Eine Spielzeitheft-Analyse in vier Akten, Teil 4: Gewandhausorchester vs. Elbphilharmonie

Text und Fotos · Datum 14.6.2017

Von den Dächern schreien sie »Print is Dead!«, doch so lange im Keller die Druckmaschinen rattern und der VAN-Briefkasten einmal im Jahr voller großer und dicker Umschläge fast überquillt, sollen sie doch schreien, was sie wollen …Es ist »Spielzeitheft-Saison«, und gemeinsam mit dem Kölner Designer schauen wir uns in den nächsten vier Wochen insgesamt neun Hefte von Opern-, Theater- und Konzerthäusern sowie Orchestern an. Wir sind gespannt, ob die Farbe überall an der richtigen Stelle auf dem Papier ist. Nach dem Lokalderby Köln gegen Düsseldorf in Folge 1, dem Alpenderby München gegen Zürich in Folge 2 und dem Orchester-Triell in Folge 3 steht in der vierten und finalen Folge das Konzerthaus-Duell auf dem Programm: Gewandhausorchester gegen Elbphilharmonie.

Gewandhausorchester Leipzig, Jubiläumssaison 2017/18

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Das gefällt mir auf den ersten Blick nicht; spricht mich überhaupt nicht an. Was wohl diese runden Formen sollen? Den Relaunch des Logos vor ein paar Jahren habe ich verfolgt: Die Idee, etwas Klassisches in die Jetztzeit zu bringen, finde ich auch gelungen. Bei dem Spielzeitheft ist das Logo auf dem unruhigen Hintergrund nicht optimal platziert, harmoniert nicht mit den anderen textlichen Angaben des Titels. Ich sehe auch keine Musikalität dahinter.

Auf der ersten Seite direkt eine Logo-Seite – weniger attraktiv. Die Vorworte möchte man überhaupt nicht lesen, weil sie in einer absoluten »Winzschrift« gesetzt sind. Da macht das Lesen überhaupt keine Lust. Ich frage mich immer, warum man so lange Grußworte drin haben möchte, wenn man sie so präsentiert, dass sie eh’ keiner liest. Dann kann man auch einfach drauf verzichten.

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Die Gestaltung des Innenteils baut auf eingefärbte Seiten mit voneinander abgesetzen Artikeln und Einträgen. Das finde ich erstmal ganz gut – auch dass die Schrift nun wieder etwas größer ist. Die ist zwar sehr klassisch gesetzt aber klar als Leseschrift erkennbar. Die aus dem Satzspiegel herausgehobenen Zitate und die bis an den Rand gehenden Bilder haben etwas magazinartiges, was ich in diesem Format erstmal gar nicht erwarte. Das ist gut.

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Was ich gar nicht nachvollziehen kann, sind die komplett mit Bildern hinterlegten Textseiten zwischendurch. Die kann und möchte man nicht lesen. Das finde ich nicht besonders geglückt.

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Ansonsten habe ich das Gefühl, dass man sich dem Thema Headlinegestaltung, Auszeichnung von Inhalten, Paginierung und so weiter ziemlich bieder und nicht sehr durchdacht gewidmet hat. Insgesamt macht es überhaupt keinen Spaß auch nur einen Text zu lesen. Das ist mir alles zu gewollt, zu überdreht und mit zu vielen Effekten versehen. Dadurch kommt der Inhalt dem Betrachter überhaupt nicht entgegen.

Wir brauchen auch gar nicht groß weitermachen – das ist insgesamt leider extrem missglückt. Ich bin ja wirklich gegen Kollegenschelte, aber das ist kein gutes Beispiel für unsere Zunft.

