Links und Bagatellen

Text Tobias Ruderer · Foto Nicolas Padovani (CC BY 2.0) · Datum 5.4.2017

Die neue Saisonbroschüre des BR-Symphonieorchesters handelt von Akustik.

Wer ein Soundnerd ist und auf Zitate wie

Der Gasteig ist klarer, die Musik klingt dort heller. Im Herkulessaal klingen die Bässe runder, der Streicherklang bekommt einen schönen Schmelz, aber dafür klingt die Pauke ein wenig dumpfer.(Die Cheftonmeisterin des BRSO, Pauline Heister)

… steht; oder wer ein Fan ist und gerne Sätze liest wie:

Das Publikum selbst kann aktiv wenig tun, um zu helfen. Außer beten. Und das Husten sein lassen.(Michael Schade, Tenor)

… oder auch, wer Info-Grafiken mag wie diese hier:

Screenshot aus der Saisonbroschüre 2017/18 des BR-Symphonieorchesters. HERAUSGEGEBEN VOM BAYERISCHEN RUNDFUNK
Screenshot aus der Saisonbroschüre 2017/18 des BR-Symphonieorchesters. HERAUSGEGEBEN VOM BAYERISCHEN RUNDFUNK

… der kann sich das Saisonprogramm des BR-Symphonieorchesters runterladen. Eindrücklich sind technische und physikalische Aspekte, vor allem im zitierten Interview mit Pauline Heister oder jenem mit Renzo Vitale, Sounddesigner bei – ja mei, BMW halt.

Notiz aus Köln, 2. April 2017

Die Leute, die später nicht so lange unten im Parkhausstau stehen wollten, waren schon teilweise weg, etwa ein Drittel der Besucher im Aufbruch, gehend. Sie blieben dann stehen. Standen überall, niemand bewegte sich und plötzlich war Hauskonzert in der Kölner Philharmonie: Weil Teodor Currentzis und der MusicAeterna Chor noch eine Zugabe hatten, die alles umfasste und aufhob. Eine Handbewegung, wenig Atemzüge.Die Version von Knut Nystedt, hier gesungen vom Monteverdi Choir:

UPDATE 4. April 2017: Reality kicks in.

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Film ist Rhythmus (Hans Richter, Jeremy Rotsztain).

Das Artist-in-Residence-Programm Akademie Schloss Solitude (Stuttgart) hat auf seiner Plattform schloss-post.com und in Zusammenarbeit mit dem Karlsruher ZKM auch ›Web Residencies‹ eingerichtet. Einer, der bereits in den Genuss von 4 Wochen Stuttgart und 500 Dollar kam, ist Jeremy Rotsztain aus Portland. Er arbeitet am Projekt Back to De Stijl: A Return to Modernist Cinema. Es geht, grob gesagt, um das Erlebbarmachen eines der ersten richtigen Kinos, Frederick Kieslers ›Film Guild Cinema‹ (eröffnete 1929 in New York). Auf der tumblr-Projektseite von Rotsztain, House of Shallow Silence, gibt es neben vielen (noch?) stummen Studien dieses Kinos auch den Film Rhythmus 21 (aus: Film ist Rhythmus) von Hans Richter, einem Pionier der visuellen Musik. Visuelle Musik, seltsam beruhigend.

https://vimeo.com/42339457

Daniel Hope hat sich (vielleicht) ein Stück von den »genialen Elektrokünstlern« Aphex Twin ausgesucht.

Eins vorweg: Daniel Hope kann man es nicht übelnehmen. Er schaut da so frohgemut in die Kamera, dass ich gleich Lust bekomme, mit ihm in einen Pub zu gehen, auf dass wir uns gegenseitig von unserem Leben erzählen, und dabei merken: Es ist alright.

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Quelle: KlassikAkzente auf Facebook

Aber dass er offensichtlich Aphex Twin nicht so genau kennt, als dass er wüsste, dass es sich dabei um einen Einzelkünstler handelt, lässt einiges vermuten, zum Beispiel: dass er das Stück nicht alleine ausgesucht hat. Markt macht hier halt mal wieder Musik. Aus der kleinen Spielerei, die sich auf Aphex Twins Album Drukqs zwischen zwei hypernervösen, teils verstörten Drum-and-Bass-Electronica-Brettern verloren hat, so ein Schwelgen zu planen – das passiert zwar nicht zum ersten Mal, wird deswegen aber auch hier nicht richtig. Das würde mir Hope bei unserem Treffen entwaffnend lächelnd nach dem dritten Bier gestehen.

Die Playlist zu Ausgabe #101 liegt auf Spotify.

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Zu Florence Noivilles Besuch bei Alfred Brendel haben wir zwei Trademark-Stücke von Brendel hinzugefügt:

(1) Beethovens Klaviersonate #29 B-Dur op.106, Hammerklavier; IV. Largo – Allegro risoluto

(2) Mozarts Klaviersonate #12 F-Dur K. 332; II. Adagio

Zu Ricarda Baldaufs Probenbesuch bei Martin Schläpfer sind es drei Stücke, Schläpfer hat echt eine gute Stückauswahl beisammen:

(3) Il tempo con l’obelisco von Salvatore Sciarrino – gibt diesem Ballett den Namen.

(4) Anagamin von Giacinto Scelsi, gespielt vom Klangforum Wien

(5) Travel von Marlo Glen – praktisch die Eröffnungsmusik des Artikels

Zur ultimativen Playlist 500 Jahre Reformation von Reinhard Mawick bringen wir zwei Stücke, die Mawick ausgespart hat:

(6) … das Reformationslied schlechthin – Mawick erwähnt es: Eine feste Burg ist unser Gott.

(7) Brahms’ Deutsches Requiem: Der Agnostiker Brahms, damals gerade 34, löst sich darin vom gebräuchlichen (katholischen) liturgischen Text, von Dies irae, Höllenverdammnis und Monstrosität. Er findet in Luthers Bibel Textstellen, die sich den Lebenden zuwenden, die Trost spenden, die sich dem Schrecken des Todes entgegenstellen. Und er komponiert dazu einen Zufluchtsort für die gebeutelte menschliche Existenz, die einen zumindest an die Kraft der Musik glauben lässt