Mario Diaz de Leon wurde 1979 in Minnesota geboren, lebt aber seit über 10 Jahren als Komponist und Perfomer in New York. Mitte Juli erscheint das Album The Soul is the Arena, auf dem drei Kompositionen aus den Jahren 2010 und 2011 zu hören sind. VAN präsentiert an dieser Stelle exklusiv das »Titel«-Stück des Albums, eingespielt mit Joshua Rubin vom International Contemporary Ensemble (ICE) und seiner Bassklarinette.

 

Text Tobias Ruderer · Fotos Katrin Albert



Gibt es so etwas wie eine perfekte Haltung, um einer Musik wie The Soul is the Arena zuzuhören?

Eher nicht – wobei: Offenheit würde ich empfehlen.

Oder einen bestimmten Effekt, den du beim Zuhörer hervorrufen möchtest?

Also, ich habe eine klare Struktur im Sinn, wenn ich so ein Stück schreibe, aber davon abgesehen gibt es keine Erwartungen in Bezug auf irgendeinen Effekt, eine Botschaft. Wenn ich ein Stück schreibe, dann stelle ich es mir als eine – wenn auch abstrakte – Reise vor. Ich glaube, es gibt einen klar erkennbaren Anfangsteil, auf den sich das Ende dann wieder bezieht. Der Mittelteil repräsentiert eine Ausdehnung.

Wer ist dein Publikum? 

Na ja, einerseits mache ich zeitgenössische Musik in der Tradition der klassischen Moderne, dafür gibt es ein Publikum. Gleichzeitig mache ich Industrial und Noise-Musik unter einem anderen Namen, bis hin zu extremer Metal Musik.

Nimmst Du diese Publika als sehr verschieden wahr? 

Ja, das sind – mit Ausnahmen – schon unterschiedliche Szenen; wobei es überraschender Weise in der Noise/Industrial-Szene eine Offenheit für die klassische Musikkultur gibt, das ist anders herum weniger so. Man muss generell schon sagen, dass New York da ein sehr lebendiges, offenes Umfeld darstellt. Und mich beflügelt der Gedanke, dass Leute, die eigentlich keine zeitgenössische Musik hören, auf meine Werke aus der klassischen Arbeit stoßen könnten.

Und was ist für dich als Musiker der größte Unterschied?

Das Livespielen. Mit Oneirogen spiele ich selbst, meistens allein in einem Club, ich singe auch immer mehr. In der klassischen Musik dagegen arbeite ich mit vielen Leuten schon seit 10, 15 Jahren zusammen. Immer öfter kaufen auch Menschen meine Partituren und spielen meine Stücke, mit denen ich keinen persönlichen Kontakt hatte. Die Geschichte, auf die sich die jeweiligen Szenen beziehen, sind verschieden … also, sobald es den Bereich meines kreativen Prozesses verlässt, sind die Unterschiede ziemlich groß. Aber das finde ich eigentlich ziemlich gut und interessant.

Was dein Klangmaterial anbetrifft, gibt es Parallelen zwischen diesen beiden Sphären, in denen deine Musik vorkommt, oder? 

Ja, durchaus. Beim Livespielen entsteht Material für manche klassischen Kompositionen, als Oneirogen arbeite ich mit vorkomponiertem Material, ich benutze jeweils Stift und Paper, verschiedene Systeme, Techniken. Um ehrlich zu sein, fühlt sich das Komponieren selbst ähnlich an, sehr körperlich.

Auch das Hören fühlt sich sehr körperlich, plastisch an. Aber was sind die anderen Gestaltungsprinzipien? 

Ich habe mich lange Zeit bewusst widersetzt, Serialismus zu studieren und ihn zu integrieren. Freie Atonalität oder freie und dann wieder notierte Improvisation. Aber mit der Zeit entdeckte ich etwas sehr Wichtiges für meine eigene Ästhetik: Ich merkte, dass die serielle Gestaltung von Harmonie und Melodie eine bestimmte Erfahrung beschrieb, nämlich die, die ich hatte, wenn ich mir beim Hören von elektronischer Musik eine visuelle Vorstellung machte. Ähnlich wie Messiaen, der irgendwo davon sprach, dass er Farben sehe, wenn er Akkorde hört. Und in dem Moment, als ich merkte, dass ich damit meine inneren Bilder übersetzen konnte, fühlte es sich gut an, den Serialismus zu integrieren. Ich verwende gewisse Aspekte spektraler Komposition, Iancu Dumitrescu, Tristan Murail und so was. Minimalismus, mein eigener Metal-Background, das sind alles weitere Einflüsse, die in meiner musikalischen Sprache vorkommen. Das kann man alles finden und hören.

Welche Rolle spielen deine eigenen Erfahrungen für das Hervorbringen der Musik? 

Wir können das Stück, das deine Leser hören können, als Beispiel nehmen. Ich hatte als erstes den Titel, ›The Soul is the Arena‹, und ich war sehr begeistert von der Vorstellung, dass es in der inneren Wahrnehmung einen Kampf gibt, der persönliche Veränderungen hervorbringt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Prozesse, die dich am meisten verändern, alle Facetten emotionaler Erfahrung beinhalten. Das steckt im Kern vieler spiritiueller Traditionen auch im mystischen Kern der Weltreligionen. Bevor es zu irgendeiner Art von Erwachen kommt, gibt es einen Tod, die dunkle Nacht der Seele. Das durchlebe ich immer und immer wieder. Aber es inspiriert mich.

Siehst Du Dich auf dem Weg zu einer Art des Erwachens? 

Auf jeden Fall, absolut. Für mich ist Musik schreiben spirituelle Praxis, zu der eben auch das Lesen oder die Teilnahme an verschiedenen sprituellen Gemeinschaften gehört, das Meditieren.

Die Stücke auf dem Album sind alle vor vier, fünf Jahren entstanden. Hat sich deine Musik seitdem verändert? 

Würde ich nicht sagen. Es geht mi
r nicht um Fortschritt oder Entwicklung, sondern mehr darum, präsent zu sein dafür, was zu einer gegebenen Zeit in meinem Leben auftaucht. Meine Ästhetik fühlt sich eher wie ein ziemlich reicher Ort an, es geht mir nicht darum sie zu verändern. ¶


Das Album The Soul is the Arena erscheint am 17.7.2015 bei Denovali Records.

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