El Sistema, das venezolanische Jugendorchesterprogramm, existiert bereits seit 1975. In den vergangenen fünf Jahren aber, unter der Führung von Gustavo Dudamel und dem Sinfonieorchester Simón Bolívar, hat sich sein Ruhm stark vergrößert; für die klassische Musikwelt in Europa und Nordamerika wurde es zu so etwas wie einem heiligen Gral. Simon Rattle erkannte darin das »weltweit Wichtigste, was es in der Musik gibt«. El Sistema ist zum Markenzeichen für die Idee sozialen Fortschritts auf dem Pfad der Musik geworden. Mit ein oder zwei Ausnahmen ist es bislang allerdings weder der Presse noch musikwissenschaftlichen Institutionen gelungen, das Programm angemessen zu untersuchen. Grundlegende Nachfragen bleiben aus, angesagt ist die kritiklose Umarmung. Institutionelle Fürsprecher und Enthusiasten mit geringem Wissen über die soziale Realität vor Ort in Venezuela beherrschen den Diskurs. Es blühen die Floskeln und das Wunschdenken.

In ihrem ehrfurchtsvollen Buch Changing Lives: Gustavo Dudamel, El Sistema, and the Transformative Power of Music beschreibt Tricia Tunstall einen Besuch in einer El Sistema-Musikschule in Venezuela: »Wir beobachten die Lehrerin, wie sie eine Gruppe Schüler eine D-Dur-Tonleiter spielen lässt, sie klatscht dazu so laut, dass man sich nicht widersetzen kann. Immer wieder spielen die Kinder die Tonleiter … rauf und runter, ein ums andere Mal.« Am Ende erlaubt man den Kindern fortzufahren und ein richtiges Stück zu spielen – eines von Corelli – aber: »Es wird genauso eingeübt wie die D-Dur-Tonleiter, Phrase für Phrase, immer und immer wieder. Die Lehrerin achtet schonungsloser als jeder Orchesterdirigent darauf, dass Einsätze und Pausen im Zusammenspiel perfekt synchronisiert sind.« Tunstall zeigt sich in ihrem Buch begeistert von El Sistema und einer Pädagogik, die vorgibt, es habe Reformbewegungen in der Musikerziehung seit den 1970er-Jahren nie gegeben. Ist dies hier wirklich ein Modell kreativen Lernens für das 21. Jahrhundert?


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