Das kleine 3 x 3 der Programmvorschau. Heute: Berlin, Berlin, Berlin!

Text · Datum 24.4.2019

Obwohl der April dafür bekannt ist, dass er nicht genau weiß, was er will, ist eines doch gewiss: Es ist die Zeit der Spielzeit-Präsentationen!

In der aktuellen Ausgabe der Stilkritik – quasi dem Wetterbericht der Klassik-Gestaltung – schauen wir in den nächsten drei Wochen auf das »Frühlings-Layout« neun ausgewählter Opernhäuser und Theater. Von Ost nach West und von Norden nach Süden. Dieses Mal in der Inhouse-Edition mit VAN Art Direktor Alex Ketzer.

Ausgabe 1/3: Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!

Staatsoper Unter den Linden, Berlin

Gestaltung: HERBURG WEILAND, München

Gestaltung: HERBURG WEILAND, München

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Das Bild auf dem Umschlag mag ich sehr. Das erinnert mich an alte Urlaubsbilder meiner Eltern aus den Siebzigern. Ich bin großer Fan von Büchern, Magazinen oder Platten, die ohne Text oder sonstige Elemente auf dem Cover auskommen. Das muss man sich trauen oder leisten, da die Leser*innen so die Inhalte oder den Absender nicht auf den ersten Blick erkennen können. Bei einer Programmvorschau – die man in der Regel per Post bekommt, oder sich vor Ort mitnimmt – ist das weniger das Problem, aber am Kiosk erwartet man möglichst viele Teaser auf dem Titel, um sich für das »richtige« Produkt entscheiden zu können.

Für die Premieren wurde tolles Bildmaterial ausgesucht, das auf den ersten Blick wenig mit Klassischer Musik zu tun hat. Vielmehr hat man hier die Inhalte der jeweiligen Stücke visuell interpretiert. So was mag ich. Auch die große Typo kommt sehr gut! Sehr modern und zeitgenössisch.

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Positiv fällt auch die gute Strukturierung des Heftes auf und dass mit einem gestalterischen System gearbeitet wurde. Das kommt ohne großen Schnickschack aus – überzeugt dafür aber mit kleinen typografischen Rafinessen: Angefangen bei den generellen Schriftgrößen, der Spationierung und den Abständen der Tab-Stops über die Titelunterstreichung zur Unterscheidung von Programm, Premieren und Uraufführühungen, die gestürzten Rubriknamen und die Paginierung bis hin zu den Icons und den Tabellenkopfzeilen, die in diesem Fall eher Tabellenfußzeilen sind.

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Sicherlich würden sich die ein oder anderen Designer*innen bei dem »zu kleinen« Zeilenabstand der großen Schrift die Haare raufen. Das hat zwar zur Folge, dass die Unterkante der Kleinbuchstaben (zum Beispiel beim kleinen »g«) in die Oberkante der darunterliegenden Zeile reinläuft – mir persönlich ist das aber egal (und ich würde das vermutlich genau so machen …), denn durch diesen kleinen Zeilenabstand wird aus der Schrift ein grafisches Element, dass sich ohne Lücken spannungsvoll auf der Seite platzieren lässt.

Das Visuelle passiert hier eher auf den ersten 50 Seiten. Danach folgen auf mehr als 200 Seiten die Hard-Facts, die komplett – mit Ausnahme der Anzeigen – ohne Fotos, Illustrationen oder Grafiken auskommen. Reduzierte Trennerseiten sorgen für Orientierung in der – negativ ausgedrückt – »Textwüste«. Auch hier gilt: Diese Art von Minimalismus muss man sich erst mal trauen!

Manch einer findet »nur Text auf Papier« langweilig, aber hier machen alle Doppelseiten irgendwie Spaß. Jede für sich erzeugt ein typografisches Bild. Das sorgt für Abwechslung und Freude beim Blättern – zumindest für Liebhaber von »Less is more« und guter Typografie. Ingesamt eine gelungene Gestaltung mit Hand und Fuß.

Deutsche Oper Berlin

Gestaltung: Bureau Johannes Erler und Grauel Publishing / Illustrationen: Christoph Niemann

Gestaltung: Bureau Johannes Erler und Grauel Publishing / Illustrationen: Christoph Niemann

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Der erste Blick auf den Umschlag verrät: Hier geht es um Berlin und der Illustrator heißt Christoph Niemann. Den kennt man unter anderem auch vom Cover des New Yorker.

Die ersten Seiten nach dem Cover sind sehr aufgeräumt und minimalistisch – und erinnern eher an eine Unternehmens- als eine Saisonbroschüre. Das ist aber gar nicht negativ gemeint. Bevor es mit dem eigentlichen Programm los geht, leitet eine Serie über die Menschen an der Oper das Heft ein. Wenn Magazine mit was Kleinteiligem anfangen, mag ich das sehr. Das ist wie in einer Wohnung: Nach der Tür kommt ein kleiner Flur mit vielen kleinen Bildern bevor man ins große Wohnzimmer mit den großen Gemälden kommt. Das sorgt direkt für gute Stimmung.

