In der fünften Reihe

»Dort hinten links ist der S-Schrank«, meint die Archivarin der Philharmonie, »exklusiv für die Partituren des Chefdirigenten, bitte nichts anfassen, nichts verändern, also eigentlich: Pfoten weg, ja?« Ich mache mir Notizen. »Und hier vorne rechts liegt Furtwängler, im zweiten Glied Karajan.« Im Raum riecht es nach welken Vorräten, der Lichteinfall wird von Stahlstreben im Außenbereich gedämmt, ich sehe keine Lüftung. Unzählige Gestelle wurden mit Notenmaterial vollgestopft. Auf den beiden Arbeitstischen liegen Klebebänder, Scheren, Spiralen, scharf gespitzte Bleistifte und stapelweise Orchestermaterialien herum. »Und das ist mein Kollege, früher Hornist im Polizeiorchester Ostberlin, wurde gleich nach der Wende aufgelöst, jetzt ist er unser Leidensgenosse hier im Westen, ne? Willkommen in der Notenhölle.« Ich mag die schludrigen Konsonanten der Frau, der Mann wirkt etwas schüchterner. Es ist mein erster Arbeitstag als neue Assistentin des Chefs, ich soll im Notenarchiv die Arbeiten beaufsichtigen. Daneben darf ich auch in Proben im Saal sitzen, den Dirigenten unterstützen und bestenfalls Bühnenorchester leiten. Das könnte schon bald der Fall sein, das Orchester studiert gerade Mahlers Dritte ein. Manchmal würde ich allerdings auch am Kopiergerät stehen müssen, meint die Archivarin weiter. Weil mir das nichts ausmacht, beginne ich gleich mit dem Ausdrucken von Orchesterstimmen, meine beiden Kollegen machen Feierabend.


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