftbild.

Jetzt twittern: Köln liegt gegen Düsseldorf leicht vorne: bei der VAN-Stilkritik der Opernprogramme.

Durch das extreme Hochformat fällt das Heft ein wenig aus der Reihe und wird zum Hingucker. Dadurch leidet allerdings auch das Aufklappverhalten etwas. Das merkt man vor allem bei Bildern, die über den Bund gehen und natürlich auch in der Mitte betrachtet werden wollen.

Die Dramaturgie und die Bildwelt finde ich durchaus gelungen. Es fängt mit einer Fotoreportage über den handwerklichen Betrieb hinter den Kulissen an und geht dann über in Aufführungsbilder, die eher einen dokumentarischen Charakter haben. Dadurch wird ein sehr rundes Bild des Opern-Geschehens vermittelt.

Für die einzelnen Programmpunkte wie Premieren oder Wiederaufnahmen werden nur wenige Elemente verwendet, mit denen aber variantenreich umgegangen wird. Schön finde ich hier, dass die Headlines nicht zwingend die gleiche Schriftgröße haben, sondern ein wenig variieren: Zum Beispiel mit einem groß gesetzten Zitat zwischendurch, wo die gewählte Antiqua – mit den fast schon musikalischen Ligaturen – noch mal ihren ganz besonderen Charakter entfalten kann.

Ein sehr schönes Element sind auch die Kapiteltrenner, die mit den Farbflächen den Titel aufgreifen. Das erinnert mich an abstrakte Theaterlandschaften. Auch die Typografie ist hier wieder sehr fein eingesetzt und wird von einem angedeuteten Vorhang manchmal vor und manchmal hinter den Buchstaben verdeckt. Diese »Hard-Edge-Formen-Optik« mit den knalligen aber dennoch nicht überdrehten Farben mag ich sehr.

Insgesamt ein sehr gelungenes Heft, das ich gerne durchblättere – auch in dieser Dicke, die man bei Spielzeitheften ja irgendwie auch erwartet.

Deutsche Oper am Rhein, Düsseldorf

Im Vergleich zur Kölner Oper kommt das Spielzeitheft aus Düsseldorf auf den ersten Blick etwas wertiger daher. Das liegt sicherlich an dem Kunstmotiv auf dem Titel, auch an der Klappenbroschur, die an Kunstkataloge erinnert. Das Motiv hat allerdings eine gewisse Willkürlichkeit. Das gefällt mir nicht so gut. Ich erkenne auch nicht sofort den Zusammenhang zwischen dem gewählten Motiv und der Oper am Rhein beziehungsweise den Stücken, die dort gespielt werden. Die rein abstrakte Malerei wirkt in diesem Zusammenhang doch sehr dekorativ.

Beim Aufklappen des Heftes macht das Layout auf den ersten Blick einen sehr klassischen Eindruck – aber auch einen konservativen. Da hilft auch die dazwischen gestreute Groteskschrift nicht. Alles wird irgendwie von einer Haltung dominiert, die sagt: »Wir sind ein Haus, das Bedürfnisse erfüllt, die ein etwas seriöseres Publikum befriedigt bekommen möchte«. Von Innovation oder Neuinterpretation ist auf den ersten Blick nicht viel zu sehen. Das spiegelt sich auch in der Bildwelt wieder, die fast schon an Geschäftsberichte erinnert. Man will mit aller Vehemenz eine gewisse Seriosität ausstrahlen und sieht sich einem Publikum gegenüber, das genau diese zu fordern scheint. So stellt man sich dann eben dar.

Bei manchen Seitenkombinationen fragt man sich auch, ob das wirklich sein muss: Muss zum Beispiel direkt neben dem Grußwort eine Anzeige stehen? Hätte man die nicht vielleicht etwas feinsinniger platzieren können?

Die Interpretationen der einzelnen Stücke durch die Fotos finde ich teilweise recht gelungen. Vielleicht nicht unbedingt bei Gullivers Reise – aber bei der Götterdämmerung sehe ich schon eine Spannung zwischen Text und Bild, die mir gefällt und die ich nachvollziehen kann.