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Vom eigentlichen Programmteil bin ich Fan – das ist genau mein Ding:  Kein Bild, nur Text, sauberes Raster, tolle Mischung aus großer Typografie und kleinteiligen Marginalien und eine gute Kombination aus serifenlosen und serifenbetonten Schriften. Die Linien in verschiedenen Strichstärken sorgen für Orientierung und geben dem Layout Halt. Einige finden das vielleicht langweilig, mir persönlich gefällt das gut. Unaufgeregt und trotzdem (oder gerade deswegen?) sehr modern und zeitlos. Schön auch, dass am Ende jedes Kapitels wieder die Rubrik Menschen an der Oper aufgegriffen wird – an dieser Stelle mit viel Weißraum und Illustrationen von Eva Hartmann.

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In der Heftmitte findet dann auf elf Seiten die »Verlängerung« des Umschlags statt. Christoph Niemann über die Strecke: »Für die Serie habe ich über Monate fotografiert, und bin zum Schluss gekommen, dass manche Gully-Deckel mindestens so viel Drama und Poesie besitzen wie der Reichstag im Morgennebel.«

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Auch am Ende bleibt es ordentlich: Der Kalender ist übersichtlich gestaltet und hebt sich gut vom Rest ab und für die Logo-Seite hat man auch eine saubere Lösung gefunden. Zu guter Letzt kommen dann im Block und gut getrennt vom Inhalt die Anzeigen, die im Innenteil nur gestört hätten. Gut gemacht!

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Insgesamt ist hier die Rollenverteilung klar: Das Heft bleibt in der Gestaltung sachlich nüchtern (positiv gemeint!) und tobt sich eher in den Fotos und Illustrationen aus. Dieser Ansatz gefällt mir.

Komische Oper Berlin

Gestaltung: STATE und Hanka Biebl

Gestaltung: STATE und Hanka Biebl

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Nach einem »Nur-Bild-Titel« und einem »Text-Bild-Umschlag« kommt hier nun das »Grafik-Text-Cover«. Das macht Spaß! Wenn sich das Konzept auch auf den Innenseiten fortsetzt, hat man hier alles richtig gemacht. Es bleibt spannend …

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… und wir werden nicht enttäuscht, denn das Grafik-Konzept wird auf den Innenseiten toll weitergedacht.

Die Premieren werden von doppelseitigen Collagen eingeleitet, die die Handlung des Stückes visuell interpretieren. Auf der Doppelseite danach finden sich die jeweiligen Infos dazu. Typografisch gefällt mir das sehr gut. Sehr moderne Schrift, knallige Farbkontraste, schöne Grafiken und trotzdem eine gesunde Dosis Weißraum – da war jemand vom Fach am Werk.

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Auch im weiteren Verlauf des Heftes tauchen die grafischen Elemente immer wieder auf – mal mehr und mal weniger subtil. Toll, dass hier ein System entwickelt wurde, das (vielleicht sogar generativ) für jeden Zweck eine individuelle Grafik »ausspucken« kann. Das ist der rote Faden, der sich gekonnt – und nie langweilig – durch das komplette Heft zieht.

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Gefühlt bei der Heftmitte angekommen, trifft man auf eine Fotostrecke des Ensembles. Auch hier hat man sich Gedanken gemacht und ist konzeptionell an die Sache rangegangen. Bewusst hat man sich hier für Schwarz-Weiß-Fotos entschieden. Das schafft einen guten Kontrast zur sonst eher knallig-bunten Gestaltung. Zudem sorgt es nach der ersten Hälfte des Heftes für ein wenig Ruhe, bevor es in der zweiten Hälfte wieder bunt und grafisch wird.

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Auch in diesem Heft darf der »Appendix« nicht fehlen. Der ist sauber und ordentlich gemacht – und vor allem passend zum übergeordneten Konzept der Publikation. Zusammenfassend eine sehr runde Sache, die von vorne bis hinten durchdacht und mit Sinn und Verstand durchgezogen ist. Sehr gut. Bitte mehr davon! ¶

Aus Gründen der Nachhaltigkeit haben wir für diese Ausgabe der Stilkritik auf gedruckte Belegexemplare verzichtet und beurteilen die Gestaltung ausschließlich anhand der Digitalen »Blätter-PDFs«. So sparen wir die Ressourcen von fast 3.000 gedruckten Seiten und neun Postsendungen quer durch Deutschland.

Uns ist bewusst, dass somit natürlich die wichtigen Faktoren wie Format, Material und Druckqualität nicht mit in die Bewertung einfließen können.

Alex Ketzer

... arbeitet als freier Art-Direktor und Grafik-Designer in Köln. Er kuratiert Ton, Text und Bild für verschiedene Labels und Projekte und gibt Workshops im Spannungsfeld von klassischer Typografie, experimentellem Design und interaktivem Sound. Bei VAN kümmert er sich um Pixel, Codes und Kreatives.