Wie die Klassik-Community in den USA auf die Wahl reagiert hat.

Text · Datum 23.11.2016

»Ich sitze vielleicht nicht so gerne in der Oper«, schrieb Donald Trump mit der Hilfe seiner Ghostwriterin Meredith Miver in seinem Buch How to Get Rich von 2004. »Aber Opernsänger habe ich immer respektiert, und mir gefallen die Highlights aus der Oper.« Eine Ikone unter diesen Highlights benutzte Trump auf seiner diesjährigen Kampagnentour: Luciano Pavarottis Aufnahme von Nessun Dorma aus Turandot.

»Die Werte der Brüderlichkeit und Solidarität, denen Luciano Pavarotti in seiner gesamten künstlerischen Laufbahn Ausdruck verliehen hat, sind vollkommen inkompatibel mit der Weltsicht des Kandidaten Donald Trump.« Das schrieb Nicoletta Mantovani Pavarotti, nachdem sie erfahren hatte, dass dieser Kandidat die legendäre Aufnahme ihres verstorbenen Ehemannes dazu einsetzte, die Fans zu unterhalten, während sie seinem Privatjet beim Landeanflug Richtung Versammlungsort zusahen. Drei der Töchter des Sängers unterzeichneten diesen Brief.

Der gewählte amerikanische Präsident hat keine besondere Affinität für Konzertmusik gezeigt. Die Geduld und Kontemplation, die es braucht, um einem Stück in voller Länge tief zuzuhören, passt schon einmal nicht zu seiner Art der Rhetorik – die ist simpel, gradeheraus, knapp, meistens mit ein paar Ausrufezeichen. Trotzdem fügte sich Nessun Dorma mit seinem bombastischen und triumphierenden Schluss perfekt in die von Traump fantasierte Story, die am neunten November in den frühen Morgenstunden ein Stück realer wurde: »Die Nacht entweiche, jeder Stern erbleiche! Jeder Stern erbleiche, damit der Tag ersteh’ und mit ihm mein Sieg!«.

Turandot ist eines der altmodischsten Requisitenstücke überhaupt, die orientalistische Fantasie eines Eroberers, vorgetragen in funkelndem Belcanto. Am Schluss wird eine starke Frau mit einem gewaltsamen Kuss überwältigt. In seiner Besprechung einer Aufführung an der Metropolitan Opera von 2015 schreibt der Musikkritiker David Allen, dass die Inszenierung von Zeffirelli (Erstaufführung 1987), »eine Retro-, vielleicht sogar eine reaktionäre Auffassung von Oper« vertrete. »Kann man Turandot so unhinterfragt, so schamlos zeigen, heute noch?«, fragt er und lobt gleichzeitig das subtile Porträt der Titelheldin von Christine Goerke. In ihren tieferen Lagen macht er eine »Verzweiflung« aus. »Beim erzwungenen Kuss von Calàf wird daraus eine Reaktion, die so schwarz, so hohl ist, dass die triumphierende Auflösung nur noch als Farce gesehen werden konnte.«

In einem aufgetauchten Tonband zeigt auch Trump diese Calàf-artige Annäherungsweise an Frauen: »Weißt du, schön zieht mich einfach automatisch an – ich fang an, sie zu küssen. Wie magnetisch. Einfach küssen. Ich warte nicht mal ab.« Als man ihm dazu Fragen stellte, spielten Trump und sein Lager das – genau wie die vulgäreren Prahlereien – sofort als »Umkleidekabinengeschwätz« herunter. Trotz dieser Enthüllung und den ganzen anderen Fällen, in denen er Frauen öffentlich respektlos behandelte – das Verhöhnen einer ehemaligen Miss Universe für ihre Gewichtszunahme, das Beschimpfen einer stillenden Anwältin als »ekelerregend« – gaben ihm 53 Prozent der wählenden weißen Frauen ihre Stimme. Goerke nicht.