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Allerdings wirkt alles sehr distanziert: Man hat nie das Gefühl, bei der Oper am Rhein zu sein – man könnte überall sein. Wie auf dem Titel fühlt es sich auch hier nur wie Dekoration an: Wie dekoriere ich den Text und wie stelle ich den Text im Bild dar, ohne zu sehr dokumentarisch oder erzählend zu sein. Dadurch wird es teilweise sehr platt – zum Beispiel bei Wozzeck. Da ist ein deutlicher Unterschied zu dem Spielzeitheft aus Köln, wo die Bilder einen stark erzählenden Charakter haben.

Beim Durchblättern wirkt alles sehr gleichförmig: Die Bilder – vor allem im späteren Verlauf des Heftes – sind in ein strenges Seitenraster gepresst, haben immer die gleiche Spaltenbreite und stehen zudem noch an der gleichen Stelle auf der Seite. Eine Heftdramaturgie ist kaum erkennbar.

So ein Spielzeitheft soll dem Leser ja schnell einen Überblick über alle Aufführungen der Spielzeit geben. Ist da eine gewisse Systematik in der Gestaltung nicht wichtig und nützlich? Oder anders gefragt: Wie bekommt man diese Systematik in die Gestaltung, ohne den Anspruch zu senken oder zu langweilen?

Grundsätzlich glaube ich, dass eine gewisse Systematik notwendig ist. Ob sich die dann aber im Gleichklang der Seiten erschöpfen muss, stelle ich in Frage. Ich sehe auch einen Unterschied zwischen einem Wochen- oder Monatsprogramm, die für mich eher informativen Charakter haben, und einem Spielzeitheft. Bei Letzterem soll der Leser ja eigentlich den Grund dafür erahnen, warum er diese oder jene Aufführung unbedingt besuchen ›muss‹. Die Inhalte sollen Lust auf einen Besuch des Hauses machen. Ich glaube weniger, dass diese Hefte nur im Schrank stehen und als Nachschlagewerk genutzt werden.

Systematik ist wichtig. Ebenso gewisse Gestaltungselemente, die die Orientierung erleichtern. Aber in Langeweile muss es deswegen nicht ausarten.

Im direkten Vergleich fallen die verschiedenen Papierqualitäten noch auf: Köln setzt auf ein schönes Naturpapier und Düsseldorf geht mit einem gestrichenen und glatten Papier ins Rennen.

Im Vergleich zum Kölner Heft, das mit dem Naturpapier einen gewisse Haptik erzeugt, finde ich das Papier der Düsseldorfer etwas gewöhnlich. Auf Naturpapier bekommen vor allem Bilder eine gewisse Lebendigkeit. Das geht auf glatterem Papier ein wenig unter.

Zum einen kommt das auf den Zweck an, aber es ist natürlich auch Geschmacksache. Für mich hat das mit Distanz zu tun: Ich habe das Gefühl, dass man bei Naturpapier dem Inhalt irgendwie einen Schritt näher ist. Glatt gestrichenes Papier wirkt manchmal wie ein schicker Anzug, der eine gewisse Reserviertheit zum Ausdruck bringt. Dann wirken auch Bilder entsprechend zurückhaltend und drücken eine gewisse Distanz aus.¶

Foto Uta Wagner

Foto Uta Wagner

Stefan Kaulbersch

… gründete vor mehr als 20 Jahren zusammen mit Mark Maier in Köln die Agentur ENORM. Seit seinem Studium an der Akademie für Bildende Künste in Stuttgart arbeitet er bis heute mit Vorliebe in den Themenfeldern, in denen Kunst und Design spannungsvoll zusammentreffen.

Alex Ketzer

... arbeitet als freier Art-Direktor und Grafik-Designer in Köln. Er kuratiert Ton, Text und Bild für verschiedene Labels und Projekte und gibt Workshops im Spannungsfeld von klassischer Typografie, experimentellem Design und interaktivem Sound. Bei VAN kümmert er sich um Pixel, Codes und Kreatives.