Elbphilharmonie Hamburg, Saison 2017/18

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Man hat ja den Werdegang der Elbphilharmonie diverse Monate lang verfolgen können. Als ich das finale Erscheinungsbild gesehen habe, war ich sehr froh. Ich finde es – zumindest im Einsatz bei diesem Heft oder den Plakaten – sehr geglückt. Das Logo zeigt sehr gut das Bauwerk in Wassernähe und übersetzt das Wasser als Modulationen. Dadurch bekommt es eine klare musikalische Note. Ich hole deshalb so stark aus, weil das Cover nur auf das Logo baut – sonst gibt es keinen weiteren Informationsgehalt. Das ist sehr mutig, da man nicht davon ausgehen kann, dass alle Empfänger dieses Heftes direkt wissen, dass sich die Elbphilharmonie dahinter verbirgt. Von daher erst mal »Hut ab« vor dem Gestalter beziehungsweise dem Herausgeber – das muss man erst mal vertreten.

Gut finde ich, dass man die silberfarbene Prägung mit einfacher Buchbinderpappe mischt und so einen Material-Kontrast schafft. So denkt man im Grafik-Design die Architektur weiter, die feinere Materialien mit dem Klinker der Stapelhaus-Architektur kombiniert hat.  

Beim Aufklappen fällt die Schweizer Broschur auf, für die man bewusst auf die Leinenummantelung des Buchrückens verzichtet hat. Das finde ich gut, weil es die Einfachheit des Titels weiterdenkt. Was mir hier leider gar nicht gefällt, ist das Zusammenspiel der Blau-Töne, die meiner Meinung nach nicht so richtig passen wollen. Den einzigen Nachteil, den ich bei dem neuen Erscheinungsbild sehe, ist die Vermischung von Logo und Bildern beziehungsweise die Abbildung einzelner Teile des Logos. Es wird schon relativ früh am Anfang mit dem Logo gespielt, wodurch das Erscheinungsbild ein Stück weit verwässert wird. Das mag ich hier nicht so gerne.

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Das Ganze ist ja so ein renommiertes Projekt – da sind schon genügend Fotografen vorbeigelaufen und haben spektakuläre Bilder gemacht, auf die ich als Gestalter natürlich zurückgreifen kann. Das fällt schon bei der ersten Bild-Doppelseite positiv auf. In der Typografie findet man eine gelungene Lebendigkeit mit Texten, die so gestaltet sind, dass man sie auch gerne liest. Das sind schöne und erzählerische Seiten, die die Atmosphäre im Haus näher bringen und auch ein Stück weit die Geschichte erzählen. Die großzügig wirkenden Querformat-Seiten nehmen die Spalten gut auf und sorgen dafür, dass man da Text reinsetzen kann, den man auch gerne lesen möchte.

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Es gibt aber auch Elemente, da frage ich mich, ob das sein muss: Wenn zum Beispiel deutliche Teile des Logos zu nah den Text rangesetzt werden. Das erscheint dann durch die enge Verbindung fast schon wie eine Art »B-Logo«. Und teilweise sind mir die Kapiteltrennerseiten etwas zu reisserisch im Vergleich zur doch eleganten Fotografie vom Anfang. Da ist mir auch die Typo etwas zu groß und die wollen etwas zu laut sein.

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Aber insgesamt liegt hier ein Buch vor, das man gerne durchblättert – auch ein zweites oder drittes mal. Nicht, weil man etwas sucht, sondern weil einem die Aufmachung und die Bilder gefallen. Fast so wie bei einem Coffee-Table-Buch. ¶

Foto Uta Wagner

Foto Uta Wagner

Stefan Kaulbersch

… gründete vor mehr als 20 Jahren zusammen mit Mark Maier in Köln die Agentur ENORM. Seit seinem Studium an der Akademie für Bildende Künste in Stuttgart arbeitet er bis heute mit Vorliebe in den Themenfeldern, in denen Kunst und Design spannungsvoll zusammentreffen.

Alex Ketzer

... arbeitet als freier Art-Direktor und Grafik-Designer in Köln. Er kuratiert Ton, Text und Bild für verschiedene Labels und Projekte und gibt Workshops im Spannungsfeld von klassischer Typografie, experimentellem Design und interaktivem Sound. Bei VAN kümmert er sich um Pixel, Codes und Kreatives.