»Ich bin gerade so beschämt, eine amerikanische Frau zu sein«, twitterte sie am Tag nach der Wahl. »Kassandra wird heute sehr schwer werden. #dieKunstimitiertdasLeben«. Zum Zeitpunkt der Wahl sang sie in der Lyric Opera of Chicago in der Les Troyens-Produktion die Rolle der Seherin Kassandra, deren Prophezeiungen ungehört blieben, was zur Zerstörung Trojas führte. »Es tut mir unendlich leid, dass ich in Kanada sein werde, während des (Million Women-)Marschs. Ich wollte unbedingt mitmachen«. Das twitterte die Sopranistin am 11. November. Sie wird nämlich ihre erste Götterdämmerung am 21. Januar singen, an dem Tag einer Massendemonstration als Antwort auf Trumps Kommentare über Frauen vor und während seines Wahlkampfs. Außerdem postete sie ein Bild auf Instagram, auf dem sie einen safety pin an ihrem Shirt trägt. In den Tagen nach Trumps Überraschungssieg schien nichts normal. Die New York Times veröffentlichte einen Artikel, in dem bekannt wurde, dass Trump so viele Nächte wie möglich in seinem güldenen Manhattan-Penthouse verbringen will und dass sein Interesse daran, große Massenveranstaltungen abzuhalten, andauert, weil »ihm die unmittelbare Gratifikation und das Zujubeln von Seiten des Publikums gefallen«. Steve Bannon, der ehemalige Redakteur der ultrarechten Website Breitbart (eine Bastion weißer Suprematisten, Antisemiten, Antifeministinnen und Islamophoben) sollte Chefstratege des Weißen Hauses werden. Die Anhänger eines weißen Nationalismus, einschließlich des ehemaligen Ku-Klux-Klan-Vorsitzenden David Duke applaudierten der Entscheidung, während das Southern Poverty Law Center, eine gemeinnützige Organisation zur Bekämpfung von Rassismus, Trump dazu aufrief, die Entscheidung zu überdenken.

»Die Welt ist ein Witz. Bitte versprecht mir, dass ihr jedesmal wenn ihr Trump sagt, ein Furzgeräusch xxxxx macht«, twitterte der Komponist Thomas Adès um 3 Uhr morgens Eastern Standard Time, als die Resultate verkündet wurden, eine Formulierung, die von seinen üblichen musikalischen Tweets deutlich abweicht. (Im britischen Englisch gibt es schon seit Jahrhunderten den Slangausdruck »to trump« für »furzen«.) »Du bist ein berühmter Pianist und scharf auf einen Republikaner? Grab them by Debussy«, twitterte er später (zur Erklärung).

»Wir wären die Witzfigur für die ganze Welt, wenn es nicht so erschreckend wäre.« So twitterte der amerikanische Pianist Jeremy Denk, sein erster Beitrag auf Twitter seit einem Jahr. »Oh, das seid ihr trotzdem«, antwortete sein gelegentlicher Mitspieler, der britische Cellist Steven Isserlis. Der eigentlich zurückhaltende Denk warf sich danach in einen 140-Zeichen-Schlagabtausch mit dem Mitbegründer der American Capitalist Party.

Die Gewerkschaft American Federation of Musicians veröffentlichte am Montag letzter Woche ein Statement, unterzeichnet von ihrem Präsidenten, Ray Hair: »Niemand sollte den Wahlsieg von Donald Trump als eine Unterstützung für Hass und Zwietracht verstehen. Und wenn Donald Trump bereit ist, mit uns zusammenzuarbeiten, für Solidarität und Gerechtigkeit für Musiker, für die Freude, die wir der Welt schenken, dann werden wir mit ihm zusammenarbeiten.« Allerdings war dieser versöhnliche Ton unter den Musikern eine Seltenheit. »Es ist himmelschreiend, dass hier versucht wird, die Ergebnisse der Wahl gegenüber professionellen Musikern irgendwie als normal darzustellen. Das sind doch in der Regel sehr progressive Leute und organisiert in Gewerkschaften. Trump und Pence sind so eindeutig gewerkschaftsfeindlich«, meint die in Boston lebende Cellistin und Gambistin Shirley Hunt als Reaktion auf diese Nachricht. »Es ist mir ein Rätsel, wieso diese Botschaft überhaupt rausgeschickt wurde; es bestand überhaupt keine Notwendigkeit. Wir brauchen nicht die Gewerkschaft, um für uns die Wahlergebnisse zu interpretieren.« Ein Musiker aus New York, ausgebildet am Oberlin College und der Julliard School, meinte: »Trump fuhr eine bösartige Kampagne … ob seine Unterstützer dies gutgeheißen haben, ist nicht wichtig; indem sie für ihn stimmen, machen sie sich zu Komplizen dieser Bösartigkeit, für die Trump steht. Ich habe kein Interesse an einer Gewerkschaft, deren Landesvorsitzende etwas anderes behauptet.«

Der in Brooklyn lebende Komponist Timo Andres, dessen Stück Everything Happens So Much vom Boston Symphony Orchestra am 15. November uraufgeführt wurde, verlinkte das Tumblr-Blog ithasbegun2016, das Hassverbrechen aus dem ganzen Land verzeichnet, die auf die Wahl zurückzuführen sind. Er retweetete außerdem einen Link zu einem Essay von Toni Morrison aus dem Jahr 2015, in dem sie Künstler zur Tat ruft, wenn die Zeiten stürmisch sind. »Das ist exakt die Zeit, in der Künstler zur Arbeit gehen«, schreibt Morrison. »Es gibt keine Zeit, verzweifelt zu sein, nicht für Selbstmitleid, kein Grund zum Schweigen, keinen Platz für Angst. Wir sprechen, wir schreiben, wir erzeugen Sprache. So heilen Zivilisationen.«

Die Sopranistin Ariadne Greif ging am Wahltag in Inwood, Manhattan auf die Straße. Sie ging als Melania Trump, die sie schon in Matti Kovlers Mini-Oper The Drumf and the Rhinegold verkörpert hatte. Ich war eine Woche vor der Wahl bei einer Aufführung. An diesem Abend verließ Greif ihre Rolle auch in der Pause und nach dem Stück nicht. Sie trug ein enges weißes Kleid wie die zukünftige First Lady es beim Parteitag der Republikaner getragen hatte, und der slowenische Akzent entglitt ihr nie. Am Wahltag schmollte sie in die Kamera: »Bitte sagt meinem Mann, dass ich müde bin.« Dabei trug sie ein Pappschild mit der Aufschrift »VOTE 4 HILLARY«. »Viele Leute haben mich dewegen angesprochen, sie wollten mehr von Melania«, sagt Greif. »Ich habe schon darüber nachgedacht, was sie so sagen und tun würde, aber ich glaube, es hängt immer sehr vom Einsatz ab; ich brauche ein paar stärkere Konzepte. Ich suche nach einem Grundkonzept, dass die Sache wirklich effektiv macht, nicht nur lustig oder realistisch.« Sie sei bei einigen Protesten dabeigewesen, aber nicht im Melania-Kostüm, weitere Auftritte sind offenbar gerade in Planung.

Manche wandten sich über die Musik nach außen. »Wir haben unser Bestes getan, um den Abend als sicheren Ort zu gestalten, an dem die Leute alle Gefühle haben können, die aufkommen – zur Wahl, zur Musik; es gibt auch nach jedem Stück Zeit um Innezuhalten.« Das schreibt mir die Geigerin und Gründerin von Zafa Collective, Hannah Christiansen über das Konzert des Kollektivs am Wochenende nach der Wahl. Das in Chicago beheimatete Neue-Musik-Ensemble war mit dem Ziel gegründet werden, Musik von Komponistinnen und Schwarzen Komponist/innen aufzuspüren. »In einem größeren Zusammenhang versuchen wir einfach, die unterschwellige Einstellung aufzulösen, dass Frauen und dunkelhäutige Komponisten weniger gut sind. Es muss normal werden, dass sehr viel mehr Musik aufgeführt wird, die nicht von weißen, männlichen Komponisten ist.«

In Boston versammelten sich Musiker/innen in der Facebook-Gruppe »Play for Justice«, um Musik für post-election-Treffen in Kirchen der Umgebung beizutragen. »Ich bin dankbar, dass ich als Künstlerin über eine ›Sprache‹ verfüge, die auch funktioniert, wenn es gerade keine ›Worte‹ gibt«, meint die Geigerin Rachel Panitch, die bei einer der kirchlichen Veranstaltungen gespielt hat. »In dieser Hinsicht haben wir viel zu geben.«

Sugar Vendil, die Leiterin des New Yorker The Nouveau Classical Project, blickt über den musikkulturellen Horizont hinaus. »Im Moment organisisiere ich ein erstes Treffen, um mit Künstler/innen die derzeitigen Probleme zu diskutieren und zu überlegen, was wir tun können; ich spreche vor allem von Hass und Diskriminierung. Ich will nicht nur schöne oder gute Kunst machen, sondern versuchen, Menschen außerhalb der Städte zu erreichen, um sinnvollen Dialog anzustiften», schreibt sie mir. »Ein Teil von mir findet das zwar ein wenig naiv, aber tatsächlich fühle ich einfach eine moralische Verantwortung.

Gabriel Kahane (mit dem wir in der englischen Ausgabe von VAN eine Woche vor der Wahl ein Interview geführt haben), meldete sich auf Instagram, bevor er für eine mehrtägige Künstler-Residenz in Amtrak vom Bildschirm verschwand. »Wenn wir wirklich progressiv – und entsprechend für Diversität und Inklusion – sind, dann müssen wir die erreichen, die sich von unserer immer stärker globalisierten und kosmopolitischen Welt ausgeschlossen fühlen. Dann müssen wir anerkennen, dass der nicht verhandelbare wichtige Fortschritt, den es für die Ausgegrenzten gegegeben hat, nicht auf Kosten anderer gehen darf. Wenn Fortschritt ein Nullsummenspiel ist, Freunde, dann sind wir echt am Arsch.«

National Sawdust, der interdisziplinäre Veranstaltungsort in Williamsburg, New York City, war Gastgeberort für ein open town hall meeting zwei Tage nach der Wahl; etwas später feierte der resident poet Roger Bonair-Agard mit einer Performance die Veröffentlichung seines Buchs Where Brooklyn At?!: Das neue Werk des trinidadischen Dichters dreht sich um Migration, Gentrifizierung und Herkunft. Beide Veranstaltungen waren umsonst, »aufgrund der Ereignisse der letzten Tage«; das town hall meeting wurde auf Facebook Live gestreamt.

»Ich wollte mich übergeben«, so schreibt mir der Komponist und Kurator bei National Sawdust, Daniel Felsenfeld – und meint seine Reaktion auf die Wahl. »Hier ging es doch nicht um Fragen des politischen Widerspruchs, das war einfach ein Schlag ins Gesicht des Anstandes. Wir haben einem Comic-Bösewicht wirkliche Macht gegeben. Ich machte mir in der Wahlnacht Sorgen um meine Freunde, Frauen, Lesben, Schwule, Muslime, Mexikaner, Immigrangen, Intellektuelle, Juden, meine eigene Tochter. Wie sollte ich ihr das erklären?«

Für Sugar Vendil ist es wichtig, mit Künstler/innen zu überlegen, wie man Menschen außerhalb die Blase der urbanen Progressiven erreicht. »Ich fühle mich dazu gedrängt, etwas zu machen, und was ich mache, ist nun mal Kunst«, schreibt sie mir. »Aber ein multidisziplinäres Stück ›über‹ irgendwas und die Emotionen, die damit zusammenhängen, wird gar nichts bewirken; es wird auf einer Bühne vor Leuten aufgeführt, die bereits ähnlich fühlen.«

Shirley Hunt, die Cellistin und Gambistin sagt, sie habe sich gerade für ihren ersten Kurs für freiweilligen Dienst bei der Hotline für Selbstmordgefährdete angemeldet: »In der letzten Woche habe ich so viele dunkle Emotionen gespürt, in mir, in meinen Freunden, auf den Gesichtern von Kollegen, von Fremden in der U-Bahn. Es war der Schock dieser Dunkelheit, wegen dem ich jetzt Isolation und Verzweiflung vernünftig bekämpfen will. Mir geht es nicht mehr nur darum, was für mich oder für ein Publikum das Richtige ist, sondern darum, was die Menschheit gerade von den Künstlern braucht … und das kann diese Woche etwas ganz anderes sein als im nächsten Monat oder im nächsten Jahr.«

National Sawdust wird weiterhin diese offenen Treffen abhalten, town hall meetings, an denen eine größer gefasste Community zusammenzukommen soll, um auch Aktionen für die nächsten Wochen zu planen. »Ich habe die unbeliebte Meinung (die ich mit einem gewissen W.H. Auden teile), dass der Lauf der Welt ohne Kunst genau der Gleiche wäre«, sagt Felsenfeld. »Ich schätze sie so hoch, aber in Momenten wie diesem – in denen so viele von uns aus wirklich nachvollziehbaren Gründen erschrocken sind – da fühle ich mich eher wie ein Soldat, so als ob meine Füße wirksamer sind als meine Musik. Ich werde immer noch komponieren, aber derzeit fühlt sich das wahnsinnig untergeordnet an, gegenüber der Arbeit, von der ich fühle, dass ich sie tun muss.« ¶